Flimmern und Rauschen

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<!-- @page { margin: 2cm } P { margin-bottom: 0.21cm } --> Eine kurze Kritik des Fernsehers

Das viele Menschen in diesem Land zu viel Zeit vor dem Fernseher verbringen, wird wohl kaum jemand bestreiten. Alle paar Monate gibt es dann auch wieder neue Untersuchungen die das Problem neu aufrollen und Politiker, Wissenschaftler und Journalisten dürfen ihren Senf dazu geben. Doch was bringt den Menschen dazu, den ganzen Tag einsam vor diesem Gerät vor sich hin zu vegetieren? Wie konnte der Fernseher der zweitbeste (das Auto konnte er noch nicht vom Thron stoßen) Freund des Deutschen werden? Worin liegt die Anziehungskraft der „Flimmerkiste“?

Bei dem Versuch der Beantwortung dieser Fragen werde ich mich teilweise auf Günther Anders und seine Phänomenologie des Fernsehers beziehen, die ich aber ,allein schon weil dieser Beitrag dann viel zu lang und ermüdend werden würde (Blogbeiträge sind eben keine Romane), nicht alle aufgreifen kann.

Simulieren wir: Ein ganz „normales“ Leben in einer ganz „normalen“ Stadt, vielleicht Stress an der Arbeit, vielleicht auch Langeweile des Arbeitslosen oder Rentners, vielleicht auch ein Kater nach einer durch gezechten Nacht oder Beziehungsstress. On. Der Fernseher beginnt zu Flimmern, empfängt den Zuschauer in seiner, des Fernsehers Welt. Es spielt keine Rolle, welches Problem auch immer der Mensch gehabt hat, wenn der Fernseher ihn in einer Flut von Bildern und Tönen ertränkt, lässt ihn dies jedes Problem vergessen, aufschieben. Er lässt sich mit ein bisschen Unterhaltung berieseln, vergisst die reale Welt und versinkt in der Welt des Fernsehers. Dies ist ungefähr der Punkt an dem sich gewöhnlicherweise die Kritik am Fernseher erschöpft. Die Sendungen seien ohne Niveau, es gäbe zu viel Unterhaltung und zu wenig Information, etc. Doch ist es nicht so, dass es die Menschen durch ihre Nachfrage, ihren Konsum selbst genau so gefordert haben? Ist es nicht so, dass Fernsehen von Anfang an ein „Fluchtpunkt“ ( Günther Anders) vor der Realität war? Dieser Fluchtpunkt ,nach Anders der Charakter des „negativen Familientisches“, dürstet es nicht nach wertneutraler Information ( die für Anders deshalb unmöglich ist, da die Nachricht vom Mittler,dem Fernseher bereits so formuliert wird, dass sie zwangsläufig bereits eine Wertung enthält), sondern eben nach Unterhaltung, nach Ablenkung. Natürlich hat der Staat dafür gesorgt, dass es auch Politik im Fernsehen gibt, und Informationen von vielfältigster Art angeboten werden. Im Fernsehen jedoch werden Politik und Unterhaltung aufs absurdeste vertauscht. Aus Politik wird Show , während die Show auf einmal zum Diskussionsthema wird ( siehe DSDS oder Ich bin ein Star holt mich hier raus). Anders nennt dies „unernster Ernst oder ernster Unernst“. Die Frage nach einem entfliehen vor dem Fernsehgerät ist schwer zu beantworten und ich verfolge dabei zwei Gedankengänge. Der erste ist wieder von Anders geliehen. Er schreibt:“ Nicht, was man benötigt, hat man schließlich, sondern was man hat, benötigt man schließlich.“ Dies bezieht Anders auf die ganze Warenwelt gilt aber besonders auf die „Ware“ Fernsehsendung, die einmal eingeschaltet zum Bedürfnis wird. Mein zweiter Gedankengang bezieht sich vor allem auf die grundsätzliche Passivität des Fernsehenden. Während z.B., der Lesende noch aktiv umblättert, das Tempo selbst festlegt und auch jeder Zeit in der Lage ist einen Pause zu machen, um über gelesenes nachzudenken, läuft nach dem Einschalten der Fernseher von alleine, er rauscht in seinem Tempo am Fernsehenden vorbei, die Macht von Ton und Bild drückt den Zuschauenden geradezu in seinen Sessel und zwingt ihn zur Passivität ( In meinen Eingangsfragen hatte ich noch das Wort Anziehungskraft verwendet, aber eigentlich ist Macht der bessere Ausdruck). Der klassische Einwand dagegen ist nun, der Fernseher sei nur ein Ding, der Fernsehende dagegen ein Mensch und könnte einfach per Fernbedienung auf einen anderen Sender schalten oder es gar ausschalten. Nun sicher, der Fernsehende kann natürlich umschalten, dies tut er aber nicht, weil ihm droht von der Macht des Fernsehers gefesselt zu werden, sondern vielmehr die aktuelle Sendung eben noch nicht genug fesselt und der Fernsehende hofft von einem anderen Programm mehr gefesselt zu werden. Sollte der Fernsehende das Gerät dann doch einmal ausschalten so geschieht dies nicht unbedingt ,weil er keine Lust mehr hat, sondern weil die Realität ihn aus seiner Scheinwelt holt, er ist müde, hungrig, muss zur Arbeit oder Freunde kommen zu Besuch.

Doch was geschieht eigentlich mit dem Fernsehenden, dem Zuschauer? Muss der Fernsehende nicht irgendwann in der 10. Staffel von „Verbotene Liebe“ (Es gibt mittlerweile über 3000 Folgen!!!) gelernt haben, dass all sein zetern, all sein hoffen, all sein beten nichts daran ändern, dass Person X Person Y betrügt? Muss der Fernsehende ,wenn er jeden Tag neue Bilder des Grauens in den Nachrichten sieht, nicht das Grauenhafte als Normalität akzeptieren, weil es sonst nicht zu ertragen wäre? Muss nicht die informativste Dokumentation über Elend in Afrika am Zuschauer vorbeigehen, wenn er bereits in „Verbotene Liebe“ seine Ohnmacht erfahren hat? Wird der Fernsehende nicht zwangsläufig der ewige Zuschauer, der kaum noch anders kann, als nur zusehen?

Die Kritik ,die ich am Fernseher geäußert habe, ist eine recht radikale, aber aus dieser Kritik muss nicht unbedingt eine totale Verneinung des Fernsehers folgen, vielmehr geht es mir darum, auf die Macht des Fernsehers aufmerksam zu machen, damit der Fernsehende diese Macht kontern und seinen Fernsehkonsum endlich bewusst regulieren kann. Denn der Fernseher kann nicht den Menschen beeinflussen, weil die Macht der Bilder den Menschen überwältigen muss, vielmehr liegt es daran, dass der Mensch einfach glaubt ein bisschen Unterhaltung vom Fernseher bekommen zu können, ohne sich über den „Charakter“ des Fernsehers und dessen Folgen Gedanken zu machen ( eventuell Parallelen zu jener Gedankenlosigkeit, die auch Anders aufgreift, wenn er meint, der Mensch glaube alle Dinge, die er theoretisch tun könnte auch zu dürfen) , und nur durch diese Unterschätzung der Bilderflut konnte sie den arglosen Menschen zum Zuschauer degradieren.

17:35 11.08.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Chrisliegtindersonne

Bei herrlichem Sonnenschein, nettem Vogelgezwitscher und dem Rauschen eines kleinen Baches im Hintergrund einfach herumliegen, gequält von 1001 Fragen mit der Befürchtung, dass auch 1001 Nächte mir keine 1001 Antworten bringen
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