Nur eine Schmierenkampagne?

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Über zwei Vergwaltigungen, die vielleicht stattgefunden haben, vielleicht auch nicht. Und über eine bestimmte Art des Medienrummels, die manches Mal frisch aus dem Mittelalter importiert zu sein scheint.

Wie schnell die Medien plötzlich geworden sind. Erinnern Sie sich, verehrte Leser, noch an den ersten richtig großen WikiLeaks Coup? Das Irakvideo „Collateral Murder“? Damals reagierte ich innerhalb von zwei Stunden, stellte eine Übersetzung zusammen, Bilder; Pressereaktionen konnte ich zunächst so gut wie keine vermelden. Stattdessen prangte Tiger Woods Sexskandal auf der Startseite der BBC wie auch auf der des Spiegels.

Zwei, drei Stunden ist es nun auch her, seit drei Pressemeldungen über Twitter liefen. Die erste stammt von Mark Stephens, einem von Julian Assanges Anwälten; die zweite nennt sich „staff editorial“, was mit so viel wie „Äußerung des Personals [von Wikileaks]“ übersetzt werden kann – und die dritte schließlich ist eine Email von Assanges schwedischem Anwalt an seine englische Kollegin. Zugegeben, die Meldung, dass es Neugikeiten zu WikiLeaks-Gründer Julian Assange gibt, hörte man bereits heute Vormittag. Da hatte die schwedische Ermittlerin berichtet, gegen den Aktivisten habe man einen internationale Haftbefehl beantragt. Kurz darauf folgte eine englische Pressemitteilung der zuständigen schwedischen Behörde, die dem Antrag statt gab. Von nun an wird jede kleinste Begebenheit in der Sache berichtet werden.

Tatsächlich könnte man mir nun vorhalten, nichts anderes habe ich am 5. April diesen Jahres gefordert: dass sich WikiLeaks genauso schnell angenommen werde wie einem fremdgehenden Profigolfer. Leider ist dem aber nicht so, das Thema hat sich nur graduell verändert, zur Tarnung hat man die Protagonisten ausgetauscht.

Sex sells

Einen Monat nach der Veröffentlichung der Afghanistan-Dokumente war es der „Expressen“, das schwedische Pendant zur Bild-Zeitung, der damals bekannt gab, gegen Julian Assange sei Haftbefehl erlassen worden, ohne, dass dieser selbst davon wusste – damals lautete die Anklage auf Vergewaltigung. Vierundzwanig Stunden später sah die Sache plötzlich ganz anders aus; die Vorwürfe wurden fallen gelassen, nur, um später zu verkünden, dass man nun von Seiten der Staatsanwaltschaft dem Verdacht der sexuellen Belästigung nachginge. Im Hause der Ermittlungsbehörde selbst schien man sich nicht einig zu sein; und statt diesen Streit intern auszutragen, ging jeder einzeln an die Presse. Dass Assanges Anwalt dies als „unprofessionell“ und „schädigend“ geißelt, kann man ihm wohl kaum übel nehmen.

Was wirklich passiert war, wusste man zunächst nicht. Mittlerweile scheint sich die Öffentlichkeit wie auch Assanges Verteidiger auf folgende Version geeinigt zu haben:

In Stockholm gehen zwei Frauen zur Polizei. Sie berichten, sie seien unsicher, was zu tun sei, aber sie fühlten sich von Julian Assange belästigt. Sie hätten zwar freiwillig sexuell mit ihm verkehrt, jedoch unfreiwillig ungeschützt. Als sie von dem ähnlichen Schicksal der jeweils anderen erfahren hätten, hätten sie sich entschlossen, zur Polizei zu gehen.

Sollte es sich hierbei um Fakten handeln, ist das sicher alles andere als schön für die Frauen. Die Frage ist nur erstens, mit welcher Rechtfertigung ein solcher Medienhype gemacht wird und zweitens, warum sich die schwedische Staatsanwaltschaft öfter umentscheidet, ob sie Assange nun anklagen will – und wenn ja, wofür. Und: ob sie ihn im Land behalten will - oder dann doch nicht.

Assanges Anwalt Mark Stephens äußert sich dazu folgendermaßen über Twitter:

„We are now concerned that prosecutor Marianne Ny intends to apply for an arrest warrant in an effort to have Mr. Assange forcibly taken to Sweden for preliminary questioning. Despite his right to silence, my client has repeatedly offered to be interviewed, first in Sweden before he left, and then subsequently in the UK (including at the Swedish Embassy), either in person or by telephone, videoconferencing or email and he has also offered to make a sworn statement on affidavit. All of these offers have been flatly refused by a prosecutor who is abusing her powers by insisting that he return to Sweden at his own expense to be subjected to another media circus that she will orchestrate.“

"Wir sind nun beunruhigt darüber, dass die Anklägerin Marianne Ny einen Haftbefehl beantragt, um Herrn Assange dazu zu zwingen, für eine vorläufige Befragung nach Schweden zu kommen. Statt sein Schweigerecht zu nutzen, hat mein Klient wiederholt angeboten sich vernehmen zu lassen; zuerst in Schweden, bevor er das Land verließ. Danach versuchte er es immer wieder in Großbritannien (u.a. in der schwedischen Botschaft) und bot an, sich persönlich, per Telefon, Email oder in einer Videokonferenz zu äußern. Er hat ebenfalls angeboten, einen beeideten Schwur abzulegen. All diese Angebote wurden rundweg von der Anklägerin abgelehnt. Stattdessen missbraucht sie ihre Macht, indem sie auf Assanges freiwillige Rückkehr nach Schweden besteht, um gleichzeitig , sollte er dem nicht nachkommen, als Option anzugeben, einen neuen Medienzirkus zu inszenieren."

Soweit ich weiß, hat sich die schwedische Staatsanwaltschaft bisher nicht weiter geäußert, einmal davon abgesehen, dass der internationale Haftbefehl nun tatsächlich genehmigt ist. Interessant ist aber, wie WikiLeaks nun mit der Lage umgeht. Offiziell aus zeitlichen Gründen spricht Assange nicht mehr für sich selbst. Auch, wenn das eine Rolle spielen mag: schon bei den ersten Anschuldigungen empfahlen ihm Mitarbeiter wie die isländische Parlamentarierin Brigitta Jonsdottir, in die zweite Reihe zu wechseln und die Sprecherrolle einer nicht involvierten Person zu überlassen, damit WikiLeaks nicht weiter geschädigt wird.

Und tatsächlich stammt auch die zweite Twitter-Nachricht nicht von Assange selbst, sondern von anderen WikiLeaks-Mitarbeitern, die ausführlichst die Bemühungen und Gefahren schildern, denen sämtliche Menschen, die etwas mit WikiLeaks zu tun haben, ausgesetzt sind.

Viel interessanter aber ist das in leicht gebrochenem Englisch verfasste Schreiben von Assanges schwedischem Anwalt an seine englische Kollegin (Assange scheint mittlerweile ein ganzes Anwaltsheer zu beschäftigen). Darin schildert er seine Versuche, eine englische Anklageschrift zu bekommen, die Assange laut schwedischem Recht zusteht, wie auch die bereits oben erwähnten erfolglosen Bemühungen, Assange und die zuständige Staatsanwaltschaft zusammenzubringen.

Von diesen ausführlichen Statements habe ich bisher in der Mainstreampresse eher weniger gelesen. Stattdessen hört man Sätze, die nichts, aber auch gar nichts mit der ganzen Sache zu tun haben. Beispielsweise schreibt die sueddeutsche, „Beobachter [sprächen] Assange eine charismatische Ausstrahlung zu, der seine Anhänger für seine aufklärerische Arbeit begeistern könne.“

Mittlerweile kann man jedoch bereits froh sein, wenn man solche relativ harmlosen Artikel liest - oder auch, wenn Jonah Goldberg von der Chicago Tribune seine Artikel haarscharf noch so enden lässt, dass er es eventuell doch nicht für sinnvoll erachtet, wenn man (heißt: die CIA) Assange in irgendeinem Hotelraum erwürgt. Der Grund liegt aber nicht darin, dass Goldberg es nicht billigend in Kauf nehmen würde einen Menschen zu ermorden, sondern dass er zu dem vernünftigen, jedoch leicht resigniert klingenden Ergebnis kommt, dass die Regierung sich eben an Gesetze halten müsse. Vor allem aber sei entscheidend, dass es sowieso zu viel Aufmerksamkeit in seiner „Guru“-Gemeinde gäbe, wenn Assange plötzlich dahinscheiden würde.

Ab und an fragt man sich ob solcher Zeilen, in welchem Zeitalter wir leben, in dem es Journalisten mehr oder weniger indirekt gestattet wird zur Ermordung von ihnen nicht genehmen Aktivisten aufzufordern statt selbst deren Arbeit zu tun und kritisch über die Zusammenhänge im Irak, in Afghanistan oder sonstwo auf der Welt zu berichten.

18:21 18.11.2010
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sachichma | Community
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hibou | Community
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