Das Potenzial einer demokratischen Selbstreformschule

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Wer frei-öffentliche Schulen mit Bertelsmännern verwechselt, hat wenig von der älteren und neueren Reformpädagogik verstanden

VON CHRISTIAN FÜLLER

Ich habe ein paar Tage in diesem Leserblog geschwiegen, wiewohl ich überwältigt war von der Reaktion auf meinen Text „Lasst die Schulen los!“. Überwältigt von dem Wellenschlag, den das Thema „gute Schule“ immer wieder auslöst. Und zugleich ein wenig ratlos, wie kleinherzig und verstockt Freitagleser neues Lernen diskutieren.

Aber ich will nicht in Vorwürfe gehen, sondern versuchen, positiv zu umreißen, welches enorme emanzipatorische Potenzial in einer entschieden entstaatlichten Schule steckt, die ihre gesellschaftiche Verantwortung endlich wieder wahrnimmt. Denn Schule, darüber sollte unter aufgeklärten Bürgern Einigkeit zu erzielen sein, Schule ist heute immer noch eine Apparatur, die auf Auslese und nicht auf Förderung des einzelnen Kindes zielt; die respektlos über die seelischen Bedürfnisse vieler Kinder hinwegdoziert; die insgesamt ein System organisierter Verantwortunglosigkeit darstellt.

Ich will nur zwei Hinweise geben, die hier bislang kaum Erwähnung fanden, die aber nicht ganz unwichtig sind, um die Effekte der herrschenden Staatschule zu begreifen: Es handelt sich um nichts weniger als eine soziale Katastrophe.
Wie kann es, erstens, sein, dass trotz eines völkerrechtlich wirksamen Vertrages (UN-Konvention für die Rechte behinderter Menschen/Kinder) nach wie vor einige Bundesländer es rundweg ablehnen, behinderten Kindern Zugang zum allgemeinen Schulwesen zu geben? Es herrscht, was auch hier viele nicht wissen, hierzulande ein Sonderschulwesen, in das über 400.000 Kinder wegsortiert werden. Teilweise indem sie einer entwürdigenden Begutachtung unterworfen werden, und in dem ihre Lernzuwächse erwiesenermaßen miserabel, teilweise negativ sind.

Und wie kann es, zweitens, sein, dass 10-jährige Kinder in Marienthal-Schulen eingewiesen werden, die beschönigend Hauptschulen heißen, deren „differenzielle Lernmilieus“ aber die Entwicklungschancen dieser Kinder zu urteils- und berufsfähigen Bürgern und Staatsbürgern stark beeinträchtigen. So stark, dass der Berliner Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, Jürgen Baumert, mehr oder weniger deutlich sagt: solche Hauptschulen muss man eigentlich schließen. Sofort schließen.

Vielleicht rührt die Bitterkeit, die ich im Verlauf der Leser-Blogger-Debatte des Freitag verspürte, auch daher, dass hier mit lässiger Geste zum besten gegeben wurde: „Schulstrukturdebatten führen nicht weiter“. Zu deutsch: die Hauptschule kann bleiben. Und: Die Formel, „Kinder auf die Lern- und Arbeitswelt von morgen fit zu machen“ sei eine neoliberale Gemeinheit, ja, es verstehe sich von selbst, dass man so etwas nicht fordern dürfe. Selbst der kluge Karl-Heinz Heinemann benutzt diese Denkfigur – was ich für einigermaßen für realitätsblind und beschönigend halte.

Wer hier die Staatschule als den Hort der Glücksseligkeit propagiert, der sollte zur Kenntnis nehmen, dass sie keine demokratische Schule ist, sondern eine Art pädagogisches Apartheidsystem statuiert. Da hilft auch nicht die Flucht in einen humanistischen, aber leeren Bildungsbegriff: Hier trompeten manche in der Pose des Sozialrevolutionärs die unverzweckte Bildung – und verweigern nebenbei das Recht von rund 1,2 Millionen Jugendlichen auf die Chance zur Entwicklung. So viele sind es nämlich, welche in den niederen Kasten der ach so gerechten Staatsschule gehalten werden - ohne Chance auf Zukunft. Karl-Heinz, das solltest du den Lesern, bitte, nicht verschweigen.

Es bestehen wenig Zweifel, dass man nur über eine gründliche Strukturreform eine demokratische Schule in Deutschland erzeugen kann. Beinahe zwingend damit wäre eine völlig neue Lernkultur verbunden. Denn es ist nicht trivial, ab der sechsten, siebten Klasse heterogene Lerngruppen gemeinsam zu unterrichten. Aber das wäre notwendig, wenn man Haupt- und Sonderschüler nicht mehr aussondern dürfte, sondern auch ihnen den Zugang zu allgemeinen Bildung ermöglicht. In der Szene der Schulreformer wird daher ein starkes Fortbildungsprogramm für LehrerInnen gefordert. Und zwar eines, das die Lehrerschaft weg bringt von der üblichen Frontbeladungsmaxime und ihre Bereitschaft und Fähigkeiten öffnet, Kinder individuell zu unterrichten.

Es gibt noch ein weiteres wichtiges Merkmal der deutschen Schule, das ist ihre perfide Zuständigkeitsfalle. Sie wird erzeugt durch ein ausgefeilt bürokratisches System, das aus bis zu drei Ebenen besteht und Eltern nicht selten zu hilflosen Don Quichotes macht. Dieses System raubt der Einzelschule und insbesondere dem Schulleiter auch noch einfachste Kompetenzen. Teilweise muss er für die Anschaffung von elektrischen Anspitzern Schulräte um Erlaubnis fragen. Die Rektoren sollen ihre Schulen entwickeln – die wichtigste administrative Kompetenz aber bekommen sie gar nicht: Sich geeignete Lehrer dafür auswählen und selbst einstellen zu können. Jeder Mensch, sei er Nachwuchstrainer, Partyveranstalter, Firmenchef oder Abteilungsleiter erhält selbstverständlich das Recht, seine Spieler/Mitarbeiter selbst auszuwählen – nur die Schulleiter nicht. Es liegt auf der Hand, dass Schulleiter dieses Personalrecht dringend brauchen! (Bloggenden Freitagslesern gilt das freilich als neoliberales Teufelszeug.)

Natürlich geht es dabei nicht um einen gouvernementalen Selbstzweck, sondern darum, sich in einem Team ein Schulprogramm zu geben – zusammen mit den Pädagogen und der demokratischen Schulkonferenz. Und es geht darum, den Schulleitern den Rücken durch ein fähiges Schulmanagement freizuhalten, so dass diese Visionen, oder einfacher Ziele formulieren können. Man kann dies tun, indem man etwa sagt, die Armut in der dritten Welt muss überwunden werden. Die ökologische Selbstzerstörung, ein leider sehr reales Szenario, möge gestoppt werden. Das klingt abstrakt. Aber es gibt Schulen, die ihre Schülern solche Fragen sehr konkret stellen lassen – und dadurch eine ungeheure pädagogische und moralische Kraft entwickeln.

Etwa, wenn in der Reformschule für Hamburg Winterhude ein Junge in einem dreiwöchigen Projekt einen Fußball selbst näht und die Strukturen von Kinderarbeit in Pakistan analysiert. Dies ist nur möglich durch einen radikalen Wandel der pädagogischen Struktur der Schule. Denn in die normale Stundentafal passen solche Drei-Wochen-Projekte einfach nicht. Einem Wandel von der Frontbeladung hin zum individuellen Lernen in Arrangements wie Wochenplan, Freiarbeit, Lernbüros und großen Projekten. (Hier im Freitag wurden solchen Lernprojekte als substanzlose Alternativen zum normalen Unterricht abgetan.)

Es ist nicht sicher, aber es ist sehr wahrscheinlich, dass eine so gestärkte Einzelschule den Mumm hat, sich aus der bürokratischen Umarmung durch Schulräte zu lösen. Das Ziel ist dabei eben nicht, eine formale Direktoren-Kompetenz zu erhalten. Sondern jene administrativen Kompetenzen, die so etwas wie Autonomie ermöglichen.

Hat irgendjemand die Hoffnung, dass die Konferenz der Kultusminister (KMK) solche autonomen Schulen befördern würde? Die beiden großen Modernisierungsbremsen, die Bundesländer und die KMK, haben durch die Föderalismusreform I noch weitere Kompetenzen erhalten. Es wurde ernsthaft so etwas wie ein Kooperationsverbot von Bund und Ländern eingeführt. Um zum Beispiel im Zuge des Konjunkturpakets die Anschaffung von whiteboards und Laptops für die Schulen zu erlauben, musste tatsächlich die Verfassung geändert werden! Bedarf es noch eines weiteren Beweises wie irrsinnig dieser Föderasmus ist?

Es gibt nicht viele Erfahrungen, wie der Föderalismus gelockert werden könnte. Aber es gibt eine begründete Hoffnung, dass Schulentwicklung ohne die schädlichen Einwirkungen der KMK besser laufen könnte. Jedenfalls haben sich die etwa 100 exzellenten Schulen aus dem Reform-Netzwerk „Blick über den Zaun“ bzw. die Schulpreisträgerschulen (wie die Grundschule Kleine Kielstraße in Dortmund) eher GEGEN einzelne Kultusminister-Vorgaben entwickelt als WEGEN ihnen.

Spricht man mit Schulentwicklern vor Ort, dann beklagen sie das Problem, dass sie an das Geld und die Kompetenzen für Schulreform oft nicht herankommen. Unter den Protagonisten einer Selbstreformschule wird daher eine – wie ich sie im Freitag gefordert habe – starke überregionale Agentur ins Gespräch gebracht, zum Beispiel eine gut dotierte Bundesstiftung, die das nötige Geld direkt in die Schulen gibt, etwa über Reformausschreibungen. (Und damit ist natürlich nicht die Bertelsmannstiftung gemeint. Warum auch?)

Die vielleicht ideale Organisationsform einer solche Schule ist die charter school, sie ist eine frei-öffentliche Schule. Sie gibt sich ein Programm, sie wird durch die Kommunen oder andere Träger betrieben, aber sie bleibt staatlich. Mancher mag das – aus Unwissenheit oder einer etatistischen Virusgrippe – für neoliberals Zeugs halten. Aber der sollte mal die Menschen in den vielen Graswurzelschulen fragen, in den Waldorfschulen, den katholischen und evanglischen Schulen oder den freien Reformschulen. Keine von diesen Schulen sieht sich als Privatschule, sondern als gesellschaftlich getragenes und kontrolliertes Reformprojekt.

Auf dieser Tradition lässt sich eine demokratische Schule errichten – aber, pardon, nicht auf den Ruinen der selektiven staatlichen Chancenzerstörungsschule.

23:17 04.09.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Christian Füller

Chefredakteur "der Freitag" http://christianfueller.com
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Christian Füller

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