Er ist kein Netzwerker

Porträt Fabio De Masi hätte das Zeug dazu, in die Fußstapfen Sahra Wagenknechts zu treten. Noch hält er sich zurück
Er ist kein Netzwerker
Über die Linke hinaus hat er sich Ansehen als Finanzexperte erarbeitet. Vom Tonfall eines Vertreters für Versicherungen kann er plötzlich umschalten zu dem des Volkstribuns

Foto: Gordon Welters/laif

Heutzutage hört ja eigentlich niemand mehr zu, wenn ein weißer Mann mit Bart von früher erzählt. Besonders in der Linkspartei. In diesem Fall aber war es anders. Auf dem Leipziger Parteitag im Juni 2018 baute sich Fabio De Masi inmitten der Delegiertenmenge vor dem Mikrofon auf. Bedächtig, fast einschläfernd erinnerte er daran, dass Katja Kipping „vor 13 Jahren“ begann, als Vertreterin der Linkspartei für das bedingungslose Grundeinkommen zu werben. Er selbst streite nicht dafür. Aber es sei „völlig legitim, dass sie das tut“. Wirkungspause. Der nächste Satz entfuhr De Masi mit einem Groll und in einer Lautstärke, dass selbst im Tiefschlaf befindliche „Genossinnen und Genossen“ aufgeschreckt sein dürften: „Aber niemand stellt sich hier hin und versucht, ein Tribunal über sie (Katja Kipping) zu errichten.“ Applaus brandete auf.

Auf der Bühne stand Sahra Wagenknecht. Die Tagungsleitung hatte sie gefragt, ob sie nach ihrer Rede für Nachfragen zur Verfügung stehe. Das ist ganz und gar ungewöhnlich, aber möglich. Sie stimmte zu, und nacheinander traten jene hervor, die Wagenknechts Absage an eine Politik der „offenen Grenzen für alle“ in Wallung versetzte. Vertraute der Parteichefin Kipping waren dabei, auch Mitglieder des rot-rot-grünen Senats in Berlin. Sie schrien und schimpften, als müssten sie ein ungezogenes Kind zur Räson bringen. De Masi war der Erste, der eine andere Haltung einnahm und für diese seltsame Veranstaltung den Begriff des Tribunals fand. Eine kalkulierte Übertreibung?

Seit er nach der jüngsten Bundestagswahl vom Europaparlament in den Bundestag gewechselt ist, fällt Fabio De Masi immer wieder durch steile Thesen und unkonventionelle Reden auf, die bisweilen wie Zitate aus einer linken Version der Bild-Zeitung klingen. Als finanzpolitischer Sprecher der Fraktion forderte er: „Cum-Fake-Bankster gehören in den Knast!“, er weissagte: „Dem Exportjunkie Deutschland droht der kalte Entzug“, und er kalauerte: „Jamaika gehört auf den Plattenteller, aber nicht auf die Regierungsbank.“ Die mögliche Fusion der Deutschen Bank mit der Commerzbank kommentierte er so: „Zwei kranke Truthähne ergeben keinen Adler.“

Dieser Hang zum Markigen verwundert bei De Masis politischer Biografie nicht. 1980 als Sohn eines italienischen Gewerkschafters und einer deutschen Sprachlehrerin im hessischen Groß-Gerau geboren, wuchs er abwechselnd in den beiden Herkunftsländern seiner Eltern auf. In Hamburg studierte er Volkswirtschaftslehre, wurde dann wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundestag – bei Wagenknecht, die Gegnern eines linken Populismus ohnehin als Gottseibeiuns gilt.

Über die Grenzen der Linksfraktion hinaus hat sich Fabio De Masi den Ruf eines kompetenten Finanz- und Wirtschaftspolitikers erarbeitet. Darauf fußt auch seine Machtbasis innerhalb der Partei. Neben den Schnittmengen bei Wirtschaftskompetenz und Überzeugungen liegt hier die größte Gemeinsamkeit mit Wagenknecht: Im Gegensatz zu den meisten anderen Führungsfiguren der Partei ist De Masi kein begnadeter Netzwerker. Er legt großen Wert auf ein öffentliches Bild, das seinen Erfolg auf die konkrete politische Arbeit zurückführt.

In der vergangenen Woche hatte De Masi wieder einmal Gelegenheit, die Ähnlichkeiten zu Wagenknecht unter Beweis zu stellen. Wenige Tage nach deren Ankündigung, sich vorerst aus der ersten Reihe der Politik zurückzuziehen, traten beide bei einer Podiumsdebatte der Sammlungsbewegung „Aufstehen“ in Hamburg-Ottensen auf. De Masi, der in Hamburg seinen Wahlkreis hat, gab höchstselbst den Warm-Upper, heizte das Publikum an, als hätte er nie im Leben etwas anderes gemacht. Er habe Wagenknecht gerade im Auto erzählt, dass es in Hamburg nicht immer regne.

Ein Lacher, der in Hamburg immer funktioniert. Seine rechte Hand umschloss das Mikrofon, mit der linken gestikulierte er ausschweifend, vor allem dann, wenn er über Hartz IV, Kitas und Menschen sprach, die Flaschen sammeln müssen, um über die Runden zu kommen. Dann leitete er über zu der Frau, wegen der so viele Menschen gekommen waren. Wagenknecht lächelte, wirkte fast ein wenig erleichtert, dass ihr da wieder mal jemand die Emotionsarbeit abgenommen hatte.

Nachdem mit Fraktionsvize Sevim Dağdelen die engste Vertraute der Galionsfigur Wagenknecht ebenfalls angekündigt hat, nicht mehr kandidieren zu wollen, wird sich das bislang sorgsam austarierte Gleichgewicht an Partei- und Fraktionsspitze neu finden müssen. Es ist kaum davon auszugehen, dass diese personelle Erneuerung, zumindest im Falle des Fraktionsvorsitzes, tatsächlich erst im Herbst erfolgen wird. Ein Mann, der sich bislang auffallend zurückhält mit diesbezüglichen Äußerungen, ist De Masi. Manche sagen ihm eine große Karriere voraus, wenn er Mut zur Macht beweist. Viel wird von der Frage abhängen, ob ihm gelingt, woran Wagenknecht scheiterte: den Spagat zu meistern zwischen „Aufstehen“ und Linkspartei.

Dass er als veritabler Antagonist zu Katja Kipping kurzfristig in Sahra Wagenknechts Fußstapfen treten kann, das bewies er jedenfalls besonders eindrucksvoll in seiner Rede auf dem Leipziger Parteitag. Nach seinem „Tribunal“-Satz legte er nach. Wieder begann De Masi mit bedächtigem Duktus: „Katja sagt, bei offenen Grenzen für alle gehe es nicht um eine realistische Forderung, sondern um eine Frage der Haltung. Das ist legitim.“ Und wieder schaltete Fabio De Masi binnen einer Sekunde vom Versicherungsvertreterton in den Modus des Volkstribuns: „Aber eine Frage der Haltung, die die Partei spaltet, die hilft keinem einzigen ertrinkenden Flüchtling im Mittelmeer!“

06:00 26.03.2019

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