Ein Spiel ist ein Spiel. Aber irgendwo hört der Spass auf

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Oder über Gerechtigkeit und Kapitalismus

Gewerkschaften fordern sie auf jeder Demo. Bei nahezu alle NGO`s schillert sie in grellen Farben auf den Transparenten. Bei jeder Debatte im Bundestag wird sie benutzt um die anderen Fraktionen anzuklagen. Von Sozialdemokraten, den Linken, den Grünen, ja selbst von der CDU. In jeder Zeitung war sie schon Headliner und seit einigen Jahren geistert sie, wie ein Phantom, das immer wieder in neuer Gestalt, in neuem Gewand erscheint, durch diverse Blogs und Foren. Die Rede ist von der sozialen Gerechtigkeit.

Sie wird von allen heiß geliebt, von allen gewollt. Aber wenn sie von allen gefordert wird, warum ist sie dann nicht längst umgesetzt, längst Realität? Um was Streiten sich ewig Parteien, Professoren und Foristen, wenn sie doch alle dasselbe wollen? Der Streitpunkt liegt darin, dass nicht klar was Soziale Gerechtigkeit eigentlich ist. Für jeden scheint die soziale Gerechtigkeit ein anderes Antlitz zu haben. Jeder versteht etwas anderes darunter was eigentlich soziale Gerechtigkeit ist. Sie ist wie ein Phantom, ein Geist, der durch die Köpfe der Menschen reist und ich jedem ein bisschen anders zeigt. Die Frage danach, wer das Phantom in seiner echten, in seiner richtigen Gestalt gesehen hat, ist ein Dauerbrenner, seit Jahrzehnten. Doch ich möchte hier nicht eine Debatte weiterführen die schon so oft geführt wurde und von mir vermutlich nicht weiterzuführen ist. Ich möchte eine andere Frage aufwerfen. Die Frage danach ob das Phantom soziale Gerechtigkeit überhaupt eine echte Gestalt hat oder nur eine Einbildung ist. Oder anders: Gibst es soziale Gerechtigkeit? Präziser: Gibt es soziale Gerechtigkeit im Kapitalismus?

Um diese Frage zu diskutieren, werde ich mich zunächst Tief in liberale Gewässer begeben und beginne mit der, ich gebe zu durchaus umstrittenen, Person Friedrich August von Hayek. Dieser schreibt zu sozialen Gerechtigkeit folgendes „Gerechtigkeit ist sehr wichtig, aber sie besteht aus Verhaltensregeln für den einzelnen. Man kann sich gerecht oder ungerecht verhalten (handeln). Aber Dinge wie die Verteilung der Einkommen können durch keine Verhaltensregel für das Individuum gelenkt werden.“ und weiter „Wir haben entdeckt (nicht erfunden!), daß die beste Methode zur Erledigung unserer Angelegenheiten die Teilnahme an einem Spiel [Kapitalismus] ist, das teilweise aus Glück, teilweise aus Geschicklichkeit besteht. Wenn wir aber das Spiel akzeptiert haben, weil es effizient ist, können wir hinterher nicht sagen, seine Ergebnisse seien ungerecht. Solange niemand betrügt, gibt es in diesem Spiel nichts Ungerechtes. Auch dann nicht, wenn man in diesem Spiel verliert.“ Für Hayek existiert ein Gerechtigkeit nur im privaten, eine gesellschaftliche relevante soziale Gerechtigkeit ist für ihn nicht möglich, weil der Kapitalismus, eben ein Spiel ist, in dem der Verlierer sich zwar über mangelndes Glück beklagen kann, aber genauso wenig, wie wenn er z.B, eine Treppe herunterfällt, sich am Ende darüber beklagen kann, dass es ungerecht gewesen sei. Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen eine Runde „Mensch Ärger dich nicht“ und dem Spiel des Lebens. Denn am Ende des „Mensch Ärger dich nicht“ ärgert sich der Verlierer unter Umständen über seine Niederlage, aber bei einer Niederlage im Spiel des Lebens steht schlicht und ergreifend meine Existenz, die Existenz des Menschen und nicht die Existenz einer Spielfigur auf dem Spiel. Genau an dieser Stelle kommt nun der Staat ins Spiel. Allerdings keineswegs als Antagonist zum Spiel, sondern vielmehr als ein Hüter des Spiels, der auf die Einhaltung der Spielregeln achtet. Somit ist auch er ein Teil des Spiels und damit ist weiterhin die Kategorie „soziale Gerechtigkeit“ nicht eingeführt. Da viele Menschen jedoch als Verlierer aus diesem Spiel hervorgehen, war einerseits eine für eine für eine ansatzweise aufgeklärte Gesellschaft eine zu große Menge an Armut entstanden und andererseits die Legitimation des Spiels selbst in Gefahr war, begann der Staat seine Rolle neu zu erfinden. Nun ist er zuständig für „soziale Gerechtigkeit“. Damit ist gemeint, dass er z.B. Mithilfe von Steuern dafür sorgt, dass die Einkommen gleicher verteilt werden oder mithilfe von Sozialhilfe den Armen unter die Arme greift. Dies ist nun aber in etwa so als würde mitten im Spiel jemand die Regeln ändern, zugunsten des Verlierers. Es wird also ein Institution über den Menschen geschaffen, die nicht nur die Regeln überwacht, sondern aktiv in das Spiel eingreift. Im liberalen Sinne ist dies nun die eigentliche Ungerechtigkeit ( keine soziale Ungerechtigkeit, die existiert nicht, sondern eine persönliche dem Individuum zugefügte Ungerechtigkeit) und vor allem auch Entmündigung des Bürgers. Der Staat macht das Spiel dadurch nicht gerecht, sondern beginnt letztendlich nur willkürlich in das Spiel einzugreifen, und läuft damit dem bürgerlichen Glücksversprechen zuwider, welches besagt, dass jeder Bürger die Möglichkeit hat in der Gesellschaft aufzusteigen, wenn es den Willen und seinen eigenen Weg zum Glück zu finden, indem das Individuum der Gängelung des Staates aussetzt.

Doch was bewegt die Menschen eigentlich bei diesem Spiel mit zuspielen? Würden sie sich nicht vielleicht eher für kooperative Wege gesellschaftlicher Interaktion entscheiden? Einer Gesellschaft die vielleicht nicht so viele Verlierer produziert?

Hier kommt das „zweite große Versprechen des Kapitalismus“ ins Spiel. Dies besagt, dass dadurch, dass wenn jeder nur an sich denkt, und das beste für sich erreichen möchte, die daraus resultierende Konkurrenz zu einem Wachstum der Wirtschaft und damit zu großem materiellen Reichtum führt, von dem letztendlich auch die Armen profitieren ( Trickle-Down-Effekte). Daher sind die meisten Menschen bereit immer wieder am Spiel teilzunehmen auch wenn sie eine Niederlage fürchten müssen.

Aber an diesem Versprechen habe ich einiges an Kritik zu üben, die ich allerdings nur kurz fassen werde, weil das schon so viel geworden ist.

1. Die Jagd nach immer neuem Profit auch in einer immer größere Ausweitung der Produktion mündet, welche die Ressourcen der Erde überbeansprucht und schwere Umweltschäden verursacht.

2. Der kapitalistische Wachstumsbegriff nimmt nur nur kapitalistisches Wachstum wahr . Ein Beispiel: Es wird ständig davon gesprochen, man hätte die Armut in Afrika vermindert, die Afrikaner hätten jetzt mehr als ein Dollar am Tag etc. Faktisch jedoch verhungern jedes Jahr mehr Menschen in Afrika. Der Grund dafür ist, dass die Afrikaner vorher eine nichtkapitalistische Art des Wirtschaftens hatten. Sie hatten zwar Essen aber kein Dollar. Heute haben sie Dollar aber kein Essen. Der Wachstumsbegriff ist schlicht ignorant gegenüber anderen Wirtschaftsformen.

3. Für mich stellt sich ,im Angesicht der Finanzkrise, Erschöpfung von Ressourcen und allgemein steigender Arbeitslosigkeit die Frage,inwiefern der Kapitalismus überhaupt noch reproduzierbar ist, also noch wachsen kann.

4. Ressourcen werden verschwendet, weil es keinen gesellschaftlichen Diskurs darüber gibt, wie,wann,wo Ressourcen am besten eingesetzt werden. Es gibt nur den Markt.

5. Ist dieser egoistische Individualverkehr einfach pervers.

Diese Punkte verknüpfen sich natürlich und die Liste ist keineswegs vollständig

Unter uns: Was Hayek schreibt ist im Angesicht von Armut und Not, vollkommen widerlich

Viel Spaß bei der Kritik

16:31 11.07.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Chrisliegtindersonne

Bei herrlichem Sonnenschein, nettem Vogelgezwitscher und dem Rauschen eines kleinen Baches im Hintergrund einfach herumliegen, gequält von 1001 Fragen mit der Befürchtung, dass auch 1001 Nächte mir keine 1001 Antworten bringen
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