Im Verlies des Elfenbeinturms (II)

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Teil I.

Der Journalismus ist tot. Es lebe der Journalismus!

To be completely impartial is to be an idiot. This would mean that we would have to treat the dust in the street the same as the lives of people who have been killed.

- Julian Assange

Fassen wir noch einmal zusammen. Julian Assange weiß aus Jugenderfahrungen in fremden Postfächern erstens, dass es in den obersten Machtzirkeln nicht ganz koscher zugeht und zweitens, dass die Öffentlichkeit davon durch die, wie oben teilweise aufgeblätterten, Strukturen nichts mitbekommt oder über die wahre Bedeutung bewusst im Unklaren gelassen wird. Er betätigt sich als Journalist, der Effekt stellt ihn mutmaßlich nicht zufrieden, weshalb er beschließt, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen und stattdessen abgeschieden von der Welt im Elfenbeinturm in Ruhe zu forschen. Als ihm die Illusion genommen wird, dass ein Platz existiert, der nicht in globalisierte Machtnetzwerke eingebunden ist, gründet er mit wenigen anderen, deren Identität noch immer sehr vage ist, WikiLeaks. Bekannte berichten, er habe zeitweise monatelang seine Wohnung nicht verlassen und stattdessen sämtliche Wände mit Strutkurplänen für WikiLeaks behängt. Welcher Mensch verhält sich so? Jemand, der ein Ziel hat und von diesem Ziel begeistert ist. Als Vorbild gibt Assange Daniel Ellsberg an, den Mann, der aus dem Inneren des Pentagons die gleichnamigen Papiere an die New York Times weiter gab, die den Krieg im Vietnam mit beendeten. Diesem Ideal liegt die Ansicht zugrunde, dass nur umso mehr Demokratie existieren kann je mehr Entscheidungsprozesse bekannt werden und dementsprechend die Möglichkeit besteht, diese zu bewerten.

Hinzu kommt ein weiterer Punkt. Assange hat erkannt, dass der Anspruch „neutral“ Bericht zu erstatten ein hehres Ziel ist, das zwar in der Medienwelt herum geistert, im Grunde aber allzu oft als Mittel dafür dient, Tendenzen zu überdecken, sei es aus einer Absicht heraus oder weil die Menschen, die hinter Artikeln, Videos, Podcasts stecken, keine Zeit haben und sich ihrer eigenen Beweggründe nicht bewusst genug sind. Der Anspruch hinter WikiLeaks ist also nicht, möglichst neutrale Titel für die veröffentlichten Dokumente zu finden, sondern mit mit ihnen darauf aufmerksam zu machen, dass auch unsere Sprache keineswegs unabhängig von vorgefertigten Meinungen ist. Denn wer den Begriff „Collateral Damage“ (Begleitschaden) für das Beenden von Leben verwendet, nimmt eine Wertung vor. Menschen sind kein Blechschaden.

An dieser Stelle muss aber auch die Frage gestellt werden: Wie weit kommt Assange sein Bild der journalistisch tätigen Person selbst entgegen? Schließlich hat es durchaus Gründe, warum es als oberste Regel des Journalismus gilt, sich mit keiner Sache, über die man berichtet, gemein zu machen. Man neigt wesentlich stärker dazu, Kritikpunkte zu übersehen bzw. das Produkt nimmt eine noch viel stärkere Tendenz an, als dies normalerweise schon geschieht. Die Rechtfertigung erscheint einleuchtend: Wenn, wie bei WikiLeaks, die Grundlage des Produkts offen liegt, kann jeder selbst nachprüfen, ob er mit der Perspektive übereinstimmt, mit der das Rohmaterial bearbeitet wurde. Zum Beispiel war niemand gezwungen, das kurze, mit Orwell-Zitaten bestückte Irak-Video zu sehen; man konnte auch die ohne Kommentierung auskommende, ungekürzte Version anschauen. Der aufgeklärte Bürger trifft eigenverantwortlich diese Entscheidung. Nur: Wie realistisch ist dieser Anspruch an die Menschen spätestens, wenn es nicht mehr um ein halbstündiges Video sondern tausende Afghanistan-Dokumente geht? Nicht jeder kann das gesamte Material nachprüfen und auf das Wesentliche reduzieren. Genau dafür gibt es normalerweise Journalisten. Immer öfter werden daher Stimmen laut, WikiLeaks sei eine Mogelpackung, die „sich nun kritische Fragen nach Methoden und Absichten (...) gefallen lassen [müsse].“ Die Autorin muss an dieser Stelle einmal kurz ihre gefasste Maske fallen lassen. Denn diese Sätze schreibt ausgerechnet die Welt, die in eben jenem zitierten Artikel nicht weniger sensationsheischend, dafür aber wesentlich untransparenter und vor allem simple gesagt falsch berichtet.

„Sensation ist das eine, Seriosität der Kern des Journalismus.“

Wer mit einem solchen Satz einen Artikel beendet, von dem erwartet man, dass er zumindest richtig von WikiLeaks abschreiben kann. Stattdessen versteigt man sich zu der Aussage, „[b]isher [habe] Wikileaks seine Dokumente selbst im Internet veröffentlicht und darauf gewartet, dass andere Medien darüber berichten. Doch die Nachfrage der Journalisten [habe] zuletzt merklich ab[genommen].“

Es steht die Frage im Raum, woher die Welt diese Kenntnis beziehen will. In Wahrheit ist eher ein gegenteiliger Trend zu beobachten. Erst seit Veröffentlichung des „Collateral Murder“-Video wird in den meisten Medien überhaupt Notiz von der Plattform genommen.WikiLeaks besteht seit 2006. Seitdem, so der viel zitierte Satz des „National“, habe WikiLeaks mehr „Scoops“ (sensationelle Nachrichtenberichte) produziert, als die Washington Post in den letzten 30 Jahren. Wie kommt es also, dass es vor allem, aber nicht nur, in Deutschland, so lange gedauert hat, bis WikiLeaks überhaupt an prominenter Stelle in den Nachrichten auftauchte?

Befangenheit der Medienindustrie

Berlin, Dezember 2009. Julian Assange und „Daniel Schmitt“ stehen auf einer Bühne des 26C3, dem 26. Chaos Communication Congress in Berlin. Die jährlich stattfindende Hackerversammlung des Chaos Computer Clubs ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Hacker, das ist ein Wort, das im Volksmund gern gleichbedeutend mit einem Menschen verwendet wird, der (illegal) in Netzwerke eindringt und (illegal) den Programmschutz geschützter Software aushebelt. Ansich bezeichnet es aber bloß Menschen mit einer großen Affinität zu technischen Problemstellungen, besonders im computertechnischen Bereich. Hier sitzen Menschen, die sich so lange mit Systemen beschäftigen, bis sie deren Schwachstellen aufgespürt haben. Menschen, deren Hobby es ist, zu denken. Lösungen zu finden. Sich aktiv an der Umsetzung dieser Lösung zu beteiligen. Diesen Menschen fassen Assange und Schmitt einen Teil dessen zusammen, was sie im letzten Jahr veröffentlicht haben – und warum diese Dokumente von großer Wichtigkeit sind. Und sie reden auch darüber, welche Schwierigkeiten sie bei der Arbeit hatten. Anders, als die Welt behauptet, kann man die Interessenskurve an WikiLeaks und den von der Plattform veröffentlichten Dokumenten nicht mit „nachgefragt – nicht nachgefragt – Tricks zur Seriositätssteigerung werden angewandt“ beschriften. Dem Problem, dass ihre Dokumente nicht nur nachgefragt sondern vor allem journalistisch aufbereitet werden, widmet sich WikiLeaks quasi seit Beginn. Schließlich ist dies die zentrale Aufgabenstellung, wenn man mit der Seite, mit seiner Arbeit, etwas erreichen will. Normalerweise, so müsste man meinen, ist jeder Journalist froh, wenn er aus einer Insider-Quelle heraus Rohmaterial zugespielt bekommt. WikiLeaks lässt sich, soweit möglich, die Echtheit der Dokumente von dort aus bestätigen, woher sie kommen. Das Pentagon hat die Echtheit sowohl des Irak-Videos als auch der Afghanistan-Papiere bestätigt. Ganz davon abgesehen benutzen die Whistleblower verschiedene andere Sicherheits- und Prüfungsverfahren, um zu garantieren, dass es sich hier nicht um Fälschungen handelt.

Statt nun aber vor Freude in die Luft zu springen und das Material kritisch zu bearbeiten, nach Zeugen zu forschen und verschieden Seiten zu befragen, passiert nichts. Warum? Weil der Reporter, der Aufklärungsjournalismus betreibt, seinem Blatt Exklusivität bieten muss. Sobald das Material aber, wie bei WikiLeaks, für jeden online verfügbar ist, steigt die Gefahr, dass jemand anderes vorher mit einer Story fertig wird. Seltsamerweise ist es für die meisten Medien vollkommen in Ordnung, einen Großteil ihrer Nachrichten mehr oder weniger von anderen abzuschreiben oder per Copy & Paste die Agenturnachrichten einzufügen. Aber diese kosten, im Vergleich zu einem vernünftig arbeitenden Journalisten, natürlich auch wesentlich weniger. Es geht nicht darum, guten Journalismus zu produzieren, es geht darum, möglichst immer als erster aufmerksamkeitsheischende Nachrichten verbreiten zu können, um die Auflage zu steigern. Der Hauptaspekt ist nicht der, dass ein Medium kritisch alle Seiten einer Nachricht beleuchtet, sondern das zu liefern, was der Leser angeblich will. Menschen wie Stefan Niggemeier, die diese Rolle kritisch beleuchten, gibt es noch immer viel zu wenige. In seinem aktuellen Blogbeitrag greift er ein Interview mit dem Leiter des Hauptstadtbüros des „Spiegels”, Dirk Kurbjuweit, auf, der zwar die Politiker kritisiert, sich von oberflächlichen Umfragen in ihren Entscheidungen beeinflussen zu lassen, jedoch die Verantwortung seines Blattes, das eben solche Umfragen in Auftrag gibt, schlichtweg zu leugnen. Welches war noch gleich der Anspruch, den laut Welt nicht nur das eigene Blatt, sondern auch der Spiegel an seine Produkte erhebt? „Sensation ist das eine, Seriosität der Kern des Journalismus.“

Zwar beherzigen die etablierten Medien eben jenes Credo viel zu selten. Seltsamerweise taucht es aber immer dann auf, wenn man über andere spricht. Um auf einen früheren Teil dieses Texts zurückzugreifen: Hier grenzt sich eine etablierte Medienelite auf Grundlage ihres „Wissens“, „Könnens“ und ihrer „Glaubensgrundsätze“ intellektuell und qualitativ von einer Organisation ab, die, so sieht es momentan aus, trotzdem man nicht auf die ursprünglichen Whistleblower und deren Motivlage zurückgreifen kann, eher zur unabhängigen Meinungsbildung beiträgt, als sie selbst. Hinzu kommt, dass WikiLeaks jeden einlädt, selbst auf verschiedene Weisen aktiv zu werden, während alle anderen Medien ihre Leser auf der Ersatzbank sitzen lassen und nur grummelnd zur Kenntnis nehmen, dass die Leser vielleicht auch etwas zu sagen haben. Genauso die Politik, die am liebsten wünscht, dass der Wähler das aufzuführende Theaterstück nicht wie zu Shakespeares Zeiten durch Zwischenrufe verändern und verbessern kann. Mit Julian Assange kommt nun nicht nur jemand, der endlich mit Hilfe von Belegen Klartext spricht, das thematisiert, was sonst mehr als Verschwörungstheorien abgetan wird. Nein, hier kommt jemand, der dazu einlädt, mitzumachen. Der Druck der unausgesprochenen oder nur in Nischen fristenden Wahrheiten wird durch das klare Formulieren hinweg genommen. So manchem, der dafür ununterbrochen gekämpft hat, mag nun eine schwere Last vom Rücken fallen. Die etablierten Medien sehen hier also keineswegs jemanden, der ihnen unter die Arme greift, sondern Konkurrenz. Eine absurde Situation. Aber dadurch sind dann auch weiter Aussagen aus dieser Richtung zu verstehen, für die stellvertretend noch einmal der Welt-Artikel sprechen darf:

„Außerdem kämpfte die Website mit Negativschlagzeilen: Erst im Juni war ein Wikileaks-Informant enttarnt und verhaftet worden – ein Desaster für die Betreiber, die absoluten Informantenschutz versprochen hatten.“

Wer informiert ist, kennt zwei pikante Details, die den Texter dieses Artikels gar nicht gut aussehen lassen. Erstens gab der der Informant selbst seine Identität preis, es handelt sich hier also keinesfalls um ein Sicherheitsleck der Plattform. Da sie nicht Schuld ist, kann es auch kein „Desaster für die Betreiber“ darstellen, außer, die Medien bauschen es durch gezieltes Verschweigen von Informationen dazu auf. Zweitens ist es sehr peinlich, wem gegenüber sich der Informant offenbarte: Er sprach mit einem bekannten Journalisten, der im Anschluss nicht der Öffentlichkeit mehr Informationen zukommen ließ, sondern direkt mit seinen Erkenntnissen zum Geheimdienst lief.

Fortsetzung.

00:35 15.09.2010
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