China, der liebe Löwe

Angst Chinas mächtigster Mann Xi Jinping spielt in Paris mit einem Zitat Napoleons. Das soll dem Westen die Furcht vor China nehmen, ist daheim aber ein gefundenes Fressen
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China, der liebe Löwe
Enthält sich der Stimme: Wie sich Chinesen China nicht wünschen

Fotomontage: Xinwen Fayanren, weibo.com,

Faucht bald kein Drache mehr?

Bislang musste meist der Drache als Symbol für China den Kopf hinhalten. Es gibt viele China-Bücher, die im Titel mit der Drachenmetapher spielen: Dort erwacht der Drache, ist hungrig und misst sich mit Tieren, die für andere Länder stehen. Oft geht es dabei um Chinas Aufstieg als Wirtschafts- und Militärmacht. So ringt er auf einem Spiegel-Cover von 2005 mit dem amerikanischen Adler um die Weltherrschaft.

Vielleicht steht nun aber eine Wachablösung bevor. In seiner Rede zum 50. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Frankreich und China meint Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping am 27. März 2014 in Paris:

Napoleon hat gesagt, China sei ein Löwe im Tiefschlaf. Wenn dieser Löwe erwacht, werde die Welt vor ihm zittern. Der Löwe China ist schon erwacht, aber es ist ein friedfertiger, freundlicher und zivilisierter Löwe.

Nach außen bloß Kätzchen?

China als Löwe, das Bild gefällt vielen Chinesen – und schürt Erwartungen. Nutzer xiaoxixidaguagua fordert Taten.

Es ist zumindest ein Fortschritt, dass man das offen aussprechen kann. Jetzt flankiert diese Worte aber auch mit einer etwas härteren Außenpolitik!

Bloß scheint „friedfertig, freundlich und zivilisiert” manchen Nutzern überhaupt nicht zu schmecken. China trete nach außen viel zu unentschlossen, nachsichtig und weich auf. Oft schwingen auch nationalistische Töne mit. Dass China erwacht sein soll, hält jidiaodashi schlichtweg für einen Witz.

Haben wir die Diaoyu-Inseln und Taiwan zurückgeholt? Oder das den USA geliehene Geld ?*

Auch bei dem verschwundenen, mit 153 Chinesen besetzten Passagierflugzeug der Malaysian Airlines hätte ein richtiger Löwe anders reagiert, meint zui'aikenandexiaogan .

Was hat Chinas Regierung schon gemacht, Worthülsen von morgens bis abends. Bei großen Ereignissen beißen sie sich nur auf die Zunge und schlucken alles runter...

Für dieses Auftreten hat dunjianS eine Metapher.

Ein Papierlöwe, der kein Fleisch frisst.

Nur nach innen ein Löwe?

Hier wird die Sehnsucht nach einem starken Mann deutlich, einem wie Russlands Präsidenten Wladimir Putin. Sein Muskelspiel in der Krim-Krise imponiert derzeit auf Sina Weibo, dem Twitter-Pendant. So wie Russland müsse das zahnlose China auch auftreten.

Aber das mache es doch schon längst, entgegnen andere – bei den eigenen Bürgern! Um die chinesische Innenpolitik zu kritisieren, wird das Löwen-Bild aus seinem außenpolitischen Kontext gelöst und auf das Verhältnis zwischen Regierung und Bevölkerung angewandt. Demnach schnappe der Löwe bislang nur nach der Hand, die ihn füttere. Für zhongguoxikafei ist Xi Jinpings Spiel mit dem Napoleon-Zitat eine Steilvorlage.

Der Löwe China, der fletscht seine Zähne und zeigt seine Klauen nur gegenüber seinen Landsleuten.

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* Anspruch auf die Diaoyu-Inseln im Ostchinesischen Meer erheben die Volksrepublik China, die Republik China (= Taiwan) und Japan. Besonders zwischen der Volksrepublik und Japan kam es deswegen in den letzten Jahren zu Spannungen. Taiwan wird von der Volksrepublik nicht als souveräner Staat, sondern als abtrünnige Provinz betrachtet. Als Käufer von Staatsanleihen ist China neben Japan nach wie vor der größte Gläubiger der USA, auch wenn es im Februar 2014 Anteile abstieß.

Im Mai 2014 zuerst erschienen bei:

stimmen-aus-china.de

19:45 05.05.2014
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Geschrieben von

chinaschau

Autor: Oliver Pöttgen | chinaschau@web.de | fachchinesisch.tv
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