Nach 1978 geboren? Dann lesen.

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Eine mögliche Antwort für Streifzug.


[Der Text ist sehr flott entstanden, lagerte nicht Jahre lang in meinen Archiven.]






Bist du nach 1978 geboren?
Und du meinst, wenn du vor 1978 geboren wurdest, hat das hier nichts mit dir zu tun? Du solltest trotzdem weiterlesen, um zu verstehen, warum die Pampas-Generation, die du aufgezogen hast, andere Helden hervorbringen muss und wird!
Wenn du als Kind in den 80er, 90er gar den ersten Jahren des neuen Jahrtausends leb(te)st, ist es kaum zu glauben, dass du bei dieser Erziehung überhaupt so lange überleben konnten!


Nein, als Helden würde man uns dennoch nicht bezeichnen.


Warum?


Wir saßen im Auto:

  • mit Kindersitz,
  • mit Sicherheitsgurt
  • mit Airbag!

Unser Bett war wahlweise voll gestopft mit pädagogisch wertvollen Beißringen samt Gütesiegel oder trug zumindest biologisch abbaubare Farbe zur Schau! Aber Gott bewahre, dass wir das eine oder andere genüsslich in den Mund stecken konnten, bevor der nächste besorgte Erwachsene angerannt kam...


Die Fläschchen aus der Apotheke konnten wir, trotz albernem Kindersicherheitsverschluss, öffnen, und an die Flasche mit eurem giftigen Insektenvernichtungsmittel kamen wir auch, wenn sie auf dem obersten Regalbrett stand. Nur, dass ihr das in eurer gestressten Welt nicht alles mitbekommen habt, freutet ihr euch doch, wenn wir uns so friedlich hinter dem hochwertigen Puppenhaus mit drei Stockwerken, das ihr schon immer haben wolltet, versteckten, um still und heimlich den süßen Hustensaft auszutrinken.


Statt dies zu bemerken, machtet ihr euch immerfort Sorgen um die ständige Bedrohung, die Türen und Schränke für unsere Fingerchen sein könnten – und ob in eurem mit dem Millimetermaß ausgemessenen Garten nicht doch schon wieder ein Blättchen Löwenzahn aufgetaucht war!
Wenn wir zur musikalischen Früherziehung, zum Förderunterricht für (finanziell) Hochbegabte oder Leistungsverein für Nachwuchssportler gehen wollten, wurden wir von euch ins Auto gesetzt und trotz manchmal aufkeimender Widerrede gefahren („mein Kind, so ist es sicherer“)!


Unsere Lieblings-Schuhe durften wir nicht so lange behalten, bis sie wirklich zu klein waren, sie wurden bereits vorher in den Altkleidercontainer entsorgt, mit der Begründung: "Was denken denn sonst die Nachbarn?". Bei weiterem Protest wiest ihr uns scharf darauf hin, die Schuhe bekämen nun Kinder, denen es nicht so gut gehe wie uns. Einfache Fahrräder wurden nicht akzeptiert, es musste immer direkt das Beste vom Besten sein, um hinterher auf den teuren Preis und die verhältnismäßig geringe Nutzung hinweisen zu können, wenn wir mit euch und nicht den gekauften Gegenständen bzw. den imaginären Geschwistern spielen wollten.

Und wenn wir einen Platten hatten und wissen wollten, wie das zu beheben war, lernten wir vom Vater laut zu seufzen, die verlorene Zeit zu beklagen und mit dem Rad im Kofferraum zum nächsten Reparaturservice zu fahren.
Überhaupt hattet ihr wenig Zeit für uns, die Einzelkindgeneration. Und wenn doch jemand da war, dann das Kindermädchen, dass seiner Freundin den ganzen Tag über unser Telefon erzählte, wie schrecklich doch dieser Job und vor allem Kinder seien!

Ewiglich lauschten wir euren endlosen Monologen, die wohl idealtypischen Abenteuergeschichten ähneln sollten:

"Wasser tranken wir vom Wasserhahn und nicht aus Flaschen!
Einen Kaugummi legte man am Abend auf den Nachttisch und am nächsten Morgen steckte man ihn einfach wieder in den Mund!
Wir aßen ungesundes Zeug (Schmalzbrote, Schweinsbraten,…), keiner scherte sich um Kalorien und wir wurden trotzdem nicht dick!
Wir tranken Alkohol und wurden nicht alkoholsüchtig!


Wir tranken aus der gleichen Flasche wie unsere Freunde und keiner machte deswegen ein Theater oder wurde gleich krank!
Wir verließen frühmorgens das Haus und kamen erst wieder heim, wenn die Strassenbeleuchtung bereits eingeschaltet war. In der Zwischenzeit wusste meistens niemand, wo wir waren ... und keiner von uns hatte ein Handy dabei!


Wir haben uns geschnitten, die Knochen gebrochen, Zähne raus geschlagen und niemand wurde deswegen verklagt. Niemand hatte Schuld - außer wir selbst. Das waren ganz normale, tägliche Unfälle und manchmal bekamst du hinterher sogar (als erzieherische Zugabe) noch eins auf den Po!


Wir kämpften und schlugen einander manchmal grün und blau. Damit mussten wir leben, denn es interessierte die Erwachsenen nicht besonders.


Wir hatten nicht: Playstation, Nintendos, X-box, 200 Fernsehsender, Videos, DVDs, Dolby-Surround-Sound, iPods, eigene Fernseher, PCs und Internet, Jahreskarten im Fitness-Club, Handys ... Wir hatten Freunde!“

Wenn wir dann aber selbst versuchten einfach rauszugehen und uns auf der Straße zu treffen oder zum nächsten Haus zu marschieren, zu klingeln oder gar so hinein zu gehen, ohne Termin und ohne Wissen der Eltern, blieb zumindest letzteres nicht lange so! In einer kinderlosen Straße, bevölkert von humorlosen Karrieristen, kann man kein eigenständiges Leben führen. Nicht allein seinen Weg gehen, ohne gebracht und abgeholt zu werden!!

Was blieb?


Das Fernsehprogramm, das sahen viele nie, manche sehr schnell, war dümmlich und bloß euer Mittel zum Zweck, genau, wie der strikte Zeitplan, an den wir uns zu halten hatten. Quantität schlägt nicht Qualität. Wir schwänzten die Nachhilfe, den Klavierunterricht, gingen in den fast sterilen Garten, machten, was Kinder tun, auch wenn wir es nicht durften:

Wir aßen Würmer, aber lieber noch Ameisen. Aber die Prophezeiungen trafen ein: Wir bekamen Neurodermitis, Allergien, Asthma, denn nicht nur eure private Garten-Chemie sondern auch die eurer Fabriken in der Umgebung tat ihr Übriges. Ganz abgesehen von der hundertsten Impfung.
Wir mussten bei der kleinsten Abnormalität zum Hausarzt, Hautarzt, in die hochspezialisierte Kinderklinik. Dass euer Stress den Umweltfaktoren bei der Ausbreitung der sonst harmlosen Krankheiten noch half, merktet ihr nicht.

Ihr sagt: Manche Schüler sind nicht so schlau wie andere, aber euer Kind muss es sein. Es darf nicht durch Prüfungen rasseln, gar Klassen wiederholen oder das Gymnasium verlassen. Ist dem nicht so, inszeniert ihr emotionale Elternabende oder droht dem Direktor persönlich mit eurer wichtigen Stellung in der vorgesetzten Behörde.

Ihr überwachtet alles, was in eure Reichweite kam, und wundert euch heute, dass wir unorganisiert sind. Ihr gabt uns ausschließlich und scheinheilig Müsli aus den Bioläden (die ihr mit eurem Auto angefahren hattet) und moniertet, dass wir vor dieser Monokultur zu McDonalds, Burger-King, Döner-Bude, Snack-Bar, Imbiss-Stand, Pizza-Ecke, M-Take-Away, Selecta-Automat flüchteten – und es euch ja wissen ließen, in der Hoffnung, dass es endlich genießbares Essen geben möge. (Nein! Nicht wirklich von McDoof, das war lediglich ein Hilferuf.)

Zur Schule fuhren wir spätestens ab der Oberstufe mit dem Auto, das wir euch abgequatscht hatten. Wenn man nichts ändern kann, muss man die Situation wenigstens ausnützen.

Wir sind dank eurer Erziehung vor dem Fernseher so vollgestopft mit Angst, hässlich oder zu dick zu sein, dass der weibliche Teil unserer Generation sich regelmäßig übergibt oder zum Schönheitschirurgen rennt. In unserer dank euch ach so aufgeklärten Welt ist man sexuell nicht frei, sondern an bestimmte Auflagen gebunden, das erste Mal ist vermeintlich nie zu früh, aber immer zu spät. Wer sich nicht mit einer Reihe von sexuellen Abenteuern ausweisen kann, wird auch von euch nur verächtlich gemustert.

Unsere Taten hatten immer Konsequenzen. Das war klar und wir versuchten uns dennoch vor der Peinlichkeit zu verstecken, die es mit sich brachte, wenn der Anwaltsvater ICQ verklagen wollte, weil er mitbekommen hatte, dass jemand Unbekanntes sein Töchterchen darüber kontaktiert hatte. Wenn einer von uns gegen das Gesetz verstieß, war klar, dass die Eltern ihn automatisch aus dem Schlamassel herausboxten – und ihm noch Mut zuredeten. Wie soll man da Grenzen finden?!

Eure Generation hat eine Fülle von innovativen Problemlösern und Erfindern mit Risikobereitschaft hervorgebracht, z.B. die netten Betreiber von Atomkraftwerken und kreativen Lobbyisten der Pharmaindustrie.

Ihr hattet Freiheit, Misserfolg, Erfolg und Verantwortung. Eure Spielwiese bewohnen nun wir.

Mit alldem musstet ihr umgehen und wusstet ihr umzugehen, da das eine aus dem anderen folgt. Nicht immer erfolgreich zwar, aber mit den Auswirkungen müsst ihr euch ja nicht mehr herumquälen. Nun ist die neue Generation am Zug.


Geboren vor 1978!
Gehörst D U auch dazu?
Gratuliere!
Ihr seid wahre HELDEN.


Helden, die sich mit ihrer 68er Vergangenheit schmücken und heute FDP wählen.
Helden, die ihren Kindern vorwerfen das zu sein, was sie ihnen aufgenötigt haben.
Helden, die es den wenigen, die Widerstand gegen dieses eingefahrene Götterbild der Elterngeneration üben, schwer machen, indem sie sie abstrafen, wenn sie sich in ihren Bildungsanstalten nicht wunschgemäß anpassen.
Helden, die vor allem sich selbst sehen, aber nicht den Schaden, den sie für alle folgenden Generationen der Sesselhocker, lethargischen Personen, Menschen, die ihrem Leben weder Sinn noch Ordnung zu geben wissen, geschaffen haben.


Geboren nach 1978 ?

Dann musst du kämpfen. Nicht, wie deine Eltern, gegen ehemalige Nazis, sondern vor allem gegen das Chaos, das man mit dir angestellt hat. Viel Glück dabei.

21:00 27.01.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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chrisamar | Community
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