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Der Begriff Meningitis (deutsch: Hirnhautentzündung) bezeichnet eine Entzündung der Hirn- und Rückenmarkshäute (Meningen). Unbehandelt verläuft die bakterielle Meningitis oft tödlich, doch auch unter Therapie beträgt die Sterblichkeit je nach Art der Erkrankung 5 bis 30 %. Spätfolgen können auch Hörstörungen, Krampfleiden, Hydrozephalus, Hirnnervenlähmungen, Entwicklungsrückstand, Verhaltensstörungen, psychische Defektsyndrome und Ataxien sein. Etwa ein Drittel der Kinder mit bakterieller Meningitis behält dauerhafte Hirn- oder Hirnnervenschäden zurück. (wikipedia)

Mama, wo sind meine Beine?“ - „Kind, was meinst du um Himmels Willen?“ - „Ich spüre sie nicht mehr.“ Das erstarrt-ungläubige Gesicht meiner Mutter nur halb wahrgenommen in unbändiger Müdigkeit.

Ich war immer eine der letzten, die das Gebäude verließen. Nach mir gingen nur die Hausmeister und Putzfrauen, selten auch ein Mitglied der Schulleitung. Hinter ihnen wurde um 16 Uhr abgeschlossen, weil jemand aus für mich unerfindlichen Gründen vor einiger Zeit die Mittelalter-Laptops gestohlen hatte. Seitdem herrschten verschärfte Sicherheitsvorschriften, über die ich nur lachte. Hätte ich gewollt, jeden Nachmittag wäre ein Beamer verschwunden. So aber musste ich aufpassen, dass ich mich, konzentriert arbeitend, nicht aus Versehen einschließen ließ. Nur an einem Tag der Woche bestand die Gefahr nicht. Montags abends hatten wir Orchesterprobe. Nur ich war noch da, wenn die Putzfrauen gingen, schon da, wenn das erste Cello eintrudelte. Ich war immer da. Direkt zum Bahnhof zu laufen lohnte sich bei nur stündlich verkehrenden Regionalbahnen oft nicht; an Montagen wäre ich kaum zu Hause gewesen, nur, um wenige Minuten später zur Fiedelsession zurück zu kehren. Aber ein gutes Verhältnis zu den Reinigungskräften öffnete auch verbotene Computerräume (Administratorberechtigung, mein bist du) und damit die Möglichkeit in der vollkommenen Stille eines riesigen Gebäudes nach Wahl für sich oder mit der Welt verbunden zu sein. Während ich so eine Montagspause ausfüllend meiner Online-Sucht frönte, klopfte eine Reinigungsdame bei mir an und fragte leicht irritiert, ob ich mal schauen könnte? Im Aufenthaltsraum der Oberstufe sei noch jemand, und sie müsse doch jetzt abschließen...

Ich will hier weg. Bitte. Ich will hier weg. Die Türen sind immer zu. Hol mich nach Hause.“ Das ernste Gesicht meines Großvaters. „Kind, das geht nicht. Sie wissen nicht, was du hast.“ - „Wo ist Mama?“ - „Das geht gerade nicht. Deine Schwestern brauchen sie auch, weißt du.“ Meine Hände weit über meiner Nase, zusammen an die dicke, grüne Glastür gepresst.

Als ich den Raum betrat, ertönte ein lautes Schnarchen. Sie war auf dem roten Ledersofa eingeschlafen, ihre bunte Jacke wie eine Decke über sich ausgebreitet. Ich konnte mich kaum beherrschen nicht loszulachen. Typisch. Wahrscheinlich war sie nachts genauso lange wach wie ich, weil sie mit ihrem indischen Freund redend die Zeit vergaß. In der Stufe sprach man teils verächtlich über sie; natürlich. Sie versuchte auch gar nicht erst normal zu sein. Warum sie allerdings nach dem Unterricht hier eingeschlafen war? Vielleicht hatte sie sogar ihre gesamten Nachmittagsstunden im Traumland verbracht? Erfahren sollte ich das nie. Ich weckte sie, sie erklärte mir wirr dies und das, sagte tausend Mal danke, als sie begriff, wo sie sich befand, wer ich und wie spät es war; verschwand auf mein Anraten, bevor die Eingangstür für die nächsten zwei Stunden geschlossen sein würde und sie durch das ganze Gebäude laufend den ewig verschwunden Hausmeister suchen müsste. Beinahe draußen rief sie mir noch zu, ich solle mich auch mal um mich kümmern, nicht nur um andere. Laut lachend kehrte ich an den Computer zurück.

Ich esse nicht, ich trinke nicht, auch, wenn ich den Tropf hasse, kann ich nichts herunterwürgen. Wie lange habe ich mit den Schwestern diskutiert? Antworten geben sie nicht. Nur eins: Ab morgen werde ich nur noch auf dem Rücken liegen dürfen. Gefängnis. Es wird von Tag zu Tag schlimmer, die Abstände, in denen das Motorrad unten vorfährt länger. Die Kinder hier, obwohl so alt wie ich oder gar älter, sagen mir nichts. Einsam.

Kurze Zeit später warf sie die Schule hin und ging endgültig nach Indien um dort eine Ausbildung zu beginnen. Ich unterhielt mich ausführlichst mit meiner Mathesitznachbarin, ihrer besten Freundin, darüber und kam trotz deren Bedenken und den wütenden Blicken meines Lehrers zu dem Schluss, sie habe alles genau richtig gemacht. Natürlich war Indien gefährlicher als Deutschland. Aber sie ging ihren eigenen Weg, hatte das sinnlose Schulbankdrücken zwischen all den Ja-Sagern aufgegeben und machte nun das, woran sie Freude hatte. Während meiner Englisch-Abiturprüfung dachte ich fröhlich daran, dass sie uns alle jetzt auslachen konnte. Was sie uns unselbstständigen Kindern doch voraus hatte...

In diesen zwei Wochen, diesem schwülen Hochsommer, in denen ich glaubte keine Beine zu haben und aufhörte Apfelsaft zu trinken, verlor ich mein Vertrauen in große Häuser mit Geruch nach Desinfektionsmittel. Hätte meine Mutter nicht auch nach mehr als einer Woche sinnlosem Herumdocktern auf der Überprüfung ihrer Vermutung - Meningitis durch Zeckenbiss - bestanden, hätte ich wenn nicht den Tod mindestens einen mittelschweren Gehirnschaden davon getragen. Mein Misstrauen Medizinern gegenüber habe ich nie abgelegt. Jedoch, wären sie nicht gewesen, wäre ich jetzt nicht hier.

Gestatten: Weiblich, blond, beinahe 20, unverwechselbar arrogant. Lebendig. Bis auf eine leichte Grippe: Gesund.

Sie hatte dieses Glück nicht. Dieser Montag wird ein anderer sein. Um die Uhrzeit, um die ich sie vor ziemlich genau einem Jahr weckte, werde ich nur die sie bedeckenden Blumen sehen, die so bunt sind wie ihre Jacke.

Weiblich, rot gefärbte Haare, 20, unverwechselbar verwirrt. Tot.

Mir ist schlecht.

04:01 05.06.2010
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