Das gelobte Land ist voll

Soziale Medien Seit Jahren will Facebook auf den chinesischen Markt – warum eigentlich? Bieten könnte es nur noch wenig, verlieren viel. Nicht in China zu sein, hat manchmal Charme
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Mark Zuckerberg kann Chinesisch. Zumindest radebrecht es der Facebook-Chef so gut, dass er kürzlich beim Besuch der Pekinger Eliteuniversität Qinghua mit einer erstaunlichen Aussage für Gelächter sorgte: Facebook – im Land seit 2009 gesperrt und seitdem geil ante portas – sei ja schon längst in China. Noch im Juli war davon keine Rede gewesen. Da hatte Facebook Meldungen chinesischer Medien dementiert, wonach man in Peking große Büroflächen gemietet habe, und erklärt, man wolle in nächster Zeit nicht nach China. Kommentatoren nutzten die Gelegenheit, um wieder einmal auf Zuckerbergs ewigen Flirt mit dem Reich der Mitte zurückzublicken und Facebooks Lebenschancen dort auszuloten.

Was hat man nicht schon alles versucht: Klinken geputzt bei den Netzgiganten Baidu, Sina und Alibaba; Li Kaifu um Rat gebeten, den Ex-Chef von Google Greater China; 2007 schon die URL facebook.cn registriert und sich bis 2012 bereits an die 70 Begriffe markenrechtlich gesichert, die in China für "Facebook" verwendet oder für das Unternehmen wichtig werden könnten, darunter auch den Buchstaben "F", wie die Zeitschrift Southern Metropolis Weekly (Nandu Zhoukan) weiß. Mitte 2014 sagte Vaughan Smith, Facebooks Vizepräsident für "Special Projects", dass in China "tausende" Anwendungsentwickler für Facebook arbeiteten. Genutzt hat all das bisher wenig, nach wie vor fehlt ein chinesisches Partnerunternehmen, das als "Internet Content Provider" fungieren muss. Laut Gesetz geht ohne diesen Aufpasser gar nichts – facebook.cn führt ins Leere.

Liken, retweeten und whatsen

Ob Chinas über 600 Millionen Internetnutzer allerdings noch so heiß auf Facebook sind wie früher, ist zu bezweifeln. Klar, es gibt sie noch reichlich, die "Wir wollen Facebook!"-Rufe. Erst vor einigen Wochen schallten sie wieder, als sich jemand auf Sina Weibo als Facebook ausgab und ein Firmenprofil einrichtete. Ein Scherz, wie ein Blick auf die wenige Tage später gelöschte Seite sofort verriet. Sina Weibo ist Chinas größter Kurznachrichtendienst und wird deshalb gerne als "Chinas Twitter" gestempelt, ist aber mehr. Es ist ein Zwitter aus Twitter und Facebook, dessen Funktionen weit über das hinausgehen, was Twitter seinen Nutzern bietet. Anders gesagt, auf Sina Weibo lässt sich gut facebooken. Und es sieht toll aus, ist keine von diesen chinesischen Seiten, die man mit Augenschaden verlässt, weil Weißraum fehlt, alles blinkt und die Schrift zu klein ist.

Zusammen mit Weixin (alias WeChat), dem mächtigen "WhatsApp Chinas", steht Sina Weibo für ein voll bestücktes Arsenal sozialer Netzwerke, das in Sachen Funktionen und Design auf Augenhöhe mit westlichen Pendants ist, auch weil diese eifrig kopiert wurden. Liken, retweeten und whatsen – alles in China schon längst Gang und Gäbe, heißt bloß anders. Facebook könnte hier mit keinem Pfund mehr wuchern, Chinas Nutzer sind bedient. Das weiß Facebook in etwa: "Sollte uns in Zukunft der Markteintritt in China gelingen, dann stünden wir in Konkurrenz zu Unternehmen wie Renren, Sina und Tencent.", schreibt Facebook in seinem Wertpapierprospekt zum Börsengang von 2012. Heute sind die Platzhirsche Sina und Tencent. Tencent hat zwar auch eine Weibo-Plattform (weibo heißt "Mikroblog"), wichtiger ist für Tencent aber das bereits genannte Weixin. Dagegen hat Renren, das sich gerne als "Facebook Chinas" verkauft, seine besten Zeiten hinter sich. "Halbtot" sei es, diagnostizierte der Kommentator Wu Junyu auf dem IT-Watchblog ikanchai.com Anfang Juli.

Verbotene Früchte

Das einzige, was Facebook für Chinesen immer noch interessant macht, ist seine Internationalität, die einen weltweiten Informationsfluss weitestgehend frei von Zensur ermöglicht. Dieses As kann Facebook in China aber nicht zücken, schließlich ist es dort genau deswegen gesperrt. Wenn sie Facebook nutzen möchten, müssen Chinesen über digitale Sperrzäune hüpfen, im Westen in Anlehnung an die Chinesische Mauer gerne als "Great Firewall" verspottet. Dabei hilft ihnen VPN-Software, die ein Virtuelles Privates Netzwerk einrichtet und so der Zensur ein Schnippchen schlägt. Für den Besuch anderer Seiten ist das auch vonnöten, allen voran für Twitter und YouTube.

Facebook habe in China ein "ideologisches Problem", zitiert die Southern Metropolis Weekly den Internet-Experten Liu Xingliang. Je mehr ein Unternehmen mit Ideologie zusammenhänge, desto schwerer habe es dieses Unternehmen. Von all den ausländischen Internetfirmen in China schlage sich daher nur Amazon gut, weil es bloß Online-Händler sei. Dieses "ideologische Problem", dieser Bruch mit Geschäftsmodell und Firmenphilosophie droht in mindestens zwei Punkten. Erstens müsste facebook.cn als Insel angelegt sein, die das Vernetzen mit internationalen Nutzern von facebook.com nicht vorsieht. So ist Sina Weibo konzipiert, selbst wenn sich dort mittlerweile viele ausländische Privatleute, Organisationen und Medien tummeln, und Sina seit kurzem mit der URL overseas.weibo.com jene Nutzer offensiver lockt, die vom Ausland aus weibo.com ansteuern.

Zweitens müsste Facebook ins Joch staatlicher Zensur, wie alle anderen Dienste auch. Das sei organisatorisch nicht einfach, schreibt der Netzkolumnist Lan Xi. Schon gar nicht für soziale Medien: Auf Sina Weibo tobt jeden Tag ein Datensturm aus über hundert Millionen Nachrichten, Big Data. Zwar lassen sich Suchbegriffe automatisiert sperren, aber es braucht am Zensurpult Fleisch und Blut. Es braucht Personal, das eine feine Antenne für virulente Themen und Stimmungslagen in der chinesischen Politik hat, um schnell manuell löschen und die Filter justieren zu können – und so wütenden Anrufen aus Regierungsstellen vorzubeugen. Die Kriterien für Eingriffe sind vage, die Zensur ist intransparent. Ob Facebook sich in dieses "System" reinfuchsen könnte, bezweifelt Lan und zitiert einen Sina Weibo-Mitarbeiter, der Facebook bei der Personalsuche hämisch "viel Glück" gewünscht habe.

Sollte facebook.cn jemals an den Start gehen, dann stünde es sicher noch mehr unter Beobachtung als chinesische Plattformen und der Druck auf seine Zensorentruppe wäre noch größer. Die jüngsten Proteste für mehr Demokratie in Hongkong dürften Warnung sein. Eine "Facebook-Revolution" war es nicht, aber auch hier diente die in der Sonderverwaltungszone Hongkong nicht gesperrte Seite Aktivisten als wichtiges Werkzeug der Mobilisierung und Information. Das sieht Peking.

Google lässt grüßen

Seine Analyse der Chancen Facebooks in China schärft Wu Junyu mit dem Sprachspiel "fei si bu ke": Zur Lautübertragung des Firmennamens ins Chinesische wurden Schriftzeichen gewählt, die wörtlich übersetzt "sterben müssen" bedeuten. Aber selbst wenn man Facebook mehr Chancen einräumte, sterben würde doch etwas. Nämlich das, was die Plattform in den Augen vieler Chinesen immer noch ist: Ein Symbol für ein freieres Internet, für weltweiten Austausch jenseits staatlicher Bevormundung. Kapselte Facebook seinen Dienst in China nach außen ab und ließe es die Zensurschere in chinesischer Manier schnappen, dann entkernt es sich.

Natürlich, Millionen Chinesen würden ein facebook.cn sofort stürmen. Was lange verboten war ist sexy. Schnell dürften diese Nutzer aber wieder ausnüchtern, abziehen und zu Karteileichen werden. Denn warum sollte ein Chinese, der schon Sina Weibo, Weixin und anderen einheimischen Diensten seine Daten gibt, sich auch noch auf einem China-Facebook die Seele aus dem Leib posten? Egal, Hauptsache irgendwie rein, mögen sich Management und Aktionäre denken, auf bessere Zeiten hoffen und Stücke aus dem Kuchen China reißen wollen. Aber zumindest im Bereich (mobiles) Internet und soziale Medien ist der Kuchen längst verteilt – unter Chinesen. Google, MySpace, Yahoo! und andere Flaggschiffe des "westlichen" Internets sind in China alle gekentert oder haben sich verfahren. Das spricht Bände, auch wenn nicht immer "ideologische" Gründe ausschlaggebend gewesen sein müssen, hier und da hat man sicher das Nutzerverhalten falsch eingeschätzt. Das Job-Netzwerk LinkedIn versucht es seit Anfang diesen Jahres auch und spielt nach Chinas Regeln. Mal schauen, wie das Spiel läuft.

Ihr Chinesen kommet

Für Facebook als soziales Netzwerk, das sich einer – und sei es nur aus kommerziellen Gründen – weitestgehenden Informationsfreiheit verpflichtet sieht, könnte es sich also lohnen, nicht in China zu sein. Man vermiede die Entzauberung, bewahrte die Marke und entginge auch im Ausland dem Imageschaden, den ein Kotau vor Chinas Zensur mit sich brächte. LinkedIn mag sich das als ein in der Öffentlichkeit wenig wahrgenommenes Netzwerk leisten können, Facebook kaum. Ende 2010, schreibt die Southern Metropolis Weekly, habe der um Rat gebetene Li Kaifu Mark Zuckerberg gefragt: "Wenn Sie sich dazu entscheiden, Chinas Gesetze und Richtlinien zu befolgen, haben Sie dann an den Druck gedacht, der Sie deswegen in den USA erwarten könnte?"

Da erscheint eine neue Strategie sinnvoller, die Vizepräsident Vaughan Smith im April beim China 2.0-Forum in Peking erläuterte: Chinesischen Unternehmen und Organisationen dabei zu helfen, für ihre weltweite Informationsarbeit Facebook zu nutzen. Das meinte jetzt auch Zuckerberg, als er sein „Wir sind schon in China“ darauf stützte, dass man dem PC-Hersteller Lenovo bei der Werbung für ein neues Smartphone geholfen habe. Ob Chinas Regierung diesem Mauerspringen auf Dauer tatenlos zusehen wird, bleibt abzuwarten, aber Smith und Zuckerberg wissen wohl: Chinesen wollen Facebook – das echte.

Eine Kurzform des Texts erschien unter der Rubrik "Medientagebuch" in Ausgabe 45/14 vom 06.11.2014:

"Fei si bu ke" heißt: sterben müssen

08:00 12.11.2014
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Geschrieben von

chinaschau

Autor: Oliver Pöttgen | chinaschau@web.de | fachchinesisch.tv
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