An Günter Gaus erinnern

Nachruf Er war ein verlässlicher Freund

Das letzte Mal sprach ich mit Günter Gaus am Telefon, kurz bevor er zu seiner Operation ins Krankenhaus ging. Er habe bis zuletzt an dem Kapitel seiner Autobiografie geschrieben, das er unbedingt beenden wollte. Das Ganze bleibt nun Fragment, das uns hoffentlich zugänglich gemacht wird. - Ich verdrängte den Gedanken, es könnte das letzte Mal sein, dass ich seine seit einigen Jahren heisere Stimme hörte. Ich sagte ihm einige Zeilen von Goethe. Die solle ich ihm faxen. Ich tat es:

Ich weiß, daß mir nichts angehört / Als der Gedanke, der ungestört / Durch meine Seele will fließen. / Und jeder günstige Augenblick / Den mich ein gütiges Geschick / Von Grund auf läßt genießen.

Er starb. Das inständige Wünschen hat nicht geholfen.

Das erste Mal begegnete ich ihm in der Ständigen Vertretung in Ostberlin. Es war eine jener Veranstaltungen, bei der DDR-Bürger mit Westdeutschen, aber auch DDR-Bürger untereinander, die sich sonst kaum sahen, zusammen kamen. Ich hatte mich auf ein niedriges Bänkchen gesetzt, Gaus hockte sich neben mich und sagte: Ich freue mich, dass Sie hier sind. Ich hoffe, Sie halten durch und kommen öfter.

Wie oft wir uns seitdem getroffen haben, kann ich nicht zählen. Die Dichte der Begegnungen nahm nach der Wende erheblich zu, die Gelegenheiten waren vielfältig. Fast immer wurden es große Palaver über alles, was die Zeit uns an Themen zutrieb. Ein paar Mal las er uns Kapitel aus seinem entstehenden Buch vor, begierig auf positive Rückmeldung. Häufig aßen wir zusammen, bei uns in Berlin oder in Mecklenburg, wobei wir zu berücksichtigen hatten, dass Gaus beim Essen "eigen" war, wie seine Frau sich ausdrückte. Ja, sagte er nicht ohne Stolz, er könne sich abwechselnd von Verlorenen Eiern und von Fondue ernähren. Allerdings: Kaviar mit sehr fein geschnittenen Zwiebeln und kleinen jungen Kartoffeln mit Butter übertraf alles. Einige Male besuchten wir ihn und seine Frau in Reinbek. Einige Male führte er uns in Berlin zu einem Italiener, ein Geheimtipp, und ergötzte sich an unserer Begeisterung, zwang uns Delikatessen auf und aß selbst immer dasselbe: ein Nudelgericht. An Gewohnheiten hielt er fest.

Dass er ein exzellenter Diplomat, ein brillanter Journalist gewesen ist, hört man jetzt von allen Sendern. Es gab Jahre, da fand man seinen Namen kaum in den Medien: Er hielt etwas zu starrköpfig an seinen Überzeugungen fest. Zu denen gehörte: Die deutsche Einheit muss, so, wie sie betrieben wurde, misslingen. - Ein ungebremster Kapitalismus mit hemmungsloser Profitgier zerstört die Zukunft der nächsten Generationen. - Eine Politik, welche die Armen ärmer und die Reichen reicher macht, unterhöhlt die Grundlagen eines demokratischen Gemeinwesens. - Er konnte sehr zornig sein und schrieb auch so. In letzter Zeit war er erfüllt von Skepsis und Trauer.

Er hielt auch an Menschen fest. Er war ein verlässlicher Freund. Einmal, als er glaubte, es könnte mir helfen, flog er trotz Flugangst bis nach Los Angeles, um mich Zur Person zu befragen. Demonstrativ besuchte er Leute, die in Ungnade gefallen waren. Man muss altmodische Wörter für ihn verwenden: er war anständig. Er hatte Zivilcourage. Er war mitfühlend und hilfsbereit. Er hat sich hinter den Kulissen für so manchen Vergessenen eingesetzt. Er war ein nobler Mensch.

Aber: er konnte absichtsvoll ungerecht sein. Er überreagierte an überraschenden Punkten. Er stritt sich eifernd über Nichtigkeiten, dass nur noch seine Frau ihn besänftigen konnte. Und dann konnte er über all diese Schwächen mit uns lachen.

Überhaupt: Lachen! Wie gerne haben wir miteinander gelacht. Einen unerschöpflichen Vorrat von Anekdoten hat er vor uns ausgebreitet. Hohn und Spott goss er über die aus, die es nach seiner Meinung verdienten. Genussvoll legte er die geheimen Triebfedern und Umtriebe hinter der Oberfläche der Erscheinungen bloß.

Ein scharfsinniger Denker sei er gewesen, hören wir jetzt. Wohl wahr. Wer aber weiß, dass Günter Gaus ohne Literatur, ohne Gedichte nicht sein konnte? Dass er eine Lyrikanthologie auf alle Reisen mitnahm? Dass er Musik liebte? Dass er sich in einer Kunstausstellung in ein Blatt verguckte, zum Beispiel in eine mecklenburgische Landschaft, das er sofort kaufte? Dass er Respekt, ja Ehrfurcht vor den Menschen empfand, die den zerstörerischen Kräften in der deutschen Geschichte Widerstand geleistet haben?

Die Zeilenzahl, die mir gegeben ist, ist überschritten. Und ich habe noch gar nicht angefangen, mich an Günter Gaus als an einen nicht mehr Lebenden zu erinnern. Ich kann es noch nicht.


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