Der Neid auf die da unten

Wording Das nächste Label für Fremdenfeinde wird aus der medialen Taufe gehoben. Was ist ein "Sorgenbürger"?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Sowas kann passieren, wenn man die ironischen Gänsefüßchen einfach weglässt. Das Wort gab es schon, in satirischen Zusammenhängen, aber im Zuge der Ereignisse in Freital stand es dann ganz selbstverständlich in einer Bildunterschrift der „Sächsischen Zeitung online“, als erklärender Begriff, was auf dem Bild zu sehen sei: Sorgenbürger.

Das klingt nach einem neuen Label, und wie oft in den politischen Debatten dieser Tage nicht nach dem, was es meint: Leute, die vor Flüchtlingsunterkünften gegen Einwanderung demonstrieren, die angeblich etwas für ihre Heimat tun wollen, deren Äußerungen mit „ich bin bestimmt kein Nazi, aber …“ beginnen und in der Folge genau dieser Behauptung Hohn sprechen.

So eingängig wie bescheuert wie folgerichtig in der Reihe der zeitgeistigen Begriffsverwirrungen ist Sorgenbürger ein Wort, das sich weiter etablieren dürfte, und schon bald wird niemand mehr darüber nachdenken, wie es dazu kommen konnte und was an dem Begriff dran ist.

Ein kurzer Blick zurück: Die „Sorgen der Bürger“ , eine Leerformel aus dem Politiker-Sprech, tauchten zunächst verstärkt parallel und als vorgeblich hilfloser Kommentar zu den PEGIDA-Aktivitäten auf: „Die Sorgen der Bürger ernst nehmen“ ist eine bewährte Phrase für Situationen, in denen etwas gesagt werden muss, aber eine inhaltlicheStellungnahme vermieden werden soll. Das wurde zunächst von Skeptikern und Gegnern der PEGIDA aufgenommen, um die "besorgten Bürger“, in Gänsefüßchen, als Leute zu kennzeichnen, die bestimmt keine Nazis sind, aber.

Bis die Presse übernahm, die nun mit einiger Absehbarkeit den (seines verbleibenden Ironiegehaltes fragwürdigen) Sorgenbürger einführen wird: Nicht in der direkten Nachfolge, aber doch im Gleichklang zum ein paar Jahre älteren Wutbürger: Eine gesellschaftliche Strömung, mit der offiziell keiner gerechnet hat und die deswegen gerne als Phänomen wahrgenommen wird, das, wenn es sich hält oder sogar ausbreitet, ein griffiges Etikett braucht. Und wie der Begriff Wutbürger politisch engagierte Personen belächelt und abqualifiziert, so verharmlost und verkitscht Sorgenbürger nun ein gar nicht neues Hass-Normativ, das schon unter tausend Namen und Argumenten ging und immer irgendwie auf Rassismus und gruppenbezogene Diffamierung hinausläuft.

Wovon handeln die im Begriff beschworenen Sorgen? Lassen wir ein paar Betroffene zu Wort kommen, nennen wir sie Stefanie, Doris und Michael (deren Äußerungen exemplarisch für eine Vielzahl von Stimmen stehen, zu lesen in diversen Diskussionsforen):

Doris hat nichts gegen Ausländer, auch nichts gegen Flüchtlinge. Aber das kann doch nicht sein, dass wir jetzt alle Welt bei uns aufnehmen – wir haben hier schließlich genug eigene Probleme.

Ja, meint Michael, es wäre ja richtig, „echten“ Flüchtlingen zu helfen, aber Kriminellen, die sich hier ein schönes Leben machen auf unsere Kosten, die hätten bei uns nichts zu suchen.

Die kommen hier an, empört sich Stefanie, und kriegen einfach alles: Die haben Markenklamotten und Smartphones, die "armen“ Flüchtlinge, und ich soll daVerständnis haben!

Sie sprechen über Menschen, die streng reglementiert in Heimen leben, praktisch kein Eigentum haben, nicht offiziell arbeiten dürfen, deren Schicksal völlig in den Händen der Bürokratie vor Ort liegt; Menschen, die eine neue Sprache lernen und eine erschütternde Vergangenheit verarbeiten müssen in einer unsicheren Gegenwart für eine kleine Hoffnung auf Zukunft … Sie sprechen von Asylsuchenden, als ginge es jenen deutlich besser als dem Rest der Bevölkerung, als gäbe es irgendeinen Grund, mit denen tauschen zu wollen, die im gesellschaftlichen Ranking noch deutlich hinter ihnen liegen: Neid auf "die da unten“. Es ist schwer zu verstehen. Michael, Doris und Stefanie scheinen ernsthaft davon überzeugt, der Wohnraum und Aufwand, den die Gesellschaft Flüchtlingn verweigert, käme automatisch ihnen selber zugute ...

Was um alles in der Welt ist Stefanies Anliegen? Neidet sie dem Asylsuchenden die Unterkunft, die Kleidung, das fließende Trinkwasser, die täglichen Mahlzeiten, das Mobiltelefon? Alles, was ihr selber doch auch zur Verfügung steht, und mehr davon? Oder ist der Gegenstand ihres Neides vielleicht die öffentliche Aufmerksamkeit?

Aufmerksamkeit ist im Alltag der neuen Medien eine derart harte Währung, dass aus dem Eindruck, keine öffentliche Bestätigung seiner Existenz zu bekommen, schnell das Gefühl wird, selber gar nicht stattzufinden. Wenn also über Menschen berichtet wird, die Hilfe brauchen, ist schon diese Meldung etwas, wodurch sich Stefanie und ihre Freunde beraubt sehen. UND ICH? Schreit es in denen, die sich notorisch übersehen fühlen. ICH habe auch Probleme! Wer kümmert sich um MICH? Ist MEIN täglicher Kampf mit allen Überforderungen, die MIR zugemutet werden, denn weniger wichtig? Bin ICH nicht eigentlich zuerst dran, vor allen anderen?Der Neid auf die da unten ist diffuse Eifersucht, die sich selten auf etwas Konkretes bezieht, sondern auf einen empfundenen Mangel bei sich selber. Von da aus ist es kein weiter Weg mehr zur Überzeugung, generell ungerecht behandelt zu werden, und zur Routine, über jedes Indiz der vermeintlichen Benachteiligung sorgfältig Buch zu führen, sowie anders lautende Informationen nicht wahrhaben zu wollen.

Bei dieser allgemein empfundenen Knappheit ist am Ende nicht nur die positive Wahrnehmung umkämpft. Wer sich im Wettbewerb um Bewunderung, Lob und Meriten schon dauerhaft auf der Verliererseite sieht, für den scheint es sich doch noch zu lohnen, einen Platz im Negativ-Ranking zu ergattern: Wer ist ärmer, wer ausgebeuteter, wer wird am ungerechtesten behandelt? Wer hat die miesesten Erfahrungen, wer erleidet mehr Bedrohung, Schikane, Verleumdung? Auch hier auf der Unglücks-Seite der Aufmerksamkeits-Medaille winkt dem Wettbewerbssieger eine Öffentlichkeit. Und wenn „Sorgen“ reichen, um auch mal irgendwo wichtig zu sein, je nun, dann macht man sich halt Sorgen, auch wenn diese wenig nachvollziehbare Substanz aufweisen. So wie Stefanie nichts Konkretes benennen könnte, das ihr „die Flüchtlinge“, die sie nur aus den Medien kennt, wegnehmen, so sind die erregt kolportierten „Fakten“ und Räuberpistolen bei genauerem Nachfragen bestenfalls Hörensagen- gestützt, meistens irgendwo gelesen, nie aus erster Hand. Es geht nicht um konkrete Benachteiligungen und Bedrohungen, sondern um die Vervollständigung eines Weltbildes, in dem die eigene Person an Bedeutung gewinnt und sich durch bloßes Nachplappern der passenden Phrasen Durchblick suggerieren und am Ende als Stimme der Vernunft wahrnehmen kann.

Und natürlich geht es auch immer noch eine Tonart pathetischer und eine Nuance ekelerregender: Über den Kommentar eines Freundesfreundes schwemmte es einen Post in meine Timeline, der unmissverständlich und einwandfrei den Tatbestand der Holocaust-Leugnung erfüllte. In erster Linie, weil ich es nicht glauben wollte, las ich mich in den Kommentarstreifen ein … Und da war es wieder: Dieses Applaus heischende Gewinsel. Nur ging es diesmal nicht darum, welcher Einzelperson der größte Schaden zugefügt wurde: diesmal ging es um „Völker“. Denn im Grunde genommen und alles schillernde Lametta aus verlinkten Quellen, Hörensagen- "Fakten" und so unfassbaren wie schlichten Behauptungen beiseitegelassen, war das Anliegen ungefähr: Wir, die Enkel und Urenkel der Nazis, wollen eine Geschichtsschreibung, in der WIR die Opfer sind. UNS ging es schlecht! WIR wurden betrogen, wir müssen zu Kreuze kriechen, und die ganze Welt wird gegen uns aufgehetzt, dabei sind WIR es, denen Unrecht getan wurde. Und offenbar bis heute wird- diese letzte Behauptung lässt sich nun auch nach dem höchsten Gehirnwäschegang nicht wirklich argumentativ halten, aber das ist auch nicht nötig, weil in diese Matrix ohnehin nur diejenigen folgen, die es auch so sehen wollen... Auch hier verwahrten sich viele Beteiligte explizit dagegen, „Nazis“ zu sein. Vielmehr seien alle anderen welche, die die WAHRHEIT (immer großgeschrieben, oft mit Ausrufezeichen) vertuschen wollen und „das deutsche Volk“ zugrunde richten...

Natürlich gäbe es, auch ohne Unfug wie Sorgenbürger zu bemühen, genug Begriffe, um derlei Gedankengut von vorurteilsgespeister Feindseligkeit über rassistische Hetze bis zur braunen Folklore zu benennen. Aber „Nazi“ bringt es auf einen Punkt und ist hier tatsächlich mal angebracht.

Sicher: Nazi ist als Begriff in den letzten Jahren übel strapaziert worden und wird inzwischen wohl zu universell verwendet. Wir sollten aber (vielleicht gerade deswegen) weiter diskutieren, was einen „Nazi“ substanziell ausmacht, und nach welchen Parametern das Wort noch sinnvoll verwendbar wäre. Auf dass die einen sich inhaltlich umorientieren und die anderen sich nennen lassen müssen, was sie sind. Dann könnten wir uns den Sorgenbürger sparen.

16:43 14.07.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Charlie Schulze

"Bei meinen Feinden, zuweilen, finde ich Zuflucht vor meinen Genossen." (Peter Rühmkorf)
Charlie Schulze

Kommentare 2

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community