Ganz woanders hin

Paradoxe Intervention Die Stimmung ist mies, die Show ist schlecht, die Debatten sind „postfaktisch“ - Zeit, sich für das Paradoxe zu begeistern
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Ganz woanders hin
Hat die Zeichen der Zeit früh erkannt: die PARTEI
Bild: Max Büch

"There is a crack in everything. That´s how the light gets in." (Leonard Cohen)*

Wenn neue Wörter in Umlauf kommen, finde ich interessant, sie auf ihren Klang, ihren Gehalt und ihre Brauchbarkeit zu untersuchen. Basiskriterien dabei sind inhaltliche Notwendigkeit, selbsterklärende Qualität, manipulatives Potential. Meistens weiß ich dann bald, ob ich sie lustig, verzichtbar, doof, treffend, bedenklich oder fies finde, ob ich sie selbst verwenden, meiden oder sogar anprangern werde.

Sprachliche Neuschöpfungen für etwas, das vorher kein spezifisches Wort hatte, begrüße ich in der Regel. Die Kandidatenliste für das Jugendwort des Jahres ist mir immer eine Freude. Modischem Geschwätz gegenüber, das simplere, möglicherweise präzisere Begriffe verdrängt, bin ich eher borniert. Umdeutungs- und Umwertungs-Dynamiken im Diskurs verfolge ich skeptisch. Auch ist die ganze kreative Sprachwelt des Produktmarketings mir zutiefst suspekt, und politisch intendierte Neusprech-Kreationen klassifiziere ich als wirksames Böses. Einige Wörter sind mir auch einfach egal, und manchmal bin ich ernsthaft unentschieden.

So ist er nun schon ein paar Wochen im Umlauf, und ich weiß noch immer nicht so recht, was ich von dem Begriff „postfaktisch“ halten soll. Zunächst finde ich ihn in seiner neo-intellektuell schillernden Meta-Schnöseligkeit ziemlich gelungen:

Inhaltlich ist „postfaktisch“ erstmal Bullshit: Als sei die Relevanz gewisser Gesetzmäßigkeiten (etwa der Schwerkraft oder des Ursache-Wirkung-Prinzips) einfach abzuerkennen, mit nichts als einem rhetorischen Dreh, der - beim Kalender hat es schließlich auch geklappt - in einer linear gedachten Fortschrittsgeschichte nun eben mal ein anderes Zeitalter behauptet. (Auch: Als gäbe es überhaupt Anlass dazu, als sei das jetzt was Neues und hätte sich nicht schon immer als Fakten manifestiert, was nur lange genug herumgequatscht wurde…)

Sehr reizvoll ist aber dabei, dass das Wort gleichzeitig seine eigene These praktisch anwendet und kritisch beleuchtet. Nicht zufällig hat es Jan Böhmermann begeistert aufgenommen und weiterverbreitet: „Postfaktisch“ könnte tatsächlich von ihm sein. Der Begriff ist auch interessant (und damit so ein Bullshit wieder nicht), weil er die im virtuellen Zeitalter mehr denn je brennende philosophische Frage berührt, um was genau es sich bei Wirklichkeit handelt. Wie multipel denkbar, wie festgefügt oder fließend sie ist. Ob wir uns als ihr Ausgelieferte begreifen oder als ihre kreativen Gestalter, und ob das nur für uns, oder auch für die Wirklichkeit einen Unterschied macht: Spannende Fragen, die nicht nur ein paar interessierte Nerds, sondern das zukünftige menschliche Selbstverständnis betreffen...

Andererseits ähnelt „postfaktisch!“doch sehr einer Reklameparole und wäre damit nicht nur kreativer, sondern gefährlicher Bullshit, gezielt in Umlauf gesetzt, um die Sprache zu verkleistern und das Denken zu verhunzen: Es könnte eben nicht nur ein Böhmermännchen sein, sondern auch ein Bertelsmännchen ... Und wird mit diesem Potential, fürchte ich, als Gesinnungsvokabel ins Dummsprech-Repertoire eingehen. Was schließlich die Aussage von „postfaktisch“ betrifft, ist es leider eine, die mir persönlich überhaupt nicht gefallen mag:

Die Grundlage für sinnvolle Diskurse, wird darin behauptet, eine gemeinsame Verständigungsbasis, sei fortan nicht mehr gegeben. Folgerichtiges Denken, Erkenntnis, Logik, Vernunft sowieso, seien out und hätten damit keine Verwendung mehr. Alle Versuche, sich dem komplexen Gefüge der Wirklichkeit zu nähern, seien künftig vergebens und kein Mittel der Wahl mehr bei Kommunikation. Das ganze Unternehmen Aufklärung, könnte man daraus ableiten, habe sich im Grunde erledigt.

Diskurse seien nun sowas wie Ballerspiele: Künstliche Erregungen zur Aggressionsabfuhr und zum persönlichem Amüsement. Thematische Auseinandersetzung bestünde allein darin, Gegner aus dem Feld zu schlagen und Punkte zu sammeln. Eine raumgreifende Brutalisierung der Debatten sei nicht nur unvermeidbar, sondern gar die Auflehnung des Wahrhaftigen gegen Erziehungsversuche von Leuten, die sich noch mit Bemühungen um gute Manieren lächerlich machen. Skandalisierung, Verschlagwortung, Verkürzung und Verkitschung seien die Stilmittel, die ein Jedes fortan gebrauchen sollte, um möglichst große Zustimmung zu finden - was der einzig verbliebene Zweck sei, wo Verständigung, Erkenntnisgewinn, gemeinsame Entwicklung keine Rolle mehr spielten.

Das alles, so habe ich mal gelernt und will nicht davon lassen, ist falsch. Es gibt auch und gerade in diesem Zusammenhang durchaus noch Fakten, die als gesichert gelten können. Darunter: Mehrheitliche Zustimmung ist nicht in allen Fragen der beste Ratgeber und kein Kriterium für moralische oder faktische Richtigkeit. Ohne eine gemeinsame Faktenbasis, und sei sie auch kein Naturgesetz, sondern nur eine Verabredung, ist eine Debatte sinnlos. Gespräche sind nicht möglich, wenn alle Beteiligten gleichzeitig reden und sich dabei die Ohren zuhalten. Ein Diskurs ist kein Affirmations-Zirkel, und umgekehrt. Werbeslogans sind das genaue Gegenteil von Aufklärung und halten nie, was sie versprechen: Nie.

„Form schlägt Inhalt 4:1“, lautet eine Marketing-Weisheit. Mag sein - aber ganz ohne Inhalt wird es wohl auch nicht gehen. Und die Form muss ja weder maximal hässlich sein noch unbedingt dazu dienen, den Inhalt zu schlagen - eigentlich transportiert sie ihn doch, und ist mithin ein wichtiger Teil der Information… Nichts, meinerseits, gegen die markante Form. Auch nichts gegen eine gute Show.

(In die postfaktische Klage, es sei dieser Tage „alles nur noch Show“ und damit - anders als früher - auf nichts mehr Verlass, möchte ich nämlich nicht einstimmen. Ich bin im Gegenteil sicher, dass es so eigentlich immer gewesen ist. Wenn heute überhaupt etwas anders ist als im diffusen Früher, dann doch allenfalls, dass die Show viel offensichtlicher als solche zu erkennen ist, dass ihre Chiffren entschlüsselbar sind, wenn man sich nur ein bisschen dafür interessiert. Wenn die Show nun einen Inhalt verdeutlicht und nicht absichtsvoll missverständlich verzerrt, und wenn allen bewusst ist, dass es sich um eine Show handelt, wünsche ich ihr gutes Gelingen und schaue vielleicht auch mal rein.)

Quasi als Anleitung zum heute so genannten Populismus, aber auch als dessen Erklärung, könnte ein Merksatz gelten, den ich schon so lange kenne, dass ich nicht mehr weiß, woher: „Wenn du sie nicht überzeugen kannst, unterhalte sie.“ Wie gut dieser alte Stiefel noch läuft, ist derzeit überall zu besichtigen, und hier könnte mein Gedankengang entweder in die Kapitulation vor der besseren Reklame münden oder in ein trotziges Bekenntnis zur Aufklärung und Durchhalteparolen für den fortwährenden Kampf wider die Verblödung…

Allein, und da bin ich ganz mit dem Zeitgeist: Wo schon eh die Stimmung so mies ist und alles erwartbar den Bach runtergeht, kann man genauso gut mal was Anderes versuchen. Und so will ich jetzt ganz woanders hin und komme hier erst zur Sache, denn: Der zitierte Merksatz hat einen zweiten Teil (und zum Glück ist mein Gedächtnis doch so gut, dass ich ihn noch vollständig weiß): „Wenn du sie nicht fesseln kannst, überrasche sie.“

Dieser Teil ist, wie ich im Folgenden ausführen möchte, interessant. Die Mehrfachbedeutung des Verbes „fesseln“ lässt verschiedene Auslegungen zu, für die es praktische Beispiele gibt. Wenn es dabei um Aufmerksamkeit (z.B. eines Publikums) geht, ist gemeint, die Konstanz des Erwartbaren zu stören, mit dem Ziel, neu wahrgenommen zu werden (und dem Risiko, dafür weniger Zustimmung zu ernten als für die Lieferung des Gewohnten). Wenn wir uns „fesseln“ als Figur des physischen Kampfgeschehens denken, kann gemeint sein: Einen Gegner, den man nicht unter Kontrolle bekommt, sollte man überraschen. In jeder Kampfkunst gibt es entsprechende Techniken – die Methode Wing Chun, die hauptsächlich effektive Verteidigung lehrt, ist sogar in weiten Teilen darauf aufgebaut, anders zu agieren als der eigene Körperreflex gebietet und der des Gegenübers erwartet. Bei all dem geht es, in der Show wie im Kampf, um die Wirksamkeit des Paradoxen.

Bewusst paradoxes Handeln, das einen bestimmten Zweck verfolgt, kennen wir alle: Personen, die zur Betonung ihrer Autorität nicht laut, sondern extra leise und undeutlich reden. Romantiker, die es für eine gute Idee halten, dem Objekt ihrer Anbetung betont harsch zu begegnen. Bettler*innen, die „für Alkohol und Drogen“ auf ihre Schilder schreiben. Kapitalismusgegner*innen, die mit Aktien zocken, um die Revolution zu befördern. Kluge Künstler*innen, die als blöde Kunstfiguren die Verblödung anprangern… Da ich selbst mich zeitlebens für das Paradoxe begeistert habe, möchte ich an dieser Stelle ein paar persönliche Erfahrungen einflechten:

Die erste paradoxe Strategie, die ich noch vor meiner Einschulung entdeckte und bis heute anwende, ist „sehen im Dunkeln“: Beim Betreten eines dunkeln Raumes sich nicht, wie der Reflex es gebietet, auf Restlicht-Quellen zu konzentrieren, sondern bewusst sofort den dunkelsten Fleck im Raum suchen und den Blick einen Moment dort zu halten. Innerhalb weniger Sekunden stellen sich die Augen auf Dunkelheit ein und lassen einen alles erkennen, was es meistens dann doch noch zu sehen gibt – viel schneller, als wenn man das Restlicht fixiert.

Ein kluger Musiklehrer brachte mir bei: Eine Passage, die man regelmäßig verhaut, sollte man einmal ganz bewusst falsch spielen: Danach, so die Erfahrung, hat sich das Problem in der Regel erledigt… Ähnlich, habe ich neulich gelesen, arbeitet auch die „Paradoxe Intervention“ im Rahmen der Psychotherapie.

Ebenfalls als Kind hingebungsvoll praktiziert habe ich viele Techniken, die, wie ich 30 Jahre später amüsiert zur Kenntnis nahm, von Esoterikern in der Nachfolge von Carlos Castaneda als Übungen kontrollierter Torheit auf dem Weg zur Bewusstseinserweiterung empfohlen werden: Rückwärts laufen, blind spielen, Kopfüber hängen, mit der linken Hand (für Rechtshänder) und in Spiegelschrift schreiben.

In der Kultur der Plains-Indianer gab es für derlei sogar einen Begriff und eine gesellschaftliche Funktion: Die Heyoka waren Menschen, die entweder rituell die Umkehrung des Status Quo verkörperten oder gar ihre ganze Person dem Paradoxen verschrieben: Professionelle Rückwärtsläufer, konträre Krieger, geachtete Negative der Norm…

Später hat mich die Attitüde, Ästhetik und Denkfigur des Punk fasziniert und geprägt, die elementar auf Paradoxie beruht: Punk verweigert sich nicht nur etablierten Wertesystemen, sondern erhebt das Abstoßende zum Fetisch, das Gefallen-wollen zum Tabu, den Loser zum Rollenmodell. Tatsächlich habe auch ich in jungen Erwachsenenjahren, ohne von den Heyoka zu wissen, das Paradoxe geradezu zum Handlungsprinzip erhoben… Was von außen zum Teil einer Realitätsverweigerung geglichen haben mag, aber mir einen Koffer voll Anekdoten und wichtigen Erfahrungen eingebracht hat und insgesamt meine Lebenstüchtigkeit befördert, auch und gerade in allgemein angstbesetzten Sektoren:

Mit der Bitte, im öffentlichen Raum, am Bahnhof oder dergleichen, kurz auf mein Gepäck zu achten, habe ich oft die Person oder Personengruppe angesprochen, die den kriminellsten Eindruck auf mich machte, und bin nie enttäuscht worden. Einen Brief, in dem sich Geld befand und der ankommen sollte, habe ich mal mit genau dieser Ansage einem mir flüchtig bekannten Junkie anvertraut: Er kam an. Ein professioneller Taschendieb (längere Geschichte) gab mir nach freundlicher Ansprache meinen Geldbeutel wieder. Ein ganzes Jahr stand mein ungesichertes Fahrrad fast jeden Tag für Stunden an einem belebten öffentlichen Ort, bevor es dann doch mal geklaut wurde.

Das alles hat weniger mit Vertrauen bzw. Risikofreude zu tun, als man mir anhand der Faktenlage unterstellen könnte. Es ist paradoxes Kalkül, das erstaunlich oft aufgeht - aber das ist eigentlich nur ein erfreulicher Nebeneffekt. Viel wichtiger ist, dass man damit Narrative und Wahrscheinlichkeiten praktisch befragen und überprüfen kann. Und dass sich anhand solcher persönlichen Verifizierung mit der Zeit die Welt nicht mehr so darstellt, wie man meinte, sie eh zu kennen, wie sie in der Zeitung steht und wie sie einem im Rahmen gewohnter Handlungsmuster und in der affirmativen Filterblase erhalten bliebe.

Das Paradoxe ist (auch schon als reines Gedankenexperiment), eine großartige Übung, um aus der beengenden Zwangsläufigkeit rauszukommen, nach der alles tabu sein muss, wovon die Vernunft, die Gewohnheit, das Weltbild abraten. Verschiedene Möglichkeiten, auch völlig abwegige, wenigstens mal zur Kenntnis zu nehmen, kann uns auch in Entscheidungen bestärken, weil sie sich bei erweitertem Horizont und genauer Betrachtung als tatsächliche Entscheidungen darstellen. Und um neue Wege zu suchen, muss man sich zunächst einmal vorstellen können, dass es sie gibt.

In Diskursen, die den Eindruck vermitteln, es gehe in die letzte Schlacht eines Postfaktischen gegen die Aufklärung, in der Frage, wie man agiert, wo man nicht argumentieren kann, wie die Filterblasen zu öffnen sind und wie sich Debatten anders gestalten lassen als Kriegschauplätze: Bei all dem könnte das Paradoxe vielleicht inspirieren.

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* Vielen Dank an den dFCommunarden Rüdiger Grothues, der mir kürzlich das Cohen-Zitat zuspielte.

05:04 16.11.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Charlie Schulze

»Heut’ mach ich mir kein Abendbrot, heut’ mach ich mir Gedanken.« (Wolfgang Neuss)
Charlie Schulze

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