Rauswurf statt nötiger Einstellung – Schmitt verlässt WikiLeaks

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In den letzten Wochen war es relativ ruhig um die Whistleblower-Seite Wikileaks geworden. Nach der Kritik, die Afghanistan-Papiere seien nur unvollständig von persönlichen Daten bereinigt worden und Berichten über die Missbrauchsvorwürfe gegen Gründer Julian Assange verstummten zuletzt auch die Gerüchte, intern gebe es Streitigkeiten um die Rolle des Australiers. Dass die Ruhe allerdings nicht bedeutet, dass es keine Probleme dieser Natur mehr gibt, wurde diesen Samstag deutlich, als Daniel Domscheit-Berg alias „Daniel Schmitt“ öffentlichkeitswirksam seinen Rückzug aus der Mitarbeit der Plattform bekannt gab.

In einem Interview mit dem Spiegel bemängelte er unter anderem den autoritären Führungsstil Assanges sowie dessen Konfrontation mit den USA, die kleine, länderspezifische Aufklärung in den Hintergrund treten ließe. Zudem seien Fehler bei den letzten Veröffentlichungen geschehen, aus denen keine Konsequenzen gezogen worden seien. Stattdessen habe Assange Domscheit-Berg vorgeworfen ihm, „den Gehorsam (zu) verweigern und dem Projekt gegenüber illoyal (zu) sein.“ Die einzige Reaktion der Plattform beruhte bisher darauf per Twitter zu dementieren, Domscheit-Berg habe, wie der Spiegel in seiner Vorabinformation zum Interview am Samstag schreibt, gekündigt – vielmehr sei er vor einem Monat suspendiert worden. Wie genau es zu diesem Schritt kam, bleibt daher nur einseitig kommentiert. Domscheit-Berg spricht davon, er habe Assange aufgefordert von seiner Pressesprecherfunktion zurückzutreten, solange die Missbrauchsvorwürfe gegen ihn nicht geklärt seien und deutet damit an, auf der Grundlage dieser und anderer Kritik vor die Tür gesetzt worden zu sein. Assange habe ihren Streit als Machtkampf aufgefasst. Zusätzlich merkt er an, der Australier habe seine Entlassung gegen den Willen des übrigen Führungsteams, das nicht in den Medien in Erscheinung treten will, entschieden.

Derweil läuft die Bloglandschaft heiß. Durch die Intransparenz und das Schweigen der WikiLeaks-Führungsetage, scheint Domscheit-Berg die volle Unterstützung der deutschen Internetszene zu genießen. So schreibt der IT-Sicherheitsexperte Felix von Leitner (fefe), der Rückzug lese sich im Spiegel-Interview „wie ein bedauerlicher aber nötiger Schritt“; der Rechtsanwalt Thomas Stadler bemerkt, Assange mache im Gegensatz zu Domscheit-Berg „den Eindruck eines eher zwielichtigten Zeitgenossen, mit einem ausgeprägten Hang zur Paranoia und einem Faible für öffentliche Aufmerksamkeit“ und deutet an, die Whistleblower-Plattform könne über diesem Streit zerbrechen. Markus Beckedahl geht auf netzpolitik.org gar so weit, dass er das Twitter-Dementi als „nicht gerade sympathisch“ beurteilt und daher mutmaßt, Wikileaks-Account werde „vermutlich von Assange betrieben“.

Nicht nur die Tatsache, dass hier teilweise mit einseitigen Spekulationen zu Gunsten von „Daniel Schmitt“ gehandelt wird, sondern auch, dass WikiLeaks selbst sich nicht äußert macht die Bewertung der Sachlage nicht zum ersten Mal schwierig. So erscheint es zumindest verwunderlich, warum Domscheit-Berg gerade jetzt seine Suspendierung wie auch seinen wirklichen Namen bekannt gibt und schafft damit Gerüchten Raum, wonach er durch das Interview lediglich im Nachhinein Reputation einheimsen wolle; ein Vorwurf, der bei der Betrachtung dessen, was der IT-Systemadministrator für WikiLeaks leistete (u.a. gab er seinen Job auf) jedoch nicht integer wirkt.

Zudem wird sein Kritikpunkt, dass die Plattform tatsächlich noch einiges an den eigenen Transparenz- und Qualitätsansprüchen missen lässt und Verbesserungen unbedingt von Nöten sind, wohl kaum zu leugnen sein. Domscheit-Berg selbst bemängelte intern wie im Interview nicht nur das, sondern nennt die Knappheit der (personalen) Ressourcen direkt als Ursache dazu. Dies nimmt dem Einwand den Wind aus den Segeln, WikiLeaks sei noch jung und bräuchte Zeit für seinen Aufbau. Denn wenn intern Verbesserungen blockiert werden, nützt auch Geduld mit der Plattform nichts. Auch andere Mitarbeiter, so Domscheit-Berg weiter, seien unzufrieden und wollten die Organisation verlassen. Bestätigt wird die Unzufriedenheit durch die isländische Parlamentarierin Brigitta Jonsdottir, die schon vor einigen Wochen befürwortete, Assange solle die Pressearbeit kurzzeitig jemand anderem übertragen. Stände WikiLeaks tatsächlich ein Massenexodus bevor, käme dies bei der ohnehin knappen Personallage einer mittelschweren Katastrophe gleich. Bedenklich ist außerdem, dass durch die Äußerungen Domscheit-Bergs nun der Vorwurf bestätigt scheint, Assange treffe im Zweifelsfall alle wichtigen Entscheidungen – im Notfall auch gegen den Willen der anderen Mitglieder und rationalen Kriterien zum Trotz. Auf der Grundlage, dass die Führungsperson nicht kritisiert bzw. überprüft werden darf, wäre wohl generell keine Neutralität der Plattform zu garantieren.

Dem gegenüber steht ein Aspekt, den WikiLeaks bei seiner Entwicklung zu einer „etablierten“ Organisation zurück lassen müsste. Je weniger Leute man beschäftigt, desto schneller können Entscheidungen getroffen werden, desto sorgfältiger kann man auch überprüfen, dass man sich kein Kuckuckskind ins Haus holt. Zuletzt darf nicht der Aspekt außer acht gelassen werden, dass man sich mit einer Organisation, die nur einen Vertreter hat, wesentlich schneller identifizieren kann, als wenn erst immer wieder neue Personen in den Medien vorgestellt werden müssen. Dies alles kann aber keinesfalls ein Grund dafür sein, dass sich Machtstrukturen herausbilden, wie Domscheit-Berg sie beschreibt: eine Mischung aus Einzelführung und Chaos.

In diesem Zusammenhang stellt sich nicht zuletzt die Frage nach dem Umgang mit Spendengeldern. Zwar verwaltet die Wau-Holland-Stiftung die eingehenden Spenden, gibt sie nur auf Grundlage von Belegen heraus. Und auch Domscheit-Berg spricht sich dafür aus, „Material und alle Spendengelder (sollten) bei WikiLeaks bleiben, denn beides (sei) explizit diesem Projekt zugeflossen.“ Jedoch keimt hier die Frage auf, wer tatsächlich innerhalb der Organisation das Recht hat, Gelder einzufordern. Leider habe ich für den Freitag bisher niemanden von der Wau-Holland-Stiftung erreicht, um diesen sowie andere offene Aspekte zu klären. Ich werde die Informationen hoffentlich möglichst bald nachreichen können.

Update, 28.09.2010, 11.20 Uhr

wired.com veröffentlichte gestern den Chat, in dem Assange Domscheit-Berg suspendiert. Letzterer gibt an, dass nicht er es war, der dieses Gespräch dem amerikanischen Technik-Magazin zuspielte.

Das Gespräch beginnt in der vorliegenden Version mit der Frage Domscheit-Bergs, was mit den noch nicht veröffentlichten Irak-Dokumenten geschehen solle. Assange hatte scheinbar eine Vereinbarung mit mehreren Medien getroffen, von der nur wenige wussten und die einigen zeitlich zu eng gesteckt war. Zudem monierte man intern, die Veröffentlichung würde evtl. negative Auswirkungen auf das Gerichtsverfahren um Bradley Manning haben. Dieser hatte gegenüber einem Journalisten und ehemaligen Hacker angegeben, er habe das Irak-Video an WikiLeaks weiter gegeben, woraufhin der Journalist sich an das Pentagon wandte.

Assange geht auf diese Frage nicht ein, möchte stattdessen wissen, wer der newsweek verraten habe, dass es interne Konflikte gebe. Im Grunde kann man das ganze Gespräch als einen Streit lesen, in dem zwei Menschen unaufhörlich aneinander vorbei reden und keiner nachgeben will, bevor er nicht vom jeweils anderen eine Antwort erhalten hat. Am Ende eskaliert der Chat damit, dass Assange Domscheit-Berg für einen Monat suspendiert und der im Gegenzug Assange vorwirft, sich wie ein König oder Gott aufzuführen und dabei noch nicht einmal seiner Führerrolle gerecht wird.

Update 2, 29.9.2010, 10:13 Uhr

WikiLeaks bestreitet, dass außer Schmitt weitere Leute das Schiff verlassen haben.

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Update 3, 29.09.2010, 11:33 Uhr

Zitat aus dem Tagesspiegel von gestern:

"Die Enthüllungsplattform Wikileaks könnte bald Konkurrenz aus Deutschland bekommen. Daniel Domscheit-Berg, der bisher unter dem Pseudonym Daniel Schmitt Sprecher der Organisation war, arbeitet derzeit an einem ähnlichen Netzwerk. „Ich will die Idee einer dezentralen Enthüllungsplattform weiter entwickeln“, sagte Domscheit-Berg am Montag dem Tagesspiegel."

Damit hätte sich wohl die Frage geklärt, warum er gerade jetzt mit seiner Suspendierung an die Öffentlichkeit geht, oder?

16:57 27.09.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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sachichma | Community