chocolate

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RE: Anleitung zum Tortenbacken | 17.07.2010 | 10:43

Es ist das erste Mal, dass ich das Bedürfnis verspüre einen Artikel aus dem Freitag zu kommentieren. Ich habe mich über diesen Artikel unglaublich geärgert, denn selten habe ich einen so unreflektierten Text im Freitag gelesen. Der Anlass dieses Artikels ist also nun eine Diplomarbeit, die ein Thema ausschlachtet, das bereits von langjährigen Aktivisten bereits bearbeitet wurde: Aktionshandbücher. Hier finden sich nun sage und schreibe 18 Protestformen (von der terminologischen Unsauberkeit möchte ich hier gar nicht anfangen) von zwei Personen, die ein paar auch selbst ausprobiert haben. Na Hallelujah – das ist eine Story wert?

Inhaltlich finden sich in diesem Artikel mehr Plattitüden und polemische Aussagen als Informationen und dann kommt auch noch der altbekannte Topos der Latschdemo. Wurde der nicht schon in den 90ern gebraucht und zuletzt kritisiert in dem Buch von Marc Amann ("go.stop.act."). Bislang kenne ich die publizierte Diplomarbeit nicht, aber es macht bislang den Anschein als hätte hier wieder jemand, der ein spannendes Thema zum Abschluss des Studiums suchte, von gut aufbereiteten Aktionshandbüchern der Szene abgeschrieben und ein paar Verweise auf Kulturtheorien, Derrida oder Bourdieu eingestreut, um dem Ganzen einen wissenschaftlichen Ton zu geben.

Aber mal zurück zu dem Artikel, dessen Schreibanlass durchaus fragwürdig ist (wie gerade dargelegt): Kurz bevor man sich durch die intellektuellen Marginalien (bspw. "Manche [der Aktionsformen] benötigen etwas Übung, andere gelingen auf Anhieb." Nach so einem banalen Satz fragt sich der Leser: Welche denn? Es werden nur altbekannte genannt, nämlicht Torten, Straßentheater, Plakatieren, Banner-malen und die gerade stark gehypten Flash-Mobs) gequält hat endet nun auch der Autor äußerst unreflektiert mit: "Warum kränken die Bewegungen immer noch an der eintönigen Protestform-Landschaft? Kommen Leute nicht auf die Idee, etwas Neues zu probieren?" Ich glaube an der Stelle sind wir am Tiefpunkt des Artikels! Dann wird noch the godfather of social movement research zitiert und dann der altkluge Rat: Aufmerksamkeit lässt sich auch anders erregen. Hier wird die Realität mal wieder völlig ausgeblendet, vielleicht weil Journalisten / Redakteure soviel produzieren müssen, dass sie alle Fakten nur noch über den Ticker bekommen – ich weiß es nicht. Aber gehen Sie doch mal raus auf die Straße! Und nicht nur zu den großangekündigten Aktionen von Greenpeace oder Attac. Sie sitzen in Großstädten wie Berlin und bekommen nichts von den aktuellen Formen neben Torten mit? Sie bschweren sich, dass man nur konservative Formen sieht: Dann berichten Sie doch mal über die anderen Formen! Die massenmediale Berichterstattung unterliegt gewissen, oft intransparenten Selektionsmechanismen und berichtet immer nur über das, was gerade eben die meisten Nachrichtenwertkriterien erfüllt, aber dass nun nicht mal mehr im Freitag Platz ist für Kritik am eigenen Arbeiten und in Plattitüden verfallen wird, die ich sonst auch in der SZ lesen kann – frustriert mich schon. Wo waren Sie denn beim Bildungsstreik? Wo schauen Sie denn hin, wenn Sie zu regionalen Aktionen gehen? Sie behaupten Straßentheater ist neu und kreativ? Letzteres vielleicht, aber neu sicher nicht. Downing hat bereits in seinem Buch "Radical Media" darüber geschrieben und bei Marc Amann kommt es auch vor. Von den anderen 20 Büchern will ich gar nicht erst anfangen. Aber wo bleibt die Diskussion der kreativen Formen der Kommunikationsguerilla? Wann haben Sie zuletzt über eine Laugh-Parade o.ä. berichtet? Vielleicht auch weil es sich nicht so gut illustrieren lässt?