„Freiheit ist das nicht“

Interview Der Publizist Patrick Schreiner weiß, wie und warum sich das neoliberale Denken im Alltag festgesetzt hat
„Freiheit ist das nicht“

Illustration: der Freitag; Material: Getty, iStock,

Dunkle Wolken über Berlin: Das klingt wie der Titel eines journalistischen Abgesangs auf die Bundeshauptstadt, doch exakt so sieht es nun einmal aus an diesem seltsam nasskalten Juli-Montag des Jahres 2019. Erkältungswetter im Hochsommer. Patrick Schreiner, Autor zweier Bücher über den Neoliberalismus, trifft den Freitag zum Interview. Er merkt sofort, dass mit seinem Gegenüber etwas nicht stimmt.

der Freitag: Herr Schreiner, lassen Sie uns …

Patrick Schreiner: Geht es Ihnen gut?

Wie bitte?

Sorry, aber Sie wirken etwas angeschlagen.

Äh, ja. Das Zickzackwetter. Am Wochenende lag ich mit Fieber im Bett.

Eine DGB-Studie hat 2018 ergeben, dass zwei Drittel aller abhängig Beschäftigten im Jahr zuvor mindestens an einem Tag zur Arbeit gegangen waren, an dem sie sich richtig krank gefühlt hatten.

Das neoliberale Subjekt sitzt sozusagen direkt vor Ihnen.

Dieses Denken versteckt sich so geschickt in uns, dass wir es oft gar nicht mehr bemerken. Es gibt da etwa den Trend zum „Quantified Self“: Man vermisst den eigenen Körper, um seinen psychischen oder physischen Zustand zu überwachen oder um zu prüfen, ob man eine gewünschte Leistung bringt. Das geschieht zum Beispiel über Smartphone-Apps, über die Menschen ihre täglichen Schritte messen und speichern können. Da kann man dann nicht nur sich selbst kritisch beobachten, sondern sich auch mit anderen vergleichen. Viele Arbeitgeber haben das aufgenommen, sie bilden Teams, die sich gegenseitig unter Druck setzen und die Leistungsmotivation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter steigern sollen. Dass die tägliche Bewegung ein privater Bereich ist, in dem der Arbeitgeber nichts zu suchen hat, ist irgendwann den meisten nicht mehr bewusst, weil dieser Eingriff normal wird. Auch hier verschwimmt die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben.

Alle reden vom Neoliberalismus, aber kaum jemand definiert ihn. Können Sie da Abhilfe schaffen?

Die eine Definition wird man kaum geben können. Einig sind sich die Neoliberalen in der Auffassung, dass der Markt gegenüber dem Staat beziehungsweise gegenüber Politik überlegen ist, um Produktion und Gesellschaft zu organisieren. Die Politik müsse darum Marktprinzipien aktiv fördern, etwa Privatisierungen vorantreiben, die Märkte nach dem Konkurrenzprinzip regulieren und dem Individuum ohne Ansicht seiner Startvoraussetzungen die Verantwortung für sein Lebensglück übertragen. Die Neoliberalen wollen aktiv Politik für den Markt machen. Das ist ein Unterschied zum klassischen Liberalismus. Neoliberale Ideen sind ab den 1930er Jahren entwickelt worden, vor allem ab den 1950er Jahren haben die Neoliberalen ihre Schubladen gefüllt, und ab den 1970er Jahren haben sie mit diesen Ideen die Welt verändert.

Dieses Raunen könnten Kritiker als Verschwörungstheorie abtun.

Eine Verschwörung war es nicht, und sie wird von Kritikern auch nicht unterstellt. Die Neoliberalen haben Institute gegründet, sich Lehrstühle gesichert, und sie sind bis heute gut vernetzt. Sie haben Konferenzen abgehalten, Zeitschriften gegründet und Bücher veröffentlicht. Diese Strukturen und Aktivitäten waren breit angelegt und in großen Teilen auch transparent. Es wäre hoffnungslos unterkomplex, hier eine Verschwörung zu wittern. Zumal die Neoliberalen ja in sich durchaus vielfältig bis zerstritten waren und sind. Eine Verschwörung stellt man sich dann doch anders vor.

Zur Person

Patrick Schreiner , Jahrgang 1978, ist hauptamtlicher Gewerkschafter und Publizist. Er hat zwei Bücher über den Neoliberalismus im Verlag PapyRossa veröffentlicht: Unterwerfung als Freiheit. Leben im Neoliberalismus (2015) und Warum Menschen sowas mitmachen. Achtzehn Sichtweisen auf das Leben im Neoliberalismus (2017)

Dennoch: Eines Ihrer Bücher trägt den paradoxen Titel „Unterwerfung als Freiheit“. Das klingt so, als hätten die Neoliberalen die Massen gezielt manipuliert.

Dieses Paradox soll natürlich provozieren. Aber es unterstellt nicht, dass wir einfach Opfer einer Manipulation seien. Der Neoliberalismus predigt Freiheit als zentralen gesellschaftlichen Wert. Das ist ein Anspruch, den er aber nicht verwirklicht. Letztlich geht es ihm um einen verkürzten Freiheitsbegriff, nämlich die Freiheit am Markt. Wenn Politiker oder Journalisten uns an unsere „Selbstverantwortung“ erinnern, dann ist das ein Ausdruck dieser Verkürzung. Wir sollen besser, wettbewerbsfähiger, schlauer, attraktiver als andere sein, um am Markt zu bestehen. Das führt zu einem marktkonformen Verhalten des Einzelnen, das ich als Unterwerfung bezeichne. Es ist eine Unterwerfung unter Marktprinzipien, unter gesellschaftliche Erwartungen, aber auch unter vermeintliche Experten. Die sagen uns nämlich, wie wir ein angeblich besseres Leben finden – ich meine da etwa Karriere- und Selbstfindungscoaches, Ratgeberliteratur, Esoterik, aber auch manche Psychotherapien und pseudo-medizinische Heilslehren.

Seit Jahrzehnten gewinnen in Deutschland und anderen demokratischen Staaten bei fast jeder Wahl die Parteien mit neoliberalem Programm. Wo liegt das Problem, wenn die Mehrheit offenbar in einer neoliberalen Gesellschaft leben will?

Das ändert ja nichts daran, dass man gegen dieses Denken angehen kann und muss, gerade in einer Demokratie. Tatsächlich scheinen seit der Finanzkrise ab 2007 immer mehr Menschen ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass einiges falsch gelaufen ist. Sogar der ehemalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück von der SPD hat das kürzlich eingestanden, auch wenn er Kevin Kühnerts Enteignungsforderung natürlich gleich wieder ablehnen musste. Nein, umgekehrt wird ein Schuh draus: Die Staatskritik der Neoliberalen führt rasch zu antidemokratischem Denken. Ich erinnere an die Unterstützung der rechten Pinochet-Diktatur in Chile durch manchen Neoliberalen. Und auch dass neoliberale Programmatik heute oft – etwa mit der „Schuldenbremse“ in Deutschland – Verfassungsrang hat, spricht nicht für ein ausgeprägtes demokratisches Bewusstsein. Im Zentrum neoliberalen Politik-Denkens steht die Suche nach Vorkehrungen gegen die politische Korrektur von Märkten oder Marktergebnissen.

Seit Jahren erscheint Studie um Studie, die beweist: Das kapitalistische Versprechen, jeder könne bei entsprechender Leistung alles erreichen, was er wolle, ist Humbug. Trotzdem hält sich der berühmte Mythos „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ hartnäckig.

Der Neoliberalismus moralisiert auf sehr geschickte Weise. Und er instrumentalisiert dafür den positiv besetzten, aber eben auf den Markt reduzierten Freiheitsbegriff. Wer in dieser Freiheit nicht mithält, der sei selbst schuld. Und wer auf der Gewinnerseite steht, der habe es ebenso verdient. Dieser Gedanke hat sich so fest in die Köpfe der Menschen gebrannt, dass viele trotz aller empirischen Befunde daran glauben. Und selbst wenn Einzelne das nicht tun, ist das „Verlierersein“ für viele mit unbändiger Scham besetzt.

Und dann gehen sie zum Beispiel krank zur Arbeit.

Freiheit und Autonomie im Neoliberalismus bedeuten, so denken und handeln zu können, wie es Markt und Gesellschaft erwarten. Die Menschen machen gesellschaftliche Erwartungen zu einem Bestandteil ihrer Persönlichkeit. Freiwilligkeit und Freiheit werden zu einem Bestandteil von Herrschaft – und umgekehrt. Aber nicht alle, die so denken und handeln, finden neoliberale Ideen bewusst gut. Niemand ist zu 100 Prozent neoliberal, und niemand ist es gar nicht. Wir sind keine Maschinen.

Das heißt, Sie sehen die Möglichkeit, dass wir in naher Zukunft aus dem neoliberalen Denken ausbrechen können?

Ja, wenn die Menschen spüren, dass sie Handlungsmöglichkeiten haben und man sehr wohl was tun kann gegen die angeblich alternativlose Marktlogik. Denken wir etwa an Platzbesetzungen in Spanien und Frankreich. Ein Beispiel ist gerade auch in Deutschland zu beobachten. Aus persönlicher Betroffenheit heraus schließen sich Menschen in der Mieterbewegung zusammen und erfahren kollektive Handlungsmacht.

06:00 09.09.2019
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