RE: Anerkennung und Sicherheit | 23.03.2019 | 13:08

@Jonah Jarvis

Zitat: "Wirtschaftlich hat der Osten keine Zukunft und Schuld sind alleine die Menschen, die dort leben. Es tut mir leid, um die vielen freundlichen und gütigen Leute im Osten, aber nahezu 30 Prozent AfD-Wähler sind Zeugnis für eine kranke Gesellschaft und schrecken ganz zuverlässig Unternehmen und Kapital ab."

Mit Verlaub, aber die Unternehmen und das "Kapital" sind doch sonst auch nicht so pingelig und moralisch kleinkarriert, wenn es darum geht, Gewinne zu machen. Schließlich exportiert Deutschland Jahr für Jahr Rüstungsgüter in mehrstelliger Milliardenhöhe in die ganze Welt. Die Unternehmen und das sogenannte "Kapital" scheren sich doch einen feuchten Dreck darum, wo die vielen Waffen tatsächlich landen und welcher rechte oder linke Diktator bzw. Pseudo-Demokrat damit auf die eigene Bevölkerung oder andere Menschen schießen lässt.

Wo bitteschön bleiben die Skrupel des "Kapitals", wenn z. B. große Immobilienfonds ganze Wohnblocks mit 1.000 Mietern aufkaufen, die Fassaden neu anstreichen lassen und mit dieser lausigen Begründung die Mieten verdoppeln oder die Häuser entmieten, um sie dann in 5-Sterne-Luxus-Eigentumswohnungen umzuwandeln, die für die große Mehrheit der Bevölkerung inzwischen unbezahlbar sind?

Dem Kapital ist es doch vollkommen sch...egal, ob dieser Wohnblock in München-Brunshausen, Hamburg-Deppendorf, Bummsstadt oder irgendwo in den sogenannten neuen Bundesländern steht, wenn man damit Profite machen kann.

Wo bleiben z. B. die moralischen Bedenken der Kapitalschlepper und zwielichtigen Steuerberater, die Millionen dafür kassieren, um den Milliardengewinnen des Kapitals bei der Flucht in irgendwelche obskuren Steueroasen zu helfen?

Es tut mir leid, aber bei Lichte betrachtet entpuppt sich die Behauptung, dass der Osten mit überdurchschnittlich vielen AfD-Wählern die Unternehmen und das Kapital "abschrecken" als sehr oberflächliche und plumpe neoliberale Argumentation. Oder gibt es in Westdeutschland keine Rechtskonverservativen, Rassisten, Nationalisten, Sozialdarwinisten, AfD-Wähler und AfD-Sympathisanten?

Die Wahlerfolge der AfD haben ihre eigentliche Ursache nicht im Fall der innerdeutschen Mauer und der Wende von 1989. Die Abkehr von der Sozialen Marktwirtschaft und die neoliberale bzw. "geistig-moralische" Wende fand in Westdeutschland nämlich bereits 1979/1980 Jahre statt.

Wenn in dieser Gesellschaft jemand "krank" ist, dann sind es das Kapital selbst und vor allem die Parteien (CDU/CSU, SPD usw.), die seit Jahrzehnten den Wählern vorgauckeln, Politik für die sogenannte "Mitte" der Gesellschaft zu machen, aber tatsächlich Politik für die oberen Zehntausend der Gesellschaft, die deutschen Oligarchen und Hyperreichen machen. Sogar die FDP ist schon mit Wahlplakaten "Zukunft für die Mitte" auf Dummenfang gegangen. Ein paar Dumme finden sich nämlich immer, die darauf reinfallen.

Die AfD ist nicht die Ursache der Probleme. Die AfD ist nur die konsequente Fortsetzung der neoliberal-konservativen, nationalistischen und pseudo-sozialdemokratischen Politik der letzten Jahrzehnte.

RE: Diskursverschiebung erfolgreich | 19.12.2018 | 08:11

1. Zitat: "Wenn man weiß, dass das Kind längst im Waldorf-Kindergarten groß geworden ist, sieht die Schulwahl plötzlich logisch aus."

Auch wenn es wie Korinthenkackerei erscheinen mag, die Wahl der besagten Schule ist im voliegenden Fall vielleicht konsequent, aber nicht zwingend "logisch". Logik ist etwas anderes. Wenn A größer ist als B und B größer als C, dann ist A auch größer als C. Das ist "Logik".

2. Zitat: "... worum sich die Story im Kern dreht..."

Im Kern geht es darum, dass es sich hierbei um eine staatlich anerkannte oder staatlich genehmigte Ersatzschule in freier Trägerschaft handelt, die von ihrem Recht Gebrauch gemacht, einen potentiellen Schüler abzulehnen.

Wäre Ihre Empörung ebenso groß, wenn der Vater des Kindes ein fundamentalistischer Moslem, ein linker Steinewerfer oder ein verurteilter Kinderschänder wäre und kein Mitglied einer neoliberalen, antidemokratischen, völkisch-autoritären und nationalistischen Partei? Das kann man mit Fug und Recht bezweifeln.

3. Zitat: "... Erbmultimillionär und Pseudo-Malochervertreter"

Links und Multimillionär ist zweifelsohne besser als links und arm. Aber das immer noch besser als rechts und arm, denn dann ist man auch noch strunzblöd. Bleibt die Möglichkeit, man ist rechts und Multimillionär.

Und zu welcher Gruppe gehören Sie?

RE: Nachhilfe in C++ | 17.12.2018 | 23:35

Ist man "links", wenn man - für die Erhöhung des Spitzensatzes bei der Einkommensteuer auf das Niveau von 1960 bei gleichzeitiger Ausweitung der Progressionszone auf ein zu zvE von 500.000 Euro/Jahr, - für die Wiedereinführung der Vermögensteuer für Hyperreiche ab 100.000 Millionen Euro Reinvermögen, - für die Trennung des Bankensystem in einen spekulativen/riskanten Investmentbereich und einen Bereich der gewöhnlichen/normalen Geschäftstätigkeit, - für die Erhöhung der Eigenkapitalquote von Großbanken auf 30 Prozent, - für die gleiche Besteuerung von Einkünften aus nichtselbständiger Tätigkeit und Kapitaleinkünften, - für die Abschaffung des Steuerprivilegs beim Verkauf von Unternehmen, - für die Reaktivierung des sozialen Wohnungsbaus, - für die Einführung einer Finanztransaktionssteuer für spekulative Investments in Höhe von 1 ,5 (in Worten: einskommafünf) Prozent, - für die Senkung des allgemeinen Mehrwertsteuersatzes von 19 auf 10 Prozent, - für die Abschaffung der Mehrwertsteuer auf Babywindeln, Kinderschuhe, Kinderfahrräder, Mineralwasser, Nudeln, Kartoffeln, Blumenkohl und Lehrbücher, - für eine effiziente Erbschaftssteuer, - für Mindestlöhne, die über dem Existenzminimum liegen, und gegen Lohndumping bzw. "Hartz-IV-Aufstocking", - für feste Arbeitsverträge und die Beschränkung befristeter Arbeitsverhältnisse auf ein absolutes Minimum, - für die Abschaffung des "Statistikmodells" beim Hartz-IV-Regelsatz und für die Berechnung des sozioökonomischen Existenzminimums auf der Grundlage eines Warenkorbes, - für die konsequente Offenlegung und Transparent aller Nebeneinkünfte aller Abgeordneten in den Parlamenten, - dafür, dass 500 Finanzbeamte eingestellt werden zur Bekämpfung von Steuerhinterziehung und Subventionsbetrug, - für die Beschränkung der Mandatstätigkeit eines Abgeordneten auf (maximal) drei Legislaturperioden, - dafür dass, Spielfilme im Privatfernsehen an Sonn- und Feiertagen durch Werbespots unterbrochen werden dürfen, - für eine armutsfeste gesetzliche Rente, - für die Erhöhung der gesetzlichen Gewährleistungsfrist bei langlebigen Konsumgütern auf mindestens 6 Jahre, - gegen die Privatisierung der Autobahnen und - gegen den das Abschmelzen der Alpengletscher ist? Oder ist das bereits "marxistisch"? Wenn ja, dann war die Bundesrepublik (West-)Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkrieg in vielen Bereichen jahrzehntelang marxistisch. Auch Konrad Adenauer und Ludwig Erhard waren dann Marxisten nach dem Motto: Den Marxismus in seinem Lauf halten weder Angela Merkel noch Friedrich Merz auf. Prost Glühwein! Gelobt seien die Kerzen am Weihnachtsbaum.

RE: Auf dem falschen Gleis | 17.12.2018 | 22:09

Zitat: Die „erstaunlich gute Stimmung“ beim Bahnchef-Weihnachtsessen hat wohl andere Gründe: Dürr, Mehdorn und Grube kommen aus dem Daimler-Imperium. Dürr hatte Mehdorn als seinen Nachfolger vorgeschlagen, Grube war Mehdorns Büroleiter bei Daimler, Lutz kletterte unter Dürr, Mehdorn und Grube auf der DB-Karriereleiter nach ganz oben. Dürrs Hauptengagement galt stets seinem Familienbetrieb, dem Autolackier-Konzern Dürr AG.

Im Sinne und für die oberen Zehntausend in diesem unserem Lande läuft doch alles Bestens, wie man sieht. Wen interessiert es da, ob die Bahn pünktlich ist, die Toilette im Waggon verstopft ist, die Fahrkartenautomaten defekt, die Züge entweder menschenleer oder vollkommen überfüllt sind, die Zugführer schlecht bezahlt werden und übermüdet sind, die Klimaanlage nicht funktioniert und wie versifft und verdreckt viele Bahnhöfe sind? Die Hauptsache ist, das Image stimmt.

Wer zur oberen Mittelschicht oder zur High Society gehört, fliegt heutzutage sowieso mit dem eigenen Helikopter oder dem Privatjet. Der braucht keine popelige Bahn.

RE: Gegen das Verderben | 15.12.2018 | 14:01

In normativer Hinsicht stimme ich ihnen zwar zu, was die Gewaltenteilung in unserer Demokratie angeht. So steht es theoretisch jedenfalls in den juristischen Lehrbüchern und Kommentaren.

Empirisch sieht es bei Lichte betrachtet allerdings anders aus. Selbstverständlich setzen Polizei, Staatsanwaltschaft und Richter als Teil des Staates auch Prioritäten, wenn es um den Vollzug der Gesetze geht, die der Gesetzgeber (Bundestag, Bundesrat und Länderparlamente) beschlossen hat oder wollen Sie das allen Ernstes bestreiten?

Mir wurde zum Beispiel vor zig Jahren einmal ein abgeschlossenes Fahrrad aus der Tiefgarage gestohlen. Ich habe den Diebstahl zwar zur Anzeige gebracht. Solche Delikate interessieren aber allenfalls "das" Sachbearbeiter, "das" die Statistik führt, denn es wäre naiv zu glauben, Polizei und Staatsanwaltschaft hätten tatsächlich auch nur eine Sekunde lang ermittelt.

Wenn man andererseits sieht, welche Ressourcen die Exekutive aufwendet, um Bürger, die fünf Hanfpflanzen zum Eigenverbrauch auf dem Balkon anpflanzen, zu erwischen und gerichtlich zu bestrafen. Da wird schon mal die Wohnung in Abwesenheit des Bewohners von der Polizei aufgebrochen und durchsucht und vom Richter bekommt er am Ende 90 Tagessätze aufgebrummt.

Ganz abgesehen davon, dass es vollkommen legal ist, sich jeden Tag zu Hause im Wohnzimmer zwei Flaschen Schnaps und/oder drei Schachteln Marlboro, Camel, Chesterfield usw. reinzupfeifen. Hier kann und darf die Exekutive gar nicht ermitteln.

Wenn Polizisten bei Demonstrationen eingesetzt werden, dann kommt es auch darauf an, ob es sich um tendenziell linke oder tendenziell rechte Demonstranten handelt. Bei linken Demonstranten wird schon mal einem Demonstranten - selbstverständlich versehentlich - mit einem Wasserwerfer ein Auge zerschossen, bei rechten Demonstrationen gucken viele Polizeibeamten demonstrativ in die Luft, wenn sie von einem Neonazi mit einem in der Bundesrepublik Deutschland verbotenen Gruß aus der Zeit vor 1945 begrüßt werden und dieser dabei auch noch mehrmals Heil Hitler grölt.

Auch das mit der "repräsentativen Demokratie" ist bei genauer Hinsicht nur ein Mythos, wenn man sich zum Beispiel die reale berufliche und geschlechtliche Zusammensetzung der Parlamente ansieht.

RE: Effizient nachgeben | 15.12.2018 | 12:12

Danke für den Link. Der Vortrag ist zwar insgesamt etwas langatmig, bringt aber viele Ursachen auf den Punkt.

Vor allem die Analyse der ökonomischen Konstruktionsfehler der EU (Wettbewerb ohne Harmonisierung bei Steuern und Soziales, ungezügelter Kapitalverkehr bzw. Deregulierung der Finanzmärkte) zeigt, dass auch manche Juristen, die allgemein nicht als die großen Rechenkünstler gelten, von Volkswirtschaft offenkundig mehr Ahnung haben als die Mehrheit der (neoliberalen) Ökonomie-Professoren in diesem unserem Lande.

Bemerkenswert ist vor allem der 3. Konstruktionsfehler, bei dem es um Lohndumping und Sozialabbau geht als Folge unterschiedlicher Produktivitätsentwicklung, wenn die betreffenden Länder keine Möglichkeit mehr haben, ihre Währungen abzuwerten (Stichwort: "faule" Griechen). Dies war allerdings absehbar, das heißt von den Befürwortern eines monetaristischen Europas auch so gewollt, es sei denn, man ist wirklich strunzdumm und hat von Volkswirtschaft keine Ahnung.

Ein gemeinsames Europa könnte tatsächlich allen Bürgern Europas zum Vorteil gereichen. Das Problem ist das modale Hilfsverb "könnte". Bislang nützt es vor allem den Reichen mit den zwei Privatjets und den Hyperreichen, die gar nicht mehr wissen, was sie mit ihren Milliarden anstellen sollen, weil sie schon drei Prvatjets, sechs Ferienvillen, eine eigene Insel, 20 Autos, vier Luxusjachten, einen Privatwald in Canada und eine Kunst-Sammlung im Wert einer halben Milliarde Euro im Keller haben.

Und was sagen die Moderatorinnen und Moderatoren des heute-journals dazu? Claus Kleber sagt, dass "Mutti Merkel für derlei banale Fragen keine Zeit habe. Mutti Merkel muss heute noch einmal leckere Plätzchen backen für die hyperreichen Leistungsträger. Es sind nur noch wenige Plätzchen übrig, weil die Reichen und Hyperreichen den Hals nicht voll kriegen und schon wieder alle Plätzchen aufgefressen haben.

Für alle Leistungsverweigerer, Schlechterverdiener und den sogenannten "Wohlstandsmüll" der Gesellschaft gibt es ein paar DVDs mit lustigen "wertekonservativen" Weihnachtsliedern

Kling, Glöckchen, klingelingeling, kling, Glöckchen, kling!Laßt mich ein, ihr Kinder, ist so kalt der Winter, öffnet mir die Türen, laßt mich nicht erfrieren.Kling, Glöckchen, klingelingeling,kling, Glöckchen, kling!

RE: Ende des Monats: Ende der Welt! | 14.12.2018 | 23:36

Zitat: "Wenn das neoliberale Freiheitsversprechen freier Bürger auf freien Märkten, das auf grenzenloser Mobilität und grenzenlosem Wachstum beruht, in Flammen aufgeht und im Weltmeer versinkt – welche Utopie bleibt dann?"

Kurz und schlussendlich: Rette sich, wer kann! Friedlich, schmerzlos und unblutig wird das allerdings nicht vonstatten gehen. Da muss man weder Prophet noch Schwarzseher sein.

Bis dahin werden die Moderatorinnen und Moderatoren des heute-journals und die Schreiberlinge der neoliberal-konservativen Gazetten die Politik der Großen Koalition lobpreisen, in den Talks-Shows wird weiter Small-Talk gemacht, Schein-Kabarettisten vom Typ Dieter Nuhr machen sich über die "faulen" Südländer lustig und Helene Fischer trällert nicht nur zur Adventszeit zusammen mit Maximilian Bratwurst alias "Bratmaxe" lustige Weinachtslieder auf Blue Ray, DVD, USB, HD und HD plus:

Oh, the weather outside is frightfulBut the fire is so delightfulAnd since we've no place to goLet it snow, let it snow, let it snowIt doesn't show signs of stoppingAnd I brought some corn for poppingThe lights are turned way down lowLet it snow, let it snow, let it snow ...

Und wenn das Klima tatsächlich nicht mehr so romantisch wird, haben wir immer noch einen Sündenbock. Der Russe ist an allem Schuld.

RE: Weniger Schröder wagen | 12.12.2018 | 02:49

Zitat: "Für Macron ist es politisch selbstmörderisch, als Präsident der Reichen zu gelten und dann wegen der Erhöhung der Benzinpreise wütenden Wählern zu sagen, sie sollten doch stattdessen Car-Sharing oder die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen. ... Es klingt nach Marie Antoinette und deren berühmtem Spruch: „Wenn das Volk kein Brot hat, dann soll es doch Kuchen essen.“

In dieser Hinsicht ist die herrschende Nomenklatura in Deutschland zweifelsohne cleverer. So umwerben zum Beispiel in Deutschland alle neoliberal-konservativen Parteien, insbesondere die Partei von "Mutti I" und "Mutti II" (CDU) gezielt die sogenannte "Mitte" der Gesellschaft, obwohl CDU/CSU, FDP, Pseudo-Sozialdemokraten und auch Grüne seit Jahren Politik für die oberen Zehntausend und vor allem für die Hyperreichen machen.

Selbst CDU-Politiker, die zwei Privatflugzeuge besitzen und offenkundig noch ein drittes benötigen, zählen sich öffentlichkeitswirksam zur "oberen Mittelschicht". Die Schichtenzuordnung eines gewissen Herrn Friedrich Merz hat dann wenigstens ein paar Deutsche irritiert und zum Nachdenken gebracht. - Wie Mittelschicht? Ich habe nicht mal ein einziges Privatflugzeug, geschweige denn zwei. So oder so ähnlich formulierte es Oliver Welke in der "heute-show".

Viele deutsche Bürger, die sich emotional zur Mittelschicht zählen, fallen aber immer noch auf diese simple Bauernfängerei herein oder woran liegt das? Ich liege sicherlich nicht falsch damit, dass sich sogar viele sogenannte Geringverdiener, die im Monat gerade mal 10 Euro mehr im Geldbeutel haben als ein Hartz IV-Empfänger, zur "Mittelschicht" zählen.

Wenn es in Deutschland ums "Sparen" geht, dann heißt es immer, "wir alle" müssten den Gürtel enger schnellen, obwohl dies nachweislich ein Lüge ist. Gespart und gekürzt wurde in den letzten Jahrzehnten vor allem ganz unten, entlastet wurden dagegen bei den Steuern, Abgaben und Sozialversicherungsbeiträgen vor allem die oberen Zehntausend und ganz besonders die Hyperreichen (Stichworte: Pferdeäpfel-Theorie, Abschaffung der Vermögensteuer, Senkung des Spitzensteuersatzes, Kappung der Sozialversicherungsbeiträge, Erhöhung der Mehrwertsteuer, zeitliche Begrenzung des Arbeitslosengeldes, Abschaffung des bedarfsorientierten Warenkorbmodells und Umstellung auf das sogenannte "Statistikmodell" in der Sozialhilfe, Einführung von Hartz IV).

Aus diesem Grund vermeiden es die herrschende deutsche Nomenklatura und ihre medialen Speichellecker auch, von den "Armen" und den "Reichen" zu sprechen. Wenn es in Deutschland um die Armen geht, dann spricht man entweder vom Prekariat, von den faulen Hartz IV-Empfängern oder dem "Wohlstandsmüll" der Gesellschaft (Helmut Maucher, Nestle AG, obwohl das ein Schweizer ist). Wenn es um die Reichen geht, dann redet man nicht von der Oberschicht oder den Reichen, sondern von den sogenannten "Leistungsträgern" der Gesellschaft.

Geradezu kurios wird die Argumentation allerdings, wenn neoliberale Speichellecker mit der Amtsbezeichnung "Professor" oder dem akademischen Grad eines "Dr." davon sprechen, dass die oberen 10 Prozent der Steuerzahler 50 Prozent der Steuern zahlen würden.

Abgesehen davon, dass sich diese Betrachtung zumeist auf die direkten Steuern (insbesondere die Einkommen- bzw. Lohnsteuer) beschränkt und die Belastungswirkungen aufgrund von indirekten Steuern, Abgaben bzw. Gebühren und Sozialversicherungsbeiträgen in der Regel unter den Teppich gekehrt werden, denken wir mal kurz nach.

Wer 2+2=4 ohne Excel bzw. Taschenrechner ausrechnen kann, sollte auch das folgende Beispiel verstehen: Nehmen wird an,

50 Prozent der Bürger zahlen gar keine Einkommen-/Lohnsteuer (Geringverdiener), 40 Prozent der Bürger zahlen 50 Prozent der Einkommen-/Lohnsteuer (Mittelschicht) und 10 Prozent der Bürger zahlen 50 Prozent der Einkommensteuer (Leistungsträger).

Nehmen wir weiter an, die Einkommen der oberen 10 Prozent würden sich binnen weniger Jahre verdoppeln, während das Einkommen der Mittelschicht stagniert und die Einkommen der Unterschicht sinken. Was würde passieren? - Richtig, der Anteil der oberen 10 Prozent am Steueraufkommen würde noch größer werden, weil die oberen 10 Prozent im Vergleich zu den anderen noch mehr verdienen als vorher.

Wenn man bei der Umverteilung von unten nach (ganz) oben keinen Aufstand der Mittelschicht und keine revoltierenden Geringverdiener will, muss man allerdings weitere Psycho-Tricks anwenden.

Einerseits muss man auf dem nationalen Klavier mit den Deutschland-Tasten spielen. Deutschland ist Papst, Deutschland ist Weltmeister, Deutschland ist Olympia-Sieger, Deutschland sucht den Superstar, Deutschland von oben, Deutschland von unten, Deutschland von vorne, Deutschland von hinten. Wenn die Rabenmutter Merkel sagt, Deutschland gehe es gut, dann verdient ein deutscher Geringverdiener zwar keinen einzigen Cent mehr als vorher, aber er fühlt sich besser als ein Spanier, Marokkaner, Italiener, Grieche usw.

Andererseits darf zwischen der Mittel- und der Unterschicht keine Solidarität entstehen. Deshalb muss man die Mittelschicht dazu bringen, die Geringverdiener mit Verachtung zu Strafen, und die Geringverdiener muss man dazu bringen, mit Dreck auf diejenigen zu schmeißen, die noch weiter "unten" sind. Ganz unten müssen dann die Hartz IV-Empfänger denjenigen die Schuld geben, die überhaupt nichts zum Fressen haben.

Und wenn doch einige das Mund aufmachen und nicht nach unten, sondern den Zeigefinger auf die das "oben" richten, dann kommen die Schreiberlinge von "Welt", "Focus" und "FAZ" und bezeichnen das als "Neiddebatte". Das ist "christlicher" Sozialdarwinismus in Perfektion. Amen!

RE: Macron: Krümel für die Ärmsten! | 12.12.2018 | 02:19

Ich hoffe darauf, dass sich die französischen Demonstranten mit ihren gelben Westen nicht so billig "kaufen" lassen.

Apropos Trickle-Down-Effect bzw. Pferdeäpfel-Theorie: Die überwiegende Mehrheit der professoralen deutschen (Makro-)Ökonomen besteht inzwischen aus Neoliberalen, die neoklassische Wirtschaftstheorien vertreten. Neoliberale Ökonomen brauchen keine empirischen Beweise für die Richtigkeit ihrer Theorien. Der Trickle-Down-Effect ist und bleibt ein M ythos, klingt aber in der Theorie verdammt gut. Das wird in Frankreich wahrscheinlich nicht anders sein.

RE: Klick und Vorurteil | 11.12.2018 | 00:09

Zitat: "trafen 92,5 Prozent aller Todesfälle am Arbeitsplatz in den USA Männer, berichtet das Bureau of Labor Statistics"

Es gibt Honks im Lande der Dichter und Denker, die verteidigen die Tatsache, dass Frauen im Durchschnitt weniger verdienen als Männer unter anderem damit, dass Frauen tendenziell Berufe erlernen würden, bei denen man vergleichsweise wenig verdient.

Das Argument kann auch umdrehen.

Die USA sind ein "freies" Land. Wer sich als Mann einen "gefährlichen" Beruf aussucht, ist selbst schuld. Wenn man das nicht will, muss Mann Sekretär, Telefonist, Putzmann, Erzieher, Kassierer oder Friseur werden und nicht Feuerwehrmann, Gerüstbauer, Hochseefischer, Formel-1-Rennfahrer, Dachdecker, Pilot, Soldat oder Vorstandsmitglied bzw. CEO einer Aktiengesellschaft werden. Letzteres ist ein extrem gefährlicher (Männer-)Job, deshalb wird er auch so gut bezahlt.