Astreines Pegida-TV

Fernsehen Der "Bericht aus Berlin" gibt den medialen Biedermann, der mit dämlichen Bildern und Fragen dem Brandstifter im Dachboden die Streichhölzer reicht
Christian Füller | Ausgabe 41/2015 40

Minarette als Symbol muslimischer Machtübernahme. Deutsche Frauen, die Burka tragen (müssen) – das sind Bebilderungen, wie man sie von der islamophoben Seite Politically Incorrect kennt. Auch bei Demos von Rechtsextremen und Rechtspopulisten wie Pegida wird mit dieser Bildsprache gearbeitet, um vor dem vermeintlichen Untergang des Abendlands zu warnen. Am Sonntagabend zur besten Sendezeit flimmerten nun solche Bilder direkt in die Wohnzimmer der Fernsehzuschauer: Der Reichstag gespickt mit Minaretten, auf die gläserne Kuppel hatten findige Redakteure einen goldenen Halbmond platziert. Dann wurde Angela Merkel eingeblendet – mit einem Hijab, also einem schwarzen Schleier, der Haar und Hals verhüllt. Was da gesendet wurde, war keine von den PI-News eingeschmuggelte Kassette. Das Magazin Bericht aus Berlin brachte die Bilder.

Der Bericht aus Berlin ist das Seriöseste, was das deutsche Fernsehen unter den Politsendungen zu bieten hat – und auch das Langweiligste. Jahrelang wurden Fragen und Bemerkungen des Korrespondenten Ulrich Deppendorf gesendet, die Zuschauer und Fernsehgerät in den Sleep-Modus fallen ließen. Inzwischen führt Rainald Becker, stellvertretender Chefredakteur Fernsehen im ARD-Hauptstadtstudio, durch die Sendung. Mit dessen Moderation rechtfertigte die ARD im Nachhinein die peinliche Einspielung. Beckers O-Ton vor der verschleierten Kanzlerin lautete: Ist Deutschland überfordert? Werden so Ängste geschürt? Nein, die Moderation des SWR-Manns machte die Hintergrundbilder nicht besser. Was Becker und der Bericht aus Berlin da produzierten war astreines Pegida-TV.

Aber Becker ist nicht allein. Nachdem viele Deutsche auf Bahnhöfen die geflohenen Syrer begrüßt hatten und sich immer mehr Menschen in allen möglichen Initiativen finden, um Flüchtlingen zu helfen, geht mancher Redaktion die Hilfsbereitschaft offenbar zu weit. Plötzlich fragen Journalisten mit gespielter Besorgtheit: „Kippt die Stimmung? Kann diese Euphorie halten?“ Die Stimmung kippt nicht etwa, sie wird gekippt von Politikern wie Horst Seehofer – und willfährigen News-Redakteuren, die seine Tiraden gegen Angela Merkel und die Flüchtlinge täglich als Neuigkeit in die Kanäle, Zeitungsspalten und sozialen Medien vervielfältigen. Die Meldung besteht darin, dass Seehofer seine „Das-Boot-ist-voll“-Rhetorik in der Schärfe stets ein bisschen steigert.

Niemand erwartet, den Ministerpräsidenten aus München zu zensieren. Oder kritische Fragen der Integration mit rosarotem Multikulti-Tüll zu verschleiern. Wenn aber Politiker eine soziale Lage benutzen, um die Bevölkerung, die ja bislang glücklicherweise mit Zivilcourage und großem Engagement handelt, aufzuwiegeln und islamophobe Stimmungen anzustacheln, dann ist Professionalität gefragt. Man kann nur froh sein, dass die Bild-Zeitung – bislang – mehr von journalistischem Ethos verstanden hat als mancher gebührenfinanzierte Korrespondent. Wenn der Boulevard seine Methoden der Zuspitzung fahren würde, dann gäbe es täglich Minarette in Berlin-Mitte auf Seite eins.

Herbert Grönemeyer nennt das, was Seehofer seit Tagen tut, „verbale Brandstiftung“. Das ist eine zutreffende Beschreibung. Dann war der Bericht aus Berlin so etwas wie der mediale Biedermann, der mit dämlichen Bildern und Fragen dem Brandstifter auf dem Dachboden die Streichhölzer überreicht. Und es brennt ja längst real – in Unterkünften für Asylsuchende.

15:16 06.10.2015
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Christian Füller

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