Sagen darf man alles

Sprachsorgfalt Schließt sensible Sprache den Gebrauch von Vulgärworten ein? Mündet sie in Schweigen? Oder sind wir nur wieder zu gründlich?
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Letztens, in einer Raucherrunde vor der Tür einer Kulturveranstaltung, einem Grüppchen aus Bekannten und Unbekannten bei loser Konversation, wollte ich den Film „Contact High“ empfehlen, und gebrauchte für eine spontane Kurzbeschreibung die Worte: „So ein kruder Ösi-Streifen“. Wie aus Kontext und Tonfall hervorging, war das auszeichnend im Sinne eines Qualitätsmerkmals und keinesfalls despektierlich gemeint. Jedoch waren die Reaktionen auf diese Erläuterung nicht, wie ich gehofft hatte, Signale des Verstehens und wertschätzenden Erkennens, sondern: ein Herzschlag Schweigen, gefolgt von Gelächter, das mich an dieser Stelle aus dem Konzept brachte und später weiter beschäftigte, und dem ich deswegen hier noch einmal genauer nachlauschen möchte…

Auch wenn es mich im beschriebenen Moment überraschte- der Sound ist mir vertraut. Es ist nicht ganz zwangslos und nicht ganz klar, dieses Lachen - es schwingen neben Vergnügen und Verstehen auch Irritation, Scham und Schrecken darin. Es hat eine befreiendes Komponente, ist aber nicht befreit, noch nicht mal auf dem Weg dahin – im Gegenteil: es markiert und manifestiert die Beschränkung, die es scheinbar überschreitet. Es ist ein Alarm-Lachen, das im engen Verhältnis zur Welt der Verbote steht: Ohne Grenzen, die gutes von schlechtem Benehmen trennen, eine grundlegende Einigkeit über ihre Bedeutung und eine mehrheitliche Einhaltung der Regeln, die sie definieren, gäbe es dieses Lachen nicht.

Es ist das Lachen der Kindergruppe, wenn ein Einzelnes einer Autorität gegenüber mit unbotmäßigem Verhalten oder Vokabular eindeutig zu weit geht - ein Lachen, das im erstem Moment hilfloser Ausdruck des Erschreckens über den Tabubruch ist, in das erst im nächsten Moment Erleichterung und Vergnügen einfließen… Wenn den erschrockenen Kindern in uns klar wird, dass wir als Zeugen der spannungsreichen Situation großes Glück haben: Wir waren nicht der Auslöser der kollektiven Erschütterung, wir stehen nicht im Fokus der Aufmerksamkeit, die gefürchteten Konsequenzen werden nicht uns treffen – aber wir dürfen dabei sein, wenn die interessante Frage geklärt wird, wie diese Konsequenzen sich konkret gestalten: Dann ist es freudige Erregung, die uns lachen lässt.

Auf Basis dieser Erfahrung haben wir Spaß an Tabubrüchen und Geschichten von Regelverletzungen. Manche werden deswegen Satire-Fans, andere stehen auf koksende, fluchende TV-Kommissare oder schwärmen heimlich für Bankräuber, wieder andere mögen aus diesem Grund einen Lutz Bachmann cool finden: Da traut sich aber einer was - woh-ho, bzw.: Hihi. Kurzum: Das Lachen der Raucherrunde von letztens rührte von der Titulierung „Ösi“ her und beruhte (nicht in meiner Absicht, aber in der Auslegung meiner Zuhörer) auf der gleichen Pointe wie etwa ein „Froschfresser“ oder „Ölauge“

Nun kommt mir diese Reaktion auch Tage später noch seltsam übertrieben vor und scheint mir – ich finde keine andere Erklärung - symptomatisch für eine Sprach-Sensibilisierung, bei der etwas entweder falsch angegangen oder gänzlich missverstanden wurde… Echt jetzt: Weniges taugt nach meinem Empfinden weniger zum p.c.-Schocker als „Ösi“… Der Diskriminierungsfaktor ist kaum wahrnehmbar - es gehört schon viel gehässiger Tonfall dazu, um den Begriff schlimmer als euphemistisch klingen zu lassen… Nein: Als Diffamierung ist „Ösi“ definitiv nicht in einer Liga mit „Froschfresser“ und „Käsekopp“ , noch nicht mal mit „Kartoffel“, geschweige denn mit „Ölauge“, „Kanake“ und „Neger“– irgendwie fehlen da mehrere Jahrhunderte kolonialrassistischer Hintergrund oder wenigstens ein paar Generationen gepflegte Erbfeindschaft, um „Ösi“ für mein deutsches Empfinden diesbezüglich verwertbar aufzuladen. Und die reine Benennung einer Nationalität als Beleidigung aufzufassen, kommt mir ganz ähnlich hysterisch und nutzlos vor wie das Motiv, auf dergleichen unbedingt stolz sein zu wollen... Ich bin aber auch nur bedingt sensibel und wenig wohlerzogen in diesen Dingen.

Ein paar Tage nach dem Minimal Music-Eklat in der Kölner Philharmonie konnte ich es nicht lassen, eine lästerliche Bemerkung „den Kölner“ betreffend in ein virtuelles Forum zu schreiben - und wurde postwendend per Kommentar über die Pauschalisierung belehrt, die dem innewohnt… Den Kölner, meinte die kritische Stimme, gäbe es ja nun nicht… Nun lebe ich seit über 20 Jahren vor Ort und kann in dem Fall ein bisschen mitreden: Das Kölsche an sich ist in Köln ein gängiger Fetisch, der als Sprache, Getränk und „Gefühl“ zelebriert wird - es gibt wissenschaftliche Arbeiten, Kabarettprogramme und buchstäblich eine Million Lieder darüber, und auch jenseits der Stadtgrenzen, ja, praktisch bundesweit hat man bei diesem Stichwort ein farbenfrohes Bild vor Augen (das übrigens für ein Klischee der gemeinten Wirklichkeit vor Ort erstaunlich nahekommt). Wenn es aber das Kölsche gibt, dann gibt es auch den Kölner. Etwas, das sprachlich derart manifestiert und täglich in Liedkonserven und Lokalzeitung gefeiert wird, ist nicht nichtexistent.

In diesem Sinne gibt es auch den Bayern, den Deutschen, damit auch den Franzosen, den Spanier und ja: Den Orientalen, den Afrikaner, den Latino und den Ami. Allerdings – Achtung, hier wird es kompliziert – handelt es sich hier nur um den gleichen Wortlaut, der auch für einen konkreten Menschen aus dem jeweiligen geografischen Territorium stehen kann. Bei dem einen gemeinten, konkreten Kölner handelt es sich um eine Person, die aus Köln kommt oder in Köln lebt, was keinerlei Rückschlüsse auf irgendetwas zulässt. Bei dem Kölner dagegen geht es um eine Idee, eine Denkfigur - die mit einer Person zu verwechseln erst den Kurzschluss bildet, der auf Pauschalisierung hinausläuft. Wenn wir nun, um diesen Kurzschluss zu vermeiden, aufhören, Idee wie Person beim Namen zu nennen, manövrieren wir uns in die Sprachlosigkeit. Die wird derzeit mit bizarren Wortapparaturen angegangen (die entweder ein Linguistik- Studium erfordern oder – wie in „osteuropäisch-stämmige Personen mit häufig wechselndem Aufenthaltsort“ - den aufwändig gemiedenen Inhalt durch Auslassung noch betonen), mündet aber auch in gelähmtes Schweigen, in dem schließlich noch ein „Ösi“ wie eine gewagte Frechheit klingt…

Im Grunde ist mir Sprachsorgfalt eigenes Anliegen. Die These, dass wir mit Sprache die Wirklichkeit gestalten und deshalb ein bewusster Gebrauch von Wörtern, Begriffen und ihren Konnotationen geboten ist, leuchtet mir ein und kommt meiner Weltvorstellung entgegen. So bin ich überzeugt, dass ein allgemein sorgfältiger Umgang mit Sprache zu einer besseren Gesellschaft führen würde, und tatsächlich bin ich gerne und tätig dabei, das Meinige zur Umsetzung dieser Idee beizutragen. Allerdings kann nach meiner Auffassung „Sprachsorgfalt“ nicht bedeuten, einzelne Wörter generell zu ächten in der Hoffnung, ihre hässlichen Konnotationen, die dahinter stehenden destruktiven Ideen würden dadurch verschwinden...

Ich habe noch jedes Wort als Erweiterung meines Vokabulars und damit Verfeinerung meiner Denk- Ausdrucks- und Kommunikationsmöglichkeiten angenommen und möchte keins davon missen (gerade Vulgärsprache, Slang und Dialekt, die sich nicht nur den Normen der Schriftsprache, sondern auch gesellschaftlichen Anstandsregeln entziehen, halten einen Ausdrucksreichtum bereit, mit dem sich manches einfach genauer benennen lässt als mit einer korrekten, sauberen Hochsprache) … Auch kann mit sorgfältigem Sprachgebrauch nicht gemeint sein, Wörter in ein nach moralischen Gesichtspunkten erstelltes, fixes und allgültiges Regelwerk zu fassen, das keinen subversiven und kreativen Spielraum mehr lässt…Sodass ich von der grundsätzlichen Tabuisierung einzelner Begriffe eben gar nichts halte und in meiner verbalen Praxis nicht müde werde, auch einschlägige Schreck- Schock- und Triggerwörter aus der Vulgärsprache ins Gespräch zu bringen, wo es mir angebracht scheint…

Nicht zuletzt um der (pazifistischen) These willen, dass es einen nicht nur graduellen Unterschied zwischen verbaler und physischer Gewalt geben muss: Dass (auch und gerade in einer Gewalt-sensiblen Gesellschaft) eine - in ihrer jeweiligen Härte nur subjektiv erfassbare - verbale Verletzung nicht adäquat mit physischer Aggression zu erwidern ist. Dass die berühmte ausgerutschte Hand durch keine Beleidigung provoziert werden kann - dass dieses Programm immer Rückschritt ist und nie Richtung Konfliktlösung weist, sondern nur Eskalation anzeigt… Diese meine Überzeugung hat nicht nur theoretischen Hintergrund: Immer mal wieder bin ich zugegen gewesen, wenn Worte mit Fäusten beantwortet wurden, und jedes Mal habe ich darin ein empörendes Ungleichgewicht empfunden. Wo Beleidigung Körperverletzung rechtfertigt, ist der gemütliche Teil des Abends definitiv vorbei, aber auch das gemeinsame Ringen um Verständnis, Überzeugung und bessere Erkenntnis - da geht es dann unumkehrbar um die blanke Durchsetzung mit allen Mitteln, und scheint mir überhaupt das Ende der Zivilisation direkt um die Ecke zu liegen…

Weswegen ich an diesem Punkt auch nicht mehr alles verstehen will, und mich mit eigener Kompromisslosigkeit aufrüste: Schlagen darf man nicht - aber sagen darf man erstmal alles. Aggressive, verletzende Worte können aggressiv, verletzend beantwortet werden, oder empört, oder klug, oder witzig, oder gar nicht. Wenn wir also nicht gemeinschaftlich auf das Fäuste-Level runter wollen, ist neben der Sensibilisierung für das destruktive Potential der Sprache auch eine gewisse verbale Wehrhaftigkeit geboten, die es zu trainieren gilt. Dazu gehört nicht nur, Worte zurückzuhalten, sondern vor allem: Worte zu gebrauchen und auszuhalten - auch die hässlichen.

Es ist vielleicht auch ein spezifisch deutsches Problem, das sie so anderswo nicht haben. Damit meine ich nicht das Nationalfaschismus-Trauma, sondern mehr die hierzulande auch vor 1933 und nach 1945 kultivierte Mentalität: Es ist nicht zuletzt unser starker wie ebenso fataler Hang zur Gründlichkeit, der hier wütet…: Wennschon, dann aber richtig! Also: Wenn wir uns die destruktive Qualität eines Wortes bewusst machen, schließen wir daraus, dass es künftig in gar keinem Kontext mehr anwendbar ist und mit einem generellen Tabu belegt werden muss. Wenn wir darüber nachdenken sollen, ein blödsinniges Lied wegen rassistischer Schwingung aus dem tradierten Kanon zu nehmen, zwingt uns das praktisch dazu, auch alle anderen einschlägigen Liedtexte auf diskriminierende Inhalte zu untersuchen… Was geschähe wohl, wenn wir z.B. konsequent alle misogynen Verse, die vormals unter „Zote“ liefen, aus der Mundorgel streichen würden - bliebe denn genug übrig, um das Bändchen noch herauszugeben? Und wenn dann noch jemand anmerkt, dass dies auch kein großer Verlust wäre, bzw. die Mundorgel in der Praxis des digitalen Zeitalters ohnehin nicht mehr groß Verwendung findet, wird sich ein Geschrei erheben, das von Angst um unsere gesamte kulturelle Identität oder gleich vom Untergang des Abendlandes kündet… Ein paar Nummern kleiner gibt es das alles irgendwie nicht.

Diese zwanghaft mitgedachte Radikalkonsequenz ist auch eine mögliche Ursache der Panik, die hierzulande gerne aufkommt, wenn Vorschläge von eigentlicher praktischer Geringfügigkeit debattiert werden (wie etwa die Zensur des Wortes „Negerkönig“ in der Pippi Langstrumpf - Neuauflage): Als ginge es bei der kleinsten Veränderung immer gleich zwangsläufig um alles… Wenn nicht gar ums Prinzip - was die Sache dann geradezu zur heiligen Angelegenheit macht, in der pragmatisches Abwägen und jedwede Großzügigkeit nur als Schwäche, Lüge oder Beweis der grundsätzlichen Unmöglichkeit des Unterfangens gewertet werden können: Entweder oder!

Wir stellen fest, dass es keine neutrale Sprache gibt (am nächsten kommen ihr Juristen, und die versteht niemand mehr), dass es praktisch nicht möglich ist, sich rundum fair und frei von vorausgesetzten Klischees zu formulieren - und all das, was wir dann meiden wollen und nicht mehr benennen können, gibt es weiterhin: Die Abkürzung für Österreicher. Den Kölner. Vergleiche, Vorurteile, Unterschiede. Menschen verschiedener Abstammung, rassistische Klischees, Stereotypen-basierte Witze, nie vergessene Kinderlieder - kulturelle Bezüge, die auch mit besserer Erkenntnis nicht zu beseitigen sind, nicht mit Korrekt-Sprech und nicht mit Stillschweigen.

Aber auch die Gemüter, die eine Sprachzensur fürchten, können sich beruhigen: Wörter lassen sich gar nicht verbieten. Für existierende Ideen wird es immer auch Formulierungen geben. Sie sind nicht weg, solange sie noch gedacht werden, und ihre Qualität, ihre Bedeutung können wir nur bearbeiten: verwerten, entwerten, diskutieren - aber nicht aus der Welt schaffen. Muss also , kann Sensibilisierung für Sprache überhaupt auf das hinauslaufen, was sich akademische Teile des Diskurses unter sensibler Sprache vorstellen?

Es gibt auch Beispiele für die Möglichkeit, negativ konnotierte Wörter aktiv zu besetzen, zu vereinnahmen - im besten Fall mit positiver Bedeutung aufzuladen oder zu einem verschieden verwendbaren Alltagsbegriff werden zu lassen. Es sind bemerkenswerterweise oft Aktivisten aus den Reihen der von verbalen Disriminierungen Betroffenen, die uns zeigen, wie es konstruktiv gehen kann:

Maßstäbe gesetzt haben hierzulande die sich so nennenden Schwulen und Lesben, die mit ihrer eigenen Existenz auch die umgangssprachlichen Bezeichnungen ihres Andersseins von Schande, Gänsefüßchen und Flüsterton befreit haben, sodass sie heute selbstverständlich klingen…

In der Sprache deutscher kolonialrassistischer Tradition als Kanaken bezeichnete Migranten haben sich den Titel mittlerweile in zweiter, dritter Generation zu eigen gemacht, tragen ihn mit Stolz und verwenden ihn als Unterscheidungsmerkmal zu Kartoffeln - was, mal ehrlich, insgesamt doch eigentlich menschenfreundlicher klingt als „Migrationshintergrund“ versus „biodeutsch“ oder vergleichbar verkrampfte, pseudo-neutrale Wortkonstrukte.

Die US-amerikanische Autorin Eve Ensler hat in den 1990ern mit ihrer Arbeit Vagina Monologues und dem daraus stammenden poetischen Statement „reclaiming cunt“ dem feministischen Diskurs eine starke Aussage hinzugefügt, die meine eigene Vorstellung von Sprachsorgfalt und dem konstruktiven Umgang mit Kraftausdrücken geprägt hat…

Im letzten Jahr hat der Rapper form mit dem Track „Die große Verschwulung (Baby ich hab Genderwahn)“ einen provokanten, gewagten und dabei blendend gelaunten, (mich) sehr überzeugenden Versuch abgeliefert, gleich zwei Begriffe, die in der Abteilung für Diffamierung geprägt wurden, in positive Währung umzumünzen und damit ihrem Beleidigungs-Charakter die Kraft zu nehmen…

Große Kulturleistungen, in denen alles gesagt wurde, was es zu sagen gibt ... Chapeau.

20:34 16.03.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Charlie Schulze

»Heut’ mach ich mir kein Abendbrot, heut’ mach ich mir Gedanken.« (Wolfgang Neuss)
Charlie Schulze

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