Leben ist tödlich

Warnhinweise Rauchen schädigt die Gesundheit! Jetzt auch mit Bildern. Aufklärung? Mitnichten: Reklame rulez
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In meinem Stamm-Büdchen haben sie die Regale umgestellt. Diese Maßnahme ist nicht einem besseren Raumkonzept geschuldet, erfahre ich beim Tabakkauf, sondern einer EU-Verordnung sowie dem pädagogischen und kaufmännischen Feingefühl.

„Hier laufen 30 Schulkinder am Tag rein“, erläutert der Büdchenmann, „und die gucken dann auf diese Scheißbilder: Lungenoperation, Krebs, offene Beine … das ist doch kein Krankenhaus hier! Die kriegen doch Alpträume, die Kinder!“

Ich kann mir vorstellen, dass er nicht nur die Kinder meint… Habe ich doch selbst mal in einem Büdchen gearbeitet, und wie bei jedem anderen Job träumte ich vor allem in der ersten Zeit oft von der Arbeit, in diesem Fall: Von Süßigkeiten, Zeitungen und Zigarettenschachteln... Die EU-Kommission, die sich die Schockbilder-Vorschrift ausgedacht hat, mag die Volksgesundheit auf der Agenda haben – aber an die Psyche meines Büdchenmanns und die seiner minderjährigen Kundschaft hat sie offensichtlich nicht gedacht.

Das Zigarettenregal steht jetzt seitlich, im rechten Winkel zur Theke. Kinder und andere Kunden schauen nun auf eine kahle Wand. Meinen Tabak gäbe es sogar noch ohne Bilder. Ich bekunde, dass mir das egal sei, ich wolle schließlich nicht die Verpackung rauchen. Das ist nicht originell, bringt aber im Rahmen des geschäftlichen Smalltalks meine Haltung zu der ganzen Angelegenheit auf den wesentlichen Punkt: Der Büdchenmann wird weiterhin mit mir rechnen können, wo auch immer er seine Regale platziert und was auch immer sich eine EU-Kommission noch ausdenkt – solange er Tabak verkauft, und sei es im Hinterzimmer, bleibt unsere Geschäftsbeziehung stabil.

Natürlich ist es eigentlich etwas komplizierter: Da ich eine Buchstaben-affine Person bin, das geschriebene Wort also für mich einen größeren Fokussierungszwang auslöst als bildliche Darstellungen, habe ich meine Empfindlichkeit schon vor Jahren bearbeitet, als die Warnhinweise auf den Tabakpäckchen immer größer, brutaler und fetter schwarz umrandet wurden. Schon damals hat mich beschäftigt, inwieweit es meiner Lunge hilft, dass mich beim drehen einer Zigarette jedesmal die Prophezeiung eines baldigen qualvollen Todes anschreit: Ob solche Botschaften, wo sie mich ja nachgewiesenermaßen nicht vom Rauchen abhalten, vielleicht doch subtil dafür sorgen, dass ich mich schlechter und kränker fühle, als ich es ohne sie täte - und ob dies sich eventuell auch auf meine tatsächliche Gesundheit auswirkt.

Der Nocebo-Effekt ist ein medizinisch nachweisbarer Faktor - dass nicht nur Tabakrauch, sondern auch Ängste und Schuldgefühle die Gesundheit beeinträchtigen können, hat sich herumgesprochen. Vielleicht wird in ein paar Jahren jemand die EU verklagen, weil Studien ergeben, dass sich Schockbilder und Todesdrohungen insgesamt negativer auf Gesundheit und Lebenserwartung auswirken als es der Tabakkonsum alleine täte… Jedenfalls nutze ich seit Jahren ein Tabakmäppchen aus Wildleder, das meine Lebensqualität tatsächlich verbessert hat: Es sieht schön aus, fühlt sich gut an, es gibt dem Ritual des Zigarettendrehens eine besondere Form. Und es schreit mich nicht an, droht nicht mit einer grausamen Krankheit, erinnert mich nicht alle halbe Stunde an meine Sterblichkeit, über die mir Gedanken zu machen ich in Qualität und Häufigkeit als meine Sache betrachte und nicht die des Gesetzgebers.

Rauchen ist seit 30 Jahren eine der wenigen Konstanten in meinem Leben: Genuss, Sucht, Selbstschädigung, Ritual, Kulturfetisch, Nervenmedizin, Arbeitsdroge, Attitüde, Begleiter, Dämon und Inspiration… Man kann sagen, dass ich die Materie kenne. Es stellt sich die Frage, was sich „die EU“ davon verspricht, mich mit schwarz umrandeten Warnungen und Bildern von Operationen auf die potentielle Schädlichkeit des Rauchens hinzuweisen. Was genau „der Gesetzgeber“ mir da mitteilen, worüber er mich informieren will: Dass Rauchen auf die Lunge geht? Dass die Möglichkeit besteht, schrecklich zu erkranken? Dass irgendwann der Sensemann kommt?

Sicher: Ich bin in einer Welt aufgewachsen, in der es im Zug Raucherabteile gab und dichte Qualmwolken aus dem Lehrerzimmer über die Schulflure waberten. In einer Zeit, in der in Behörden, Postämtern, Bussen und Restaurants so selbstverständlich geraucht wurde, wie heute dort nicht geraucht wird. Zigarettenwerbung war praktisch ein eigenes Genre (das übrigens innerhalb der Reklamekultur immer wieder die Rolle des Intellektuellen, Avantgardistischen gespielt hat und damit zu den Interessanteren gehörte), und Tabakkonsum versprach wie jedes andere jemals beworbene Produkt einen Zugewinn an Genuss, Charisma und gutem Lebensgefühl.

Allerdings: Dass Rauchen eine schlimme Sucht sei, gesundheitsschädigend, lästig, teuer, dumm und darüber hinaus ein Zeichen für Willens- und Charakterschwäche, war auch damals und mir als Kind schon geläufig. Es gab auch keuchende Onkel, einbeinige Nachbarn und asthmatische Schulfreunde. Es mangelte nicht an Negativbeispielen und Horrorgeschichten. Auch nicht an Information: „Rauchen gefährdet Ihre Gesundheit“ stand bereits auf jeder Zigarettenschachtel, als ich lesen lernte.

Es mangelte aber dennoch ab Mitte der 1980er meinerseits am Willen, nicht zu rauchen – so sahen es jedenfalls die, deren erzieherische Aufgabe darin bestand, mich dem damaligen Jungendschutz gemäß davon abzuhalten. Was diese Interpretation unterschätzt, ist der enorme Wille, den eins mit 14, 15 dafür aufbringen kann, zu rauchen - wie überhaupt Menschen sich mitunter einfach für Drogen begeistern, die ungesund, gefährlich oder gesellschaftlich unerwünscht sind. Dies kann mit Verboten, Erziehung, Aufklärung eingehegt werden, aber nichts kann die schädliche Leidenschaft ganz aus der Welt tilgen – „Prohibition hat schon im Garten Eden nicht funktioniert“ (Vincente Fox) ist vielleicht die sinnvollste Erkenntnis, die je aus einem Bibelverweis geschöpft wurde.

Mich jedenfalls hat seinerzeit kein Verbot, keine Autorität, Strafe, Erpressung noch Drohung vom Rauchen abgehalten, und eben auch nicht Aufklärung oder Einsicht. Ob Schockbilder auf Zigarettenschachteln gewirkt hätten? In einem Alter, in dem man sich dem Erschreckenden in jeder Form zu stellen hat, und dies zum Teil sogar freudig in Angriff nimmt? Gemessen an den Konfrontationen und Überwindungen, die die Jugend an sich bereithielt, wäre die Betrachtung von Gruselbildchen schon damals eher eine Mutprobe für Achtjährige gewesen als ein echtes Hemmnis für den willentlichen Nikotinkonsum.

Tatsächlich ist die aktuelle Politik in der Tabakfrage bei aller Regeldurchsetzung doch bemerkenswert unentschieden: Tabak wird weiterhin legal verkauft und besteuert, es gilt hier die Konsumfreiheit und Eigenverantwortlichkeit – andererseits, so der Eindruck, sollte keine Zigarette mehr geraucht werden ohne schlechtes Gewissen und die Bewusstmachung möglicher Folgeschäden. Dritterseits wird Rauchen im medizinischen Rahmen als Suchtkrankheit behandelt, in der Öffentlichkeit aber gleichzeitig als rücksichtsloses Verhalten gewertet, das bitteschön einfach zu unterlassen ist, also als reine Benimmfrage…

Im dystopischen Roman „Corpus Delicti“ von Juli Zeh ist die Gesellschaft schon weiter: In einem postdemokratischen System namens METHODE sind die Menschen bei Strafe verpflichtet, ihre Gesundheit zu erhalten, unter totaler staatlicher Überwachung, aber „selbstverantwortlich“, was darauf hinausläuft, dass Kranke als asozial gelten. Fitness ist Bürgerpflicht, und Rauchen wird als schweres Verbrechen geahndet. Doch auch in dieser Gesundheitsdiktatur gibt es subversive Elemente, namentlich die Terrororganisation RAK (Recht auf Krankheit), und systemkritische Zweifel Einzelner führen so direkt in den Folterkeller wie jedes totalitäre Prinzip in den Faschismus… Eine Nebenwirkung dieser finsteren Lektüre ist übrigens, dass man unsere verlotterte, marktabhängige realexistierende Demokratie in ihrer ganzen Korruptheit und Moralferne fast ein bisschen liebgewinnt…

Betrachtet man die EU-Kampagne gegen das Rauchen genauer, gilt hier nämlich wie praktisch überall: Reklame rulez. Was vorgeblich Aufklärung über Risiken sein will, kommt formal eher als, im Gegenteil: Propaganda daher. Die Hauptbotschaft der Warnhinweise ist nicht Information, sondern das noch nicht mal subtile Verbreiten von schlechten Vibes: Die Slogans („Rauchen kann tödlich sein“, „Rauchen verursacht Herzanfälle“) und Bilder („Mundkrebs“, „Lungenoperation“) sind Negativ-Werbung, die mit denselben Mechanismen arbeitet wie die Positive: Übertragungen, offen formulierte Teilfakten mit implizierter Behauptung, Assoziationsketten, deren sachlicher Zusammenhang und informativer Gehalt im Ungefähren bleibt, die aber dazu dienen, Gefühle zu triggern - hier in erster Linie Ekel, im Kern: Angst.

(Es sind übrigens auch wirklich bescheuerte Motive dabei, etwa die trauernden Eltern am kleinen weißen Sarg… Ich hoffe, die Tabakindustrie kommt damit durch. Ernsthaft. Denn solche verrutschten Bilder können uns daran erinnern, wie grob über den Daumen die Kausalkette verläuft in den Geschichten, die sie erzählen. Sie rufen uns ins Bewusstsein, dass nicht jeder tote Säugling Kind einer rauchenden Mutter war, dass auch Nichtraucher Krebs kriegen können, dass andererseits auch Kinder von Rauchern überleben und ihre Eltern mitunter sehr alt werden. Dass es neben dem maßlosen Tabakkonsum noch eine Menge andere Faktoren gibt, die die Gesundheit beeinflussen können. Dass wir möglicherweise unsere Lebensqualität verbessern, wenn wir das Rauchen aufgeben, aber dass es auch dann keine Garantie dafür gibt, dass uns nicht doch ein Krebs oder Schlaganfall erwischt, wie wir beim Arzt erfahren. … Im Übrigen sehen Bilder von der Lungenoperation eines Nichtrauchers bestimmt nicht gefälliger aus, weswegen sie auch nicht als positiver Beleg herumgezeigt werden, auch das darf man sich klarmachen.)

Wo also andere Produkte, darunter auch die vergleichbar gefährliche Droge Alkohol, über Werbung weiterhin Schönheit, Erfolg und soziale Aufwertung versprechen dürfen, wo üblicherweise Idealwelten konstruiert werden, die jede klar denkende Person als Phantasie erkennen kann, deren Versprechen das Produkt nie einhält - da wird nun auf Tabakerzeugnissen in ganz ähnlicher Methodik die Assoziation zu Krankheit, Verfall und Todesangst transportiert…

Abgesehen davon, dass einen das auf die Idee bringen könnte, auch die Botschaften der Angst-Reklame für tendenziöse Verzerrungen und Übertreibungen zu halten: Momentan sticht vor allem die willkürliche Wertung und extreme Unlogik ins Auge, mit der vor Tabak zunehmend brutal gewarnt und für Alkoholika, Junkfood und Zuckerzeug wie gehabt positiv geworben wird… Polemische Forderungen nach Leberzirrhose-Bildern auf Bierflaschen, kariösen Zähnen auf Limonade und Süßigkeiten oder Unfallopfer-Abbildungen auf Autos klingen absurd, sind aber eigentlich ziemlich naheliegend - und wer sich einmal reindenkt, kann sich die Welt bald als einzigen Warnhinweis vor dem Lebensrisiko vorstellen:

Die Kellnerin im Cafe müsste über Diabetes und Herzinfarkt informieren, bevor man Kaffee und Torte serviert bekäme. Haushaltsgeräte wären mit Bildern von Amputationen bedruckt. In der Notaufnahme von Krankenhäusern würde zuerst ausführlich von mutierten Keimen und vergeblichen Behandlungen gesprochen. Im Frühling gäbe es in öffentlich zugänglichen Blumenbeeten große Schilder mit dem Hinweis, dass Narzissen giftig sind, und die Linden im Park wären mit Allergikerwarnungen versehen. „Lesen kostet Lebenszeit“ stünde schwarz umrandet auf Bucheinbänden, „Internet kann süchtig machen“ würden wir ein jedes Mal belehrt, bevor der Browser aufginge. Wir wären uns bei jedem Schritt auf die Straße der Todesnähe bewusst, würden beim Anblick einer Kinderschaukel sofort an ausgekugelte Gelenke und Knochenbrüche denken und in der Umkleidekabine im Freibad Schockbilder von Ertrunkenen betrachten.

Nur konsequent wäre es schließlich, schon bei der Schwangerschaftsberatung darauf hinzuweisen, dass ein Kind, wenn es das Säuglingsalter überleben sollte, nicht nur jederzeit immer noch krank, sondern auch bösartig, kriminell und zur Gefahr für die Gesellschaft werden kann… Außerdem wird es seinen Eltern voraussichtlich eine Menge Kummer bereiten, mindestens bis zur Volljährigkeit mit andauernder Präsenz herumnerven, insgesamt undankbar sein, möglicherweise menschlich, gesellschaftlich, beruflich total versagen, dem Sozialstaat auf der Tasche liegen und lange depressiv dahinvegetieren, bis es irgendwann doch unweigerlich stirbt. Frauen, die sich dennoch für Kinder entscheiden, würden im Kreißsaal auf die schwarz umrandete Inschrift „Leben ist tödlich“ blicken…

Ich wette, es fänden sich selbst dann noch Wahnsinnige, die das ganze Risiko eingehen.

17:04 16.07.2016
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Geschrieben von

Charlie Schulze

»Heut’ mach ich mir kein Abendbrot, heut’ mach ich mir Gedanken.« (Wolfgang Neuss)
Charlie Schulze

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