Die Frau ist nicht selbst schuld

SÜDKOREA Von der Nothilfegruppe zur international vernetzten Frauenorganisation und zum politischen Akteur

Die Frauenorganisation Korea Women's Hot Line (KWHL) entstand 1983 in der Zeit der koreanischen Demokratiebewegung und bot zunächst Opfern von Gewalt in der Familie eine Telefonberatung an. Allein dieses Serviceangebot war in der koreanischen Gesellschaft bereits ein Tabubruch, weil es denen half, die in der gesellschaftlich dominanten Meinung "selbst schuld" hatten. Nicht Opfer, sondern "Überlebende" von Gewalt nennt KWHL die Frauen und unterstützt sie, die schwache Opferrolle zu durchbrechen.

Bald richtete die Gruppe ein Frauenhaus ein. "22 Jahre habe ich in meiner Ehe wie in einem Gefängnis gelebt, völlig isoliert. Niemand wollte die Klagen über die Gewalt meines Mannes ernst nehmen, niemand wollte einen Ausweg mit mir suchen. Dann habe ich im Radio die Telefonnummer von KWHL gehört", erzählt eine Frau in der Notunterkunft in Seoul. Heute gibt es in ganz Südkorea 23 Zweigstellen von KWHL, jede mit einem Notruf und drei mit Frauenhäusern.

Zunehmend versuchte KWHL das Thema ‚Gewalt gegen Frauen' durch Kampagnen zum öffentlichen Thema und zu einem Politikum zu machen. Ziel dieser Strategie des Agenda Setting - etwas auf die Tagesordnung setzen - war es, männliche Gewaltausübung als gesellschaftliches Strukturproblem erkennbar zu machen statt sie auf "weibliches Fehlverhalten" zurückzuführen.

Im Kontext der Wiener Menschenrechtskonferenz bettete KWHL das Gewaltthema explizit in das Menschenrechtskonzept ein. Sie will die Gesellschaft dafür sensibilisieren, dass jede Gewalt gegen Frauen Menschenrechtsverletzung ist. Inzwischen beschäftigt sich die Gruppe nicht mehr nur mit Gewalt in der Familie, sondern auch mit Vergewaltigung, sexueller Belästigung und Gewalt am Arbeitsplatz, in Schulen und Universitäten sowie mit Prostitution. Ebenso griff KWHL die sexuelle Versklavung der sogenannten "Comfort Women" durch die ehemaligen japanischen Besatzer öffentlich auf.

Aus der Politisierung des Gewaltthemas in der Öffentlichkeit entwickelte KWHL konstruktiv politische Forderungen an den Staat und kämpfte für Rechtsreformen. "Wir haben die Verabschiedung der beiden Gesetze zu Gewalt gegen Frauen vorbereitet", freut sich Hei-Soo Shin, die Leiterin von KWHL (vgl. Interview). Jetzt überwacht KWHL die Umsetzung des Gesetzes zu häuslicher Gewalt. In verschiedenen Teilen des Landes hat die Gruppe Beschwerdezentren eingerichtet, wo das Zuwiderhandeln von Polizei oder Gerichten dokumentiert wird. Sie veranstaltet öffentliche Anhörungen mit Richtern und Staatsanwälten, die das Gesetz missachten, und zieht in regelmäßigen Zeitabständen Bilanz der Implementierung.

Im Umfeld der großen UN-Konferenzen vernetzte KWHL sich mit anderen asiatischen und internationalen Frauenrechtsorganisationen. Unter dem Einfluss der vierten Weltfrauenkonferenz in Peking erweiterte die Gruppe ihren Menschenrechtsansatz noch einmal, nämlich in bezug auf ökonomische und politische Rechte. Als Reaktion auf die strukturelle ökonomische Gewalt, die Frauen durch die Asienkrise ab 1997 erlitten, bietet KWHL Hilfsmaßnahmen an (eine Krisen-Hotline) und übt im Bündnis mit anderen Nicht-Regierungsorganisationen Druck auf die Regierung aus, damit sie sozial- und arbeitsmarktpolitische Maßnahmen für betroffene Frauen ergreift.

Mehr Einfluss auf die Politik nehmen und außerdem mehr Frauen in die Politik schleusen - auf diese Strategie setzt die Gruppe im Augenblick. Eine frühere Leiterin von KWHL hat aus der Nicht-Regierungsorganisation in die 1998 eingerichtete Kommission für Frauenangelegenheit übergewechselt, die dem koreanischen Staatspräsidenten direkt zugeordnet ist.

Ebenfalls inspiriert durch die Peking-Konferenz wurden Überlegungen angestellt, ob und wie Männer einbezogen und ihre Unterstützung gewonnen werden kann. Nach intensiver interner Debatte entschloss sich KWHL kürzlich, Therapiekurse für Gewalttäter durchzuführen, zu deren Besuch diese Männer nach einem neuen Gesetz verurteilt werden. Unter den Fittichen von KWHL, die seit Jahren von der Heinrich Böll-Stiftung unterstützt wird, hat sich zudem eine freiwillige Männergruppe gebildet, die die Konzepte von Männlichkeit in der sehr militaristischen Gesellschaft Koreas diskutiert. "Die koreanischen Machos müssen an sich selbst arbeiten", hofft Hei-Soo Shin.

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