Pynchon: Ein Neuanfang

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Dear Mr. Pynchon,

Manchmal zieht man um. Manchmal hat man dann keine Zeit zu lesen. Und manchmal hat man auch keine Lust. Je länger sich das Nicht-Lesen hinzieht, desto schwieriger wird es wieder einzusteigen. Denn obwohl es drückt und zwackt, gelingt es so wunderbar die Existenz des Buches zu verdrängen. Können Sie sich das vorstellen, Mr. Pynchon? Ihr Werk hat in seiner deutschen Übersetzung 1194 Seiten. Harry Potter 5 umfasst in seiner englischen Originalfassung 766 Seiten: 2 Tage Lesedauer. Die Tore der Welt (Ken Follett) färben 1294 Seiten Papier mit Druckerschwärze: 5 Tage.

Es ist nicht so, dass ich mit den Enden der Parabel in einem anderen Tempo losgelegt hätte, nach zwei Tagen voller anderer Aufgaben war ich immerhin auf Seite 150. Ein wenig später hatte ich mit dem ersten Buch abgeschlossen und damit auch erst einmal eine ganze Weile mit dem Gesamtwerk. Das war im August. Nun bin ich fertig umgezogen, das Buch liegt neben mir, meine Gedanken sind ganz woanders. Z.B. bei einem Artikel in der Welt über westdeutsche Abiturienten, die in den Osten ziehen, wegen keine Studiengebühren. Wie empörend! Verallgemeinerung! Ich wollte wegen dem Osten in den Osten! (Und außerdem gab es bei uns keinen vergleichbaren Studiengang.) Deshalb blättere ich dann in "Methoden der empirischen Sozialforschung". Kurz gesagt: ich bin mit mir selbst beschäftigt.

Dann liegt dieses Buch doch wieder und immer noch da. Wie soll ich denn jetzt noch etwas über die ersten 300 Seiten schreiben, nach so viel Zeit, Mr. Pynchon? Vor allem: wie weiter lesen, wenn ich so viel wieder vergessen habe? Nehmen Sie es mir übel, dass ich wahrscheinlich so manches Detail vergessen habe? Gewiss nicht. Vermutlich wissen Sie einiges selbst nicht mehr. Ihr Buch scheint, mit Verlaub, eine Art Wettbewerbsteilnahme. Sie wollten unbedingt gewinnen. Die Aufgabenstellung lautete vermutlich etwa: Bringen Sie möglichst viele wohlklingende Details und verschrobene Personen in einer literarisch ausgelutschten Thematik (bspw. WK II) unter, ohne, dass Ihnen ein Fehler passiert oder das Buch langweilig würde.

Sternchenaufgabe (freiwillig): Platzieren Sie ein möglichst verpöhntes Weltbild (bspw. Diskriminierung der Frau) so, dass Ihre Geschichte trotzdem sympathisch herüber kommt.

Wer macht sowas? Ich meine, Herr Pynchon, wer sind Sie überhaupt? Dass Sie ein Mensch sind, das sieht man an der Widmung, für einen anderen Menschen, der 1966 durch einen Motorradunfall starb. Richard Fariña.

Ach, so einer sind Sie, Mr. Pynchon, ein Freund von so jemandem. In dem Falle...

...werde ich einfach noch einmal von vorne anfangen.

Dieser Text ist Teil eines Projekts: Wir lesen gemeinsam Pynchons "Die Enden der Parabel".

20:12 17.10.2010
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