Herbsttag (Außenansicht)

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Ist der Herbst wirklich melancholisch ? Er erscheint mir immer ganz anders.

Alles ist bunt, die Früchte, auf die man seit dem euphorischen Frühling ungeduldig gewartet hat, sind reif.

Es ist nicht alles gediehen, wie man es beim liebevollen Pflanzen beabsichtigt hatte. Manchmal entwickelt eben der eine oder andere Samen kurioseres Potenzial, als man in ihm vermutete. Mancher ist auch gar nicht aufgegangen. Und doch ist dieser Ort nicht tot, hütet unter dem Erdendache die größten Schätze.

Der Sommer hat so oder so seine Wärme dazu gegeben, damit dies alles entstehen konnte. Das ist schließlich seine beste Eigenschaft, nicht wahr? Aber ohne den Herbst fehlte ihm etwas Essentielles. Die nötige Konsequenz. Wieso auf einem Punkt verharren wollen? Wieso um Vergangenes trauern? Es war schön, im Sommer, jetzt kommt etwas Neues - etwas Besseres.

Ich freue mich auf den Herbst immer ein bisschen mehr als auf die anderen Jahreszeiten.


http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b2/IndianSummer.jpg


Da leuchten die Farben für mich darüber hinweg, dass es kälter werden wird und ich beschließe: Wer dem Herbst ins Ohr wimmert, er sei ein unwirtlicher, einsamer Zeitgenosse, der hat sich selbst die Augenbinde verpasst wider das Lachen und den Frohsinn, die mit der dritten Jahreszeit einhergehen. Der Herbst hat viel gesehen, er mag also ein etwas weniger sanfter Zeitgenosse sein und Mitleid nur noch mit denen haben, die er nicht mag. Den anderen zaust er ehrlich-liebevoll durch's Haar. Reißt das eine oder andere heraus.

Dennoch. Wer es nicht geschafft hat wie Rilke im Sommer ein Haus zu bauen, ist nicht zwangsläufig im Sturm verloren. Ein armer Wicht könnte Pech gehabt haben, mit seinen Zukunftsplänen - oder er trägt selbst die Schuld an deren sommerzeitlichen Niedergang. Vielleicht wollte er auch vorher einfach keine festgelegten Strukturen, hat alles auf sich zukommen lassen. Wer weiß das schon. Aber er muss nicht bangen, denn die Türen wirft der Herbst nicht vor seiner Nase zu. Viel eher fängt der Malermeister an zu lachen ob der von menschlichen Stimmen geflüsterten Befürchtung: Die Schlösser seien nun verriegelt! Tore vernagelt! - Mag sogar im Gegenteil einen kleinen Windstoß schenken, damit sie sich leichter öffnen lassen, durch den Zuversichtlichen. Wieso soll in einer Tragödie sondersgleichen enden, wer bisher keine Bleibe gefunden hat? Es kann doch noch kommen. Trotzdem ist diese Tatsache für manchen Zeitgeist unangenehm; denn oft hängt sich dann bremsend das zitternde Weib Angst an den Fußknöchel, oder der faltige Herr Zweifel an den Jackenzipfel. Doch der Windstoß mag bei der schweren Arbeit helfen, der beiden Klammergriff auf ein erträgliches Maß zu verringern.

Solch eine Böe treibt auch manchmal erst die Früchte von den Bäumen. Bäume sind doch überall am eigenen Wegesrand.

Man muss nur die Augen öffnen. Der Mensch ohne Haus wird schon etwas daraus machen. Verkaufen kann er die Früchte, wenn er will, essen, gar teilen. Braucht dafür gewiss ein kleines Stück Glück. Aber vor allem: Willen. Vielleicht werden manche resignieren, aufgeben. Aber wieso, Herr Rilke, diese hoffnungslose Verallgemeinerung? Wieso soll er denn direkt aufgeben, der Bub ohne Haus?
Bist du hier nicht doch auch sehr selbstgerecht? - Du willst den Herbst, forderst ihn ein. Sprichst in dieser Aufforderung den Unvorbereiteten die Fähigkeit ab, mit der neuen Situation fertig zu werden. Aber ich argwöhne, dass du nicht aus Freude über gelungenen Frühling und Sommer rufst. Du willst, dass das Jahr schnell vorbei geht. Du scheinst es nicht zu mögen, stattdessen außerirdische Jahreszeiten herbei zu sehnen.

Doch es ist noch lange nicht vorbei, das Jahr, im Gegenteil, es fängt gerade erst die zweite Hälfte an. Wieso verzagen? Sich beklagen? Man kann sich doch warm anziehen. Die Kälte, die dann später mit der letzten Jahreszeit hereinbricht, zwar in den Lungen stechen spüren, aber sich darüber freuen, weil sie dazu gehört. Oder man nimmt sie wenigstens hin, denn sogar im Winter scheint noch oft die Sonne, wie im Sommer auch so manch kaltes Lüftchen uns überraschend hat erschaudern lassen. Man muss nur bemerken wollen, dass nichts schwarz-weiß und der eigene Hof, wenn man ihn dann früher oder später aufgebaut hat, nie perfekt ist. In den Ställen kränkelt es zuweilen. Da hilft es nur noch dem Knecht die Flasche mit dem Alkohol weg nehmen und ihn an die Arbeit zu stellen. Das kann hart werden, solche zuweilen über zwei Jahreszeiten festgefahrenen Gewohnheiten lassen sich nur mit sehr viel Ehrlichkeit und Disziplin verscheuchen.

Bin ich hoffnungslos naiv? Da sind so viele Menschen, die sich nach dem Sommer hinsetzen und nur noch vertrocknete Blätter sehen. Sich schon im Sommer beklagen, darüber, dass der Herbst kommt. Stimmt es, wenn sie sagen, Frühling und Sommer sind mehr wert, denn sie tragen hübsche Blüten, von denen später nichts mehr zu sehen sein wird?

Oder kann ich Recht behalten, wenn ich nur will?

Überwältigt mich die Kälte nur dann, wenn ich wie gelähmt stehen bleibe und aufgebe? Wenn ich aber weiter laufe und mich freue, vielleicht nimmt sie mich dann an die Hand und wir werden am Ende gute Freunde. Freundschaften werden allzu leicht durch Misstrauen und Vorurteile verhindert. Wie unendlich schade, wenn es so kommen müsste. Also verliere ich meine Hoffnung in den Herbst vorerst nicht. Werde nicht melancholisch, wenn ich an ihn denke. Sondern lächle vor Vorfreude.

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Ich bin schon ein bisschen konfus, um drei Uhr ist es zu spät sich solche Gedanken zu machen.

Oder zu früh? Ja, vielleicht. Zu früh. Ich werde die Antwort schon noch bekommen. Später. Manche Menschen meinen, es sei immer schon zu spät. Für einen kurzen Augenblick bin ich dem Irrtum auch erlegen.

03:01 07.09.2009
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