Feindbilder im Eiltempo

Köln Über die Verurteilung der Ereignisse in Köln und die Solidarität mit den Opfern herrscht zweifelsohne ein breiter Konsens. Über den Umgang mit der Krisensituation nicht
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Die Fokussierung der überfälligen Debatte über Sexismus und sexualisierte Gewalt in Deutschland wäre eine logische Konsequenz gewesen; genau wie der adäquate Umgang mit den straffälligen alleinreisenden Jugendlichen und Heranwachsende.

Stattdessen erlebten wir krampfhafte Versuche der Konfessionalisierung und Ethnisierung der Ereignisse von Köln. Sehr schnell wurden die Täter in einem imaginären „Maghreb-Viertel“ verortet und ihre Schandtat mit Herkunft, Kultur und Religion erklärt. Ein neuer Feindbild von „den Arabischen Mann“ bzw. „den Maghrebinischen Mann“ war konstruierte; in gerade mal zwei Wochen.

Herhalten muss dafür die Deutsch-Maghrebinische Gemeinde in Deutschland. Diese wird hier in Sippenhaft genommen und unter Generalverdacht gestellt. 60 Jahre des friedlichen und respektvollen Gemeindeleben scheinen im Augenblick vergessen zu sein. Das Vertrauen erheblich tangiert.

Die Konsequenzen lassen nicht lange auf sich warten: gewalttätige Bürgerwehren machen Jagd auf Nordafrikaner, aggressive Rockerbanden halten Ausschau nach maghrebinisch aussehende Menschen und ganze Bevölkerungsgruppen bewaffnen sich. Migranten werden auf offener Straße angegriffen und den Einlass in öffentlichen Einrichtungen nur unter Auflagen gewährt. Wasser auf den Mühlen radikaler Gruppierungen aller Couleurs und ein Rückschlag für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung.

Übeltaten dürfen nicht mit Übeltaten gerechtfertigt werden. Auch werden wir so keines der Probleme lösen können. Das kann uns nur gelingen, so wie es uns bisher immer gelungen ist: gemeinsam, solidarisch und in Rechtstaatlichkeit.

Samy Charchira

21:37 27.01.2016
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Geschrieben von

Samy Charchira

Dipl. Sozialpädagoge, Sachverständiger bei der Deutschen Islamkonferenz und Mitglied des Landesvorstandes des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes NRW.
Samy Charchira

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