Der feine Herr Sohn

Literatur Warum werden Männer so sanft, wenn sie von ihren Müttern erzählen? Eine Annäherung an das Phänomen Édouard Louis
Der feine Herr Sohn
Porträtiert von Pierre et Gilles. Und dann auch noch der Titel: „Der mit dem Herzen schreibt“. Uff

Portrait: Pierre et Gilles

Was habe ich mich über diesen Kerl geärgert! Da schreibt der französische Schriftsteller Édouard Louis über seine soziale Herkunft von „ganz unten“, und dann lautet der erste Satz: „An meine Kindheit habe ich keine einzige glückliche Erinnerung.“ Bei dieser offensichtlichen Verleumdung der eigenen Familie, die ich als Gefallsucht des Autors gegenüber dem Bildungsbürgertum begriff, wollte ich das Buch gegen die Wand schleudern. In meiner Rezension dieses autobiografischen Debüts Das Ende von Eddy (2015) nannte ich die Hauptfigur „das personifizierte Forschungsergebnis eines Pierre Bourdieu“.

In meiner Besprechung des zweiten Buches Im Herzen der Gewalt (2016) warf ich dem Autor vor, er vertraue „seiner Erzählung offenbar so wenig, dass er die Prosapassagen dauernd unterbricht, um zu theoretisieren, zu reflektieren, zu labern und zu konstatieren, ohne dabei zu kontextualisieren“. Louis verweigerte sich meiner Ansicht nach einer Sprache, die auch denen zugänglich wäre, deren Leben er mitverarbeitet hat. Und überhaupt: Édouard Louis, so erfuhr ich, ist ein selbst gewählter Künstlername, der edler klingt als Eddy Bellegueule. Mit diesem Autor war ich fertig. Sein nächstes Buch wollte ich nicht besprechen.

Soso, der Shootingstar

Zur Hand genommen habe ich Wer hat meinen Vater umgebracht (2018) dennoch. Widerwillig schlug ich es auf, bereits die Widmung brachte mich auf die Palme („Für Xavier Dolan“ – soso, muss der Shootingstar also damit prahlen, wie nah er dem anderen Shootingstar steht!). Das Magazin der New York Times hatte seine Lebensgeschichte zur Verwirklichung des American Dream verklärt, er fuhr nach Venedig, Cannes, roter Teppich, Blitzlicht. Louis gehört heute so selbstverständlich zur gut betuchten Pariser Bohème wie seine Professorenfreunde Didier Eribon und Geoffroy de Lagasnerie.

Und dann stieß ich auf diese Ansprache an den Vater: „Du gehörst zu jener Kategorie von Menschen, für die die Politik einen verfrühten Tod vorgesehen hat.“ Ein Satz, der alles widerruft, womit Louis in seinem ersten Buch noch auf seinen alten Herrn eingedroschen hatte. Hier versucht ein Sohn den eigenen Vater zu verstehen, unter dem er nicht nur aufgrund einer Neigung zum Alkohol und zur Gewalt gelitten hat, sondern als schwuler Mann auch wegen dessen Homophobie. Mit diesem Buch begann Louis, die gesellschaftlichen Bedingungen einzubeziehen. Da ist im Gegensatz zu den Vorgängertexten kein „spöttisches Auftrumpfen“ mehr, das Louis’ literarisches Vorbild Annie Ernaux in ihrem Vaterbuch Der Platz (1983) als unbedingt zu vermeidende Schreibhaltung benennt, wenn es um die Herkunft aus der Arbeiterklasse geht. Louis attackiert die herrschende Politik und beschimpft Chirac, Sarkozy, Hollande und Macron aufs Angenehmste.

In seinem neuen Buch Die Freiheit einer Frau (S. Fischer) widmet sich Louis nun seiner Mutter. Sie ist selbst in Armut aufgewachsen, im Gegensatz zur Familie ihres Mannes gehörte ihre aber nicht zum „Lumpenproletariat“. Stiefvater, Bruder und Schwester waren Fabrikarbeiter. Ein feiner sozialer Unterschied, der sich auf das Zusammenleben auswirkte – und auf die Lebenseinstellung. Die Mutter bewahrte trotz allem ihre Ambitionen, der Vater nahm das Schicksal, wie es kam. Wer diese knapp hundert Seiten liest und sie mit dem vorherigen Buch vergleicht, dem fallen große Unterschiede in Erzählhaltung und Stil auf. Im Vaterbuch stecken Wut und Ambivalenz, ebenso eine fast schon aktenordnerhafte Struktur und ein strenger Ton. Seine Mutter beschreibt Louis dagegen mit einer zärtlichen Sprache: „Man hat mir gesagt, die Literatur dürfe niemals Gefühle zur Schau stellen, aber ich schreibe nur, um Gefühle hervorquellen zu lassen, die der Körper nicht ausdrücken kann.“

Poetische Schönheit und politischer Zorn gehen in diesem Text eine Symbiose ein, die sich der Kraft der Erzählung hingibt, ohne die Gewalt der Klassenherrschaft zu leugnen. Stellenweise ist Louis zwar noch immer der „Soziologen-Schriftsteller“, als den die Süddeutsche Zeitung ihn charakterisiert hat. Hier ist die Mutter aber vor allem eine literarische Heldin, die es schafft, die toxische Beziehung zu ihrem Mann aufzugeben. Beeindruckend, wie Louis dabei mit sich selbst ins Gericht geht. Als Schulkind schämte er sich so sehr für seine Mutter, dass er Freunden gegenüber behauptete, sie nicht zu kennen. Später korrigierte er ihre Sprache oder bat sie, bei einer Schulversammlung nicht in der Nase zu bohren. Wie verletzend das war, dämmert ihm erst viel zu spät. Und er stellt sich nun die Frage, ob er als Mann überhaupt dieses Leben verstehen kann, das doch ganz wesentlich durch das Frausein geprägt ist.

Dabei steht Louis mit seiner Arbeit in großer literarischer Tradition. Peter Handke etwa schildert in seinem Mutterbuch Wunschloses Unglück (1974) zahlreiche Einzelheiten, die eine ganze Welt eröffnen: wie die Mutter mit geschlossenem Mund kichert, wie sie trotz Sommersonne einen roten Regenschirm kauft, wie sie ins Gasthaus geht „unter die Leute aus den Touristenbussen, die es zu eilig hatten, ihr ins Gesicht zu schauen“. Handke hüllt die Schwere der Armut in sensible Beschreibungen eines Lebens, das der Notwendigkeit unterworfen war.

Hadernd mit seiner Methode, schreibt Handke von einer Furcht vor „dem schmerzlosen Verschwinden einer Person in poetischen Sätzen“, die der schottisch-amerikanische Schriftsteller Douglas Stuart offenbar nicht empfindet. In seinem gerade auf Deutsch erschienenen, autobiografisch fundierten Roman Shuggie Bain beschreibt er das Leben einer dysfunktionalen Familie im Glasgow der Thatcher-Ära. Im Mittelpunkt steht Agnes, die Mutter des Titelhelden, die in einem Teufelskreis aus Alkohol, männlicher Gewalt und politisch gewollter Armut ihre Würde behält. Dazu trägt die wunderschöne Sprache des Autors bei, die der brutalen Handlung zuwiderläuft. Doch hätte er auch dann dieses Verfahren gewählt, wenn es in erster Linie um seinen Vater gegangen wäre?

Schreiben Männer jedenfalls über Väter, dann vermitteln sie oft eine maskulin konnotierte Härte: „In der Zeit vor seinem Tod war es mir leicht gefallen, ihn täglich sterben zu lassen“ (Paul Kersten, Der alltägliche Tod meines Vaters, 1978), „Von meinem Vater wusste ich nichts; der stärkste Eindruck seines Wesens war seine Abwesenheit“ (Peter Weiss, Abschied von den Eltern, 1961), „Das Gesicht seines Vaters war schwarz – wie die traurige ewige Nacht; doch darin loderte ein Feuer – ein ewiges Feuer in einer ewigen Nacht“ (James Baldwin, Von dieser Welt, 1953), „Meine ganze Kindheit über hoffte ich, du würdest verschwinden“ (Édouard Louis, Wer hat meinen Vater umgebracht). Schreiben sie dagegen über Mütter, werden Männer meist wundersam weich. Das gilt sogar für den Dauergrantler Thomas Bernhard, dessen Gedicht Erinnerung an die tote Mutter (1963) bei der Lektüre jedem empfindsamen Menschen die Tränen in die Augen treibt.

Verdopplung der Armutslast

Was, wenn all diese Schriftsteller teilweise schon vor Jahrzehnten ein Unbehagen empfanden, sobald sie sich in die Lage ihrer Mütter versetzten? Möglicherweise ahnten sie ohne die Lektüre feministischer Klassiker etwas von der Verdopplung der Armutslast, die den Frauen in einer männlich dominierten Gesellschaft auferlegt ist. Lange bevor es Statistiken gab über den Zusammenhang von Armut und dem Status der alleinerziehenden Mutter, spürten die Schreibenden wohl die Nachteile der Frauen – und ertappten sich womöglich dabei, an dem patriarchalen Spiel teilzunehmen, ja teilnehmen zu müssen, weil es sich eben um ein strukturelles Problem handelt, für das es keine individuelle Lösung gibt. Dazu gehören auch die Bewusstlosigkeit und das damit verbundene Schuldgefühl, als Sohn nichts gegen die Macht des Vaters ausrichten zu können. Wie seltsam fremd und falsch muss es sich später anfühlen, als erwachsener Mann der lesenden Welt die eigene Mutter erklären zu wollen? Resultiert der Wille zur Poesie in Mütterbüchern der Männer also letztlich aus einem schlechten Gewissen? Es wäre zumindest keine üble Ursache. Vielleicht erklärt sie, weshalb Édouard Louis in Die Freiheit einer Frau über weite Strecken diesen für ihn ganz neuen Ton anschlägt – und meine Versöhnung mit diesem Schriftsteller nun endgültig vollzogen ist.

Christian Baron veröffentlichte 2020 Ein Mann seiner Klasse (Claasen) über seine Kindheit.

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06:00 21.11.2021

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