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RE: Der gute Lehrer – ein Phantom? (1) | 09.09.2009 | 20:54

Seid gegrüßt, Chryselers, Bildungswirt und andere Disputanten!

Ich habe die gesamte Debatte mit großem Interesse gelesen und wollte auch noch mal etwas beitragen.

Im Großen und Ganzen sehe im bisherigen Verlauf keine Punkte, über die man großartig streiten müsste. Ich will aber darauf aufmerksam machen, die Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Die Anforderung an Lehrer in der Lehre, die bisher genannt worden sind, sei es Empathie, Authentizität, Intensivität, Expertise usw., sind auf ein bestimmtes Umfeld bezogen. Ich will damit auf die Logik zurückkommen, die im, von Chryselers angeführten, Artikel von Hans-Peter Waldrich ("Die neoliberale Schule" aus Blätter für deutsche und internationale Politik 9'09), in dem es heißt:

>> Das „Referenzsystem“, von dem Bildung auszugehen habe, sei die „jeweils existierende Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung.“

Herr Waldrich kritisiert dieses Verhalten - nämlich Konzepte danach anzufertigen, dass sie ins System ("Dass dabei auch fraglich ist, welches "reale" System denn eigentlich gemeint ist - eine "Soziale Marktwirtschaft", "Neue Soziale Marktwirtschaft" oder vielleicht gar "Radikale Marktwirtschaft [...]") passen. Die selbe Tendenz sehe ich hier.

Die Anforderungen sind jene, die ein Lehrer in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation benötigt. Ob diese die beste Grundlage ist, um die Eigenschaften eines "guten Lehrers" festzulegen, stelle ich zur Diskussion.

Ist ein "guter" Leher ein erfolgreicher oder eher ein humanistischer, vertrauenswürdiger? Das ist nämlich der Punkt. Gegenwärtig sieht es nämlich so aus, wie schon bereits von Achermann in der Diskussion eingebracht:

"In nicht wenigen öffentlichen Schulen trifft man auf Schüler, die im häuslichen Umfeld nicht mal Grundverhaltensweisen kennengelernt haben, die darauf abzielen, den Mitmenschen zu respektieren und dessen körperliche Unversehrtheit zu gewährleisten. Ichbezogenheit und übersteigertes Selbstwertgefühl paaren sich nicht selten mit einer riesigen Erwartung, ständig unterhalten zu werden – auch in der Lehranstalt."

, dass bei einem sehr großen Teil der Schüler einfach elementare soziale Fähigkeiten und außerhalb der Schule Vertrauenspersonen fehlen. Würde man allerdings von diesen Voraussetzungen ausgehen, so wären die für die Lehrer genannten Kompetenzen wie Einfühlungsvermögen und individuellen Herangeehensweise unabdingbar. Man geht davon aus, dass der Lehrer die einzige Person ist, die den jungen Menschen erzieht. Hier treffen die Wörter "Lehre" und "Erziehung" aufeinander. Ich behaupte nicht, dass der Lehrer auch einen Teil zur Erziehung beiträgt, aber die Rollenverteilung und Gewichtung sind diskutabel. Das würde aber zu weit abdriften.

Ich überspringe die Diskussion, um den Punkt zu verdeutlichen. Denn nun kommt das Gedankenspiel und man kann Komponente wegnehmen und hinzufügen. Z.B. kann man nun fragen, ob die menschliche Komponente nötig ist? Denn, wenn ein guter Lehrer ein erfolgreicher ist, also jmd, der vorrangig es schafft den Schüler mit nötigem Wissen und Verständnis der Dinge auszustatten (mit anderen Worten:"Die Lesbarkeit der Welt", um auf das Buch von Hans Blumenberg anzuspielen, dass Bildungswirt erwähnte), so braucht er nicht Einfühlsam zu sein. Ich behaupte nicht, dass das die Regel ist, aber einer meiner Ehemaligen Deutsch-Lehrer, war pädagogisch gesehen total inkompetent, er hatte sogar leicht masochischte Verhaltensweisen bzw. Unterrichtsweisen (alles natürlich in einem aktzeptablen Rahmen) und trotzdem muss ich sagen, dass er von der Methode her excellent war und man bei ihm sehr viel Gelernt hat. Ich möchte dieses Beispiel nicht generalisieren, insbesondere deswegen weil Methode in einem Zusammenhang zum Stoff steht. Das wirft die Frage auf, ob nicht auch Kompetenzen der Lehrer von Fach zu Fach variieren müssen?

Bezieht man nun auch noch Montessori mit ein und ich glaube es ist auch ansonsten allgemeinhin bekannt, dass Kinder von Natur aus einen starken Wissensdrang haben und nimmt dieses als Idealzustand. Das bedeutet, hat ein Kind nicht diesen Wissensdrang, hat es mit irgendwas anderem Probleme. Probleme die möglicherweise in der Erziehung liegen, die aber nicht notwendigerweise vom Lehrer gelöst werden müssen. Kommt das Kind also nur zur Schule, um über die "Dingliche Welt" zu lernen, würde es dann nicht reichen, dass der Lehrer nur sehr gute Fachkenntnisse vorweißen kann und sich der Wahrheit verpflichtet und sich somit mit den Schülern auf die Suche nach der wahren Erkenntnise der Dinge geht?

Natürlich gehe ich hier überall von Idealzuständen aus. In einem Rahmen, wie in der heutigen Schule mit über 30std pro Woche, modularisierten Aufbau und über 25 Schüler pro KLasse, geht das natürlich nicht. Aber wie man sich die ganzen Bedingungen drum herum vorstellt und herstellt, ist eine andere Frage. Ich will jedenfalls behaupten, dass ein guter Lehrer nicht notwendigerweise diese ganzen Kompetenzen braucht, was natürlich nicht heißt, er darf absolut böswillig sein und die Kinder lernen trotzdem wunderbar - versteht mich also bitte nicht falsch.

MfG charity