Unplugged: Frustriert, gelangweilt, einsam?

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Jugendliche scheinen laut einer neuen Studie unfähig, 24 Stunden ohne Medien zu leben. Damit werden die Befürchtungen vieler endgültig zitierfähig gemacht.

Es hört sich schlimm an und scheint sämtliche Befürchtungen zu bestätigen. “Erste Ergebnisse der weltweiten Studie "Unplugged" geben zu denken” schreibt chip.de, mit “Langeweile und Fressattacken” untertitelt die ZEIT ihren Artikel zu der im Sommer angelaufenen weltweiten Studie über Jugendliche, die für 24 Stunden auf ihre gewohnten Medien verzichten sollen. Einzig das Festnetztelefon dürfen sie noch benutzen. Und Telepolis übertitelt seinen Artikel suggestiv mit “Frustriert, gelangweilt, einsam...”, um dann darauf hinzuweisen, dass in den Ergebnissen der Studie eine "Information Deprivation Disorder" gesehen werde, eine neue Verhaltensstörung bei Jugendlichen.

Allein dieser kurze Absatz könnte bereits in mehrfacher Hinsicht stutzig machen. Beginnen wir mit dem offensichtlichsten: die Studie ist im Sommer angelaufen. Die bisher bekannt gewordenen Ergebnisse sind alles andere als repräsentativ. Von den insgesamt tausenden Teilnehmern befinden sich zur Zeit nur auf der Seite der u.a. beteiligten Bournemouth University Berichte von nicht einmal 125 Personen. Im Vergleich: die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder, allein durch die beschränkte Anzahl an Disziplinen und die östliche Lage eine recht kleine Uni, hatte im Sommersemester 2010 6.016 Studenten. Im Vergleich handelt es sich also bei der veröffentlichten Zahl der Berichte bloß um ein 48stel oder ca. 2% einer einzigen, kleinen Universität.

Eine weitere Auffälligkeit ist, dass wir es hier ausschließlich mit Studenten zu tun haben. Zwar ist der englische Begriff “students” durchaus auch auf Schüler ausdehnbar; praktisch werden an den Untersuchungen der BU, die die einzige britische Teilnehmerin der Studie ist, lediglich Studenten teilgenommen haben. Die Studiengebühren für undergraduates betragen dort £3,375, was für britische Verhältnisse noch relativ im Rahmen liegt. Aber allgemein dürfte bekannt sein, dass in Großbritannien die Auswahl derer, die studieren, noch elitärer ist als hierzulande und weit vor der Sorge um Studiengebühren bereits mit der Auswahl der entsprechendne (Privat-)Schule beginnt. Man müsste also – zumindest für die britischen Ergebnisse – bereits Einschränkungen vornehmen. Es wird also keineswegs ein repräsentativer Querschnitt unter allen Jugendlichen erfasst, sondern nur von Studenten (ob man hier überhaupt noch von Jugendlichen im klassischen Sinne reden kann, sei dahingestellt) aus vermutlich relativ betuchten Haushalten. Aber diese Einschränkungen genügen noch nicht.

Liest man die sogenannten Blogeinträge, die bereits online sind, so fällt auf, dass es sich hier ausschließlich um Studenten mit Schwerpunkt Kommunikation, Medien, Marketing handelt, die ihr Studium gerade erst aufgenommen haben. Was liegt näher, als dass eben jene Studenten natürlicherweise eine höhere Affinität zu Medien aufweisen als es wahrscheinlich der durchschnittliche Physik- oder Sportstudent tut – einmal ganz abgesehen von dem Schwachpunkt jeder Studie, dass höchstwahrscheinlich eher jene Menschen daran teilnehmen werden, die sich in irgendeiner Art und Weise für das Thema bereits interessieren. Allein bis zu diesem Punkt, der sich allein mit technischen Einschränkungen beschäftigt, muss man zumindest die bisherigen Ergebnisse nicht nur relativieren, sondern komplett ignorieren.

Die dort gezogenen Schlussfolgerungen und zumal Bewertungen lassen sich jedoch auch inhaltlich kritisieren. Selbst wenn die Studie schließlich international zu dem Ergebnis kommen sollte, dass Jugendliche Handy, mp3-Player und Internet als nicht mehr verzichtbar einstufen, sich ohne sie gar einsam fühlen, ist dies weder abnormal noch muss es ein Zeichen von Mangel an natürlicher Kommunikationsfähigkeit sein. Eher im Gegenteil. Wer viel im Internet unterwegs ist, wer Zeitungen und Blogs liest, wer über sein Handy mit seinen Freunden in Kontakt ist, weist einen extrem hohen Grad an Kommunikationsfreude und Diskutierdrang auf – und befriedigt ihn, indem er jene Mittel nutzt, die ihm die Moderne zur Verfügung stellt. Niemand käme heute mehr auf die Idee sämtliche Strecken mit dem Wanderstab zurückzulegen, nur, weil man dabei ein besseres Gespür für die Natur bekommt - was den Sonntagsspaziergang jedoch auch heute nicht ausschließt. Lediglich zu Fuß aber würde man sich selbst aus seiner Gesellschaft und dem dazugehörigen Leben ausgrenzen. Daher sind wir natürlich auch abhängig von Auto, Bahn, wie auch von Strom und Waschmaschine.

Jungen Studenten, die sich für die als brotlos geltenden Kommunikationswissenschaften oder für Englisch eingeschrieben haben, ihr bevorzugtes Kommunikationsinstrument wegzunehmen und daran, dass sie es dann vermissen, festzumachen, dass “die Jugend” schwer krank und süchtig sei, ist dementsprechend absurd.

Unsere Gesellschaft fußt zudem zunehmend auf diesen Medien, die viele Vorteile mitbringen. Medien sind wortwörtlich das Mittel zwischen uns und anderen Menschen; und dass wir soziale Wesen sind, die Kontakt brauchen, wird wohl niemand bezweifeln. Man kann insofern nur davor warnen, solche Extremsituationen, wie der künstliche Enzug aller gewohnten Kommunikationsmittel an einem einzigen Tag, umstandslos als Krisensituation auszulegen.

Trotzdem. Die Reaktionen, die diese Studie auch im weiteren Verlauf mit sich bringen wird, sind wahrscheinlich die gleichen, die auch bei Aufkommen des Fernsehens, der Eisenbahn und der Nutzung des Feuers auftauchten, nur, dass man nun meint, sie wissenschaftlich abgesegnet zu haben. Hoffen wir also sehr, dass die Rezipienten Max Webers Unterscheidung von Sachurteilen und Werturteilen beherzigen und im Einzelnen zu unterscheiden wissen zwischen empirischen Ergebnissen und den Urteilen, die subjektiv damit begründet werden.

--- **stilistische Änderungen/Verbesserung von inhaltlichen Undeutlichkeiten am 10.01. um 16 Uhr vorgenommen. Ich danke oranier für das Korrekturlesen.

04:14 10.01.2011
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