Im Verlies des Elfenbeinturms (I)

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You see, I try to live in an ivory tower, but a tide of shit is constantly beating at its walls.

- Hank Moody in Californication


Das schlohweiße Haar, halblang und unordentlich hinter die Ohren gestrichen, sticht im kalten Beamerlicht wie ein anklagendes Indiz dafür hervor, dass es nicht allzu oft das Tageslicht zu sehen bekommt. Sein Träger tritt an ein Rednerpult in Malaysia. Danach an eines in Berlin. Im folgenden Jahr wird man ihn weniger bei der Präsentation solch ausführlicher Vorträge, dafür mehr während kurzer, einfach gehaltener Interviews zu sehen bekommen. Man wird ihm anmerken, dass ihn die uninformierten Reporter langweilen, eine Notiz, die sich unsere Autorin still lächelnd im Hinterkopf behält. Aber so weit sind wir noch nicht. Gerade schlendert der Mann locker vor einem Publikum auf und ab, von dessen Wichtigkeit er überzeugt sein muss, obwohl es sich hier keineswegs um eine Politelite oder Menschen mit anderen, offensichtlichen Machtressourcen handelt. Rechnet er etwa damit, dass, wenn er sein jetziges Publikum auf seiner Seite hat, schon ein Großteil gewonnen ist? Träfe dies zu, dann könnte er, als er seinen letzten Satz Aussie-Englisch beendet, mehr als zufrieden mit sich sein. Auch wenn man in Malaysia nur verhalten applaudiert, der Saal in Berlin tobt. Es wäre gelogen, wenn die Autorin von sich behauptete, allein sie sei in diesem Moment vollkommen kühl und neutral geblieben.

Von Sternen und Stinktieren.

Welches sind die ersten Assoziationen, wenn der Name der Enthüller-Plattform WikiLeaks fällt? Ein Video mit dem umstrittenen Titel „Collateral Murder“. Die Afghanistan-Dokumente und 9/11-Nachrichten, der Kundus-Feldjäger-Report und das Medienprojekt IMMI in Island. Die stärkste Verbindungslinie jedoch, der rote Faden, der sich durch sämtliche Projekte zieht, ist ein anderer. Stockholm, August 2010. Julian Assange hat sich die Haare ordentlich schneiden und schwarz färben lassen. Vom ursprünglichen, für sein Alter ungewöhnlichen Weiß ragt nur noch eine Strähne in die Webcam. Die Assoziation mit einem Stinktier ist nun unvermeidlich, bisher war es nur das Pentagon, das derartige Vergleiche zog. Die Lage hat sich verändert. „Jemand muss das jetzt sagen“, vernimmt man dieser Tage die isländische Parlamentarierin Birgitta Jónsdóttir, „Wenn ich dafür verstoßen werde, kümmert es mich nicht. WikiLeaks ist mir sehr wichtig und ich betrachte Julian als einen Freund. Aber gute Freunde sind die Menschen, die dir sagen, wenn du Schmutz im Gesicht hast.“ Man möchte Frau Jónsdóttir fast diskret darauf hinweisen, dass man Freunden derlei Hinweise besser nicht öffentlich zukommen lässt. Aber auch nur fast. Denn Jónsdóttirs Forderung, Assange solle Urlaub von WikiLeaks nehmen, hat eine ernstzunehmende Grundlage, die ausnahmsweise nicht auf persönlichen Befindlichkeits- und Machtspielchen zu beruhen scheint.

Beginnen wir, wie bei jeder guten Geschichte, mitten im Geschehen. In Stockholm gehen zwei Frauen zur Polizei. Sie berichten, sie seien unsicher, was zu tun sei, aber sie fühlten sich sexuell belästigt von einem Mann namens Julian Assange. Als die Nachricht das erste Mal über Twitter läuft, schenkt man ihr hier wenig Glauben, da sie zu gut zu der im Zuge der Afghan War Diary-Veröffentlichung vom Pentagon aus gestarteten Hetzkampagne gegen WikiLeaks passt. Mit der Zeit und den immer ausführlicheren Details jedoch wendet sich das Blatt, sehen die Vorwürfe weniger unseriös aus als noch zu Beginn. Unter normalen Umständen würde man Jónsdóttir zustimmen. So wie Margot Käßmann nach ihrer Alkoholfahrt zurücktritt, um der evangelischen Kirche und dem Amt nicht zu schaden, sollte Assange zumindest solange seine Pressearbeit ruhen lassen, wie die Vorwürfe gegen ihn in der Schwebe hängen. Sollte sich herausstellen, dass er im Recht ist, könnte er weitermachen wie zuvor.

Nein, so einfach ist es nicht. WikiLeaks hat ein Problem mit Assange jenseits der momentanen konkreten Vorwürfe, die lediglich Symptome darstellen. Denn das Bild in den Medien hat sich immer mehr in eine Richtung gewandelt: Assange ist ein Star - und viel wichtiger: Julian Assange ist WikiLeaks. Um diese Entwicklung zu verstehen, ist es ratsam, sich den Australier etwas genauer anzusehen.

Laufen lernen

For a clever 16-year-old boy the place was dead boring. Mendax lived there with his mother; Emerald was merely a stopping point, one of dozens, as his mother shuttled her child around the continent trying to escape from a psychopathic former de facto. Sometimes Mendax went to school. Often he didn't. The school system didn't hold much interest for him. It didn't feed his mind. The computer system was a far more interesting place to muck around in.

- Suelette Dreyfus, Underground

Schenkt man all dem Glauben, was Assange und seine Mutter „Claire“ Raffi Khatchadourian, einem Reporter des New Yorker erzählten, ergibt sich ein sehr exaktes Bild dessen, warum Assange an der Stelle ankommen musste, an der er momentan ist. Selbst wenn die Geschichte erfunden sein sollte, stellt sie doch einen hohen Symbolgehalt dar, aus dem man seine Schlüsse über die Motive, die uns der Australiers vermitteln will, ziehen kann. Man wird aufgrund von Fülle und Inhalt der Details geradezu dazu eingeladen.

Assanges Mutter soll mit 17 ihre Schulbücher verbrannt und auf einem Motorrad von zu Hause ausgerissen sein. 1971, kurz nach der Geburt ihres Sohnes, heiratet sie einen Theaterdirektor, die Familie zieht von einem Ort zum anderen. 37 Mal, so Assange, habe er den Wohnort gewechselt bevor er vierzehn wurde. Dass er auf diese Weise nie eine Schule konstant besuchen konnte, begrüßte die Mutter: So enwickelten Julian und sein Halbbruder ihre ganz eigene Art zu lernen und bekamen keine ungesunde Autoritätshörigkeit antrainiert.

In dem Alter, in dem seine Mutter so spektakulär ihrem Elternhaus den Rücken zudrehte, bewegt sich Assange in ganz anderen Welten: den Emailpostfächern hochrangiger Militärs. Hacken hat er sich mehr oder weniger selbst beigebracht; sein Interesse: reine Neugier. Als er erwischt wird, verurteilt man ihn daher "nur" zu einer Geldstrafe. Er wendet sich anderen Dingen zu. Er fotografiert, arbeitet als Journalist, setzt sich für Menschenrechte ein – und schreibt Open Source-Code für die Betriebssystem FreeBSD und NetBSD (Teile des Codes finden sich heute auch in Mac-Kernels) sowie bestimmte Verschlüsselungsprogramme, die speziell auf die Bedürfnisse von Journalisten und deren Informanten zugeschnitten sind.

Schließlich endet er mit Anfang/Mitte Dreißig an der Universität Melbourne und beginnt theoretische Physik und Mathematik zu studieren. Bald kehrt er auch der Universität wieder den Rücken zu. Kurz darauf registriert er eine Internet-Domain namens leaks.org, die aber ungenutzt bleiben wird.

Man versuche nun Schlüsse aus dem Chaos zu ziehen. Was fällt zuerst auf? Assange ist extrem intelligent, er ist ein gesellschaftlicher Außenseiter - und er irrt von einer Beschäfigung zur anderen, bleibt nie allzu lange bei einer Sache. Man darf ihm durchaus unterstellen, dass er sowohl Karriere als Informatiker, Journalist oder Physiker hätte machen können. Gleichgültig, wofür er sich entschieden hätte, erfolgreich wäre er mit Leichtigkeit geworden. Warum hat er sich also gegen eine so offensichtliche Karriereoption entschieden? Die meisten anderen hätten wohl an seiner Stelle mit Freuden seine Talente benutzt, um die Gesellschaftstreppe ganz nach oben zu steigen. Doch hier liegt der Knackpunkt. Julian Assange und die Gesellschaftsspitze, sind zwei Phänomen, die nicht zusammen passen wollen. Denn all jene aufgezählten Möglichkeiten haben eins gemeint. Sie enden früher oder später darin, dass man mit einem halbwegs funktionierenden Gewissen und einem gewissen Anspruch an sich selbst nicht mehr an ihnen teilnehmen kann.

Die Reinheit von theoretischer Physik

Nach einer Weile entschied ich, etwas anderes zu machen. Ich betrat die akademische Welt, den Elfenbeinturm und beschäftigte mich mit theoretischer Physik. Ich dachte, das, was ich dort erschaffe, sei eine mathematische und reine Welt mit einer guten intellektuellen Vergangenheit und voraussichtlich einer guten intellektuellen Zukunft. Ich dachte, dies sei in gewisser Weise ehrliche Arbeit.“

- Julian Assange

Die Erkenntnis, die so manchen früher oder später trifft, ist niederschmetternd. Der hehre Anspruch, Abgeordnete seien bloß ihrem Gewissen verpflichtet, erscheint lächerlich, wenn man beobachtet, wie eben diese fortlaufend mit der Industrie zu deren Gunsten interagieren. In Deutschland sorgte Kanzlerin Merkel gerade für verlängerte Laufzeiten der Atomkraftwerke, begründet diese Entscheidung damit, eine Brückentechnologie sei nötig. Wer nachbohrt, erfährt, dass die Energieriesen dank dieses Beschlusses in wenigen Jahren viele Milliarden Euro mehr Gewinn machen werden und gleichzeitig die Leitungen für alternative Energiequellen verstopfen. Statt diesen Zusammenhang detailliert zu erklären, drucken Medien Argumente aus Werbetexten eben jener Unternehmen, die von den Verlängerungen profitieren.

Phillip Rösler hingegen kann noch von Merkel lernen. Der liberale Gesundheitsminister stellte direkt zu Beginn seiner Amtszeit einen Assistenten ein, dessen Karriere bis dahin in der Pharmalobby seinen Lauf genommen hatte. Auch wortwörtlich aus den Gesetzentwürfen der Medikamentenproduzenten abzuschreiben ist nicht unbedingt geschickt. Solche Nachlässigkeiten bestrafen sogar die Mainstream-Medien mit negativer Aufmerksamkeit. Stellt man es ein wenig diskreter an, kann man seine wahren Beweggründe jedoch durchaus unter den Tisch kehren. Bedient wird sich in diesem Fällen gerne an Studien; wissenschaftlichen Studien und Forschungserkenntnissen wohlgemerkt, die auch finanziert sein wollen. Hier wird offenbar, dass nicht nur Regierung und die Interessensverbände der Industrie zusammenhängen. Die gesellschaftlichen Verbindungen ziehen wesentlich weitere Kreise.

C. Wright Mills schrieb in seinem 1956 erschienen Klassiker „The Power Elite“, „große Veränderungen“ seien weit „außerhalb ihrer [der durchschnittlichen Bevölkerung] Kontrolle, aber ihr Verhalten und ihre Zukunftsperspektiven [seien] trotzdem betroffen“. Man sehe, so Mills weiter, dass etwas Entscheidendes, eventuell sogar Historisches, passiere, jedoch, man könne nicht eingreifen. Am Hebel sitzen andere. Dieses Bewusstsein der „Masse“, selbst nichts ändern zu können, resultiert nicht etwa daraus, dass dem unbedingt tatsächlich so wäre. Man erinnere sich daran, dass man in einem demokratischen Staat lebt, in dem ansich der Bürger entscheiden sollte, wer an der Regierung sitzt und für des Wählers Rechte eintritt. Wie kommt es also zu jenem Ohnmachtsgefühl?

Es entsteht keinesfalls von allein, sondern wird über Jahre anerzogen. Was Assanges Mutter als „Autoritätshörigkeit“ bezeichnet, trifft es schon relativ genau. Als die Autorin dieses Textes die Grundschule mit einem Notendurchschnitt von 1,9 abschloss und dennoch die Empfehlung für eine Realschule, bekam, vertraute sie darauf, dass der Lehrer, obwohl sie wusste, dass er sie nicht leiden konnte, die Empfehlung dennoch objektiven Kriterien folgend, also gerechtfertigt, ausgesprochen hatte. Der Lehrer nimmt an dieser Stelle die Rolle des wissenden Experten ein. Er hat deshalb Macht, weil er, sich auf „neutrale“ Kenntnisse und Einschätzungen in seiner Funktion als Pädagoge stützend, dem Schüler glaubhaft machen kann, dass es überhaupt keine Grundlage für die Idee gebe, der Lehrer könne im Unrecht sein. Auch, wenn diese Einschätzungen schon allein in Anbetracht des ihnen gegenüberstehenden Notenwertes äußerst zweifelhaft erscheinen. Dieser Effekt muss wohl nicht ausführlich für jeden weiteren Bildungsschritt innerhalb der Institutionen auseinander gelegt werden. Es dürfte auch so deutlich werden, dass diejenigen mit einem höheren Bildungsabschluss, obwohl nicht unbedingt klüger, größere Autoritätsbefugnisse erlangen. Zwar sind die Zeiten, in denen man ehrfürchtig vor dem „Herrn Doktor“ den Hut zog und ihm, gleichgültig, was er zu sagen hatte, glaubte, großteils vorbei. Die Regierungs- und Entscheidungsverhältnisse jedoch sind noch immer in ihren Grundzügen geblieben. Letztendlich ist es nicht das Volk, das über seine Gesetze abstimmt, sondern „repräsentativ“ eine kleine Elite. Dies wird damit begründet, dass diese kleine Gruppe mehr Wissen auf sich vereine und daher eine bessere Entscheidungsgrundlage dafür habe, was für den Wähler besser ist, als er selbst. Man kann dieses System gut finden oder nicht, seine Vor- und Nachteile diskutieren. All dies soll hier ausdrücklich nicht geschehen. Was aber für eine funktionierende Demokratie unbestritten notwendig ist, ist die Kontrolle der sogenannten Repräsentanten. Das wichtigste Mittel hierfür soll die vierte Gewalt, also der Medienkanon, der Journalismus darstellen. Die Frage, die sich an diesem Punkt jedoch stellt, ist, inwiefern ein Journalist den Anspruch neutral zu berichten wirklich erfüllen kann, wenn er selbst in diese Gesellschaft integriert ist und selbst im gleichen System mit den gleichen Wertvorstellungen aufgewachsen ist. Sieht sich letztendlich nicht auch der Durchschnittsjournalist, da er in der Mittlerrolle zu Wissen und Macht steckt, dem Leser übergeordnet? Und wie neutral kann erst ein Journalist – oder das Blatt, dem er vorsteht – berichten, wenn er alljährlich an Bilderberg-Treffen oder exklusiven Abendessen mit der Kanzlerin teilnehmen darf? Spätestens mit diesem Status rutscht er in eine Elite, gehört er zu einem kleinen exklusiven Kreis, der andere aus- und ihn einschließt. Und seiner peer-group steht man garantiert alles andere als neutral gegenüber.

Ähnliches passiert in der Wissenschaft. Wo Studien und Forschungen von Wirtschaft und, wie in Assanges Fall, vom Geheimdienst querfinanziert werden, ist es schwer machbar, dass unbeeinflusste Ergebnisse oder für die Zivilbevölkerung interessante Erfindungen entstehen. Am Boden jedes Elfenbeinturms, so Assange, fänden sich Korruptionsgelder, Leichen aus Kriegen. „In meinem Fall erfuhr ich“, erklärt er im Oktober 2009 in Malaysia, „dass die Arbeitsgruppe für photoelektrische Effekte von der National Security Agency finanziert wurde und dass das mathematische Institut in Australien verbesserte Modelle des „Grizzly Plow“ entwarf. Das ist ein Hochgeschwindigkeits-Bulldozer, der dafür gebaut wird, Menschen lebend unter sich zu begraben. Noch nicht einmal am höchsten Punkt des Elfenbeinturms kann man die Tatsache umgehen, dass die Welt komplett zusammenhängt.“ Die Illusion des Intellektuellen, der vollkommen abgekoppelt von der Welt vor sich hin forscht, wäre hiermit ebenfalls zunichte gemacht.

Kehren wir also zu dem Hauptprotagonisten dieses Textes zurück: Junger, hochintelligenter Mann sucht ihn forderndes Betätigungsfeld, das mit seinen ethisch-moralischen Überzeugungen konform geht, diese im besten Falle gar befördert.

Fortsetzung

00:15 15.09.2010
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