Ach, die zwei Seelen

Familienpolitik Die Union gibt sich gern homosexuellenfreundich. Die Ehe für alle will sie trotzdem nicht
Christian Füller | Ausgabe 33/2015 10

So entspannt wie Peter Ostenrieder möchte man das auch mal sehen. Ostenrieder hat 15 Jahre lang die Blaskapelle im oberbayrischen Birkland dirigiert, ist überzeugter Christsozialer – und schwul. Vor allem aber ist er: schwul und anerkannt. Wenn im Landkreis Weilheim-Schongau, tief im Süden der Republik, die Stellvertreter des Kreisvorsitzenden der CSU gewählt werden, dann erhält der 43-Jährige die meisten Stimmen. „Und ich war bei dieser Wahl nicht einmal anwesend“, sagt der Grafiker. Der Kreis, in dem der homosexuelle CSUler wie selbstverständlich gewählt wird, war der des jungen Landrats Franz Josef Strauß, Symbol- und Hassfigur des bösen Konservativen zugleich. Von Schongau aus begann Strauß seinen Aufstieg in die Spitzenpolitik.

Heute, viele Jahre nach Strauß, ist Peter Ostenrieder dort in diversen politischen Funktionen tätig – vom Fraktionsvorsitz im Gemeinderat bis hin zum Landtagskandidaten. Schwulenpolitik ist für Ostenrieder nur ein Nebensache. „Ich bin ja nicht in die CSU gegangen, weil ich die Jeanne d’Arc der gleichgeschlechtlichen Ehe werden wollte. Diese Partei ist einfach meine politische Heimat.“ Das bedeutet aber nicht, dass der homosexuelle Mann nicht sehr genau sagen könnte, warum er die Ehe für alle so wichtig findet. „Ich möchte nicht diskriminiert sein, nur weil ich schwul bin“, sagt Ostenrieder. „Es geht auch nicht um Heirat in Weiß oder so etwas. Das ist Kitsch. Ich finde es nicht akzeptabel, dass ich mit einem Lebenspartner keine echte Versorgungsgemeinschaft bilden kann.“

Trotzdem ist die Ehe für Homosexuelle für viele in der Union die Gretchenfrage: Wie konservativ sind wir noch, wenn wir die Ehe für homosexuelle Paare öffnen? Da geht es um das Tafelsilber der Konservativen, nämlich den im Grundgesetz definierten Vorrang von Ehe und Familie. Beide Rechtsinstitute sollen für heterosexuelle Paare reserviert bleiben. Die Idee des Staats ist nicht schwul. So wünschen es sich Angela Merkel und der Kern der Union. Freilich ist selbst diese Frage schon umstritten: Wer macht denn nun eigentlich die wichtigste Klientel der Union aus – sind es die Mitglieder und Wähler jenseits der 60 Jahre?

Bei einer Mitgliederbefragung der Berliner CDU verloren Schwule und Lesben zwar vor kurzem. 45 Prozent der CDUler, die sich an der Wahl beteiligten, stimmten dagegen, gleichgeschlechtliche Paare den heiligen Bund der Ehe schließen zu lassen. Aber imposant war das Wahlergebnis nun keineswegs. Die Befürworter der Ehe für Homosexuelle kamen auf 35 Prozent. Markus Klaer ist der Chef einer Gruppe, die man der CDU gemeinhin nicht zutraut: der Lesben und Schwulen in der Union, kurz LSU. Klaer ist enttäuscht über das Ergebnis, es zeigt ihm aber auch: „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch die Union dafür ist, dass Lesben und Schwule ganz offiziell Ehen schließen können.“ Denn richtig verloren haben die Homosexuellen in der CDU eben nur bei einer Gruppe – der jenseits der 60. Dort ist eine Mehrheit von beinahe zwei Dritteln gegen die Ehe für Homosexuelle. Bei allen anderen Altersgruppen haben selbst in der Union die Befürworter inzwischen die Nase vorn.

Vom natürlichen Weg

Burkard Dregger stört das nicht. Er ist einer der Gegner der Gleichstellung der Ehe für alle. „Der Gleichheitswahn ist etwas, was unserer Gesellschaft nicht guttut“, sagt er. „Die Ehe ist die Keimzelle der Familie, sie kann nur zwischen Mann und Frau geschlossen werden.“ Wenn man dem Rechtsanwalt zuhört, fühlt man sich ein wenig an seinen Vater erinnert, Alfred Dregger, den berühmten Nationalkonservativen in der CDU. Auch dem jungen Dregger geht es um Werte und Ordnung. Die Ehe für Homosexuelle stellt für ihn „die Werteordnung unserer Gesellschaft in einem grundlegenden Punkt in Frage“. Das lehnt Dregger ab. Die Ehe ist zur Gründung der Familie da. Dass es längst auch gleichgeschlechtliche Paare gibt, die Kinder adoptieren und großziehen, ist nicht so wichtig für Dregger. Denn Kinder könnten eben nur Heteros bekommen. „Das ist der einzige Weg seit Beginn der Menschheitsgeschichte – und übrigens auch heute noch. Dieser Zusammenhang ist naturgegeben, er entzieht sich menschlicher Verfügbarkeit.“ Die CDU als reaktionär zu geißeln vergnügt Dregger geradezu: „Wir sind die einzige Partei, die Diskussionen über die Ehe offen und demokratisch geführt hat.“

Aber nun zu glauben, es gebe in der Union einen unversöhnlichen Kampf zwischen zwei verfeindeten Lagern, das ist falsch. Weder ist Burkard Dregger politisch mit seinem Vater vergleichbar, der 2002 starb, noch ist die Union explizit homosexuellenfeindlich. Die Anerkennung der eingetragenen Lebenspartnerschaft für Homosexuelle ist in der CDU seit 2007 Programm. Die Lobeshymnen auf Verpartnerte in dem offenen Brief der Berliner Ehe-für-alle-Gegner sind lang. „Wir tolerieren nicht nur alle Lebensweisen. Wir respektieren sie“, heißt es da. „Mit großer Hochachtung verfolgen wir die Leistungen, die in gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften Menschen füreinander erbringen.“

Das ist nicht der Sound von Homophobie und Schwulenhass. Der Berliner LSU-Boss Markus Klaer fühlt sich denn auch in seiner Partei in keiner Weise diskriminiert. Von seinem CDU-Kollegen im Berliner Parlament Dregger spricht er mit Hochachtung. Nicht mal Gegner oder Kontrahent mag er ihn nennen. „Ich war erstaunt und verwundert, mit welcher Ruhe wir diese Diskussion führen konnten“, sagt Klaer. Auch sein bayrisches Pendant Peter Ostenrieder erzählt, dass er sich in seiner Partei nie diskriminiert fühlte. Was den Schwulen und Lesben in der Union auf die Nerven geht, ist ein Vorurteil. Sie können diese Frage nicht mehr hören: „Wie kann man nur homosexuell und in der CDU sein?“

Die Akzeptanz in der CDU ist längst weit fortgeschritten, wichtige Posten sind schwul, lesbisch oder homosexuellenfreundlich besetzt. Jens Spahn etwa, der eloquenteste CDU-TV-Gast, lebt offen schwul. „Wir Konservative haben einen Kulturkampf gewonnen und merken es nicht“, sagt er. Schwulen und Lesben, die sich binden, „leben CDU-Grundsatzprogramm“. Der wichtigste Organisator der Regierung, Kanzleramtschef Peter Altmaier, wurde von der taz als schwul geoutet. Und Generalsekretär Peter Tauber fragte nach der erfolgreichen Volksabstimmung für die Ehe für Homosexuelle in Irland fröhlich auf Facebook: „Mich interessiert eure Meinung zur ‚Ehe für alle‘“ – er bekam dafür mehr als 10.000 Likes.

Gefahr droht der Union eher von außen.„Niemand wird die CDU wegen der Homoehe wählen“, sagt etwa Walter Scheuerl aus Hamburg. Politische Sympathisanten dieser Lebensform seien „in der CDU falsch aufgehoben“. Der Rechtsanwalt Scheuerl war selber nie CDU-Mitglied, aber er repräsentiert jene Klientel, die der Partei möglicherweise als Wähler verloren geht, wenn sie zu offensiv Richtung Ehe für alle aufbricht: wohlhabende, gebildete Angehörige der oberen Mittelschicht mit konservativen Werten. Diese Gruppe hat Scheuerl schon einmal mobilisiert – und damit ganz nebenbei, wie es der Zufall der Geschichte wollte, den schwulen Hamburger Bürgermeister Ole von Beust gestürzt. Als von Beust mit den Grünen die Grundschule von vier auf sechs Jahre ausdehnen wollte, organisierte Scheuerl dagegen eine Volksabstimmung, die die CDU-geführte Regierung verlor. „Es gibt alle möglichen Spielarten des Sexuellen“, sagt Scheuerl nun, „die selbstverständlich auch zu respektieren sind. Aber die haben mit Ehe und Familie nun mal nichts zu tun.“

Die da oben

Scheuerl gründete einst die Initiative „Wir wollen lernen“, auch diesmal befürchtet er, dass die Akzeptanz der Ehe für Homosexuelle eine Art Fall-out auf vielerlei Gebiete verursache – etwa die Schule. „Das eine hat mit dem anderen zwar zunächst nichts zu tun. Aber die Homoehe wird dafür sorgen, dass etwa Homosexualität auch in den Stundenplan der Schule aufgenommen wird.“ Schon jetzt werde von verschiedenen Organisationen Unterrichtsmaterial vorbereitet, mit dem selbst die Grundschule sexualisiert werde. Sexualpraktiken aber hätten in der Schule eben nichts verloren. Was Scheuerl stört, ist „die Tendenz, alle Unterschiede zu egalisieren“ und so zu tun, als gebe es ein numerisches Gleichgewicht zwischen hetero- und homosexuellen Paaren. „Die homosexuellen Verpartnerungen sind aber in der Realiät eine kleine Minderheit.“

Peter Ostenrieder sieht das genau wie Scheuerl – das mit der Zahl. Aber für ihn spielt es keine Rolle, ob es viele oder wenige Ehen für Homosexuelle geben wird, die Kinder aufziehen. „Für mich ist es wichtig, dass ich das Recht darauf habe. Ich bin nicht anders als Mensch einzustufen, weil ich schwul bin. Ich lasse mich nicht diskriminieren. Ich bin mir sicher, dass das die Mehrheit in der CSU teilt.“ Die da oben wollten das bloß nicht wahrhaben. Noch nicht.

06:00 17.08.2015
Geschrieben von

Christian Füller

Chefredakteur "der Freitag" http://christianfueller.com
Schreiber 0 Leser 34
Christian Füller

Kommentare 10

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community