Positive Aspekte der Angst

Angst Juliana H.(18) hat Spundus. In wenigen Tagen hat sie Mathematik-Matura. Ihre KlassenfreundInnen versuchen, mit Notfalltropfen die Angst zu betäuben.
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Sie indes grübelt: Werden meine Unruhe und das Zähneklappern wie üblich schon zu Hause einsetzen? Was, wenn alle vor mir abgeben? Werde ich wieder rot anlaufen wie schon einmal? Soll ich besser Make-up auftragen und einen Rollkragenpullover anziehen, um meine Scham zu verstecken?

„Stopp!“, sagt die Wienerin dann, legt ihre Hand auf die Bauchdecke unterhalb ihres Nabels, atmet tief ein und aus und spürt in ihren Körper hinein. Mit jedem Atemzug füllt sie ihren inneren Raum und verbindet sich mit der universellen Stille, die in ihrer Vorstellung jenseits des Lärms der sich verselbstständigt habenden Gedanken- und Gefühlsbewegungen liegt. So erfährt sie Ruhe und Frieden in sich, während sich ihre Sorgen nach und nach verflüchtigen.

Diese Bauchatmung, die an das buddhistische „Sich-gewahr-Werden“ erinnert, hat Juliane bei ihren Hobbys Singen und Tanzen gelernt. Sobald sie sich beim Luftholen zuhört, dehnt sich mit dem Bauch- und Brustraum auch ihr Bewusstsein und bringt wieder alles ins Fließen. „In diesem Flow-Zustand, in den wir gelangen, wenn wir vollständig im Tun aufgehen, findet die Persönlichkeit wieder Zugang zu ihren Ressourcen“, erklärt Psychotherapeutin Brigitte Ettl. Julianas Furcht, „andere zu enttäuschen und die Anerkennung der Lehrer zu verlieren“, verfliege und heile auch den da­runterliegenden Schmerz – „das Gefühl der Ablehnung“.

„Das Spektrum der Angst reicht von Unsicherheit über Panik bis Todesangst. Jedes dieser Gefühle enthält aber Hinweise auf einen möglichen persönlichen materiellen und emotionalen Wertverlust“, sagt Ettl. Im Krankheitsfall könne man „Mobilität und Unabhängigkeit“ verlieren, bei Scheidungen den „Kontakt zu den Kindern und das Gefühl der Liebenswürdigkeit“. Im Fall von Jobverlust stünden der „soziale Status, Sinn, Perspektive und Bewunderung“ auf dem Spiel. Dasselbe gelte für schulische Leistungen.

Neben „intellektueller Einsicht“ sei im Umgang mit Angst „intuitives Erspüren und Geduld“ essenziell, schreibt die deutsche Diplompsychologin Doris Wolf in ihren Ratgebern. Denn es dauere, bis sich „Widersprüche zwischen Kopf und Bauch“, die wir als mulmiges Gefühl wahrnehmen, auflösen und beide übereinstimmen. Erst dann ließen sich neue Gewohnheiten etablieren.

Juliana ist gerade dabei. Seit ihre Eltern nicht mehr so viel Zeit hätten, um mit ihr zu büffeln, gebe sie sich selbst die nötige Sicherheit, sagt sie. Zum einen indem sie „Gemeinschaft“ sucht, zum anderen durch eine „veränderte Einstellung“ zu sich und ihren Ansprüchen. Auf ihre Reifeprüfung bereitet sie sich mit KollegInnen vor. Und statt Leistungsdruck und Noten überzubewerten, lebt sie neuerdings nach ihrer Devise „Durchkommen ist alles“.

20:19 11.09.2018
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Geschrieben von

Catarina Bergmann

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