Ehrensachen

Deutschsein Haben Deutsche keine Ehre? Womit kann man sie beleidigen? Erkenntnisse aus trilateralen Gesprächen am Tresen
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Wenn Cem und Jannis die Nationalstolz-Karte spielen, muss ich immer passen. Das ist mir nicht unangenehm, im Gegenteil. Es ist mit Nationalstolz ähnlich wie mit Religion: Andere Leute haben sowas, ich brauch ´s nicht - und in einem Land zu leben, das mit diesem Begriff einen sehr heiklen Umgang pflegt, habe ich immer eher als „Freiheit von“ gesehen denn als „Mangel an“ etwas, das andere scheinbar selbstverständlich haben, empfinden, hegen.

Nun sind auch meine Kollegen beide keine Experten in Nationalstolz: Jannis ist bald 60, hat sein ganzes Berufsleben in Deutschland verbracht und redet, je näher die Rente rückt, immer weniger von seinem Haus in Griechenland. Cem ist Mitte 20 und seit 5 Jahren hier, hat aber vorher schon in drei anderen Ländern gelebt und hat momentan nicht vor, irgendwo alt zu werden, wo die Erde doch rund und vernetzt ist, und man auch noch eine fünfte Sprache lernen kann… Aber ebenso selbstverständlich, wie wir in einer deutschen Großstadt an einem Tresen sitzen, packen der ältere Grieche und der jüngere Türke bei Kaltgetränken und oberflächlichem Geplänkel immer mal wieder den Nationalstolz aus.

Es geht meistens um nichts dabei - das Gespräch wird angeregt, ein paar Klischees kommen auf den Tisch, wir lachen zusammen. Klischees kenne ich natürlich auch, und zu meiner nationalen Zugehörigkeit habe ich mir auch schon allerlei Gedanken gemacht: Ein Zufall, der nichtsdestoweniger meine Identität beeinflusst, mich mit einem bestimmten historischen und kulturellen Weltausschnitt geprägt hat. Stolz scheint mir in diesem Zusammenhang eine so abwegige Kategorie, dass ich mich nie darauf eingelassen habe. Stolz ist in meinem (deutschen?) Empfinden zu sehr gekoppelt an persönliche Leistung. Den aktuellen Stand der Aufklärung, Freiheit, Demokratie, Technologie aber hat das Land ja keineswegs mir zu verdanken, sondern eher umgekehrt.

Wo also Jannis, der selber keinen großen intellektuellen Ehrgeiz hegt, sein „Du weißt, ich bin Grieche“ stets in einem Pathos vorbringt, das irgendwie auch Aristoteles und Platon meint, und Cem (der türkische und arabische Familie hat), Muster einer globalen Generation, bei Bedarf auch mal den stellvertretenden Orientalen gibt, der dem barbarischen Westen seinerzeit die Zahlen, den Schnaps und die moderne Medizin gebracht hat, tue ich mich schwer damit, für Schiller, Beethoven, Nietzsche, geschweige denn für 16 Bundesländer zu sprechen. Irgendwie ist mir das mehrere Nummern zu groß. Ich bin ja schon herausgefordert, wenn ich mein Stadtviertel besser finden soll als ein anderes… Wenn Nationalstolz den Gesprächston bestimmt, halte ich mich meistens raus.

Anders ist es mit der deutschen Mentalität. Hier kann ich mitreden, als betroffene Person deutscher Prägung. Und da wird es manchmal sehr interessant bei unseren trilateralen Gesprächen am Tresen. Denn so unterschiedlich die Perspektiven von Cem und Jannis sind, in ihrer Sicht auf Deutsche sind sie sich oft einig, und manchmal sind ihre Ansichten sehr erhellend, bringen Erkenntnisse und Missverständnisse zutage und fördern das interkulturelle Verständnis. So auch einmal, als es um den Ehrbegriff ging:

Die Deutschen, sagte der höfliche Cem, hätten „ein Problem mit Ehre“, und Jannis nickte dazu. Im Kontext klang noch deutlicher an: Ausländerseits entstünde manchmal der Eindruck, Deutsche hätten gar keine Ehre… Jedenfalls nicht so, wie sich immerhin ein junger Türke und ein älterer Grieche über den Begriff spontan einig waren. Und auch ich musste zunächst zustimmen: Von einer anderen Kultur mit sehr klar tradierten Ehrbegriffen aus gesehen, ist da was dran…

Wo beispielweise, wie in weiten Teilen von Süd- und Osteuropa und im Orient, der Verweis auf Familienmitglieder und deren unterstelltes Sexualverhalten als zuverlässiger Mechanismus zur Eskalation von Konflikten gilt, erschließt sich der deutschen Seele, so tiefgründig sie auch sein mag, der emotionale Gehalt dieses Anwurfes gar nicht. Der Deutsche versteht prinzipiell natürlich, was mit „Hurensohn“ gemeint ist: Eine grobe Unhöflichkeit, eine beleidigen-wollende Schmähung, gemeint als klare Aufforderung, zu Handgreiflichkeiten überzugehen - soweit klar. Aber gilt es als echte emotionale Verletzung? Etwas, das so tief trifft, dass eins nur noch zuschlagen möchte? Bei mir und praktisch allen Deutschen, die ich kenne, ist tatsächlich kein Anschluss unter dieser Nummer.

Ob uns das Konzept der Ehrverletzung komplett fehle, wollte Cem wissen. Oder ob es ein speziell deutsches System der Beleidigung gäbe? Hier konnte ich tatsächlich etwas weiterhelfen, und im Verlauf des Gespräches arbeiteten wir ungefähr folgendes heraus:

Wer die deutsch sozialisierte Person beleidigen will, sollte sich erstens nicht damit aufhalten, über deren Familienmitglieder zu reden (Mutter? Schwester? Was ist mit denen? Und was hab ich damit zu tun?) Zweitens sollte sich die Schmähung nicht auf hypothetische Vorgänge beziehen, die jeder Grundlage entbehren (wenn ich schon selber nicht weiß, was meine Verwandtschaft im Schlafzimmer tut oder lässt, warum sollte mein zufälliger Konfliktteilnehmer darüber auf dem Laufenden sein - und selbst wenn, würde es mich nicht interessieren und hätte es noch immer nichts mit der Sache zu tun, um die es eigentlich ging: die zerkratzte Stoßstange etwa oder den Müll im Hof). Das Konzept der frei fabulierten Behauptung zur Familie des Gegenübers als Angriff auf die Ehre derselben leuchtet dem Deutschen nicht ein.

Nun gibt es den Einwand, dies sei eine Folge der Aufklärung und Emanzipation, Teil einer neueren Entwicklung, die den Zusammenhalt der Familie in unserem Kulturkreis entscheidend geschwächt habe. Es sei uns also etwas abhanden gekommen, das es vormals gegeben habe … Ich kann mich aber noch an Deutsche erinnern, die sich noch an den letzten deutschen Kaiser erinnern konnten: Auch die hatten diese Form des „familiären Zusammenhalts“ und der pauschalen Schmähung einer Familienehre nicht im Repertoire. Was sie allerdings hatten, war eine tradierte Idee der „Schande“, die eins auch der eigenen Familie machen konnte, etwa durch Abweichen von der ebenfalls tradiert definierten Verhaltensnorm … Der Begriff der Ehrbarkeit spielt auch in unserer Kultur eine Rolle. Aber er betrifft mehr die einzelne Person und den konkreten Vorfall als die magische Vorstellung, dass die (auch nur gerüchteweise) Beschädigung der Ehre eine übertragbare Krankheit sei, die ganze Sippen dahinrafft.

Wer eine deutsche Person beleidigen will, sollte schon wirklich persönlich werden, und nach Möglichkeit faktenbasiert. Am besten funktioniert der Hinweis auf ein reales, offenkundiges Versagen, das dem Anderen zur Last gelegt werden kann, und sei es noch so geringfügig oder lange her – aber es sollte für einen abwertenden Rückschluss auf die gesamte Person brauchbar sein: Ein vergessener Termin als Indiz genereller Unzuverlässigkeit. Ein Rechtschreibfehler als Nachweis grundsätzlichen Nichtwissens. Ein falsches Wort, eine unbedachte Behauptung als Zeichen für prinzipiell mangelnde Integrität. Ein geliehener Fünfer als immerwährende Schuld: Hier greifen ganz klassische Begriffe von Ehre und Schande deutscher Prägung.

Die deutsche Ehre macht sich an Begriffen fest, die ansonsten auch gerne auf das Deutsche angewendet werden: Zuverlässigkeit. Gründlichkeit. Ehrlichkeit. Dass etwas, das einmal gesagt wurde (oder gar aufgeschrieben!), dann auch gilt. Regelverstöße sind dem Deutschen Anlass zu manchmal unangebrachter moralischer Entrüstüng, einfach, weil etwas so nicht vereinbart war ... Ist eine Verfehlung partout nicht zu kaschieren, weiß der Deutsche allerdings wieder zu schätzen, wenn eins „zu der Sache steht“. Das klare Bekenntnis zu etwas, und sei es auch offenkundiger Unfug, nötigt dem Deutschen Respekt ab. Entsprechend machen ihn Dementi und Ausflüchte fuchsig: Der Übeltäter soll es "wenigstens zugeben", und kommt, so habe ich bereits in Kindertagen gelernt, im Falle der Aufrichtigkeit mit Strafminderung davon. Wem die Schande zufällt, soll sie gefälligst aushalten ... Alle anderen dürfen sich in Rechthaberei sonnen. Nicht recht zu haben, ist dem Deutschen zuwider.

Was aber, wenn man sein deutsches Gegenüber gar nicht kennt, also nicht faktenbasiert streiten, sondern einfach nur eskalieren will? Um einen Konflikt zu befeuern, dem eigenen Ärger Luft zu machen und den Anderen herabzusetzen, hat die deutsche Schimpftradition (reichhaltig vorhanden besonders in Dialekten) immer gerne das fäkale, das blasphemische sowie das rassistische Register genutzt. Letzteres ist aus bekannten Gründen nicht mehr zweifelsfrei anwendbar. Möglicherweise ist hier auch ein Vakuum entstanden, das im Alltag eine größere Rolle spielt als der ohnehin abstrakte (mangelnde) Nationalstolz. … Was möglicherweise seinen Einfluss auf die bundesrepublikanische Schimpf- Fluch- und Streitkultur hatte, dessen genaue Erforschung sicher auch interessant wäre.


23:38 07.10.2015
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Geschrieben von

Charlie Schulze

"Bei meinen Feinden, zuweilen, finde ich Zuflucht vor meinen Genossen." (Peter Rühmkorf)
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