chargesheimer

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RE: Anschläge und Fragen | 23.11.2011 | 15:48

Liebe Alien,
es geht nicht ums "ausgebuht" werden. Wer will, soll buhen. Ich werde in der Türkei (und sogar in Köln in türkischen Geschäften), besonders wenn ich mit meiner türkischen Freundin ausgehe, auch oft mit "Blicken" ausgebuht, was nicht immer angenehm für uns beide ist. Sie wird dann oft auf türkisch angesprochen und gefragt, ob wir beide verheiratet sind.

Aber wenn wir etwas verändern wollen, müssen wir es immer gegen Widerstand machen. Sie fordern zurecht eine offene Gesellschaft in Deutschland, die nicht diskriminiert und alle Menschen mit Respekt behandelt. Um das zu erreichen, müssen wir aktiv gegen Vorurteile angehen und unsere Meinung kundtun. Da wird es immer "Buher" geben, nicht nur in Deutschland sondern auch in der Türkei und der ganzen Welt.

Wenn ich in meinem Beitrag von gestern von einer "Opferrolle" spreche, meine ich damit die Menschen, die sich als Opfer fühlen und resigniert sich zurückziehen.

Das führt aber zunichts, im Gegenteil! Wir überlassen dann das Feld den Rechtsnationalen und den latent Fremdenfeindlichen. Wir haben nur durch unser zur "Wortmeldung" die Chance, etwas zu verändern, auch wenn wir "ausgebuht" werden.

In Köln-Kalk sah ich vor einiger Zeit einen jungen Mann, der auf seinem T-Shirt sowas wie "Achtung, gefährlich. Ich bin ein Moslem!" gedruckt hatte. Sowas finde ich großartig, das bringt zum Nachdenken und manch einer fühlt sich vielleicht dadurch auch beschämt.

Sowas, was Sie und ich hier im Forum treiben, ist das mindeste, was wir tun können, um in unserem Umfeld etwas zu einem respektvolleren Umgang miteinander beizutragen. Aber darauf sollten wir uns nicht beschränken.

Demokratie (und Freiheit) kriegt man nicht geschenkt, man muss jeden Tag darum kämpfen. Ich wünsche Ihnen dafür die notwendige Kraft und Energie.
Herzliche Grüße!

RE: Anschläge und Fragen | 22.11.2011 | 19:07

Ich tue mich etwas schwer damit, im nachhinein den Anschlag in der Keupstr. so zu bewerten, als wäre es von vorne herein schon klar gewesen, dass die wir alle falsch informiert und/oder manipuliert werden. Ich bin in dem Viertel geboren und kenne die Keupstr. ziemlich gut und kaufe manchmal dort meine kurdisch/türkische Musik.

Insofern ist nicht nur mir bekannt, dass in der Keupstr. Schutzgeld und Erpressung immer wieder ein Thema sind. Sei es von kurdischer oder türkischer Seite. Daher schien mir die Erklärung zu den möglichen Tätern, die in der Öffentlichkeit verbreitet wurde auch als plausibel. Ich gestehe daher, ich bin auch reingefallen und habe das als mögliche Erklärung akzeptiert.

Ich habe auch die eiskalten Morde an den Imbissbesitzern nicht mit der Keupstr. in Verbindung gebracht. Die Taten schienen mir zu verschieden, obwohl auch hier Schutzgeld usw. nicht so weit weg für mich waren. Ausserdem fanden die Morde nicht in Köln statt. Auch hier bin ich nicht auf die Idee gekommen, dass hier Neonazis am Werk waren, weil die sich üblicherweise ja gerne mit ihren Taten in der Öffentlichkeit brüsten. Es scheint, in diesem Punkt muss ich/müssen wir als Bürger umdenken. Die bisherige Dumpfbackenmentalität der Neofaschisten ist einer Koordination und subtilerer Vorgehensweise gewichen, die in meinem/unserem bisherigen Denken über diese Schwachköpfe noch nicht ausreichend gewürdigt wurde. Bei mir wird sich das jetzt ändern.

Abschließend möchte ich auch noch gestehen, dass ich bis vor einigen Tagen das Unwort "Dönermorde" noch nicht als unterschwellig rassistisch angesehen habe. Erst als ich in den Medien Betroffene erlebt habe, die sich durch dieses Titulierung gekränkt fühlen, wurde mir klar, dass ich hier auch ungeprüft etwas übernommen habe, also auch bei mir die Manipulation der bürgerlichen Presse funktioniert hat.
Was mich ausserdem betroffen macht, ist, das ich bisher immer davon ausgegangen bin, das man mich als politisch aktiven und interessierten Menschen nicht so leicht manipulieren kann!
Die Pressemitteilung des deutsch-türkischen Jugendwerkes, siehe hier, www.dtjw.de/download/pressemitteilung_doener-morde_dtjw.pdf
hat für mich schmerzhaft den Finger in diese Wunde gelegt.

Ich bin auch dankbar für diesen Blog hier an dieser Stelle, da ich als nicht türkischstämmiger Deutscher selten so offene und ehrliche Schilderungen über die persönliche Befindlichkeit der "türkischen Gemeinde" erhalte.

Seit den 80er Jahren gibt es immer wieder Untersuchungen, die belegen, das in Deutschland 10-15% der Deutschen latent rechtslastige Grundeinstellungen haben. Ich gehe davon aus, dass sich spätestens seit 2001 diese Grundstimmung eher weiter verbreitert hat. Dies aber nicht nur in Deutschland! Das hat viele Gründe und nicht einen einzigen besonderen.

Die deutschen Medien spielen dabei in diesem Fall sicher eine besondere Rolle. Da setzt sich bei den Redakteuren seit Jahren immer deutlicher der Trend durch, nicht aufzufallen, immer unkritischer oder aber auch gezielt tendenziell zu berichten. Das hat mit den grundsätzlichen politischen Ausrichtungen der Zeitungen oder der TV-Anstalten, aber auch mit Rücksicht auf Werbekunden zu tun. Das dies nicht nur (leider) bei mir sondern auch bei unbedarfteren Personen passiert, ist leicht nachvollziehbar.

Ich weiss, dass die meisten meiner türkischen und kurdischen Bekannten der Presse fast überhaupt nicht mehr Vertrauen. Die sind allerdings politisch eher links. Es scheint, dass das deutsche Publikum sich in diesem Punkt immer noch zu schnell hinters Licht führen läßt, ohne zu bemerken, dass es manipuliert wird.

Ich glaube nicht, dass 1 Drittel der Deutschen grundsätzlich Ausländerfeindlich sind. Sie sind eher fremdgesteuert! Die wirtschaftlichen und sozialen Probleme in Deutschland werden durch die Medien fast immer mehr oder weniger subtil mit "Äusländern" oder Moslems in Verbindung gebracht. Das wirkt sich natürlich auch irgendwann im Bewusstsein aus!

Wenn es mehr Menschen wie alien59 geben würde, die sich öffnen und nicht in einer Art Opferrolle verharren, sich zurückziehen und stattdessen so offensiv mitteilen wie hier an dieser Stelle, würde sich das auf die momentane Grundstimmung in Deutschland sicher auch positiv auswirken.
Bisher hat jede Veranstaltung der Rechten (wie gerade wieder in Köln-Kalk) in Köln dazu geführt, dass immer mindestens die 20-100fache Menge an Gegendemonstranten aktiv gegen Neonazis Flagge gezeigt haben.
Das ist doch eine gute Ausgangslage, das demokratische Bewusstsein weiter zu verbreiten und zu stärken und gemeinsam gegen die Neofaschisten vorzugehen!