Hafenstadt Berlin

Lifeline Aktivisten haben sich am Berliner Flughafen Tegel versammelt, um Geflüchtete aus Malta zu empfangen – doch die dürfen nicht kommen. Am Ende steht ein Zeichen
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Am Ende steht das Symbol: Weder Flucht noch Rettung sind ein Verbrechen

Foto: Ruben Neugebauer/Sea-Watch e.V.

Der Flughafen Berlin-Tegel. Hier landet gleich eine Maschine mit Passagieren aus Malta, die über Zürich in die deutsche Hauptstadt fliegen. In der Eingangshalle des Flughafens vor der Anzeigetafel warten 15 Erwachsene, ein Kleinkind und ein Hund in einer geschlossenen Gruppe. Zehn Minuten vor Ankunft packen einige von ihnen orangene Tücher aus, andere orangefarbene Plakate. Nur 50 Meter weiter stehen drei Sicherheitsmänner. Sie fallen nicht nur durch ihre neonfarbenen Sicherheitswesten auf, sondern auch durch die mürrischen Blicke, die sie der Gruppe zuwerfen. Um 18:57 Uhr ändert sich die Anzeigetafel, die Maschine aus Zürich ist „gelandet“.

Dann geht alles sehr schnell. Die Gruppe hält die Plakate in die Luft, auf denen in Großbuchstaben „Seebrücke“ und „Lifeline“ steht, einige wedeln mit ihren orangenen Tüchern. Der Fotograf aus ihren Reihen eilt, um ein gutes Motiv zu erwischen. Die Aktivisten versammeln sich an diesem Samstagabend in Tegel, um ein Zeichen zu setzen. Der Aufruf kommt von der Initiative „Seebrücke“: Unter dem Hashtag #Flughafenklatscher hat sie dafür mobilisiert, die Geflüchteten zu empfangen, die an jenem Samstagabend von Malta nach Deutschland gebracht werden sollten. Gegründet von verschiedenen linken Gruppen, startete die Initiative vergangenen Freitag die Kampagne „Schafft sichere Häfen“. Sie fordert mehr Unterstützung für NGOs, die im Mittelmeer Menschenleben retten. Die Farbe der Kampagne ist orange, symbolisch für die Rettungsweste.

Die Willkommensaktion am Flughafen ist ein symbolischer Akt. Dass keiner der 234 Geflüchteten, die von der NGO „Lifeline“ im Mittelmeer vor Malta gerettet wurden, nach Deutschland kommen darf, ist den Demonstranten bewusst. Denn das wurde erfolgreich vom noch amtierenden Innenminister Horst Seehofer verhindert – obwohl sich vier Bundesländer sogar dazu bereit erklärten, sie aufzunehmen, unter anderem Berlin. In der aktuellen Stunde am vergangenen Mittwoch zum Thema Seenotrettung war der Innenminister zunächst nicht anwesend, er musste persönlich herbeigerufen werden. Dann sagte er: „Es besteht keine Handlungsnotwendigkeit“, die Geflüchteten aus Malta aufzunehmen und ging wieder. Seehofer interessiert sich eben nicht für Seenot, sondern mehr für geschlossene Grenzen.

Es sind Städte, die für soziale Themen einstehen

Viele der Flughafengäste bleiben stehen – die kleine Aktion der Gruppe zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Kaum hat der Fotograf einige Fotos geschossen, gibt es auch schon den ersten „Photobomb“ von den Sicherheitsherren in Neongelb, die die Demo auflösen wollen. Der Flughafen sei ein privates Gelände, man dürfe nicht ohne Anmeldung protestieren. Und man wolle nicht die anderen Gäste verunsichern, sagt einer der Sicherheitsmänner. Auf sie wirken 15 Erwachsene, ein Kleinkind und ein Hund also verunsichernd. Die Aktivisten aber sind erfahren, diskutieren mit der Security, während sie weiter ihre Plakate hochhalten. Einer der Sicherheitsmänner geht sogar auf den Dialog ein. „Wenn ihr etwas bewirken wollt, dann protestiert doch gegen Amerika“, sagt er.

Das Flugzeug landet im Terminal C des Flughafens. Die Gruppe mit den orangenen Tüchern und Plakaten läuft im Schwarm in Richtung Ankunftshalle. Die Sicherheitsmänner, die immer noch die Demo auflösen wollen, folgen der Gruppe. „Jetzt gibt es sogar persönlichen Schutz“, scherzt einer der Demonstranten. So richtig funktioniert hat die Sache mit der Auflösung noch nicht. Die Aktivisten zeigen sich diskussionsfreudig und unnachgiebig. Die Sicherheitsmänner diskutieren mit.

Die Kampagne für Seenotrettung startete vergangenen Freitag mit einem Hoax: Auf einer Webseite, die im Corporate Design des Bundesinnenministeriums gestaltet wurde, präsentierten die Macher die Aktion „Seebrücke des Bundes“ – und verkauften sie als ein von Horst Seehofer persönlich initiiertes Projekt. Ein falsches Zitat machte ihn zum Humanisten schlechthin, der „Katastrophen lösen und nicht aussitzen“ will. Zusätzlich bastelten die Macher ein Fake-Werbevideo für das Projekt, gegen das das Innenministerium bereits juristisch vorgehen möchte. Die Webseite des Hoax weist auf die eigentliche Kampagne hin. Mit dem Symbol des orangenen Tuches möchten die Initiatoren eine europaweite Bewegung anstoßen.

Eingebetteter Medieninhalt

Es könnte funktionieren. Als die NGO „Lifeline“ die Geflüchteten im Mittelmeer rettete, war zunächst unklar, was passieren würde. Malta wollte die Menschen nicht aufnehmen, die meisten EU-Staaten waren ebenso zurückhaltend. Es waren vor allem Städte, die Bereitschaft zeigten: Neben Berlin wollten auch Neapel und Barcelona Geflüchtete aufnehmen. Das zeigt aber auch ein anderes Phänomen: Es sind weniger die Staaten, sondern vielmehr Städte und Kommunen, die für soziale Themen einstehen. Die Bereitschaft, Politik „von unten“ zu organisieren, ist hoch. Die Demonstration am Berliner Flughafen ist nach einer Stunde vorbei. Die Initiatoren bezeichnen das als erfolgreichen Auftakt für kommende Demonstrationen, die nächste ist für den 7. Juli angemeldet. Am Ende gibt es noch ein Gruppenfoto. Auch die Sicherheitsmänner scheinen sich beruhigt zu haben und fragen: „Seid ihr nun fertig? Schönen Feierabend noch.“

17:55 02.07.2018

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