In Portugal ist Europa anders

Gesellschaft Europa fühlt sich anders an in Portugal, aber irgendwie auch nicht. Versuch einer Liebeserklärung.
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Wenn es um „Europa“ geht, wurde Portugal oft vergessen. Am westlichsten Ende Europas gelegen, direkt am Atlantik, scheint es für viele Menschen zu weit entfernt als dass es auf der europäischen Landkarte ein Fixpunkt wäre. Dabei ist es doch so schön in Portugal. Nicht nur wegen der Algarve und Cristiano Ronaldo.

Durch die Wirtschaftskrise des neuen Jahrtausends und ihren weitreichenden Folgen, kam das Land dann doch zu mehr europäischer Aufmerksamkeit. Leider nicht unbedingt im positiven Sinn. Ähnlich wie Griechenland, Italien und Spanien, wurde Portugal eines der Sorgenkinder Europas. Oder besser der Europäischen Union. Diese vier Länder, kurz GIPS-Staaten, taten sich am Schwersten mit der Bewältigung „der Krise“ (oder tun es immer noch). Unfair behandelt fühl(t)en sich viele PortugiesInnen. Besonders von Deutschland, dem wirtschaftlichen „Alles-bestimmer“. Und ja, zu den größten Arbeitgebern in Portugal zählen deutsche Unternehmen, wie Lidl und Bosch. Die, zugegebenermaßen, kritisch betrachtet werden können.

2017 änderte sich der europäische Blick auf Portugal, zumindest fühlten das viele PortugiesInnen so. Salvador Sobral gewann den Eurovision Songcontest – ich war dabei als er am Flughafen in Lissabon landete, am Tag nach seinem Sieg. Eine riesige Menschenmenge wartete dort und rief immer wieder „Purtugal, Purtugal“ (die portugiesische Aussprache von Portugal). Dabei war ich eigentlich nur dort, um jemanden abzuholen. Erst dachte ich der Ansturm gilt Papst Franziskus, weil er nach Fátima kommen sollte. Bis mir klar wurde, dass dafür niemand so enthusiastisch „Portugal“ als Begrüßung rufen würde. Ein bisschen beängstigend fand ich das schon. Es klang so einheitlich und stolz, das fand ich ein bisschen suspekt. Dann fiel mir ein, dass der Papst zu der Zeit ja bereits im Lande war. Außerdem hatte ich den Songcontest am Abend zuvor gesehen und mich sogar ein bisschen gefreut, weil mein Lieblingsland (in dem ich gerade verweilte) dadurch positive Aufmerksamkeit bekommen würde. Das war mir nicht so suspekt. Auch der Papstbesuch sorgte für positive Aufmerksamkeit und im Fußball lief es ebenfalls rund – da versammelten sich Massen am Praça do Marquês de Pombal, einem großen Platz in Lissabon, um zu feiern. Angeblich waren an die 500.000 Menschen dort. Die offizielle EinwohnerInnenzahl der Stadt beläuft sich auf etwa 545.000. Was da fußballtechnisch genau gefeiert wurde, wusste ich damals nicht, man möge mir verzeihen. Fußball ist nämlich der Lieblingssport vieler PortugiesInnen.

Das war alles im Mai 2017. Eine positive Stimmung legte sich über das Land. Man konnte die Hoffnung und Aufbruchsstimmung ein bisschen spüren.

Und ich fragte mich auch im Rahmen meiner Forschung für meine Masterarbeit, wegen der ich in Portugal verweilte: Warum fühlt sich in Portugal alles etwas anders an? Man muss hier vorausschicken, dass diese Frage natürlich viel zu komplex ist um konkret beantwortet werden zu können.

Das Wetter ist schön. Das Meer ist fast überall präsent, in Portugals Hauptstadt, Lissabon, ist alles bunt und weiß und fröhlich. An der Algarve fühlt man sich wie in der europäischen Karibik. Im Norden verzaubert die Stadt Porto mit eigenem Charme - hier wurde J.K. Rowling zu ihrem literarischen Lebenswerk inspiriert. Und auch das Hinterland und Portugals Inseln haben ihren Reiz. Die Menschen wirken distanziert aber freundlich. Alles ist etwas ausgelassener, irgendwie. Kann man auch sein, wenn man oft die Sonne sieht. Nicht so wie da wo ich herkomme. Da ist sie Mangelware und Regen Dauergast. Außerdem ist es viel zu lange und oft kalt und es gibt kein Meer in der Nähe. Das der Gesundheit übrigens auch guttut, nicht nur mental.

Dafür gibt es in Portugal weniger Geld. Auch wenn sich die Lage seit dem Wirtschaftseinbruch wieder zu stabilisieren scheint, ist es vor allem für junge Leute schwierig Arbeit zu finden. Ins Ausland zu gehen liegt daher nahe – insbesondere England scheint es jungen PortugiesInnen angetan zu haben. Wie das wohl in einiger Zeit aussieht, frage ich mich, wenn der Brexit durch ist? Falls er je durch ist. Trotzdem: im Ausland bleiben wollen sie eigentlich nicht, die jungen PortugiesInnen, denn in Portugal ist es ja eigentlich sehr schön finden sie. Und ich will das gerne bestätigen.

Ein bisschen Schwermut hängt aber immer in der portugiesischen Luft. Die sich am Treffendsten mit dem portugiesischen Wort „saudade“ beschreiben lässt. Sehnsucht nach Vergangenem, ein melancholisches Gefühl, ein bisschen wie Liebeskummer. Zumindest wurde versucht mir das Gefühl so zu erklären. Aber richtig fühlen können das wohl nur die PortugiesInnen. Oder ich, jetzt wo ich nicht mehr in Portugal lebe.

Noch etwas ist anders in Portugal: Die Politik. Bis 1974 war Portugal eine Diktatur, irgendwie merkt man es ab und an noch. Die Menschen wirken nicht so als würden sie auffallen wollen. Man ist distanziert und vorsichtiger in der Annäherung. Trotzdem stets höflich und freundlich. Die jetzige Regierung ist „links“, auch wenn alles recht kompliziert ist. Großes Vertrauen in die Politik haben die PortugiesInnen angeblich nicht. Das kennt man aber auch vom restlichen Europa.

Wirklich rechte Komponenten gibt es in Portugal politisch aber nicht, zumindest sind sie nicht sichtbar. Das ist also nicht wie in anderen EU-Ländern. Und in Portugal wollen die links-linken Parteien den EU-Austritt, das ist aber mehr eine Muss-Einstellung als konkrete Forderung, wurde mir erklärt. Das ist also auch etwas anders als im „europäischen Rest“, wo es schon konkretere Zugänge zu EU-Austritten gibt. Stets von rechts. Die ja teils sogar schon fruchteten. Im restlichen Europa gibt es auch Premierminister, die die EU verteufeln, sich nicht an EuGH-Urteile halten wollen, die EU-Subventionen aber trotzdem gerne annehmen und rechtsradikale Auswüchse im Land gefühlt einfach hinnehmen. Da ist es am anderen Ende Europas noch anders.

Lissabon ist Portugals Herz. Eine bunte, lebendige Stadt – an vielen Ecken merkt man jetzt, dass es „hip und modern“ wird, auch wenn an anderen Stellen die Stadt langsam vor sich hin verfällt. Auch das macht Lissabon so schön anders. Start-Ups und wirtschaftliche Innovationen prägen die wirtschaftlichen Entwicklungen. Man hat jedenfalls das Gefühl, irgendwas tut sich. Das Wetter, die Geografie und Lebenslaune könnte in Portugal kaum besser sein. Und wirtschaftlich scheint es auch bergauf zu gehen. Kommt bald der Neoliberalismus und frisst auch Portugal auf? Oder hat er das eigentlich schon? Eigentlich will ich das gar nicht so genau wissen.

Und am Ende habe ich auch keine wirkliche Antwort, warum sich in Portugal alles irgendwie schöner anfühlt und irgendwie auch nicht.

15:18 11.09.2017
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Geschrieben von

Cat_Whatever

Gesellschaft, Soziologie, Lesen, Katzen
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