Wie baut man eine Whistleblower-Plattform?

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WikiLeaks erscheint intransparent. Assange sieht sich als einzigen Entscheidungsberechtigten. Und Daniel Schmitt wirft hin. Welche Ansprüche kann, darf und muss man an eine Organisation wie WikiLeaks und seine Mitarbeiter stellen?


Vor einigen Wochen tauchten zehn Thesen im Netz auf. Darin beschäftigen sich Geert Lovink vom Institute of Network Cultures und Patrice Riemens vom De Waag Center for Old and New Media theoretisch mit der Whistleblower-Plattform, eine Handlung, die dringend nötig erscheint, in Zeiten, in denen sich das allgemeine Interesse mehr um die Mitarbeiterrollen als um das Projekt selbst dreht. Das Lob, das von vielen Seiten an die Autoren erging, ist also in Anbetracht des Vorhabens durchaus berechtigt. Vollkommen enthusiastisch dürfen sie allerdings nicht betrachtet werden, dazu greifen sie teilweise zu kurz und gehen m.E. thematisch zu sehr durcheinander.

Versuch einer Neustrukturierung.

I. Notwendigkeit von WikiLeaks im Informationszeitalter (Thesen 1, 4 und 10)


Die Verfasser der Thesen gehen generell davon aus, dass WikiLeaks oder ein Pendant dazu heutzutage deswegen (und hauptsächlich darin läge bisher WikiLeaks Bedeutung) notwendig sind, weil sonst die immer weiter zunehmenden Datenberge nicht bewältigt werden können. Dabei sei die Rolle von WikiLeaks bisher nicht richtig klar geworden: will man verarbeitete Inhalte oder Daten veröffentlichen? Die Verfasser selbst sprechen an, dass man WikiLeaks sowohl als politisches Projekt – das dann auch schon in seiner jetzigen Form kritikabel wäre – oder als Pilotprojekt betrachten kann.

Einmal ganz davon abgesehen, dass man ein Projekt in jeder seiner Phasen oder Formen kritisieren oder loben kann, liegt die Bedeutung der Plattform wohl nicht allein auf der Bewältigung großer Datenmengen. Vielmehr ist mit WikiLeaks ein präsenter Dienstleister geschaffen, an den man sich unabhängig von den Gnaden einer großen Zeitung wenden kann, denn es gibt die Garantie, dass alle Dokumente, sofern sie für die Öffentlichkeit von Bedeutung sind, veröffentlicht werden. Zudem gibt es in vielen Ländern, und damit sind nicht nur Diktaturen sondern bspw. auch Großbritannien gemeint, Pressegesetze, die die Berichterstattung zu bestimmten Themen unterbinden. Geht man davon aus, dass WikiLeaks einen sicheren Hafen in einem Land wie Schweden oder Island findet, bieten sich somit ganz andere Möglichkeiten auch für einen internationalen Bekanntheitsgrad. Andersherum bietet die zentrale Lagerung für Interessierte und Berichterstatter einen vereinfachten Zugang zu Quellenmaterial. Dies vereinfacht den investigativen Journalismus erheblich und enthebt ihn einer zeitraubenden Aufgabe. Dies erhöht im besten Falle die quantitative Rate der Königsklasse des Journalismus. Eine solche Ersparnis scheint in der Zeit von billigem Copy & Paste Journalismus unabdingbar. Die Thesen sprechen einen ähnlichen Punkt an, mehr dazu unter III.

II Organisationsstruktur (Thesen 2,3,5)

WikiLeaks sei mit seinen wenigen hauptamtlichen Mitarbeitern zu klein und die Zahl der mehreren hundert Helfer sei unrealistisch. Dadurch wie auch durch die Abhängigkeit von der Popularität einer einzelnen Führungsperson, die zwar den Wiedererkennungswert steigere, sei die Zukunftsfähigkeit der Plattform unsicher. Der Eindruck des möglichen (nahen) Endes werde dadurch verstärkt, dass man eine dramatisch inszenierte „Versicherungsdatei“ auf der Homepage deponiere. Und auch die Garantie der Sicherheit sei doch nicht allein dadurch garantiert, dass bisher nichts passiert sei. Ein weiterer Nachteil sei das Selbstbild das WikiLeaks vermittle: Die Organisation sei nicht nur idealistisch, sondern gleichzeitig auch elitär. Dies degradiere Gleichgesinnte zu reinen Konsumenten statt zu Mitarbeitern.

Die Kritik, die hier geäußert wird, ist in Teilen richtig, aber in Teilen auch unfair formuliert. Ruft man sich vor Augen, wie WikiLeaks seine Entstehung beschreibt, wird wohl kaum zu bezweifeln sein, dass es eine einzelne Person war, die die Hauptidee hatte, Pläne entwarf und begann diese umzusetzen. Diese Person muss nach und nach Mitstreiter gewinnen und ihre Organisation vergrößern, Strukturen daran anpassen und zur Sicherung dieser Strukturen Überprüfungsinstanzen und schließlich auch Transparenz schaffen. Groß werden und mehr Mitarbeiter rekrutieren kann man allerdings nur, wenn man auch wirklich wahrgenommen wird. Die eine Aktion bedingt die nächste Reaktion. Man kann versuchen, diese Entwicklung möglichst simultan laufen zu lassen, dies ist aber extrem schwierig bis unmöglich.

Natürlich ist es an der Zeit, dass bei WikiLeaks mehr Transparenz einkehrt. Nur braucht man dafür nicht nur jemanden, der den Willen hat, dies umzusetzen, sondern auch Geduld. Vor Erscheinen der Thesen stand noch nicht der Vorwurf im Raum, dass Verbesserungen bei WikiLeaks nicht gern gesehen seien; eher erweckte Daniel „Schmitt“ einen anderen Eindruck. Auf dieser Grundlage wie auch auf der, dass sie selbst zu Beginn feststellen, dass man WikiLeaks als Pilotprojekt ansehen kann (ich würde so weit gehen zu sagen: ansehen muss) sind die daraus gezogenen Konsequenzen (z.B. Unwahrscheinlichkeit der Überlebensfähigkeit) höchst unfair und tragen eher dazu bei, dass die Plattform möglichst zeitnah kaputt geschrieben wird.

Zudem ist die Leitung einer Organisation, gleichgültig welcher Art, immer mit Problemen behaftet. Baut man sie basisdemokratisch auf, sind alle Mitglieder gleichwertig, muss es ein Team geben, dass sich seiner Ziele bewusst ist bzw. das überhaupt gleichlautende Ziele hat. Beginnen nur wenige Personen zu versuchen ihre eigenen Interessen durchzusetzen, ist das ganze Projekt gefährdet sich haltlos zu zerstreiten. WikiLeaks hat ein Advisory Board, das aus mehreren Personen besteht. Dies ist eine durchaus gute Lösung. Solange dieses Advisory Board zusammen entscheidet bzw. die Entscheidungen einer Person überprüft hat und das Recht hat diese im Fall der Fälle zu revidieren, dürfte die Organisation laufen. Dies scheint bei WikiLeaks noch nicht ganz zu klappen, aber die Struktur ist schon einmal theoretisch vorhanden.

Die Degradierung der WikiLeaks-Nutzer zu reinen Konsumenten und „Fans“ hat mich recht stutzig gemacht, bietet doch eine Plattform wie WikiLeaks im Gegenteil die Möglichkeit für jeden einzugreifen. Er kann, zumindest theoretisch, sich sowohl mit der Beschaffung, der Veröffentlichung oder schließlich mit der Verarbeitung der Veröffentlichungen beschäftigen. Reine Konsumenten sind wir doch eher momentan, da wir nicht das Material vorgesetzt bekommen, sondern nur das verarbeitete journalistische Produkt. Wir müssen glauben oder nicht glauben – das ist Konsum.

III Anspruch an WikiLeaks – von außen und innen (Thesen 6, 7, 8)

Einerseits, so die Autoren der Thesen, versuche WikiLeaks auf dem selben Parkett zu spielen wie Regierungen, andererseits wisse man nicht, inwiefern das Gelingen dieser Taktik nicht eher von einem momentanem Hype sowie der Tatsache profitiere, dass die USA ohnehin gerade ihre Weltmachtposition mehr und mehr einbüße. WikiLeaks habe sich daher erst dann profiliert, wenn es auch in anderen Ländern (bspw. in Asien, Afrika) funktioniere. Davon abgesehen bliebe zumeist im Unklaren, wohin WikiLeaks steuert: Welches sind die Ambitionen? Die Grundsätze? Verändern sich diese von Projekt zu Projekt, bleiben also "flüssig"?

Obwohl die Autoren dies selbst so definieren, bemängeln sie an anderer Stelle, WikiLeaks sei zwar ein vielversprechender Seiteneinsteiger in das wenig beackerte Feld des investigativen Journalismus, aber es erfülle nur eine, maximal zwei der drei Elemente dieser Disziplin: Fakten beschaffen, diese gegenchecken und dann in einen für den durchschnittlichen Leser verständlichen Kontext bringen. Immer wieder kommt die Kritik auf, WikiLeaks werde zu sehr aufgebauscht, es mache sich durch Video-Inszenierungen wie die Zusammenarbeit mit drei berühmten Zeitungen wichtig und veranstalte einen Hype um Julian Assange. Sicherlich ist das alles richtig. Nur weiß auch derjenige, der jemals versucht hat, für ein Projekt, eine Partei, eine Aktion Unterstützung zu gewinnen oder etwas durchzusetzen, dass es leider Gottes ohne einen gewissen Hype sowie eine funktionierende PR-Maschinerie einfach nicht funktioniert.

WikiLeaks hat über die ersten zwei bis drei Jahre seiner Existenz hinweg versucht, erstens mit sehr wenig Informationen über seine Mitarbeiter zu handeln, das hat in der personenversessenen Medienlandschaft nicht funktioniert (siehe mein sehr langer Kommentar hier). Zweitens hat man auch mit kleineren, weniger prestigeträchtigen Projekten begonnen, aber dann ging langsam das Geld zuneige. Wieder war der Zwang, Aufmerksamkeit für Spendengelder zu generieren, unausweichlich. Die Medienlandschaft ist relativ verlogen. Versucht jemand integer auf seine Aktionen aufmerksam zu machen, ist dies keine Story wert. Heischt er aber Aufmerksamkeit, wird er früher oder später genau deswegen nieder geschrieben. Die Mitte zu finden ist extrem heikel und hängt auch davon ab, ob die entsprechenden Reporter oder prominente Blogger entweder gelassenen Blickes oder gar wohlwollend auf ein Projekt blicken, das erst in den Kinderschuhen steckt. Ansprüche sollten daher in dieser Phase zurück gesteckt werden. Das heißt nicht, dass man sie fallen ließe, im Gegenteil. Aber alle Beteiligten müssten wesentlich behutsamer werden und weniger an sich selbst und ihren persönlichen Erfolg (Schlagzeilen) denken, damit schließlich alle profitieren.

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WikiLeaks muss klären, inwiefern es investigativen Journalismus betreiben will, oder „nur“ die erste Stufe abdecken. Denn Fakt ist und bleibt, dass diese Art der Reportage mehr Zeit und Geld in Anspruch nimmt. Für eine funktionierende Demokratie ist sie aber unabdingbar. Vielleicht sollten die über WikiLeaks Philosophierenden, gleich, ob sie aus der Netz-Szene oder dem Journalismus stammen, einmal darüber nachdenken, inwiefern WikiLeaks oder eine gleichgeartete Organisation ihnen doch die Arbeit erleichtern könnte und dementsprechend versuchen, der Organsation bei der Entwicklung ihrer Ziele unter die Arme zu greifen.

Credit Startseitenfoto: (Ricardo Jose/Flickr)

17:22 28.09.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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sachichma | Community
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