Hier in dem Panzer fühl’ ich mich frei

Autos Alle wollen einen SUV. Viele kaufen ihn, um ihre Angst vor dem sozialen Abstieg zu kompensieren
Hier in dem Panzer fühl’ ich mich frei

Montage: der Freitag; Fotos [m]: Getty Images (2), Imago Images

Irgendwas stimmt nicht mit einem Menschen, der zu Fuß unterwegs ist, anstatt mit dem Auto zu fahren. Wer in einem Wohngebiet in den USA ziellos umherflaniert, muss mit ängstlich hinter Vorhängen stehenden Nachbarn rechnen, deren Zeigefinger die Abzüge einschlägiger Schusswaffen streicheln. Die Schriftsteller Aldous Huxley und Ray Bradbury berichteten einmal, wie sie in Los Angeles von der Polizei aufgefordert wurden, sich auszuweisen, weil allein die Fortbewegungsweise den Cops schon verdächtig erschien.

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind eine Nation stolzer Automobilbesitzer. Das verbindet sie mit den Deutschen. In manchen Dörfern der Bundesrepublik ist es wahrscheinlicher, eine Fahrschule vorzufinden als eine Bushaltestelle. Das ist schon seit Jahrzehnten so. Eines aber hat sich verändert: Die Deutschen eifern den US-Amerikanern neuerdings darin nach, möglichst große Autos zu fahren.

Wo die finanzielle Lage es zulässt, da geht der Trend in Richtung SUV, und wo sie es nicht zulässt, da gibt es doch häufig den Wunsch nach einem solchen Stadtpanzer. Die Marktforschungsfirma Puls kam 2017 in einer Umfrage zu dem Ergebnis, dass ein Drittel der befragten Nicht-SUV-Fahrer sich sehnlichst wünschen, ein solches Gefährt zu besitzen. Der Autohersteller Ford fand 2016 heraus, dass ein SUV für mehr als ein Drittel der 17- bis 34-Jährigen Deutschen als zentrales Erfolgssymbol gilt.

Über Jahrzehnte hinweg zeichneten Hollywoodfilme und Reiseratgeber das Zerrbild des geistig schlichten Hinterlandbewohners aus den Südstaaten der USA, der an seinem Pick-up-Truck hängt wie ein Alkoholiker an der Flasche. Überdimensionierte und behäbige Pritschenwagen waren aus deutscher Perspektive etwas für die „ungebildete“ Landbevölkerung. Wer als kultivierter Großstadtmensch was gelten wollte, der musste sich in Bezug auf das Auto in Zurückhaltung üben.

Warum sind diese Zeiten vorbei? Eine mögliche Antwort gibt eine derzeit angesagte Großtheorie. In seinem Buch Die Gesellschaft der Singularitäten (2017) stellt der Soziologe Andreas Reckwitz in westlichen Demokratien wie den USA oder Deutschland eine Spaltung in eine Drei-Drittel-Gesellschaft fest. Da sei zum einen die (neben den Superreichen) politisch dominante neue Mittelklasse, die aus Großstadtakademikern mit linksliberalem Weltbild bestehe. Diese Menschen seien Gewinner des Wirtschaftsliberalismus. Ihre Wahlsprüche: Nicht der Standard ist erstrebenswert, sondern das Besondere! Wir müssen unsere Unterschiede inszenieren!

Dem gegenüber stehen zwei soziale Klassen, die bei der Abkehr vom Allgemeinen zu Verlierern geworden sind. Da wäre zum einen die alte Mittelklasse, zu der oft nicht-akademisch Ausgebildete und häufig formal hoch Qualifizierte mit gutem bis mittlerem Einkommen zählen. Und da wäre zum anderen die Unterklasse, die (oft trotz Vollzeiterwerbsarbeit) in Armut lebt und sich mit einer kulturellen Entwertung ihres Lebensstils konfrontiert sieht.

Die industrielle Moderne, so Reckwitz, ermöglichte in der BRD nach dem Zweiten Weltkrieg kurzzeitig das Entstehen einer „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“. Darin herrschte ein kultureller Konsens, in dem alle das Ziel eines ähnlichen Lebensstils verfolgten, um einen bestimmten Lebensstandard zu erreichen. Alle wollten die gleiche Waschmaschine, das gleiche Auto, den gleichen Angestelltenalltag. Gleichzeitig vollzog sich eine Bildungsexpansion, die eine neue Mittelklasse entstehen ließ.

Und diese neue Mittelklasse setzt heute die Trends, sie propagiert das Besondere und suspendiert das Normale. Ein solcher Trend besteht derzeit in der Abkehr vom Auto. Weil die alte Mittelklasse am Verbindlichen festhalten möchte, strebt sie jetzt erst recht nach den Geländewagen jenes Typs, den schon viele US-Amerikaner mehr aus Trotz denn aus Notwendigkeit fahren. Diese Autoliebe ist ein ganz eigenes Kapitel im identitätspolitischen Kampf.

Elvis bleibt ein Farmersohn

Vor einiger Zeit gab die Schriftstellerin Deborah Feldman dem Deutschlandfunk ein bemerkenswertes Interview. Weil sie aus den USA stammt und vor ihrer ultraorthodox-jüdischen Familie nach Deutschland geflohen ist, ging es in dem Gespräch vor allem um AfD und Donald Trump. Feldmans These: Wenn Gesellschaften wie die US-amerikanische oder die deutsche schnell progressiv werden, also rasch nach sozialem Fortschritt streben, dann entstehe eine reagierende Regression, die zuerst unbemerkt bleibe und sich dann entlade.

In den USA galt der Pick-up lange Zeit als Bestandteil der Redneck-Kultur. Redneck ist ein ursprünglich auf die US-Südstaaten beschränkter, noch immer gebräuchlicher Begriff für einen konservativen, engstirnigen, ländlich geprägten Menschen mit formal geringer Bildung. Die wörtliche Bedeutung „Rotnacken“ spielt auf die sichtbaren Folgen harter körperlicher Arbeit in der Sonne an. Mittlerweile benutzen immer mehr Menschen in den USA den Begriff zur positiven Selbst-Positionierung. Auf vielen Pick-ups und auf manchem SUV prangen Autoaufkleber mit der Aufschrift „Proud to be a Redneck“ (Stolz, ein Redneck zu sein).

Errichtet sich auch die kulturell abgewertete und den sozialen Abstieg fürchtende alte Mittelklasse in Deutschland auf der Straße eine Trutzburg? Das allein erklärt den Hang zu großen Wagen nicht. Ebenso wichtig dürfte die Konsumfrage sein. Der Geschmack eines Menschen zieht Grenzen zu jener Gruppe, der man nicht angehören möchte. Was uns gefällt, ist nicht nur das Ergebnis einer individuellen Wahl, es ist auch gesellschaftlich bestimmt.

Elvis Presley, Sohn eines Landarbeiters und einer Textilarbeiterin, besaß nach seinem Aufstieg zum „King of Rock ’n’ Roll“ mehrere Cadillacs. In einem davon gab es einen speziell gepolsterten Sitz, der für seinen Schimpansen Scatter reserviert war. Darum wurde Elvis nie akzeptiert unter den Reichen. Er galt als Emporkömmling, als Repräsentant der „falschen Klasse“, der seine soziale Herkunft auch nach dem Aufstieg nicht verbergen konnte.

Dieses Beispiel bringt ein Problem zum Ausdruck, das in der aktuellen Debatte um das Ende des Individualverkehrs bislang kaum vorkommt: Das Auto ist ein Zeichen dafür, noch nicht „ganz unten“ gelandet zu sein. Ein SUV signalisiert, dass ein Mensch den Anforderungen der Gesellschaft entsprechen kann. Er zeigt sich leistungsbereit, aktiv, wettbewerbsfähig und attraktiv.

„Die Welt wird regiert von Stadtmenschen, während wir schuften und verlieren.“ Über solche Aussagen mag man die Nase rümpfen, aber es ist eine Meinung, die jenseits der Szeneviertel weit verbreitet ist. Viele Menschen sind auf das Auto angewiesen, weil mancherorts kaum ein Bus fährt. Wenn diese Menschen von der Abschaffung des Autos zur Rettung des Klimas hören, dann sehen sie ihr Vorurteil bestätigt, das besagt: „Die studierten Stadtleute sorgen sich um das Ende der Welt, wir aber sorgen uns um das Ende des Monats.“

In deutschen Städten sind es häufig abstiegsbedrohte Männer mit Migrationsgeschichte, die Wert auf den Besitz eines großen, teuren Autos legen. Weil sie mehr als andere Gruppen dem Generalverdacht ausgesetzt sind, lieber Sozialleistungen zu beziehen als zu arbeiten, halten sie an diesem Symbol einer soliden Existenz fest. Wenn die neue Mittelklasse ihnen nun das Autofahren madig macht, dann steckt darin eine potenziell rassistische Abwertung des Lebensstils dieser Menschen, die letztlich nur das wollen, wonach wir alle streben: soziale Anerkennung.

06:00 22.07.2019
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