Nicht heulen!

Seifenoper Deutschland Das diesjährige Sommerloch ist bis zum Rand gefüllt mit Emotionen. Was nützt es?
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Nicht heulen!
Ringt in seiner Sendung plötzlich mit den Tränen: Claus Kleber

Foto: ZDF, Screenshot Youtube

Es muss gegen Ende des heute journal gewesen sein, denn die Meldung gehörte eindeutig ins Ressort „Vermischtes“: Eine nette Story, die nach referiertem Krieg und Elend noch einen heiteren, positiven Klang erzeugen soll – diesmal die Geschichte, dass ein Busfahrer eine Gruppe Asylsuchender spontan über Bordmikrophon willkommen geheißen habe … Was fürs Herz, in der Tat: Mister heute journal rang mit den Tränen. Und ging am nächsten Tag durch die Netzwerke, aber hallo. Von großer Zustimmung begleitet, so der Eindruck: Auch in Foren, die dem öffentlich-rechtlichen Herrn Kleber eher kritisch begegnen, kursierte der Streifen. Und Leute, die ansonsten durchaus ihre Murmeln beisammen haben, teilten den Clip, versehen mit Herzchen und anderen Gefühlsglyphen. So kam auch ich nicht umhin, ihm zu begegnen, und hatte nicht die Kraft, ihn zu ignorieren, und jetzt rege ich mich auch mal auf.

Denn hier wirken Kräfte, die mir schon länger auf den Geist gehen. Weil sie mit schmerzhafter Blödheit und hoher Penetranz die gesamte Debattenkultur runterziehen. Wir haben es bei dieser Sache nicht mit der peinlichen Entgleisung eines Profis zu tun, über die man als höflicher Mensch hinwegsähe... Die Kleber-Episode ist symptomatisch für die in diesem Sommerloch geführten Debatten, insbesondere der über die Aufnahme und Unterbringung Asylsuchender. Nie, so scheint es, war derart Raum für überbordende Emotionen, die mit Wucht jede Information, jedes faktenbasierte Argument von allen Seiten fluten. Die einen nutzen ihre Ressentiments, ihre Frustrationen und das Internet, um am Siedepunkt rassistischer Paranoia herumzuwüten. Heißherzig wird ihnen von anderer Seite Kaltherzigkeit vorgehalten und die unbedingte tatkräftige Solidarität jedes Einzelnen gefordert. Und natürlich fehlt auch ein (im weitesten Sinne) Kulturschaffender nicht, der sich etwa zeitgleich zur Veröffentlichung seines neuen Werkes zur gerade in der Diskussion befindlichen Sache äußert und damit als Projektionsfläche zur Verfügung stellt für alle, die sich noch mal aufregen wollen.

„Cui bono?“ ist im deutschen Online-Debatten-Raum, wo tatsächliche Lateinkenntnisse eher die Ausnahme sein dürften, vermutlich das meistverwendete geflügelte Fremdwort, das ironischerweise niemandem nützt. „Wem nützt es?“ lässt sich ohne großen Mehraufwand auch in deutscher Sprache fragen, aber klar: „Cui bono“ klingt gewichtiger, fundierter. Das ist zwar wohlfeile und leicht durchschaubare Maskerade, aber für die Oberfläche reicht´s, und mehr braucht es auch nicht, um sich im Koordinatensystem von Emoticons und „Gefällt mir“-Klicks zu bewegen. Die Frage ist ja auch nicht als solche gemeint, sondern mehr ein Code zwischen Leuten, die so ihre Ahnung haben, wem „es“ nützt, und sich darin oft auch schon recht einig sind. Insofern: Geschenkt. Lass sie halt auch noch Lateiner spielen. Die Frage ist sowieso falsch gestellt.

Interessanter wäre doch bei der ganzen Aufregung: Was nützt es? Das Empören nämlich, das Kundtun von Meinung, Bestätigen, Liken, Bekennen zu, Solidarität aussprechen mit? Das abermalige Teilen, Wiederkäuen und Kommentieren? Hat irgendwer was davon, wenn wochenlang diskutiert wird, was ein Filmschauspieler für Asylsuchende tut? Trägt es irgendwie zur Aufklärung bei, wenn ein Nachrichtensprecher beim Vortrag einer Gedöns-Meldung anfängt zu heulen? Und dient die Beschäftigung mit dergleichen etwas Anderem als der eigenen Beschäftigung? Was soll die bescheuerte rhetorische Frage, ob man selber „zuhause Flüchtlinge aufgenommen“ habe oder beabsichtige, es zu tun? Überhaupt, im Ernst: Wann hat sich im Lande des Dienstwegs zum letzten Mal jemand persönlich zuständig gefühlt? Oder machen wir uns nur wichtig? Bekämpfen wir echt den Faschismus auf facebook? Ist der Staat in Auflösung, wird es Zeit, in den Untergrund zu gehen? Was macht uns denn auf einmal so ausgesprochen verantwortungsbewusst? Ist dies etwa die häufig geforderte Empathie?

Nein. Im Gegenteil. Aber es involviert uns so schön folgenlos, wenn wir uns aufregen, berührt sind, emotional Partei ergreifen, uns mit Diesem solidarisieren und Jenes ablehnen. Wir sind mit uns selbst beschäftigt und haben doch das Gefühl, zur Problemlösung beizutragen, folglich können wir auch mitreden, in unserer persönlichen Betroffenheit. In unserer Ohnmacht, etwas zu ändern. In unserer Unfähigkeit, es besser zu machen, statt eine Meinung zu pflegen und rumzuheulen.

Wo ist die Bundesrepublikanische Arroganz hin, mit der wir uns immer als Vorbild für alle Welt begriffen haben und feiern lassen? Das Land der perfekten Organisation! Das Land der technischen Überlegenheit! Der Ordnung, Sauberkeit, Pünktlichkeit, Disziplin! Eines der reichsten Länder der Erde mithin… „Nicht mehr lange!“ zetert eine auf verschiedenen Seiten gehätschelte Paranoia sofort und verweist auf die „Zustände“, die Entwicklungen, den Kontrollverlust. Es scheint, als würden allseits Schwachpunkte gesammelt, um auch ein bisschen den Opferstatus beanspruchen zu können.

Wie wär´s, wenn wir uns mal wieder zusammenreißen? Ich will keinen heulenden Nachrichtensprecher, und ich will nicht hören und nicht allen Ernstes diskutieren, dass Politik und Verwaltung „überfordert“ damit seien, ein paar Tausend Menschen unterzubringen. Dass irgendeine Stadt oder Kommune in diesem Luxusland es nicht auf die Reihe kriegt, in einem Zeltlager genügend Toilettencontainer aufzustellen. Das ist kein Beleg für die hohe Belastung des Systems, mit dem man hausieren gehen sollte – es ist schlichtweg eine Schande.

… Deutschland? Eine Seifenoper. Ein Haufen Heulsusen und Jammerlappen: Zu doof zum zuhören, zu faul zum wählen, aber empfindsam, herrjeh. Und überfordert. Mit ein paar Fremden und ein paar Vollidioten.

05:24 14.08.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Charlie Schulze

"Bei meinen Feinden, zuweilen, finde ich Zuflucht vor meinen Genossen." (Peter Rühmkorf)
Charlie Schulze

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