Im Verlies des Elfenbeinturms (III)

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Teil I und Teil II

Von Sternen und Stinktieren. Zweiter Teil.

Zurück zum 26C3. Assange erklärt, wie man es den Medien leichter machen möchte, ihr Material exklusiv zu nutzen. Zuerst versuchte man es damit, den Dokumenten zusätzlichen „Wert“ dadurch zu verleihen, dass man sie versteigerte. Ein Medium kaufte auf diese Art und Weise für einen gewissen Zeitraum exklusiv Rohdaten, die, nachdem es die Verarbeitung in journalistische Produkte abgeschlossen hatte, frei verfügbar auf wikileaks.org veröffentlicht wurden. Diese Methode funktionierte nicht besonders gut, also versuchte man andere Mittel und Wege zu finden. Im Zuge der Veröffentlichung der Toll Collect-Verträge Ende November 2009 bot man dem Stern an, diese als eines von 15 Medium (korrigiert, 25.9.2010) verarbeiten zu können. Das Magazin tat dies zwar auch. Das Ergebnis aber ist umstritten, man sagt, der Stern habe nicht ordentlich gearbeitet, ganz davon abgesehen, dass auch WikiLeaks nur einen Teil der Verträge zugespielt bekam. Wichtige Zusammenhänge mögen daher fehlen.

Ganz davon abgesehen trug der Stern aber nicht gerade zur Verbreitung des Namens WikiLeaks bei, sondern verpackte den Vermittler der mühelos erhaltenen Verträge stiefmütterlich irgendwo zwischen den Zeilen. Die Medien, die hier einen neuen, kostenlosen Lieferanten bekamen, sorgten also nicht dafür, dass dieser einen gewissen Bekanntheitsgrad und somit auch mehr Ressourcen durch neu eingereichtes Material, Spendengelder oder ehrenamtliche Mitarbeiter erhielt. Vielmehr versuchten sie möglichst nicht zu erwähnen, dass nicht sie diejenigen waren, die die Dokumente organisiert hatten.

Das von Assange formulierte Ziel "größtmöglichen politischen Druck ausüben“ kann somit nicht erreicht werden. Dafür ist es logischerweise von Nöten, dass die Gesellschaft überhaupt weiß, dass es WikiLeaks gibt. Wenn die Nutznießenden der eigenen Arbeit nicht auch für die nötige PR sorgen, steckt man in einem kleinen Dilemma. Durch Vorträge wie jenem auf dem 26C3 kann man zwar vergleichsweise leicht Unterstützer gewinnen. Die Aktivisten hier wissen, worum es geht. Sie kämpfen andauernd gegen Zensurbestrebungen (Stichwort "Zensursula") oder für Datenschutz (bspw. Warnung vor E-Personalausweisen). Außerdem bringen sie die besten technischen Grundlagen mit, selbst an neuen Veröffentlichungen mitzuarbeiten. Aber selbst wenn man solche Unterstützer hat, die breite Masse, die „Druck“ ausüben kann, ist nicht Mitglied im CCC.

Also nimmt man im Frühjahr 2010 eine Veröffentlichung selbst in die Hand: nämlich die eines Videos, das zeigt, wie ein US-Apache-Helikopter zuerst zwei Reuters-Journalisten erschießt, um später ein ganzes Haus zu zerbomben, in dem sich möglicherweise gefährliche Menschen aufhalten. Das Material bietet sich für eine Selbstbearbeitung an. Man kürzt es, stellt Orwell-Zitate voran und gibt einen Begriff, der so alltäglich geworden ist wie „radikalislamisch“, eine neue, ungewohnte Wendung. Damit haben die Medien eine kontroverse Schlagzeile. Dass man sich an Stelle von WikiLeaks selbst in den Fokus der Kritik begibt, nicht unabhängig zu veröffentlichen, muss dafür in Kauf genommen werden. Wie schleppend die Berichterstattung dennoch anlief, ist vor allem erstaunlich, wenn man bedenkt, wie schnell auf einmal Focus, Stern, Zeit und Welt werden, wenn der Expressen, das schwedische Pendant zur Bild-Zeitung, ungesicherte Informationen darüber verbreitet, Julian Assange habe in Stockholm zwei Frauen sexuell missbraucht.

Für WikiLeaks ist diese quantitativ zwischen zwei Extremen pendelnde Verbreitung ihrer Arbeit einerseits und Gerüchten um ihren Gründer andererseits kein kleines Problem. Die Whistleblower-Seite ist den etablierten Medien nicht nur dahingehend entgegen gekommen, dass sie einigen von ihnen mittlerweile wieder exklusiv Material zur Verfügung stellt, wie gerade im Falle der Afghanistan-Papiere mit New York Times, Guardian und Spiegel geschehen. WikiLeaks musste die Medien auch mit personalen Hintergründen füttern. Manche mögen hier zurecht argumentieren, auch die Whistleblower selbst müssten transparent darlegen, wer für sie arbeitet. Unter dem Deckmantel dieses Arguments steckt jedoch noch ein weiteres, das nicht außer acht gelassen sein will und sich „Boulevard“ nennt. Wie sonst ist es zu erklären, dass die Menschheit inzwischen weiß, dass Assange über Jahre hinweg einen Sorgerechtsstreit um seinen Sohn führte und seine Mutter einmal mit einem Mitglied der sektenartigen Gemeinde „The Family“ verbandelt war? Wenn tatsächlich einmal über WikiLeaks berichtet wird, dann über Assange. Man stürzt sich auf den „Geheimnisvollen“, der noch immer so genannt wird, obwohl inzwischen höchstens noch Details darüber fehlen, ob seine Mutter ihn gestillt und wer ihm die Haare geschnitten hat. Sonst erzählte Assange dem bereits erwähnten Reporter des New Yorker so viel, dass man sich schon beinahe wieder Sorgen um ihn macht. Seine Art zu leben könnte in Geheimdienstkreisen durchaus auf Interesse stoßen.

Warum gab er also all diese Details Preis? Vielleicht war es zuerst eine Art Flucht nach vorn. Sobald Reporter haben, was sie wollen, geben sie Ruhe und konzentrieren sich wieder auf das für Assange eigentlich wichtige Thema: WikiLeaks. Dafür spricht die Fülle an in der Tat unwichtigen Schnippseln, die Assange dem Reporter bereit stellte und die dieser, so der Eindruck nach dem Konsum des Artikels, ohne eine einzige Ausnahme versucht unterzubringen. Mag aber auch sein, dass Assange bemerkte, dass, nach so vielen niederschmetternden Versuchen, WikiLeaks auch außerhalb einiger gut informierter Kreise bekannt zu machen, er selbst der beste Werbeträger war. Die Medien wollten eine strahlende Heroengestalt, hier hatten sie sie. Natürlich, da ist noch Daniel Schmitt und wenige andere, die ab und an für WikiLeaks an die Öffentlichkeit treten. Aber Assange hat Charisma, er denkt schnell, ist daher ein extrem interessanter Gesprächspartner in Interviews, auch, wenn er selbst sich, wie er ab und an anmerkt, bei Pressekonferenzen zunehmend langweilt. War er zuerst in seiner Selbstbeschreibung nur „Herausgeber“, wandelt sich mit der Konzentration der Medien auf seine Person auch diese Selbstbeschreibung: „Chefherausgeber“, „Mitbegründer“, „Gründer“. Der fulminante Höhepunkt dann ist ein Beitrag des Observer, der scheinbar nur die 11-seitige New Yorker-Reportage kurz überflog, um daraus einen wenige Zeilen lange Beitrag zu verfassen, der die, vorsichtig ausgedrückt, den Artikel überfordernde Überschrift „Who is Julian Assange?“ trägt. Hierin heißt es:

At the time, Mr. Assange had just released a video, named Collateral Murder, showing a U.S. Apache helicopter killing 12 civilians.“

Abgesehen davon, dass auch in diesem kurzen Satz falsche Zahlen resp. herbe Verallgemeinerungen auftauchen, liest man den Namen WikiLeaks praktisch gar nicht mehr. Damit wird Julian Assange gleichgesetzt mit WikiLeaks und dessen gesamter Arbeit, die, bei allem Respekt, Assange garantiert nicht allein erledigt. Sollte jedoch jemals die Figur Julian Assange aufgrund gerechtfertigter oder ungerechtfertigter Vorwürfe untergehen, geht WikiLeaks mit unter. Denn die Plattform lebt von einem entscheidenden Vorteil gegenüber beispielsweise Politikern, von denen man nie wissen kann, welcher Seite man besser glauben schenkt: WikiLeaks kann seine Behauptungen mit Geheimdokumenten belegen. Sobald aber Assange selbst nur die Behauptung aufstellt, unschuldig zu sein, ohne sie belegen zu können, wandelt sich sein Bild höchstwahrscheinlich in eines, das Politikern nicht unähnlich ist. Damit ist der Anspruch der Plattform durch seinen Repräsentanten konterkariert.

Die Entscheidung.

Als Geek bezeichnet man abfällig einen – häufig mit überdurchschnittlich hoher Intelligenz begabten – Menschen mit schwachen sozialen Fähigkeiten. Die interaktive soziale Verhaltensweise von Geeks auf ihrem jeweiligen Fachgebiet sowie die Kommunikation von Geeks untereinander ist für Nicht-Geeks meist unverständlich.

- Wikipedia

Sollte Julian Assange also auf die isländische Parlamentarierin Birgitta Jónsdóttir hören und zumindest zeitweise von der Öffentlichkeitsarbeit zurücktreten? WikiLeaks hat inzwischen einen relativ hohen Bekanntheitsgrad erreicht, bei dem die weitere Verbesserung durch einen Charismatiker zwar wünschenswert, aber nicht unbedingt von Nöten wäre. Die negative Auswirkung, dass die Medien bestimmte Schritte öffentlicher Personen mit Schuldeingeständnissen gleichsetzen, wäre für das Projekt vermutlich zu verkraften. Auch ist es zu diesem Zeitpunkt sicher noch möglich, den momentanen Trend, Assange mit WikiLeaks gleichzusetzen, zu stoppen.

Die Weigerung, diesen Schritt zu vollziehen, kann man aus der Warte des Australiers jedoch durchaus nachvollziehen. Assange scheint zu der Sorte Menschen zu gehören, die sich vollkommen auf die Entwicklung eines bestimmten Gedankens oder die Verfolgung eines bestimmten Themas konzentrieren und hier ihr Herzblut einfließen lassen können, bis das Projekt erwachsen geworden und Kinder bekommen hat. Dieses Herzblut entsteht, wenn man etwas wirklich will und ist hauptsächlich dafür verantwortlich, dass man etwas besonders gut macht. Es ist kein Zufall, dass WikiLeaks mit seinen fünf Vollzeitmitarbeitern innerhalb von vier Jahren solche Arbeit geleistet hat. Und wenn Assange äußert, wie unverständlich er es findet, dass niemand im Pentagon oder Menschenrechtsorganisationen mithilft, die Afghanistandokumente von Daten zu befreien, die einzelnen Personen schaden können, offenbart er damit, dass ihm zumindest ab und an nicht bewusst ist, dass andere Leute für Geld und nicht unbedingt für ihre Überzeugungen arbeiten. Begeisterung für die Sache mag man hier und da entdecken, aber nicht in der Form, in der Assange arbeitet. Wer macht für seine Arbeit oft Nächte durch? Verlässt das Haus monatelang nicht, und das freiwillig? Wer hat jemals in der Schule gelernt, einfach nur so lange einem bestimmten Interesse nach zu gehen, bis dieses gesättigt ist? Dem Großteil der Gesellschaft redet man stattdessen ein, man müsse die eigene Lebenszeit in die Arbeits- bzw. lästige Pflicht- und Freizeit einteilen.

Diese Begeisterung jedoch macht es vermutlich auch schwer für Assange einen wichtigen Teil der Arbeit, nämlich die PR-Abteilung, in andere Hände zu geben, ganz davon abgesehen, dass fraglich ist, ob WikiLeaks überhaupt eine andere Sprecherperson zur Verfügung hätte, die ihren Namen und andere Details gefahrlos preisgeben kann. Aus Australien, oder, wie Daniel Schmitt, aus Deutschland zu stammen, macht dies möglich. WikiLeaks jedoch hat bereits mehrmals angedeutet, dass einige ihrer Gründungsmitglieder im asiatischen Raum angesiedelt sind. Als Vertreter eines Whistleblower-Netzwerkes aufzutreten, befördert nicht unbedingt den eigenen Status in einem Land, in dem Zensur an der Tagesordnung ist.

Bisher hat sich Assange immer nach der Medienlandschaft gerichtet, um einen möglichst großen Effekt auf diese auszuüben. Nun steht er wieder vor dieser Entscheidung und weigert sich aus den Vorwürfen die von den Medien vorgesehenen Konsequenzen zu ziehen. Mag sein, dass er sich denkt, dass nun der Journalismus an der Reihe ist, seine Art, erst Stars aufzubauen, um diese später für die Auflage umso tiefer fallen zu lassen, zu begraben und endlich die eigenen hehren Kriterien auch an ihre Arbeit anzulegen.

00:36 15.09.2010
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