Eine Scham, die bleibt

Literatur Niemand erzählt das Leben als Arbeiterkind so plastisch wie Annie Ernaux. Nun wird sie 80 – Zeit, ihr Werk neu zu entdecken
Eine Scham, die bleibt
Sie verbindet ihr eigenes Leben mit Zeitgeschichte – ein kunstvoller Beitrag zum kollektiven Gedächtnis ihrer Generation

Foto: Ed Alckock/M.Y.O.P./LAIF

Manchmal enthält ein literarischer Text mehr klassenpolitische Wahrhaftigkeit als eine wissenschaftliche Abhandlung. Seit Jahrzehnten stellt das niemand so eindrucksvoll unter Beweis wie die französische Schriftstellerin Annie Ernaux. Zu ihrem 80. Geburtstag erschien jetzt eines ihrer bedeutendsten Werke mehr als 20 Jahre nach dem Original erstmals auf Deutsch: Die Scham. Ein schlichter Titel, hinter dem sich eine erschütternde Erkenntnis verbirgt, die Ernaux am Ende ihres autobiografischen Textes so formuliert: „Die Scham wurde für mich zu einer Seinsweise. Fast bemerkte ich sie gar nicht mehr, sie war Teil meines Körpers geworden.“

An alten Fotografien veranschaulicht sie schon auf den ersten Seiten, was sie damit meint. Alle Familienmitglieder sehen darauf aus wie etwas, das sie nicht sind: feine Leute. Sie sind bürgerlich gekleidet, stehen wohlgeordnet beieinander – und das auch noch in entspanntem Ambiente. Annie Ernaux hat diese Bilder aus den 1950ern sorgsam aufbewahrt, weil ihr beim Betrachten eine Sache immer wieder ins Auge springt: „Auf keinem der Fotos sind meine Lippen beim Lächeln geöffnet, wegen meiner schlechten, schiefen Zähne.“

Ernaux spricht hier etwas aus, das gerade sie Überwindung gekostet haben muss: Schlechte Zähne sind Klassenmarker – das galt damals, und es gilt bis heute. Darum ist kein gemeinhin als Makel geltendes Merkmal des äußeren Erscheinungsbildes so schambehaftet wie dieses. Körper, die vom sogenannten Normalgewicht abweichen, gibt es in allen sozialen Klassen, ebenso wie schiefe Nasen, frühe Glatzen oder kleine Narben. Die dentale Gesundheit aber symbolisiert die Achtsamkeit und die Eigenverantwortung jener, die sich in der „Mittelschicht“ verorten. Es liegt also nicht nur am finanziell sorgenfreien Leben, dass den Wohlhabenden das Lachen leichter fällt als den Armen. Sie sind es auch, die mit ihren geraden und weißen Zähnen ihre Entspanntheit unterstreichen.

Grundgefühl der Armut

Wer dagegen als Kind aus Notwendigkeit viel kohlenhydrathaltige Nahrung bekam und wegen anderer Sorgen selten zur Kontrolluntersuchung geschickt wurde, wird diesen Rückstand später schwer aufholen können – besonders in einer Zeit, in der die Kosten vieler zahnärztlicher Leistungen nicht mehr von den Krankenkassen übernommen werden. Sogar jene, die als Erwachsene diese sich im Mund eingegrabenen Spuren der eigenen Herkunft verwischen wollen, müssen mit Spott rechnen. Ein prominenter Fall ist Stefan Raab, der als Fleischersohn in Köln-Sülz aufwuchs und zwischenzeitlich Deutschlands erfolgreichster Fernsehkomiker war. Wenn er einmal selbst Zielscheibe von Parodien wurde, dann ging es stets auch um die auffälligen Jacketkronen, die sein Gebiss als saniert brandmarken.

Scham ist nicht zu verwechseln mit Peinlichkeit, die vorübergeht. Scham, das zeigt Ernaux in vielen ihrer Bücher, ist die immerwährende Gewissheit, unterlegen zu sein. Und Scham ist das Wissen, dass sich daran auch durch einen Bildungsaufstieg nichts ändern lässt. In Gesellschaften wie der französischen und der deutschen, die gemäß dem eigenen Anspruch sozial sein sollen, bleibt das ein Skandal. Wer einem sich Schämenden rät: „Nimm es nicht so schwer, du hast viel erreicht“, der vergisst, dass Klassenscham sich nicht ein- und ausschalten lässt wie das Kellerlicht. Sie steckt tief in einem drin und meldet sich zuverlässig, wenn man sich schon wieder dabei ertappt hat, gegen unausgesprochene Regeln zu verstoßen.

Ein Mensch mit Klassenscham lebt mit dem Eindruck, nicht mithalten zu können in fast allem, was sozial erwartet wird. Und da der Kapitalismus so funktioniert, dass er dem Individuum alle Schuld an seinem Schicksal zuweist, sind Scham und Angst auch gleichrangig die Grundgefühle der Armut. Das trifft selbst dann zu, wenn sie sich als Stolz tarnen. In seinem jüngsten Roman Find Me lässt der Schriftsteller André Aciman eine seiner Figuren diesen Umstand sehr treffend mit einem Aphorismus auf den Punkt bringen: „Stolz ist der Spitzname, den wir der Angst geben.“ Auch wenn der Satz nicht im Zusammenhang mit der Klassengesellschaft gemeint ist, so taugt er doch als Sinnspruch, dessen Gehalt im Werk von Annie Ernaux aufscheint.

Darin nehmen die Biografien ihrer Eltern eine besondere Stellung ein. In Der Platz (1984) schildert sie das Leben ihres Vaters, in Eine Frau (1987) porträtiert sie ihre Mutter. Beide Bücher sind jeweils keine hundert Seiten lang, und doch steckt in jedem von ihnen der Kern dessen, was ein Leben in der Arbeiterklasse ausmacht. In Der Platz begründet Ernaux ihr literarisches Verfahren so: „Um ein Leben wiederzugeben, das der Notwendigkeit unterworfen war, darf ich nicht zu den Mitteln der Kunst greifen, darf ich nicht spannend oder berührend schreiben wollen.“ In diesem Bekenntnis steckt nicht nur die sich als Stolz tarnende Angst vor dem Totgekuscheltwerden durch die Kulturelite. Das Vorgehen entpuppt sich zugleich als Trick, denn diese Nüchternheit ist es, die beim Lesen fesselt und berührt.

Der Stil ist meist protokollarisch, auf das Nötigste beschränkt, bisweilen abgehackt. Dadurch entstehen etwa im Vater-Buch fragmentarische Sätze wie diese, die unter Aufbietung der puren Kraft des Erzählens verborgene Wahrheiten aufdecken: „Beim Sprechen immer vorsichtig sein, unsagbare Angst vor dem falschen Wort, was genauso schlimm wäre wie in der Öffentlichkeit einen fahren lassen“, oder: „Vielleicht sein größter Stolz, sogar sein Lebenszweck: dass ich eines Tages der Welt angehöre, die auf ihn herabgeblickt hatte.“ Ebenso geht Ernaux in Eine Frau vor. Sie durchläuft Stationen eines sprachlosen Lebens. Da erzählt sie, wie sich ihre Mutter immer die Hände wusch, bevor sie ein Buch anfasste, wie sie sich vergeblich ein dialektfreies Sprechen antrainieren wollte, und wie stolz sie war, eine Arbeiterin zu sein, „aber nicht so sehr, dass sie es immer bleiben wollte“.

Ihr wahrscheinlich wichtigstes Buch, Die Jahre (2008), perfektioniert dieses Schreiben. Wie nirgendwo sonst ist Annie Ernaux hier „Ethnologin ihrer selbst“, wie sie sich einmal bezeichnete. In der ersten Person Plural verbindet sie ihr eigenes Leben mit der Zeitgeschichte und erzeugt so einen kunstvollen Beitrag zum kollektiven Gedächtnis ihrer Generation. Im Spätwerk Erinnerungen eines Mädchens (2016) beleuchtet sie mit der Distanz von Dekaden eine Vergewaltigung aus dem Jahr 1958, als die Autorin 18 Jahre jung war. In ihrer glasklaren Sprache erzählt sie von diesem traumatischen Ereignis, vor allem aber von einer frauenspezifischen Scham. Das produziert beim Lesen einen Erkenntnisgewinn, der zu mindestens ebenso produktiver Empörung führen kann wie die Lektüre eines polemischen Pamphlets.

Authentizität boomt gerade

In der schönen Anthologie Warum Lesen, die sich der Suhrkamp-Verlag zum 70-jährigen Bestehen kürzlich selbst geschenkt hat, gibt es einen Aufsatz der Schriftstellerin Rachel Cusk über Annie Ernaux, in dem sie schreibt: „Ich habe entdeckt, dass sie immer wieder dieselbe Geschichte erzählt, oder Aspekte davon. Und in der Tat ist die Geschichte von uns selbst die einzige Geschichte, die zu erzählen wir berechtigt sind.“ Für reale Geschichten im Gewand der Literatur gab es lange Zeit kaum einen Resonanzraum. Erst seit wenigen Jahren ist das anders. Das mag auch erklären, warum die Bücher von Annie Ernaux derzeit durch Suhrkamp so erfolgreich neu aufgelegt werden.

Für diese Erzählform hat sich in der Literaturwissenschaft der Begriff der Autofiktion durchgesetzt – also eine durch Erfindung angereicherte Autobiografie. In Zeiten einer digitalen Ökonomie mit „Influencern“, die ihre eigenen Leben in ökonomische Ressourcen verwandeln, boomt auch im Feuilleton die Authentizität. Das Revival der Annie Ernaux könnte damit im Angesicht der Individualisierung und der damit einhergehenden Entsolidarisierung zumindest im Bereich der Literatur eine List der Geschichte mit sich bringen: Während immer mehr Menschen auf sich selbst zurückgeworfen sind und sich in wahren Geschichten lesend wiederfinden wollen, sind es vor allem Erzählungen aus dem gesellschaftlichen Unten, die Empathie wecken mit den besonders Erniedrigten – und vielleicht sogar radikale politische Veränderungen wieder denkbar machen können.

Im besten Fall sind diese Texte auch denen zugänglich, deren Leben sie mitverarbeiten. Da stellt sich dann die typisch deutsche Frage nach „Hochliteratur“ und „Unterhaltungsschund“. Denn eine sprachliche, stilistische und lebensweltliche Nähe zur Arbeiterklasse verzeiht das oft dünkelhafte Feuilleton einer Autorin oder einem Autor häufig nicht, bestenfalls jedoch mit einer Verzögerung um viele Jahre. Allein im deutschsprachigen Raum trifft das auf (von heute aus gesehen) große Namen zu wie Hans Fallada, Irmgard Keun und Jörg Fauser.

Ernaux hat die Frage nach ihrem liebsten Zielpublikum im elitär strukturierten Frankreich für sich eindeutig beantwortet. Das zeigt sich in ihrem Werk ebenso wie in ihrem politischen Engagement. Zuletzt ergriff sie Partei für die bis in linksliberale Milieus hinein verachteten Gelbwesten. In der bereits erwähnten Anthologie gibt es auch einen Beitrag von Annie Ernaux selbst, an dessen Ende sie offenbart, schon im Alter von 20 Jahren mit dem Schreiben begonnen zu haben. Das Manuskript habe sie damals einem Verleger geschickt, der es abgelehnt habe. Die Mutter sei enttäuscht gewesen, der Vater hingegen fast erleichtert. Bruchlos führt sie diese Feststellung zu einem letzten Satz, der das poetische Programm dieser großen Schriftstellerin bestens zusammenfasst: „Ich frage mich, ob der wahre Zweck oder Antrieb meines Schreibens nicht ist, von denen gelesen zu werden, die sonst nicht lesen.“

Die Bücher von Annie Ernaux sind auf Deutsch (übersetzt von Sonja Finck) im Suhrkamp-Verlag erschienen

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06:00 01.09.2020

Ausgabe 38/2020

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