Am Wesen der Chinesen

Sagenhaft Was China der „Qualität“ seiner Menschen wegen tun sollte - eine Übersetzung aus dem Chinesischen
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In diesem Essay von 2011 zerlegt die chinesische Politikwissenschaftlerin Liu Yu die Polemik, dass Chinesen ungebildet, unzivilisiert und für Demokratie untauglich seien. Dabei kehrt sie eine vermeintliche Prämisse Chinas gesellschaftspolitischer Entwicklung um.*

Was für eine „Qualität“ eigentlich?

Liu Yu

Vielen ist wahrscheinlich bewusst, dass einige spezifisch chinesische Ausdrücke nur schwer ins Englische zu bringen sind, wie beispielsweise tujishou, bu zheteng, jingshen wenming, banzi jianshe… Wer xuerande fengcai übersetzen kann, der kriegt von mir sofort ein Fähnchen. Zu diesem Vokabular gehört auch suzhi [Aussprache hier].**

Soll und Haben

„Die ,Qualität‘ der Chinesen ist gering, deshalb sollte China nicht…“ Dieser Satz ist so weit verbreitet, dass „Qualität“ wie verloren dastünde, wenn dahinter „Chinesen“ und „gering“ fehlten. Aber wie lässt sich suzhi nun übersetzen?*** Eine Übersetzung mit „quality“ erscheint am passendsten. Wenn man aber genau überlegt und den Satz mit „The quality of Chinese people is low, so China should not…“ übersetzt, dann passt es offensichtlich nicht. Übersetzte man nämlich diesen englischen Satz ins Chinesische zurück, dann hieße es „Die Qualität der Chinesen ist gering, deshalb sollte China nicht…“. Das ist unverhohlener Rassismus und ganz sicher nicht im Sinne des Chinesen, der es sagt.

Es hat bestimmt viele Gründe, dass ein Wort schwierig in andere Sprachen zu übersetzen ist. Ein möglicher: Das Phänomen, auf das das Wort verweist, ist selbst nicht wirklich klar gefasst. Zum Beispiel suzhi, was heißt eigentlich suzhi? Intuitiv würde ich sagen: „Bildungsniveau“. Wie aber die aktuellste Volkszählung zeigt, beträgt Chinas Analphabetenrate gegenwärtig nur 4,08% und liegt damit weit unter dem weltweiten Durchschnitt. Eine andere Untersuchung von 2009 machte deutlich, dass 18,03% von Chinas 25- bis 30-Jährigen einen höheren als den College-Abschluss erworben haben, das ist mehr als in vielen demokratischen Ländern, wie Tschechien (15,05%), der Türkei (13,06%) oder Brasilien (10%). Man sieht also, dass das Bildungsniveau der Chinesen überhaupt nicht niedrig ist.

Wenn „Qualität“ nicht auf das Bildungsniveau verweist, auf was dann? Vielleicht auf den Teamgeist. Es heißt, Chinesen seien wie „eine Schale losen Sands“, was als Beweis für die geringe „Qualität“ der Chinesen angesehen wird. In der Sozialwissenschaft gibt es den Begriff „Soziales Kapital“, womit die Viskosität und die Dichte des menschlichen Umgangs miteinander gemeint sind. Wie einige Forscher bewiesen haben, hat soziales Kapital für das Funktionieren einer Demokratie eine ähnliche Bedeutung wie Motoröl für ein Automobil.

Ganz zu schweigen davon, dass später viele Forscher die politischen Folgen sozialen Kapitals anzweifelten, machten nicht wenige darauf aufmerksam, dass die Formel „eine Schale losen Sands“ in Wahrheit überhaupt nicht der chinesischen Tradition gerecht werde. Die traditionelle Dorfgesellschaft verfügte über ein enges Netzwerk des sozialen Austausches und verwaltete sich selbst. Musste im Dorf eine Straße gebaut oder ein Kanal gegraben werden, dann beratschlagten oft alle Familien, wie Geld zusammenzubringen war. Kam es zwischen Hinz und Kunz zu Streitigkeiten, dann schlichteten die Clan-Ältesten und Großgrundbesitzer gemäß den Regeln des Dorfes. In New Yorks Chinatown sah ich, wie eine bereits vor mehr als hundert Jahren die Heimat verlassen habende chinesische Gemeinschaft sich bei jedem rauschenden Fest zu Löwentanz und Trommelspiel versammelte. Daher lässt sich nur schwer sagen, dass es in den Genen der Chinesen an Zusammenhalt fehle.

Fesselkunst

Stattdessen wurde mit dem Aufkommen des „allmächtigen Staates“ der „feudalistische Abfall“ wie Clans, Vereinigungen und Tempelmärkte unter Zwang abgeschafft. Die Gesellschaft atomisierte sich zusehends und das Politische wurde zum einzigen Bindemittel. Bis heute kontrolliert das starke politische System die Bildung sozialen Kapitals. „Sandkörner“ wollen sich zusammenschließen und eine Bauerngewerkschaft organisieren? Zu heikel! Eine Arbeitergewerkschaft? Hat doch die Regierung bereits organisiert! Eine Nichtregierungsorganisation? Geht schon, aber erst müssen 48 Anträge genehmigt werden…

Die Atomisierung der chinesischen Gesellschaft ist somit nicht die Ursache für Macht, sondern dessen Ergebnis. Wenn ich einerseits deine Beine fessele, andererseits aber sage: Schau, dass du jetzt gar nicht losrennen kannst, beweist, dass dir die Fähigkeit zum Rennen fehlt, oder nein, dass dir die „Qualität“ dazu fehlt! Dies kann schon nicht mehr als eine „sich selbsterfüllende Prophezeiung“ gelten, dies ist ein „sich selbstbestätigender Befehl“.

Und wenn „Qualität“ das Regelbewusstsein meint? Chinesen stehen nicht gerne an und laufen bei Rot über die Ampel… Diese Phänomene bewiesen, dass es den Chinesen an „Qualität“ mangele, daher müsse Chinas Volk von einer Elite kontrolliert werden. Dies meinte in etwa Jackie Chan mit seinem „Chinesen brauchen Kontrolle.“

Diese schlechten Angewohnheiten kenne ich selbst nur allzu gut, besonders was das Anstehen betrifft. Manchmal wünschte ich mir einfach, man würde vor jedem Tresen eines Marktes einen Verkehrspolizisten postieren. Ich war aber auch schon in Hongkong und Taiwan. Dort habe ich genauso eng beieinander lebende Städter gesehen, die wie selbstverständlich anstanden. Dass auch sie Chinesen sind, macht deutlich: Es kommt nicht sofort zu einer Abstoßungsreaktion, wenn Regelbewusstsein auf Chinesen trifft.

Wichtiger aber noch ist: Selbst wenn das Regelbewusstsein des chinesischen Volkes nicht ausreicht, so lässt sich wirklich nicht erkennen, wie sich daraus die Überlegenheit eines totalitären Systems ableiten ließe. Dessen implizite Prämisse ist: „Ein Volk mit ,geringer Qualität‘ muss von Beamten mit ,hoher Qualität’ erzogen und kontrolliert werden.“

Oben und Unten

Schaut man sich aber diese Beamten mal an, dann kriegt man es mit der Angst zu tun. Schlagen wir heute eine Zeitung auf, dann sehen wir einen Offiziellen wegen Veruntreuung einiger Millionen ins Gefängnis wandern; schlagen wir morgen eine Zeitung auf, dann sehen wir einen anderen Offiziellen wegen Veruntreuung einiger zehn Millionen ins Gefängnis wandern. Gehen wie heute auf eine Internetseite, dann lesen wir, wie sich jemand wegen der gewaltsamen Häuserabrisse durch die Regierung zum Petitionieren gezwungen sieht; gehen wir morgen wieder auf eine Internetseite, dann lesen wir, wie dieses Abreißen jemand anderen dazu gebracht hat, sich selbst anzuzünden.

Natürlich sind solche Beamte vielleicht nicht repräsentativ, aber es ist eine Tatsache, dass Geschichten dieser Art ständig passieren. Dies gerade ermahnt uns, wie es zu erklären ist, dass es dem Volk an Regelbewusstsein mangelt: Wenn „die da oben“ ständig bei Projektausschreibungen interne Absprachen treffen, sich bei Grundstücksstreitigkeiten nicht ans Gesetz halten oder trotz wiederholtem Verbots öffentliche Gelder bei Gelagen verprassen, wie kann man denn da hoffen, dass „die da unten“ untertänigst die Regeln achten? Wie bringt jemand, der überall seinen Stuhlgang verrichtet, jemand anderem bei, dass er nicht überall hinspucken darf?

Also selbst wenn die „Qualität“ der Chinesen nicht so gut ist, so liegt das – obwohl es diesem auch schadet – vielmehr am System. Natürlich glaube ich nicht, dass Systemreformen über Nacht eine Kultur verändern können, aber sie können zumindest einen Raum öffentlichen Lebens schaffen. Und ähnlich wie zuerst Fußfesseln gelöst werden müssen, bevor man zu rennen lernt, so bedarf es für die Ausbildung bürgerlicher Fähigkeiten zuerst eines öffentlichen Raumes. Diejenigen, die sagen „Die ‚Qualität‘ der Chinesen ist gering, daher sollte China nicht…“ können vielleicht darüber nachdenken, den Satz so zu verändern: „Die ‚Qualität‘ der Chinesen ist gering, daher sollte China umso mehr…“

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* Liu Yu lehrt gegenwärtig als außerordentliche Professorin am politikwissenschaftlichen Institut der Pekinger Qinghua-Universität. In China ist sie besonders als Autorin / Bloggerin bekannt. Ihr Buch „Details der Demokratie“ war 2009 in China ein Bestseller. Wer ein Chinesisch lesen möchte, das reich an Sprachwitz und unkonventionellen Perspektiven ist, dem sei auch ihr Essay-Sammelband „Send you a bullet“ ans Herz gelegt.

** Vom Vokabular aus dem ersten Abschnitt soll hier nur der letzte Begriff übersetzt werden, gibt es für den doch ein Fähnchen (Dank an Zhang Tao für ihre Hilfe):

xuerande fengcai > „mit Blut befleckte Anmut“; Titel eines Liedes aus den 1980er Jahren, mit dem ursprünglich Chinas Gefallenen im Chinesisch-Vietnamesischen Krieg von 1979 gedacht wurde; später auch (besonders in Hongkong) zum Gedenken an die Opfer der Niederschlagung der Pekinger Proteste von 1989 verwendet.

*** Auch im Deutschen findet sich kein einzelner Begriff, der alle Facetten von suzhi widerspiegelt. „Qualität“ ist in der Übersetzung ein Platzhalter für eine Gemengelage aus Benehmen, Bildungsniveau und Zivilisationsgrad.

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Vortrag Liu Yus vom September 2011 zum Thema „Arabischer Frühling“ (Chinesisch ohne Untertitel)

Übersetzung, Zwischenüberschriften und Fußnoten: Oliver Pöttgen

Im März 2012 zuerst erschienen bei:

stimmen-aus-china.de

17:56 19.04.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

chinaschau

Autor: Oliver Pöttgen | chinaschau@web.de | fachchinesisch.tv
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