Söldner oder Vorbild

Nationalhymne Während von Möchtegernexperten die Fußballspiele detailliert analysiert werden, lohnt es sich auch, die Minuten vor dem Spiel zu untersuchen - sie werfen Fragen auf.
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Es ist immer das gleiche Bild und ergreifender Moment. Kurz bevor der Schiedsrichter ein WM-Spiel der deutschen Nationalmannschaft anpfeift wird unsere Nationalhymne gespielt. Am Spielfeldrand sieht man Jogi uns sein Team singend Arm in Arm mit den Reservespielern. Auf der Tribüne stehen die Funktionäre von ihren bequemen Sitzen auf und singen stolz "Einigkeit und Recht und Freiheit für das Deutsche Vaterland". Die mitgereisten deutschen Fans singen sowieso. Auf den Fanmeilen überall in Deutschland beim Public Viewing erbebt sich ein schwarzrotgoldener fahnenschwenkender Chor. Aus tausenden Kehlen wir die deutsche Nationalhymne gesungen. (siehe die vielen Videos auf Youtube). Das hat Gänsehautcharakter.
Die Kamera zeigt unsere 11 Nationalspieler einzeln in Großaufnahme. Sie beginnt links und zeigt als erstes Özil. Er starrt geradeaus, keine Lippe bewegt sich. Er sing nicht mit. Ein Laie könnte meinen er ist ein Spieler der gegnerischen Mannschaft. Gleich danach zeigt die Kamera Sami Khedira. Ebenfalls blickt er stumm und reglos geradeaus. Gleiches gilt für Boateng. Erst als die Kamera Müller ins Bild bringt sieht man den ersten Spieler singen. Müller kennt jeder, also ist es doch die deutsche Nationalmannschaft die im Bild ist. Die Kamera zieht an weiteren Spielern vorbei: Schweinsteiger, Mertesacker, Kroos, Hummles Neuer und Lahm. Sie alle singen mit. Sie alle haben einen deutschen Pass und sind damit Deutsche genau wie Özil, Boateng und Khedira. Aber warum singen die beiden nicht mit ?
Was ist es, was in den Köpfen von Özil und Khedira vorgeht? Fehlt es am Zugehörigkeitsgefühl? Eine Hymne verbindet. Fühlt sich Boateng nicht mit Deutschland verbunden? Warum spielen Sie für Deutschland Fußball? Sind sie Söldner, spielen sie nur für Geld und Karriere? Boatengs Bruder spielt für Ghana. Özil entschied sich für Deutschland, und nicht für die Türkei. Warum solidarisiert er sich nicht mit den Millionen Fans am Fernseher oder auf den Fanmeilen und singt die deutsche Hymne? Es würde ein Zeichen der Integration sein, ein Zeichen der erfolgreichen Integration.
Eine Weltmeisterschaft ist nicht die Bundesliga. In der Bundesliga spielen anonyme Vereine gegeneinander. Es regiert das Geld. Wer die besten Spieler und Trainer hat gewinnt - meistens zumindest. Bundesligaspiele sind moderne Gladiatorenkämpfe.
Bei der WM senden die Nationen ihre besten Spieler. Deswegen wird auch die Nationalhymen gespielt. Deswegen reisen auch die Kanzlerin oder der Spanische König zu den Spielen. Nationen messen sich im Sport. Welcher Nation gehört Özil an? Rein formal und im Herzen - scheinbar sind das zwei unterschiedliche Ebenen.
Özil, Boateng und Khedira verpassen mit dem Singen der Nationalhymne eine Chance. Die Chance allen in Deutschland zu zeigen, dass die dazugehören, dass sie Teil unserer Nation sind. Sie verpassen die Chance zu zeigen, dass Integration von Ausländern funktioniert.
Wenn 27 Mio. Menschen das Spiel Deutschland-Portugal gesehen haben, dann haben 27 Mio. Deutsche gesehen, dass Özil mit dem krampfhaften und fast peinlichen Schweigen Ihnen gezeigt hat, dass er anders ist. Dass er nicht zu ihnen – zu Deutschland - dazugehören will. Özil, Boateng und Khedira verpassen die Chance den vielen Kindern mit Migrationshintergrund zu zeigen, dass man Teil der neuen Nation werden kann in die einen das Schicksal verschlagen hat.
Autor: Martin Lotter

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15:37 04.07.2014
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CATO

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