Hart aber fairer

Porträt Esra Karakaya hat ihr Studium der Medienwissenschaften geschmissen, um eine Talkshow zu machen. Hier sollen die zu Wort kommen, über die sonst immer nur geredet wird
Hart aber fairer
„Sie suggerieren uns: Wir sind nicht gut genug“

Foto: Hahn+Hartung für der Freitag

Esra Karakaya trägt in ihrer Talkshow einen knallroten Blazer und sitzt am Kopf des hellbraunen Tisches. Die Studiokulisse ist karg: Auf dem Tisch vier Mikrofone, ein schwarzer Hintergrund und drei Pflanzen bilden das Bühnenbild. Links und rechts von Karakaya haben fünf weitere Frauen Platz genommen. Im Lauf der 40-minütigen Sendung schenkt sie ihren Gästen immer wieder türkischen Tee ein. Dabei wird eifrig diskutiert. Es geht um die aktuelle Werbekampagne des Süßwarenherstellers Katjes.

In einem Werbespot des Unternehmens, der im Februar erschien, wirbt eine Frau mit Kopftuch für Fruchtgummis ohne tierische Gelatine. Der Spot brachte der Firma neben Lob auch heftige Kritik ein: Besonders aus der rechten Ecke hieß es, Katjes handle verantwortungslos, treibe die „Islamisierung“ voran, und das Kopftuch sei ohnehin ein Symbol für Unterdrückung. Die fünf Frauen hat Karakaya eingeladen, um genau darüber zu diskutieren. Das möchte sie nun regelmäßig machen: Sie hat ihr Studium der Medienwissenschaften geschmissen, um ihre eigenen Videoformate zu realisieren. Wie das geht, lernt sie durch Youtube-Videos und durchs Abgucken bei anderen Moderatoren. Beim Berliner Sender ALEX TV arbeitet sie als Videojournalistin. Dort hat sie auch erste Moderationserfahrungen gesammelt.

Raus aus der Uni, rein ins Netz

Nun ist sie also Moderatorin ihrer eigenen Sendung: BlackRockTalk erscheint einmal monatlich auf Youtube. Darin will sie mit Gästen über Popkultur und aktuelle Ereignisse diskutieren. Die erste Sendung ging am 17. Juni online und wurde bereits über 2.000 Mal geklickt – für Karakaya ist das ein Riesenerfolg. Nachdem die zweite Folge am 22. Juli erschien, bereitet sie die dritte vor. Darin soll es um „westliche Schönheitsideale“ gehen. Genauer gesagt um „Fenty Beauty“, die neue Kosmetik-Marke der Sängerin Rihanna, die vor allem Make-up für dunklere Hauttypen anbietet. Denn in den herkömmlichen Drogerie-Geschäften hört die Farbpalette meist bei ocker auf. Schwarze haben dadurch eine kleinere bis gar keine Auswahl.

Karakaya wurde in Berlin geboren und ist im Stadtteil Wedding aufgewachsen. „Ich war als Kind eine dieser Gören, die hier auf der Müllerstraße gespielt und Scheiße gebaut haben“, erzählt die 26-Jährige. Sie fühlt sich wohl in ihrem Viertel und kann sich nicht vorstellen, in einer anderen Stadt als Berlin zu wohnen.

Kanaken im Netz

Youtube ist für Jugendliche und junge Erwachsene eine der wichtigsten sozialen Plattformen. Zahllose erstellen sich eigene Kanäle, einige wenige werden bekannt. Auch Zugezogene oder Deutsche mit Einwanderungsgeschichte machen immer wieder mit Videos von sich reden, in denen sie das Leben in Deutschland aus ihrer Sicht schildern.

Wenngleich die meisten dieser Kanäle eher satirisch und humoristisch ausgerichtet sind, thematisieren sie häufig auch gesellschaftliche Themen, wie etwa Diskriminierung am Arbeitsplatz, Rassismus in der Schule oder Islamfeindlichkeit. Einer der Pioniere ist der Youtube-Kanal Datteltäter, der wöchentlich durch Videos wie Dinge, die muslimische Eltern sagen oder auch Dinge, die Frauen mit Kopftuch kennen das Leben von jungen Muslimen in Deutschland humorvoll darstellt. Der Kanal hat fast 120.000 Abonnenten und kriegt bis zu 1,1 Millionen Aufrufe pro Video. Auf Kanälen wie PlanetKanax können Zuschauer satirische Formate sehen wie Deutschland sucht den SuperKanaken oder Wer wird Kanake, das angelehnt ist an Günther Jauchs Wer wird Millionär.

Der aus Syrien nach Deutschland gekommene Firas Alshater möchte auf seinem Kanal Zukar Deutschland aus Sicht eines Geflüchteten erklären. Bei Germania wiederum finden sich Portraits von Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen. Einige dieser Kanäle werden finanziell gefördert; Datteltäter und Germania etwa durch funk, den Jugendsender der öffentlich-rechtlichen Anstalten.

Rund 60 Prozent der Einwohner im Wedding haben eine Einwanderungsgeschichte. Die Müllerstraße strotzt nur so vor internationalen Cafés. In einem davon sind wir verabredet. Karakaya arbeitet hier an der Postproduktion ihrer Sendung. Vor ihr steht ein aufgeklappter Laptop, mit dem sie das Videomaterial schneidet, mit Musik unterlegt, An- und Abspänne einfügt. Sie ist an diesem heißen Tag komplett weiß gekleidet. Tee und Simit hat sie bestellt, ein türkisches Gebäck in Ringform, mit Sesam überstreut. Dann ordert sie noch Künefe, eine heiße Süßspeise, die aus Teigfäden besteht und mit Mascarpone serviert wird. Karakaya blickt konzentriert auf ihren Laptop, ihr Kopf ist dicht am Bildschirm, sie hat Kopfhörer im Ohr. Als sie mich sieht, verwandelt sich der angestrengte Blick umgehend in ein Lächeln. Sie gestikuliert so stark, dass ihre langen Ohrringe schlenkern.

Karakaya will ihre eigene Sendung produzieren, weil sie findet, dass es den bestehenden Medienformaten an Diversität mangelt. Dass nicht alle gesellschaftlichen Gruppen ausreichend vorkommen. Wenn sie ihre Ideen erläutert, wird sie ernst und energisch. „Mir fehlen verschiedene Perspektiven in den deutschen Medien, wie etwa die von jungen Leuten, von Migranten, von Homosexuellen“, sagt sie.

Anfang Juni entbrannte eine Debatte über die einseitige Themenauswahl in Talkshows. Nicht zum ersten Mal wurde den großen Medienanstalten vorgeworfen, sich vor allem der Themen "Flüchtlinge" und "Islam" anzunehmen – ohne allerdings mit den eigentlich Betroffenen zu sprechen. Das vergifte den öffentlichen Diskurs und stärke letztlich die Rechte, hieß es. Die Kritik war so heftig, dass der Deutsche Kulturrat sogar empfahl, eine einjährige Sendepause für Talkshows einzulegen. Insofern scheint die Zeit günstig zu sein für ein Format wie BlackRockTalk. Karakaya möchte sowohl mit ihrer Themenauswahl als auch durch die Lebensgeschichten der Mitarbeiter vor und hinter der Kamera die Vielfalt in der Gesellschaft repräsentieren. So sollen unterschiedliche, kontroverse Geschichten erzählt werden. In der ersten Folge des BlackRockTalk sind alle geladenen Gäste Frauen, die ein Kopftuch tragen. Das war Karakaya wichtig: „Es müssen Frauen zu Wort kommen, die selbst von Diskriminierung betroffen sind. Nur so können wir authentisch über das Problem reden“ sagt sie.

Eigentlich fing alles mit ihrem Nachnamen an: Der ist türkisch und bedeutet übersetzt „dunkler Fels“. Ihr Masterstudium in Medienwissenschaft war Karakaya zu eintönig, sie wollte etwas anderes probieren, hatte „Hummeln im Arsch“. Beim Herumspinnen mit ihrer Freundin übersetzte sie ihren Nachnamen auf Englisch, „black rock“ – und prompt war da diese Idee: „Ich möchte meine eigene Marke gründen.“ Sollte es ihr gelingen, sich damit zu etablieren, dürfte sie allerdings rechtliche Probleme bekommen: Blackrock ist auch der Name der weltgrößten Fondsgesellschaft.

Das Studium hat sie jedenfalls abgebrochen, es habe ihr nichts gebracht, findet sie. „Die Inhalte sind trocken wie Staub, das passt gerade nicht in mein Leben“. Sie klingt zielstrebig, wenn sie von ihren Entscheidungen erzählt, Wörter wie „Digga“ und „Bruder“ fließen dabei ständig wie selbstverständlich mit ein. Dass sie in nur zwei Monaten das Konzept geschrieben und ihr Team zusammengestellt hat, macht sie stolz. Das habe ihr selbst das Gefühl von „Du kannst was!“ gegeben.

Aber Karakaya ist nicht nur die selbstbewusste Frau, die vor der Kamera Witze macht, lacht und entspannt über gesellschaftliche Themen diskutiert. „Es passiert derzeit so viel in meinem Kopf“, sagt sie und schlägt sich mit der Hand gegen die Stirn. Die Katjes-Werbung habe ihr gezeigt: Wer in Deutschland im Jahr 2018 eine Frau mit Kopftuch als Werbemodel ablichtet, wird attackiert.

Dass die Debatten über „den“ Islam, über Zwang und Unterdrückung, über patriarchale Strukturen den Diskurs über das Kopftuch prägen – das zeigt sich für Karakaya auf der Straße, in der Uni, in den Medien. Sie möchte erreichen, dass eine „Frau mit Kopftuch“ nicht aufgrund ihrer Kopfbedeckung in ein negatives Licht gerückt wird. In ihrer ersten Sendung tragen zwar alle Frauen ein Kopftuch, was sie aber nicht identisch macht: Eine von ihnen ist Auszubildende, eine andere Fashion-Bloggerin, wieder eine andere ist Mutter. Wenngleich sie alle die Erfahrung eint, aufgrund des Kopftuchs anders behandelt zu werden, bilden sie eine diverse Realität ab. Das sind die verschiedenen Narrative, die Karakaya in ihre Sendung einbringen möchte.

„Was ist, wenn wir die Zielscheibe von Hasskommentaren werden?“, fragt sie sich. Ihre Stimme wird tiefer, sie legt Pausen ein beim Sprechen. Es ist eine rhetorische Frage, und sie beginnt, über Selbstzweifel zu sprechen. Manchmal frage sie sich, ob es eine gute Idee war, die sichere Uni-Bank gegen einen variablen Tisch in einem Weddinger Café zu tauschen. Ob sie nicht weiter studieren sollte, da der Bildungsabschluss in einer Gesellschaft wie der deutschen immer noch bestimmt, an welche Stellen jemand kommt. Ob sie nicht einen Nine-to-five-Job anfangen sollte, der ihr Sicherheit bringt? Ihr Künefe ist mittlerweile kalt geworden.

Die Selbstzweifel hängen auch damit zusammen, dass sich Esra Karakaya selbst als „Hijabi-Moderatorin“ bezeichnet, als „Woman of Colour“, „Kanakin“. Begriffe, die Menschen als Selbstbezeichnung verwenden, um zu zeigen, dass sie sich nicht zur weißen Mehrheitsgesellschaft zugehörig fühlen. Man könnte auch sagen, sie dreht den Spieß einfach um; sie tut es, bevor andere ihr diese Etiketts verpassen. Was im gesellschaftlichen Diskurs in Deutschland also eher einem „Kampfbegriff“ gegen Nichtdeutsche gleichkommt, kann so zu etwas identitätsstiftendem werden, findet Karakaya. „Uns Minderheiten wird von der Mehrheit öfter einmal suggeriert, dass wir nicht gut genug sind und an den Positionen bleiben sollen, wo wir sind, nicht aufsteigen sollen. Dass wir dankbarer sein sollen für das Leben in Deutschland, das wir haben“, sagt Karakaya und schaut streng. Die Gesellschaft habe auch ein bestimmtes Bild von der Frau, erst recht von der Frau mit Kopftuch. Eine „gute Frau“ sei immer fürsorglich, rebelliere nicht, unterstütze die Männer – „das ist ein gestörtes Weltbild“, sagt Karakaya. Wenn sie Gesellschaft sagt, meint sie nicht nur die deutsche oder die türkische. Sie sagt, frauenverachtende Denkweisen haben keinen „kulturellen“ Hintergrund.

Bloß keine Nischensendung

Karakaya fällt auf – nicht nur durch ihr Lachen, das ein paar Dezibel höher ist als das der Mehrheitsgesellschaft. Sie sagt, viele „People of Color“ würden oft aufgrund ihrer kantigen und urbanen Art wahrgenommen werden, sie hätten etwas Kosmopolitisches und „Spezielles“ an sich – gerade im hippen Berlin. Für Karakaya ist auch das ein Problem: Sie würden nicht für ihre Kompetenzen wertgeschätzt, sondern für ihr Erscheinungsbild. „Das stigmatisiert die Menschen und spricht ihnen ihre Expertise ab“, sagt sie. In Talkshows würden sie nicht eingeladen werden, um ihr Wissen zu teilen, sondern um ihre „Migranten-Sicht“ zu schildern.

Der Künefe ist verspeist, der Tee ist leer. Natürlich wird die Rechnung nicht geteilt. Dass die Person, der man gegenüber sitzt, eingeladen wird, ist so ein „Kanaken-Ding“. Bevor es zu einer Diskussion kommt, wer die Rechnung begleicht, hat Karakaya schon gezahlt.

Kurzer Spaziergang auf der Müllerstraße. Karakaya grüßt unentwegt Leute, man spürt, es ist ihr Viertel. Schließlich bleibt sie vor einem modernen, kahlen Neubau stehen. Ockerfarbene Ziegelsteine, Panoramafenster auf jeder Etage und ein Bio-Supermarkt im Erdgeschoss, der bald eröffnet werden soll. Das Gebäude ist ein neues privates Studentenwohnheim, finanziert von privaten Investoren. Gegenüber dem Wohnheim ist eine riesige Baustelle, vorher standen da drei verschiedene Restaurants. Esra Karakaya ging oft hin, kannte die Lokale gut. „Ich nehme das echt persönlich, dass die Restaurants schließen mussten – die Gentrifizierung trifft auch den Wedding“, sagt sie.

In einem modernen Neubau nahe dem Leopoldplatz wurde die Schiller-Bibliothek gebaut – für Karakaya eine der sinnvollen Investitionen, die der Bezirk in den letzten Jahren geleistet hat. „Die Bibliothek ist ein Community-Ding“, sagt sie. Ein ganz analoger Ort allerdings. Die digitale Community wiederum will sie mit ihrem BlackRockTalk erreichen: Sie will keine Nischensendungen produzieren, ihr Traum wäre es, ihre Formate irgendwann an die öffentlich-rechtlichen Sender zu verkaufen, damit ihre Themen da mehr Platz bekommen. „Ich möchte mal mein eigenes Medienunternehmen haben“, sagt Esra Karakaya. „Inşallah.“

06:00 14.08.2018

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