Neid? Ja, bitte!

Debatte Niemand will ein Neidhammel sein. Dabei legt diese Emotion nur die Interessengegensätze einer Gesellschaft offen
Neid? Ja, bitte!

Collage: Ira Bolsinger für der Freitag, Material: Imago Images

Sozialismus ist die Herrschaft des Neides. Diese steile These findet sich in dem Buch Der Neid. Eine Theorie der Gesellschaft des westdeutschen Soziologen Helmut Schoeck aus dem Jahr 1966. Wenn das stimmt, dann leben wir in der Corona-Krise im Supersozialismus. Seit dem Frühjahr verkündet die Politik ein Hilfspaket nach dem anderen, niemand will durchs Raster fallen, alle sollen sich gebauchpinselt fühlen – zumindest die, von denen man sich elektoralen Zuspruch erhofft, denn 2021 wird ein sogenanntes Superwahljahr.

Tatsächlich sieht es so aus: Von den Hilfen sind ganze Branchen ausgeschlossen. Angesichts der komplexen Erwerbslage vieler Menschen erscheint das Prinzip der Einzelfallgerechtigkeit meist angemessen. Für deren Anwendung ist aber sogar die deutsche Bürokratie nicht groß genug. Also regiert die selektive Gießkanne. Alle Mitarbeiter des Deutschen Bundestags erhalten einen „Corona-Bonus“. Für Pflegekräfte und Beschäftigte im Einzelhandel gibt es das nicht. Kürzlich beschloss das „Corona-Kabinett“, dass Lehrkräfte kostenfrei einen Laptop bekommen, derweil Schülerinnen aus armen Elternhäusern komplett leer ausgehen.

Wer das beklagt oder auch nur anmerkt, diesem Luftfahrtkonzern oder jenem Hotelier werde Geld hinterhergeworfen, er selbst als Selbstständiger gucke dagegen in die Röhre, gilt als Neidhammel. Und das will niemand sein. Im Christentum ist Neid eine der sieben Todsünden. Die Gesellschaft ist längst säkularisiert, aber keiner sozialen Emotion hängt ein so schlechter Ruf an wie dem Neid. Wenn die Linken fordern, die Reichen stärker zu besteuern, dann lanciert das neoliberale Kampfbataillon flugs eine Neid-Debatte.

Das „Institut der deutschen Wirtschaft“ (IW), sozusagen der wissenschaftliche Schreibtisch des Kapitals, hat ausgerechnet, dass der deutsche Staat in der Pandemie bislang 30 Milliarden Euro freigegeben habe – das seien zehn Milliarden Euro mehr, als nötig gewesen wären. Die Argumentation: Viele Betriebe wie etwa Kneipen arbeiteten mit Aushilfen, die sie im Lockdown nicht bezahlen müssten. Sie sparten demnach also Kosten, erhielten aber über staatliche Hilfen bis zu 75 Prozent des Umsatzes aus dem November 2019. Eine solche Sichtweise geht davon aus, dass in Krisen nur eine bestimmte Geldmenge vorhanden ist. Sei die aufgebraucht, dann gebe es auch nichts mehr zu verteilen. Eigenartig nur, dass in der Finanzkrise ab 2007 etwa 500 Milliarden Euro mal eben aus dem Boden gestampft werden konnten, um jene Banken zu „retten“, die den Kapitalismus beinahe gegen die Wand gefahren hätten.

Vom Zorn zur Umverteilung

Durch seine Interpretation der Zahlen schürt das IW den Neid. In Wahrheit geht es ihm wohl darum, die Menschen nicht an das Offensichtliche zu gewöhnen: Kein Betrieb, kein Selbstständiger müsste in dieser Krise pleitegehen, weil genug Geld für alle da ist. Und wenn nicht, dann kann die Politik es in internationaler Zusammenarbeit beschaffen. Da sie aber jahrelang die „Schwarze Null“ angebetet hat, muss sie nun um die Legitimation eines ihrer Glaubenssätze fürchten. Sie will verhindern, dass nach der Krise der Mythos zur Rechtfertigung von Sozialabbau und Spardiktat nicht mehr verfängt, wonach man nur ausgeben kann, was zuvor erwirtschaftet worden ist. Also denken die Agenten des herrschenden Falschen: Her mit der Neid-Debatte! Wo über Gerechtigkeit zu reden wäre, lenken die Elendsgewinnler die Diskussion auf etwas Hässliches und Irrationales.

Umso wichtiger wäre es, dem Neid in Deutschland zu neuer Ehre zu verhelfen. In anderen Gesellschaften werden solche Auseinandersetzungen nicht negativ gedeutet, sondern als Interessengegensätze akzeptiert, die eine Klassengesellschaft nun mal strukturieren. Wer Menschen in einen permanenten Wettbewerb zwingt, muss Neid ebenso wie Kämpfe um Vorteile und Begünstigungen als Alltagsgefechte hinnehmen. Eine Gesellschaft, die ihren Neid nicht fortschiebt, sondern zulässt, entwickelt im besten Fall einen Zorn, der die staatliche Umverteilung von unten nach oben endlich umkehrt.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 15.12.2020

Ausgabe 14/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 19