Christian Füller
04.09.2009 | 23:17 78

Das Potenzial einer demokratischen Selbstreformschule

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Christian Füller

Wer frei-öffentliche Schulen mit Bertelsmännern verwechselt, hat wenig von der älteren und neueren Reformpädagogik verstanden

VON CHRISTIAN FÜLLER

Ich habe ein paar Tage in diesem Leserblog geschwiegen, wiewohl ich überwältigt war von der Reaktion auf meinen Text „Lasst die Schulen los!“. Überwältigt von dem Wellenschlag, den das Thema „gute Schule“ immer wieder auslöst. Und zugleich ein wenig ratlos, wie kleinherzig und verstockt Freitagleser neues Lernen diskutieren.

Aber ich will nicht in Vorwürfe gehen, sondern versuchen, positiv zu umreißen, welches enorme emanzipatorische Potenzial in einer entschieden entstaatlichten Schule steckt, die ihre gesellschaftiche Verantwortung endlich wieder wahrnimmt. Denn Schule, darüber sollte unter aufgeklärten Bürgern Einigkeit zu erzielen sein, Schule ist heute immer noch eine Apparatur, die auf Auslese und nicht auf Förderung des einzelnen Kindes zielt; die respektlos über die seelischen Bedürfnisse vieler Kinder hinwegdoziert; die insgesamt ein System organisierter Verantwortunglosigkeit darstellt.

Ich will nur zwei Hinweise geben, die hier bislang kaum Erwähnung fanden, die aber nicht ganz unwichtig sind, um die Effekte der herrschenden Staatschule zu begreifen: Es handelt sich um nichts weniger als eine soziale Katastrophe.
Wie kann es, erstens, sein, dass trotz eines völkerrechtlich wirksamen Vertrages (UN-Konvention für die Rechte behinderter Menschen/Kinder) nach wie vor einige Bundesländer es rundweg ablehnen, behinderten Kindern Zugang zum allgemeinen Schulwesen zu geben? Es herrscht, was auch hier viele nicht wissen, hierzulande ein Sonderschulwesen, in das über 400.000 Kinder wegsortiert werden. Teilweise indem sie einer entwürdigenden Begutachtung unterworfen werden, und in dem ihre Lernzuwächse erwiesenermaßen miserabel, teilweise negativ sind.

Und wie kann es, zweitens, sein, dass 10-jährige Kinder in Marienthal-Schulen eingewiesen werden, die beschönigend Hauptschulen heißen, deren „differenzielle Lernmilieus“ aber die Entwicklungschancen dieser Kinder zu urteils- und berufsfähigen Bürgern und Staatsbürgern stark beeinträchtigen. So stark, dass der Berliner Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, Jürgen Baumert, mehr oder weniger deutlich sagt: solche Hauptschulen muss man eigentlich schließen. Sofort schließen.

Vielleicht rührt die Bitterkeit, die ich im Verlauf der Leser-Blogger-Debatte des Freitag verspürte, auch daher, dass hier mit lässiger Geste zum besten gegeben wurde: „Schulstrukturdebatten führen nicht weiter“. Zu deutsch: die Hauptschule kann bleiben. Und: Die Formel, „Kinder auf die Lern- und Arbeitswelt von morgen fit zu machen“ sei eine neoliberale Gemeinheit, ja, es verstehe sich von selbst, dass man so etwas nicht fordern dürfe. Selbst der kluge Karl-Heinz Heinemann benutzt diese Denkfigur – was ich für einigermaßen für realitätsblind und beschönigend halte.

Wer hier die Staatschule als den Hort der Glücksseligkeit propagiert, der sollte zur Kenntnis nehmen, dass sie keine demokratische Schule ist, sondern eine Art pädagogisches Apartheidsystem statuiert. Da hilft auch nicht die Flucht in einen humanistischen, aber leeren Bildungsbegriff: Hier trompeten manche in der Pose des Sozialrevolutionärs die unverzweckte Bildung – und verweigern nebenbei das Recht von rund 1,2 Millionen Jugendlichen auf die Chance zur Entwicklung. So viele sind es nämlich, welche in den niederen Kasten der ach so gerechten Staatsschule gehalten werden - ohne Chance auf Zukunft. Karl-Heinz, das solltest du den Lesern, bitte, nicht verschweigen.

Es bestehen wenig Zweifel, dass man nur über eine gründliche Strukturreform eine demokratische Schule in Deutschland erzeugen kann. Beinahe zwingend damit wäre eine völlig neue Lernkultur verbunden. Denn es ist nicht trivial, ab der sechsten, siebten Klasse heterogene Lerngruppen gemeinsam zu unterrichten. Aber das wäre notwendig, wenn man Haupt- und Sonderschüler nicht mehr aussondern dürfte, sondern auch ihnen den Zugang zu allgemeinen Bildung ermöglicht. In der Szene der Schulreformer wird daher ein starkes Fortbildungsprogramm für LehrerInnen gefordert. Und zwar eines, das die Lehrerschaft weg bringt von der üblichen Frontbeladungsmaxime und ihre Bereitschaft und Fähigkeiten öffnet, Kinder individuell zu unterrichten.

Es gibt noch ein weiteres wichtiges Merkmal der deutschen Schule, das ist ihre perfide Zuständigkeitsfalle. Sie wird erzeugt durch ein ausgefeilt bürokratisches System, das aus bis zu drei Ebenen besteht und Eltern nicht selten zu hilflosen Don Quichotes macht. Dieses System raubt der Einzelschule und insbesondere dem Schulleiter auch noch einfachste Kompetenzen. Teilweise muss er für die Anschaffung von elektrischen Anspitzern Schulräte um Erlaubnis fragen. Die Rektoren sollen ihre Schulen entwickeln – die wichtigste administrative Kompetenz aber bekommen sie gar nicht: Sich geeignete Lehrer dafür auswählen und selbst einstellen zu können. Jeder Mensch, sei er Nachwuchstrainer, Partyveranstalter, Firmenchef oder Abteilungsleiter erhält selbstverständlich das Recht, seine Spieler/Mitarbeiter selbst auszuwählen – nur die Schulleiter nicht. Es liegt auf der Hand, dass Schulleiter dieses Personalrecht dringend brauchen! (Bloggenden Freitagslesern gilt das freilich als neoliberales Teufelszeug.)

Natürlich geht es dabei nicht um einen gouvernementalen Selbstzweck, sondern darum, sich in einem Team ein Schulprogramm zu geben – zusammen mit den Pädagogen und der demokratischen Schulkonferenz. Und es geht darum, den Schulleitern den Rücken durch ein fähiges Schulmanagement freizuhalten, so dass diese Visionen, oder einfacher Ziele formulieren können. Man kann dies tun, indem man etwa sagt, die Armut in der dritten Welt muss überwunden werden. Die ökologische Selbstzerstörung, ein leider sehr reales Szenario, möge gestoppt werden. Das klingt abstrakt. Aber es gibt Schulen, die ihre Schülern solche Fragen sehr konkret stellen lassen – und dadurch eine ungeheure pädagogische und moralische Kraft entwickeln.

Etwa, wenn in der Reformschule für Hamburg Winterhude ein Junge in einem dreiwöchigen Projekt einen Fußball selbst näht und die Strukturen von Kinderarbeit in Pakistan analysiert. Dies ist nur möglich durch einen radikalen Wandel der pädagogischen Struktur der Schule. Denn in die normale Stundentafal passen solche Drei-Wochen-Projekte einfach nicht. Einem Wandel von der Frontbeladung hin zum individuellen Lernen in Arrangements wie Wochenplan, Freiarbeit, Lernbüros und großen Projekten. (Hier im Freitag wurden solchen Lernprojekte als substanzlose Alternativen zum normalen Unterricht abgetan.)

Es ist nicht sicher, aber es ist sehr wahrscheinlich, dass eine so gestärkte Einzelschule den Mumm hat, sich aus der bürokratischen Umarmung durch Schulräte zu lösen. Das Ziel ist dabei eben nicht, eine formale Direktoren-Kompetenz zu erhalten. Sondern jene administrativen Kompetenzen, die so etwas wie Autonomie ermöglichen.

Hat irgendjemand die Hoffnung, dass die Konferenz der Kultusminister (KMK) solche autonomen Schulen befördern würde? Die beiden großen Modernisierungsbremsen, die Bundesländer und die KMK, haben durch die Föderalismusreform I noch weitere Kompetenzen erhalten. Es wurde ernsthaft so etwas wie ein Kooperationsverbot von Bund und Ländern eingeführt. Um zum Beispiel im Zuge des Konjunkturpakets die Anschaffung von whiteboards und Laptops für die Schulen zu erlauben, musste tatsächlich die Verfassung geändert werden! Bedarf es noch eines weiteren Beweises wie irrsinnig dieser Föderasmus ist?

Es gibt nicht viele Erfahrungen, wie der Föderalismus gelockert werden könnte. Aber es gibt eine begründete Hoffnung, dass Schulentwicklung ohne die schädlichen Einwirkungen der KMK besser laufen könnte. Jedenfalls haben sich die etwa 100 exzellenten Schulen aus dem Reform-Netzwerk „Blick über den Zaun“ bzw. die Schulpreisträgerschulen (wie die Grundschule Kleine Kielstraße in Dortmund) eher GEGEN einzelne Kultusminister-Vorgaben entwickelt als WEGEN ihnen.

Spricht man mit Schulentwicklern vor Ort, dann beklagen sie das Problem, dass sie an das Geld und die Kompetenzen für Schulreform oft nicht herankommen. Unter den Protagonisten einer Selbstreformschule wird daher eine – wie ich sie im Freitag gefordert habe – starke überregionale Agentur ins Gespräch gebracht, zum Beispiel eine gut dotierte Bundesstiftung, die das nötige Geld direkt in die Schulen gibt, etwa über Reformausschreibungen. (Und damit ist natürlich nicht die Bertelsmannstiftung gemeint. Warum auch?)

Die vielleicht ideale Organisationsform einer solche Schule ist die charter school, sie ist eine frei-öffentliche Schule. Sie gibt sich ein Programm, sie wird durch die Kommunen oder andere Träger betrieben, aber sie bleibt staatlich. Mancher mag das – aus Unwissenheit oder einer etatistischen Virusgrippe – für neoliberals Zeugs halten. Aber der sollte mal die Menschen in den vielen Graswurzelschulen fragen, in den Waldorfschulen, den katholischen und evanglischen Schulen oder den freien Reformschulen. Keine von diesen Schulen sieht sich als Privatschule, sondern als gesellschaftlich getragenes und kontrolliertes Reformprojekt.

Auf dieser Tradition lässt sich eine demokratische Schule errichten – aber, pardon, nicht auf den Ruinen der selektiven staatlichen Chancenzerstörungsschule.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (78)

merdeister 05.09.2009 | 01:54

Für Ihren Kommentar sind Sie ja hart angegangen worden, hier in der Come Unity, deswegen dachte ich Sie seien gegangen und kämen nicht wieder.
Allerdings kann ich ihrem Text nichts neues entnehmen, sie bringen mehr konkrete Beispiele und gehen offensiver mit dem Neoliberalismusvorwurf um. Ansonsten ist es eine lange Version Ihres Kommentars. Sie hätten sich (und vor allem Ihrer Sache) vielleicht eher einen Gefallen getan, wenn Sie sich an einem der vielen Blogs zum Thema aus den letzten Tagen beteiligt hätten.
Ich glaube Ihnen, dass sie meinen was sie sagen, und doch stoßen mir Ihre Worte sauer auf, weil sie eben auch von anderes benutzt werden. Besonders das dogmatische "Staatsbashing" lässt mich zucken.

"Alles ist vergiftet" Jan Delay

Chryselers 05.09.2009 | 11:37

Warum dasselbe ein zweites Mal?

Mit demselben inhaltichen Fehler: Schulleiter stellen heutzutags das Lehrpersonal selbst ein, jedenfalls in meinem Bundesland, und weil sich alle Bundesländer dieselben neolib Organisationsreformen gerade geben, woanders sicher auch, ich bin an sowas beteiligt, es gibt nur kaum eine Auswahl, weil wenig an Lehrerangeboten auf dem Markt ist, in den matnat-Fächern und den Künsten schon gar nicht. Da lässt sich mangels Auswahl kein Profil draus basteln. Vielmehr muss das Profil nach dem Angebot geschneidert werden: "Wir können einen Musiklehrer mit Chor als Schwerpunkt einstellen. Gut, dann sind wir in Zukunft die 'singende Schule'."

Ich hatte darauf schon hingewiesen. Warum dasselbe noch einmal? Einen Zustand skandalisieren, den es gar nicht gibt, um etwas Aufmerksamkeit zu heischen?

Keine Diskussionskultur.

Naja, und so ein Wort wie "Frontbeladung", hübsch, noch nicht häufig im Plastikjargon der gegenwärtigen Umbauten, das deutet nun einfach nicht auf Kenntnis von Unterricht und den damit verbundenen Wissenschaften hin. Da haben Sie was gesehen, ich könnte auch was zeigen, wir schreien in hundsnormaler Staatsschule nur nicht so laut, und dann haben Sie wieder was gesehen. Und dann? Was lernt uns das?

Wenn es so einfach wäre, dann hätte schon Karl der Große in Aachen die multi-methodische Freischule eingeführt.

Lehrer sind in den letzten 50 Jahren alle 5 Jahre mit einem neuen Patentrezept behelligt worden, das bald klammheimlich entsorgt und durch ein neues ersetzt wurde.

Da kann man dann nicht als Missionar mit der Botschaft kommen, alle grundlegende Probleme seien gelöst, man müsse es nur noch machen. Viel zu oft gehört.

Das ist alles viel zu flach angesetzt. Sachlich Falsches, dazu Patentrezept.

HL

Achtermann 05.09.2009 | 13:07

„Wer frei-öffentliche Schulen mit Bertelsmännern verwechselt, hat wenig von der älteren und neueren Reformpädagogik verstanden.“ Das ist der typische Füller’sche Duktus. Wer seinen marktfähigen Reformvorstellungen nicht folgt, hat nix kapiert. Alle Wirtschaftsliberalen wollen von staatlichen Zwängen befreien. Genau so sind die inzwischen gescheiterten PPP-Modelle ideologisch überhöht worden. Durchgängig wird der Staat als Bremse betrachtet, der Entwicklungen der günstigen Art, wie von Füller propagiert, im Wege stünde. Deshalb bedient sich Füller einiger Argumente, die falsch oder halbfalsch sind, um seine Sichtweise als die zwingend notwendige zu umreißen. Füller behauptet: „Teilweise muss er [der Schulleiter] für die Anschaffung von elektrischen Anspitzern Schulräte um Erlaubnis fragen.“ Erstmals denke ich, dass ein Schulleiter keine elektrischen Spitzer anschafft, weil in der Schule keine benötigt werden, zum anderen jedoch ist ein Schulrat für die Anschaffung elektrischer Spitzer und sonstiger Materialien gar nicht zuständig, da die Landkreise oder die Kommunen die Schulträger und somit für die sachliche Ausstattung zuständig sind. Schulräte haben andere Aufgaben.

Füller will, genau wie Bertelsmann, dem Schulleiter (und der Schulleiterin) eine besondere Rolle zuteilen. Er soll nicht mehr einer unter Kollegen sein, sondern jemand, der sie einstellen und damit natürlich auch feuern kann. Ob in einer solchen Situation das gedeihliche Zusammenarbeiten befördert wird, wie wir über die „Staatsbefreiten“ fast täglich in der Presse lesen können, wenn die Strukturen von Lidl Co ins Schulwesen übertragen werden, kann Füller sicher am besten beurteilen. Bei ihm wird das Lehrerkollegium zum „Team“, das dann, angeführt von dem potenziellen Rausschmeißer, sich „ein Schulprogramm“ erst geben, weil ihm ein „fähiges Schulmanagement“ den Rücken freihalten könne. Und das Ganze wird, damit es nicht allzusehr hierarchisch daherkommt, in Füllers Denkweise von einer „demokratischen Schulkonferenz“, die nicht näher vorgestellt wird, miterarbeitet.

Füller benötigt solche Euphemismen wie „Team“ und „demokratische Schulkonferenz“, um sein Modell als human hinzubiegen. Wie weit sich Lehrer noch kritisch in Teamsitzungen einbringen, wenn der Leiter dieser Sitzung den Daumen über ein Mitglied des Teams senken kann, um dieses für den Arbeitsmarkt freizusetzen, kann Füller sicher schlüssig beantworten. Der Job des Lehrers wird zu dem eines beliebigen Dienstleistungserbringers. Füller Erkenntnis ist: „Jeder Mensch, sei er Nachwuchstrainer, Partyveranstalter, Firmenchef oder Abteilungsleiter erhält selbstverständlich das Recht, seine Spieler/Mitarbeiter selbst auszuwählen – nur die Schulleiter nicht.“ Wir wissen doch mittlerweile wie das funktioniert: Bewerbungsgespräche, Gehaltsverhandlungen, Prämiensysteme, Zeitverträge, Probezeit, Abmahnungen, Kündigungen… Und wenn’s dann mal nicht so läuft mit dem Sohnemann, kommt der Papa in die Schule, droht zum Chef zu gehen, der dann mit der Kündigung wedeln kann.

Die großen Entwürfe, mit schönen Worten in die Welt gesetzt, zeigen erst im Konkreten ihr wahres Gesicht. Wenn neben dem staatlichen Übel noch ein weiteres, nämlich das mit den Marktprinzipien, in die Diskussion kommt, ist mir das erstere erträglicher. Erträglicher deshalb, weil die Diagnose Füllers über das Bestehende nicht differenziert. Sogar in seiner Hauspostille, der Taz, ist Realitätsnäheres nachzulesen. Am 10.12.2008 berichtete das Zentralorgan der Grünen über die internationale Iglu-Studie, einer Schulvergleichsuntersuchung: „Es gelingt der Grundschule, Kinder auf ein hohes Niveau zu heben und gleichzeitig zusammenzuhalten", sagte Bos [Institut für Schulentwicklungsforschung]. Beim Lesen von Texten und Büchern liegen Grundschüler in fast allen Bundesländern über dem OECD-Mittelwert. Damit schneiden die Kleinen in der Schlüsselkompetenz Lesen international viel besser ab als deutsche Neuntklässler.“

Offensichtlich schaffen zumindest die Grundschulen, die wahren Gesamtschulen der Republik, etwas, das sich sehen lassen kann – und das ganz ohne marktwirtschaftliche Komponenten. Auf diesen positiven Ergebnissen ist aufzubauen. Es ist nicht so, wie Füller behauptet, man treffe im staatlichen System auf einen völlig unbeweglichen Monolith: Rheinland-Pfalz durchlebt gerade eine Schulstrukturreform, die Betonung liegt auf Reform, und die benötigt Zeit. Die letzten Hauptschulen werden in spätestens zwei Jahren verschwunden sein. In den Grundschulen gibt es keine Lehrpläne mehr. Sie wurden reduziert auf Rahmenpläne, die die Schulen mit Inhalten füllen. Jede Schule hat ihr eigenes Profil zu entwickeln. Das scheint auch ohne Schulmanager zu gehen. Das Sitzenbleiben, auf das Füller wie auch Bertelsmann gerne rekurrieren, ist in der Grundschule quasi abgeschafft. Die Eltern entscheiden darüber. Die Sonderschulen sind im Auflösungsprozess begriffen. Die Förderschullehrer tauchen in den Grundschulen auf und arbeiten dort integrativ. Allerdings: Es wird nach wie vor nach der Grundschule selektiert, jetzt nur noch auf zwei Schularten. Aber darüber entscheiden die Eltern, nicht die Pädagogen. In alle wichtigen Fragen ist die demokratisch gewählte Vertretung der Elternschaft eingebunden. Konferenzen – außer den Zeugniskonferenzen – laufen nur mit Eltern. Darüber müsste Füller sich doch freuen, bediente er nicht die Interessen derer, die das Schulsystem privatisieren und sich damit Quellen des Geldverdienens erschließen wollen.

h.yuren 05.09.2009 | 13:22

"Aber der sollte mal die Menschen in den vielen Graswurzelschulen fragen, in den Waldorfschulen, den katholischen und evanglischen Schulen oder den freien Reformschulen. Keine von diesen Schulen sieht sich als Privatschule, sondern als gesellschaftlich getragenes und kontrolliertes Reformprojekt."
was soll ich da bitteschön fragen? dass die konfessionsschulen mustergültig waren und sind, weiß doch jedes kind - in bayern und amerika.

Chryselers 05.09.2009 | 14:23

Ein gerade erlebtes Beispiel zum Kropf, Füllers SchulleiterSchule:

In HH werden jetzt die gymnasialen Oberstufen zu "Profiloberstufen" reformiert. Das muss jedes Gymnasium selbst entwerfen und beschließen. In meiner Schule wurde das auf die ganz alte Art gemacht. Der Schulleiter fragte in der Konferenz "Wer macht das?", ein Satz anerkannter Kollegen machte das, der SL sagte, toll, was ihr gemacht hat, und es ist auch vorzüglich, und nun hat die Schule das attraktivste Angebot der ganzen Gegend, die Nachbarschulen stöhnen.

Der Reform zur neolibben "selbstverantworteten" SchulleiterSchule hätte es dazu nicht bedurft. Sowas ist immer so gelaufen.

HL

wwalkie 05.09.2009 | 15:16

Rien de nouveau, die alten Füllerschen Denkmuster (die übrigens auch bildungshistorisch schon recht alt sind, nur wie jede Ware "neu" daher kommen müssen)- weniger offensiv formuliert. Und wieder fällt auf: Füller spricht mit vielen Protagonisten - nur die Lehrer bleiben bei ihm merkwürdig stumm. Jetzt wundert er sich, dass einige von diesen "Lehrkräften" ganz anders denken und reden, als er sich das wohl vorgestellt hat. Das kommt von so was!

Und was man nicht versteht, muss man sich erklären. Die Kritiker kritisieren seine Bildungsstrategie, weil sie am Ancien Régime festhalten! Oh, mein lieber Mirabeau, wir sind da viel weiter, als Sie zu träumen wagen! Wie komme ich jetzt auf die Franz. Revolution? Ach ja, ein Satz des Reformpädagogen Rousseau geht mir seit einiger Zeit nicht aus dem Sinn:

"Wer seinem Kind einen Knecht zum Lehrer gibt, wird einen Knecht bekommen!"

PS. In den neuen "Blättern für deutsche und internationale Politik" schreibt Hans-Peter Waldrich, auch ein Freitag-Autor, aber einer, der längere Zeit unterrichtet hat, über "Die neoliberale Schule". Sehr lesenswert, nicht nur, weil er die Bertelsmannisierung des Schulsystems luzide analysiert, sondern auch, weil er zeigt, wie die Reformschulbewegung neoliberal instrumentalisiert wird.

Christian Füller 05.09.2009 | 16:20

ich glaube, es ist einfacher, als manche denken. in diesem blog schreiben gymnasiallehrer, die a) um ihre privilegien fürchten und b) ihre zitadelle mit klauen und zähne verteidigen. hand in hand mit dem neorechten präsidenten des gegliederten schulwesens, josef kraus.

hier wird kein wort verloren über: 80.000 schulabbrecher, IQ-schrumpfanstalten namens "förderschule", 80 prozent risikoschüler in hhs hauptschulen, rund 300.000 jugendliche im "übergangssystem", das keinerlei übergänge bietet. alles resultate der staatslehranstalten, die chryselers vergotten.

das deutsche schulsysterm ist das ungerechteste der oecd - aber die freitagsblogger sagen: es muss bleiben! wieso tun die das? ganz einfach: sonst kommen die hauptschüler zu ihnen an die penne. dann klappt ihr ganzheitlicher bildungsbegriff nicht mehr, dann können sie keine frontbeladung mehr machen, dann müssten sie auf jeden schüler eingehen.

tztztz, rinks und lechts - nicht mehr unterscheidbar; frontaluntericht wird "neu entdeckt". die floskel neolib (was ist das eigentlich?) wird hier benutzt, um den schülerverachtenden, antiemanzipatorioschen status der durchregulierten lehrplanschule zu verteidigen. junger freitag?

schönes wochenende
pisaversteher

micha74 05.09.2009 | 16:23

Möchte mich hier nicht für Füller (schöner Name für dieses Thema übrigens) ins Zeug werfen, aber es verwundert schon, wie wenig auf zentrale Argumente eingegangen wird.
Zum Beispiel: Schulstruktur
Hinzufügen würde ich: Mangelnde bis nicht vorhandene Kontrolle / Evaluierung von Lehrern …
Auch mir scheint, dass einigen Kommentatoren der Unterschied zwischen Freier Schule und Privatschule nicht klar ist.
Es geht wohl auch nicht um "hire and fire", aber Fakt ist, dass sich der Berufsstatus der Lehrerschaft nicht eben förderlich auf deren Motivation auswirkt (Vielleicht spricht da auch der Neid aus mir als nichtverbeamteter Lehrer)
Was hier unterschlagen wird (Habe es zumindest nicht gelesen)- staatliche Schule sind immer politischen Vorstellungen der großen Parteien ausgesetzt, denen sich freie Schulen zumindest teilweise entziehen können. Gerade im Schulsystem steht Staat eben eher für Partei … Wenn Industrie und Geld Einfluss auf Schule gewinnen, dann gerade im staatlichen System, deren Schulplanungen Beute der Parteien sind.
Zustimmen muss ich Füller auch in dem Punkt, dass Schule es nun mal als wesentliche Aufgabe hat, Kindern grundlegende Fähigkeiten zu vermitteln. Darin gleich eine Anbiederung bei der Industrie zu sehen, halte ich nicht nur für völlig übertrieben, es ist auch realitätsfern.
h.yuren
"dass die konfessionsschulen mustergültig waren und sind, weiß doch jedes kind - in bayern und amerika."
soll heißen? (Arbeite selbst als Konfessionsloser in Sachsen an einer katholischen Schule (Montessori)....

Milton 05.09.2009 | 16:46

Meine Herren,

ich habe mir das jetzt lange durchgelesen, aber je lauter Sie ständig "Bertelsmann" und "neoliberal" rufen, um so weniger bin ich bereit, ihren Argumente zuzustimmen. Heißt neoliberal, schon zu überlegen, welche Rolle der Staat im Bildungsgefüge (oder Gesellschafts- oder Wirtschaftsgefüge) am besten einnehmen soll? Dann bin ich ein Neoliberaler in Ihrem Sinne. Ganz gerne sogar. Ich habe zwar bisher immer nur gedacht, das wäre demokratisches Denken, aber was soll's.

Ich lese bei Christian Füller auch nichts von angestellten Lehrern, denen der Rektor mit der Kündigung vor der Nase rumwedeln darf, wie hier insinuiert wird, im Gegenteil. Sie stellen hier eine Primus-inter-pares-Forderung unter Totalitarismus-Verdacht.

Können Sie mir beantworten, welche Qualitäten heute ein Lehrer haben muss, um zum Rektor gemacht zu werden? Ist es wie fast überall, wo Menschen aufsteigen? Sitzfleisch, ein ausgeprägtes Ego, Brutalität und Ellenbogen. Aber kaum fachliche Kompetenz, sozialen Verstand und einen verantwortungsvollen Führungsbegriff. Sind das Ihre Erfahrungen? Sind Sie dann nicht eigentlich selbst schon längst Knechte? Dann kann ich mir vorstellen, warum Sie den Rektor als solches am liebsten aus der Schule haben wollen. Aber führt das weiter?
@wwalkie, klären Sie mich auf: Hatte zu Zeiten der franz. Revolution die Hire-und-Fire-Politik nicht genau ihren blutigen Höhepunkt, gerade unter den Guten. Naja, ist vielleicht ein anderes Thema.

@Christian Füller, ich finde, Sie haben in sehr vielem recht - angefangen von der Auslese, die an unseren Schulen von mehr Förderung abgelöst werden muss. Und ich vermute, dass ich diese Förderung doch ein wenig zweckungebundener haben möchte als Sie. Das wäre zu klären. Aber: Auch ihre polemische Attitüde und die Sprache in dieser Debatte finde ich gar nicht gut, sondern genau so rechthaberisch wie die der anderen. Das macht ich auch wieder ein bisschen skeptisch.

h.yuren 05.09.2009 | 17:31

du hast dir den passenden namen zugelegt. aber ein bisschen gestrig, nicht wahr? wer spricht denn noch von schützen, die auf buchstaben zielen?
was ein abc-schütz von der frz. revolution hält, ist hier nebensache. aber was weiß ein solcher von den verhältnissen im lehrkörper? die position des ersten lehrers ist seit zig jahren gestärkt worden; wenn da noch ein wenig draufgelegt wird, ist hire and fire die wildwirtschaftliche realität in der anstalt.
wie die liberalisierung nur das gute fördert, ist z.b. bei bahn und post hierzulande und anderswo zu besichtigen.

demokratie ist, wenn einer das sagen hat, habe ich das richtig gelesen?
autonome schule klingt schon ganz anders als freie. autonom heißt, dass weder der staat noch das kapital hineinregieren. natürlich auch keine parteien, kirchen, gewerkschaften, verbände etc.
das schwarzweiß-denken hier führt nicht weiter. der dritte weg ist die autonome schule. die will aber niemand, obgleich die wirklich frei wäre.

wwalkie 05.09.2009 | 17:42

Herr Füller, Ihre Verständnisblockade macht mich ratlos. Ich weiß auch keine individualisierte Lernmethode, die Sie zu einem richtigen Verständnis der Beiträge Ihrer Kritiker führen könnte (Freiarbeit? Klipperts Marker? Kooperatives Lernen à la Green, diagnostische Bögen zum Ankreuzen, Verstärken Ihrer Lesekompetenz? Streitschlichtung?Schulleiter? Chefredakteurin?).

Im Ernst.Aber da muss ich schon wieder grinsen. Wie kann denn ein so tougher Medienmensch a) solche Vorurteile pflegen und b) glauben, dass auch nur einer der Freitagblogger "Hand in Hand" mit einem Josef Krauss meint,unser in der Tat ungerechtes Schulsystem müsse so bleiben, wie es ist? Ich zum Beispiel bin seit meiner Studienzeit der Überzeugung (und die alltägliche Praxis bestärkt mich darin), dass die Schulen Spiegel einer "ungerechten" Gesellschaft sind. Was Sie jedoch vorschlagen, justiert die Bildung/Ausbildung neu und stabilisiert dadurch die allgemeine Ungerechtigkeit. Aber was soll ich's erklären! Sie werden sich das Bild, das Sie sich vom deutschen Lehrer (in Ihrer Kindheit?) gemacht haben, wohl nicht mehr nehmen lassen wollen. Ist ja auch bequem und findet auch gerne Gehör - bei den Herrschenden und bei den Beherrschten.

Trotzdem
Bon weekend

Bildungswirt 05.09.2009 | 20:28

@alle
Ich teile einige Skepsis gegenüber neoliberalen Umbauversuchen des Bildungssystems, ja ich könnte sogar im Detail aus Innen- und Außensicht sicher einiges zu Diskussion beitragen.Dennoch kann ich nicht nachvollziehen, warum hier das mit C. Füllers Vorschlägen immer gleich 1 zu 1 gesetzt wird. Füller wird hier in einer linken Postille in die falsche Ecke eingeordnet. Da gibt es gravierende Unterschiede. Und selbst bei Bertelsmann steht nicht nur dummes Zeug.

Vorschlag zur Güte, so wie ich das bei "Der gute Lehrer ..." versuche. Wir portionieren die Streitpunkte, damit wir von dieser Zersetzungsdebatte wegkommen. Also z.B. Was heißt demokratische Schule konkret? oder . "Selbstverantwortliche Schule?" (Bitte eigene Themenvorschläge und Blogbeiträge einbringen)
Oder ein anderer, textanalytischer Weg:
Beispiel:Füller schreibt:
"Es herrscht, was auch hier viele nicht wissen, hierzulande ein Sonderschulwesen, in das über 400.000 Kinder wegsortiert werden. Teilweise indem sie einer entwürdigenden Begutachtung unterworfen werden, und in dem ihre Lernzuwächse erwiesenermaßen miserabel, teilweise negativ sind."
Er hat Recht! Bitte Community argumentativen Widerspruch anmelden. Bin gespannt.
Gruß BW

Christian Füller 05.09.2009 | 21:25

@abc-schuetze. sie haben recht, der polemik ist zu viel. aber wie ich schon schrieb: dass manche hier einen ganzheitlichen bildungsbegriff wie eine monstranz hochhalten - um dann zigtausenden elementare bildungsgrundrechte vorzuenthalten, das regt mich auf.

schule ist heute die wichtigste produktionsstätte von gesellschaftlicher ungleichheit; und das ist auch so gewollt. und hier tun manche so, als machten reformpädagogisch orientierte freie schulen den laden ungerecht - und nicht etwa das herrschende schulapartheidssystem.

pardon, sie haben recht! man muss cool bleiben.
beste grüße
pisaversteher

micha74 06.09.2009 | 00:42

Eigentlich eine gute Idee

Aber ob das was bringt? Wenn ich mir die Reaktionen auf Füller so anschaue, z.B. bei Chryselers, kann ich da keinen Willen zur offenen Diskussion erkennen. Da wird irgendwas raus gepickt, anstatt mal auf zentrale Thesen einzugehen. (Schulstruktur!!!) Ich sehe da diverse „altgediente“ Lehrer während meines Studiums und Referendariats vor mir, die sämtlichen alternativen Ansätzen milde lächelnd begegneten. „Gab’s alles schon, kennen wir alles schon“ Frontal= genial. Und natürlich diverse Querverweise auf Autoren, die (angeblich) die eigene Meinung unterstützen. Nichtnachprüfbare Beispiele. Argumente? Rhetorik statt Inhalt. Leider.

Was mir in diesem Zusammenhang besonders rätselhaft ist:
Wenn ich wirklich gegen die neoliberale Schule bin, wie kann ich dann ernsthaft die öffentliche Schule des neoliberalen Staates verteidigen? Weil Neoliberale immer gegen den Staat sind? Weil dann nichtstaatliche Schulen immer irgendwie auch neoliberal sind bz. eine besondere Anfälligkeit haben oder was? Wie man als Linker (Ich unterstelle das jetzt mal) ernsthaft gegen Freie Schulen sein kann, ist mir schleierhaft.

Micha74

Chryselers 06.09.2009 | 02:38

Ach nein, micha74, bitte schon genauer lesen: Ich frag die ganze Zeit, was es denn bringt, wenn die Schule zur SchulleiterSchule umgebaut wird, damit dieses oder jenes Problem gelöst wird oder, besser noch, alle gleichzeitig.

Antworten von Füller dazu: Null. Nichts. Gar nichts. Bloße Behauptung, Beweis durch Wiederholung. Rhetorik, nein, dieses schöne Wort ist zu hoch dazu, Plapper, beleidigtes und beleidigendes BösPlapper.

Der Aufweis eines Problems beweist nun noch nicht die Richtigkeit der vorgeschlagenen Lösung. Oder? Beweist noch nicht mal, dass man sich mit der vorgeschlagenen Lösung überhaupt beschäftigen sollte.

Füller stellt Forderungen zur Reform des Unterrichts. Schön. Aber er scheint Literatur zum Unterricht gar nicht zu kennen, weder die Klassiker noch die neueren Texte. Er kann also gar nicht angeben, was an den Klassikern und bei den Neueren falsch ist, sein sollte, und er kann dann auch nicht verstehen, warum die Klassiker vielleicht richtig sind, warum jedoch ihre Realisierung nicht ordentlich funktioniert. Ebenso bei den Neueren.

Aber er hat was "gesehen". Der alte Aristoteles fand, der Mensch sei ein interessiertes Augentier, und schrieb dann ein paar 100 Seiten darüber, wie aus Gesehenem Erkenntnis wird, weil das leider nicht zusammenfällt. Füller aber hat was gesehen. Und das reicht als Argument. Ihm. Und wenn mir das nicht reicht, gibt es einen albernen Hinweis auf meine Mütze, die er auch nicht einordnen kann.

Wo sind wir hier eigentlich?

HL

micha74 06.09.2009 | 15:27

@ Chryselers

Wir sind im Freitag Blog. Und hier liegt wohl auch ein Problem. Ihre Antwort zeigt mir, dass wir total aneinander vorbeireden. Mir ist zwar nicht klar wieso, aber Sie und andere hier halten den Staat offenbar für die beste Instanz, wenn es um Bildung geht. Mir sind da Schulen, in denen sich Eltern, Lehrer und Träger zusammenfinden lieber. Ist aber sicher Ansichtssache.

Und zum offenbar argen Reizthema Schulleiter. Dass Schulleiter einstellen ist mir völlig neu (was nun sicherlich kein Beweis ist). In Sachsen wäre das unvorstellbar, da laufen alle Bewerbungen über die sogenannten Bildungsagenturen (frühere Regionalschulämter). Gleiches gilt für die allerbescheidensten Kompetenzen der Schulleiter (der Schule). Natürlich gibt es da Möglichkeiten: Profile, Kooperationen, Oberstufenplanung etc. aber an zentrale Fragen, wie zum Beispiel Arbeitszeit der Lehrer (Es geht nicht um Mehrarbeit!), Veränderungen in der Stundentafel, organisatorische Eingriffe ins Schuljahr, die Unterrichtsorganisation, geschweige denn die Schulstruktur, darf hier (und meines Wissens auch sonst) kein staatlicher Schulleiter ran, das wäre undenkbar. Wenn dies in HH anders ist, nun gut.

Es geht Füller doch auch nicht darum, so eine Art Schulleiterdiktatur zu errichten. Sondern es geht darum, Schulen endlich mal mehr Freiheit einzuräumen. Was soll daran falsch sein?

Wenn Schulleiter mehr Kompetenzen erhalten, dann ist dies neoliberal? Ganz ehrlich, keine Ahnung wie Sie darauf kommen.

Was wären den, in aller Kürze, ihre Vorschläge zur Lösung der Bildungsfrage in diesem Land? Oder sehen Sie keinen Handlungsbedarf?

Micha74

Achtermann 06.09.2009 | 15:49

Der Freitag-Autor Karl-Heinz Heinemann schreibt in der Printausgabe, dass es für ihn mehr als einen Grund gebe, „weshalb ich Füllers Idee einer Bundesbildungsstiftung als Steuerungsinstanz anstelle von Parlamenten und Ministerien schlicht für Unfug halte. Keine demokratische Legitimation, sondern Legitimation über Geld und Markt.“

Das ist genau der Punkt, auf den es ankommt, wenn hier politisch eingeordnet wird. Das Denken in den Kategorien Links und Rechts wollen die Wegbereiter des Bildungsmarktes neu justieren. Die Bertelsmann-Sympathisanten, die Schulen mit dem starken Schulleiter, der Lehrer einstellen und freisetzen kann, in die „Freiheit“, in die „Autonomie“ entlassen wollen, gerieren sich als links. Der Staatsapparat sei mittlerweile der Antreiber der neoliberalen Gesellschaftsordnung. Dass es den Gelddienstleistern und den privatisierten Staatsbetrieben gelungen ist, Politiker im Sinne seiner Profiteure zu beeinflussen, ist unbestritten. Zeigen doch die vielen neuen bestens dotierten Jobs in diesen dem freien Markt dienenden Unternehmen, dass es sich lohnt, für die „Verschlankung“ (besser: Verarmung) des Staates an einflussreicher Stelle zu arbeiten.

Nach Post, Telefondienst, Bahn u.a. ist nun der Bildungssektor an der Reihe, der privatisiert, zumindest teilprivatisiert wird, und zwar in den Bereichen, die Verdienstquellen versprechen. Die Hochschulpolitik der OECD-Länder für die die Bertelsmann-Stiftung eine wichtige Vordenkerin war, zeigt, wohin das Schulwesen geführt werden soll. Die Unterabteilung Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) und der Stifterverband für die Dt. Wissenschaft, ein Think-Tank der Wirtschaft, haben die Einführung der Studiengebühren vorbereiten und durchsetzen können, obwohl der Dt. Bundestag 2002 noch eine gesetzliche Regelung für die Gebührenfreiheit festgeschrieben hat. Die Hochschulrektorenkonferenz ist den Vorschlägen gefolgt, weil sie sich mehr Mittel versprach. Und diese hatten sie deshalb dringend nötig, weil die Jahre zuvor eine systematische Unterfinanzierung des Bildungswesens erst in den Zustand führte, in dem die Hochschulen zunehmend auf andere Finanzquellen angewiesen waren, und natürlich weiterhin sein werden. Die Privatuniversitäten, denen Glanz in allen Bereichen prophezeit wurde, sind aufgrund der im weltweiten Spekulationsgeschäft angelegten Stiftungsgelder derzeit nicht mehr obenauf, sondern finanziell klamm. So kommt’s, wenn das bildungspolitische Denken der Verbetriebswirtschaftlichung unterworfen wird.

Das Füller-Denken hat mit der Propaganda von „Bürgerkonvent“, „Stiftung Marktwirtschaft“, „Deutschland packt’s an“, „Kronenberger Kreis“, „Aktionsgemeinschaft Deutschland“ oder der „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ Vieles gemein: der Staat könne es nicht, der Staat sei zu unflexibel, der Staat müsse sich aus vielen öffentlichen Bereichen zurückziehen, weil „Eigenverantwortung“ das Gebot der Moderne sei.

Für differenzierte Kritik ist kein Platz. Es muss immer der Vorschlaghammer sein. So auch, wenn die 400.000 Förderschüler angeführt werden, die vom normalen Bildungsbetrieb ausgesondert seien. Dass dieser Zustand kein guter ist, darüber braucht man hier hoffentlich nicht zu streiten. Dass jedoch nur mit dem Füller-Modell alles sich zum Besseren wenden könne, ist eine propagandistische Anmaßung. Es ist ja nicht so, dass diese Sonderschulstruktur im öffentlichen Schulsystem ein deutschlandweiter Einheitstrend sei. Da gibt es in den Ländern deutliche Unterschiede. Insbesondere die angegliederten neuen Bundesländer sind weit hinten anzutreffen: In Schleswig-Holstein gehen 3,5 Prozent der Schüler in Förderschulen, in Thüringen und Sachsen-Anhalt 8 Prozent. Spitzenreiter ist Mecklenburg-Vorpommern mit 8,6 Prozent Sonderschülern. Und diese Differenzen zeigen, dass doch eine unterschiedliche Politik im Staatsschulwesen gemacht wird. Darauf ist aufzubauen.

Schleswig-Holstein hat im Februar 2009 das „Jahr der inklusiven Bildung“ ins Leben gerufen. Die Ministerin: „Wenn es normal ist, Kinder mit Behinderungen gemeinsam mit anderen in einer inklusiven Schule zu unterrichten, profitieren alle Schülerinnen und Schüler davon.“ In Schleswig-Holstein werden 45 Prozent aller Förderschüler an allgemein bildenden Schulen unterrichtet. Ziel ist, die Quoten des europäischen Auslands von 85 Prozent zu erreichen. Es ist also nicht so, wie Füller ständig suggeriert, dass die Staatsschulen sich nicht bewegten. Und das geht ohne Entstaatlichung des Bildungswesens!

Chryselers 06.09.2009 | 15:55

@micha74:

Wo bittschön, steht in meinen Beiträgen irgendwas davon, dass ich den Staat für den Alleinseligmacher halte? Wo habe ich das geschrieben?

Das Ding hier ist doch dieses: Füller kann nicht zeigen, dass in seiner SchulleiterSchule irgendwas schon deshalb besser wird, weil der Schulleiter mehr zu sagen hat, wie sollte er das auch, geht ja gar nicht, auch nicht, dass die Entstaatlichung der Schule schon allein deshalb besser ist, also bin ich ein Anhänger von sonstwas Bösem, dass er mir anpappt.

Und wenn ich dann gegen Patentrezepte bin, muss ich gleich ein anderes rüberreichen. Das Dumme ist bloß, dass auch dieses nichts helfen würde, eben der Patentigkeit wegen. Und wenn ich dann auf das hinweise, was schon ein kleiner Schritt wäre, dann hat unser Patententwickler das widerlegt, ohne dass er es auch nur halbwegs angemessen zur Kenntnis genommen hat. (Mein Beitrag vom 28.08.2009 um 15:08 auf www.freitag.de/positionen/0935-landtagswahl-bildung-bildungswesen)

Aber das ist schon beachtlich: Unzweifelhafte Probleme werden von ihm so laut beschrieen, dass gar nicht mehr auffällt, dass seine Umgestaltungsvorschläge gar nichts mehr mit den Problemen zu tun haben. Und wenn das auffällt, dann wird verlangt, man möge eine Alternative schreien können, die noch patenter ist.

Dieses "Diskussions"-Verfahren ist irre.

Und ein Hinweis zu Neolib und Schule: Die neoliberale Schule
Bildungspolitik à la Bertelsmann
von Hans-Peter Waldrich
www.blaetter.de/artikel.php?pr=3166

Und, weil es so schön passt, dasselbe auch noch mal für die Uni:
Uni 2009: Anpassungsmenschen ohne Leidenschaft
von Christine Landfried
www.blaetter.de/artikel.php?pr=3163

Und, weil man es kaufen muss, die anderen Artikel lohnen sich auch;-))

HL

micha74 06.09.2009 | 16:45

@Chryselers
Dank für die schnelle Antwort.

Ich hätte dann aber doch gern noch Antworten, zumindest auf meine Frage, wie IHRE Vorstellungen ausschauen bzw. wo Sie Probleme sehen.
Richtig, dass haben Sie so direkt nicht gesagt, ich habe das aus ihre Aussagen zu den Möglichkeiten im staatlichen Schulsystem interpretiert, vielleicht zu weit interpretiert von mir.

Und allgemein in die Diskussion:

Freie Schulen haben nichts mit Privatisierung zu tun, aber auch gar nichts. Ehrlich, die hier so auf das staatliche Schulsystem pochen, wachen hoffentlich nicht eines Morgens auf, um festzustellen, dass der Staat selbst eben jenes Schulsystem in ein neoliberaes verwandelt hat. (Er ist ja schon dabei ...)

Die Schule vor einseitigen Verwertungsinteressen zu schützen, na sicher. Aber Freie Schulen existieren nicht um Geld zu verdienen. Der Vergleich mit Privatisierungen in der Industrie hinkt deshalb gewaltig. Und ja: Bertelsmann. Deren Strategie kann doch nicht für alle nichtstaatlichen Schulen gleichgesetzt werden.

Warum gründen Leute eine freie Schule? Um Geld zu verdienen? Blödsinn. Ein Witz, wirklich. Einzig und allein um Bildung so zu machen, wie dies an der staatlichen Schule nicht möglich ist. Nochmal: Was ist daran schlecht, was?

Und schließlich: Warum kann in Deutschland, nicht einfach eine Schule geründet werden, die auf die ganze Drei (Vier-)gliedrigkeit pfeift und gemeinsam (wirklich gemeinsam, nicht Gesamtschule!) unterrichtet und die dann auch entsprechend refinanziert wird. Warum geht das nicht? Wegen der Bertelsmänner? Wegen neoliberaler Gelüste? Unsinn!! Oder vielleicht, weil jeder Ansatz eingestampft wird, weil er eh nicht besser ist, und weil alle Veränderungen vorher auch nichts gebracht haben. Oder weil alles, was substantiell Grundlage und Struktur veränderten könnte, im Gestrüpp der Interessenverbände und Lobbyisten, den Klauen der Parteiideologen, dem Beamtenapparat hängen bleibt? Ist es nicht eigentliche stinknormale Angst vor Veränderung? Nicht? Was dann?!

Micha74

Chryselers 06.09.2009 | 17:38

Micha74,

es ist nichts daran erstmal schlecht, wenn Leute freie Schulen gründen, es ist völlig verständlich, dass es Leute gibt, die der Misere staatlicher Schulen, ich hab schon Lerngruppen so an die 30 Schüler zu unmöglichen Zeiten gehabt, bei denen jeder weiß, da wird nur so getan, als ob da Schule gehalten wird... Vergeudete Kräfte, verschwendete Lebenszeit.

Und wer da was anders haben will, wer kann da was verdenken?

Und doch: Art 7 (4) GG hat ja seinen vernünftigen Sinn:

Das Recht zur Errichtung von privaten Schulen wird gewährleistet. Private Schulen als Ersatz für öffentliche Schulen bedürfen der Genehmigung des Staates und unterstehen den Landesgesetzen. Die Genehmigung ist zu erteilen, wenn die privaten Schulen in ihren Lehrzielen und Einrichtungen sowie in der wissenschaftlichen Ausbildung ihrer Lehrkräfte nicht hinter den öffentlichen Schulen zurückstehen und eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird. Die Genehmigung ist zu versagen, wenn die wirtschaftliche und rechtliche Stellung der Lehrkräfte nicht genügend gesichert ist.

Dazu auch noch der Absatz, mit den Vorschulen sind dort Grundschulen speziell für Gymnasien gemeint.

Das alles hat mit Demokratie zu tun, eine gleiche grundlegende und gemeinsame, auch gemeinsam erworbene Bildung für alle Bürger.

Es soll keine Trennung der Schulen nach sozialer Stellung geben, das ist durchaus aktuell. Das steht nun zur Disposition. Wie im Gesundheitswesen, da bekommen wir jetzt Zweiklassenmedizin, Privat behandelt besser als Kasse.

Unsere Schulen sind politisch, finanziell und konzeptionell so weit heruntergewirtschaft, dass in vielen, vielen Kreisen nach der Alternative geradezu geschrieen wird. Und die Nachfrage trifft inzwischen auch auf ein kommerziell bestimmtes Angebot: bildungsklick.de/a/32216/unternehmer-gruenden-neue-privatschule/ Das kostet ja auch richtig Geld für die Eltern www.berlin-mitte.phorms.de/index.php?id=148=3%22%20onfocus%3D%22blurLink%28this%29%3B

(Die Politik der Steuersenkungen heißt halt nicht, mehr Netto vom Brutto, sondern führt in den Gebührenstaat, in dem man für staatlich oder privat erbrachte Leistungen, die man sonst vom Staat umsonst bekam, extra löhnen muss.)

Verständlich also, dass es private Schulgründungen gibt, Leute, die es sich leisten können, werden geradezu rausgetrieben aus den Staatsschulen. Aber auch problematisch: Denn dann kann es geschehen, dass die Staatsschulen insgesamt zu Restschulen werden, das gegenwärtige Hauptschule=Restschule-Problem könnte ein Problemchen sein im Verhältnis zu dem, was da kommt.

Was für den Einzelnen rational sein kann, kann für alle sehr unvernünftig sein.

Leute haben Füller vorgeworfen, dass er seinen Kindern nicht die Last der Integrationspolitik im Kindergarten aufpacken wollte. Ich habe nicht dazu gehört, ich kann das verstehen.

HL

Christian Füller 06.09.2009 | 17:53

ja klar, der vergleich des reaktionären lehrerverbandschefs josef kraus mit chryselers, das tut sehr sehr weh. aber er stimmt - leider:

kraus will die schulformen beibehalten, spricht bewusst nicht von bildungsarmut und juchzt über den frontalunterricht. er mag neoliberale nicht. und er will, dass alles so bleibt, wie es ist. exakt so wie der herr studienrat aus hamburg argumentiert.

So ist das nunmal: bei schulfragen sind die dogmalinke und die konservativen absolut deckungsgleich. Wie klone, bis in die formulierungen – etwa, wenn sie sich über projektunterricht lustig machen. Es fröstelt einen dabei, aber wir müssen das nüchtern zur kenntnis nehmen. Die anti-reform-truppen sind breiter aufgestellt, als man denkt.

das wort schulleiterschule verwendet hier niemand - außer chryselers und evtl. yuren. ich spreche von einer freien bzw-. fei-öffentlichen schule, die einen rektor mit kompetenzen hat und der kein büttel der schulräte ist. alle wissen, dass das so ist - mag es auch sein, dass in hamburg die schulleiter bei schulscharfen einstellungen ein bisschen mitreden dürfen.

Micha74, abc-schuetze und bildungswirt kennen die schule, die ich meine.

schönen sonntag

wwalkie 06.09.2009 | 18:24

"Mein Blick ist vom Vorübergehen der Phrasen ganz müd geworden." - trotzdem ein letztes Mal.

Füller schreibt im Kommentar zum Kommentar: "Das wort schulleiterschule verwendet hier niemand..."

Also ad fontes (wie die Gymnasiallehrer diskriminierend sagen): "Rektoren sind die pädagogischen Köpfe, Moderatoren und Manager vor Ort. Nur sie können eine Schule drehen..." (Füller, Lasst die Schulen los!).

Aber das Wort "Schulleiterschule" verwendet er nicht. Wo er recht hat, ...

Chryselers 06.09.2009 | 18:53

Ach Gott, Meister Füller, Sie schreiben also was über Schulleiter und dass das alles anders werden muss, und nu stellt sich raus, dass Sie da gar nicht Bescheid wissen.

Und das mit dem Frontalunterricht haben Sie ja auch nicht gelesen.

Und wenn ich nun noch sagen würde, zeigen Sie mal das mit dem Krause und mir, was würde dann wohl bei raus kommen?

Wohl auch nichts.

Und: Mit der Entwicklung einer Variation auf den Projektunterricht habe ich alterspromoviert, wie Sie irgendwo so schön schreiben, wie Sie irgendwo so schön schreiben, in reformpädagogischer Manier, aber das ist alles egal. Noch nicht mal ne brauchbare Erfindung.

Es ist halt einfach schön, wenn man in harten Alternativen denken darf, nicht wahr?

(Auch wenn sie einigermaßen tütelig sind, es macht sich gut.)

Gerede aus zweiter Hand, Herr Füller, mehr ist nicht. Und wenn es nicht langt, wird was erfunden.

HL

Christian Füller 06.09.2009 | 19:28

@walkie:

zur kenntnis: "ich spreche von einer freien bzw-. fei-öffentlichen schule, die einen rektor mit kompetenzen hat und der kein büttel der schulräte ist."

und ich kann gerne ergänzen: es geht darum, dass der schulleiter in der lage ist, teams zu bilden, sich also die geeigneten lehrer zu suchen und einzustellen. das ist in 90 prozent der schulen NICHT der fall. ok. und sich dann ein schulprogramm gibt - ZUSAMMEN mit lehrern und der schulcommunity.

und dann versucht, visionen zu formulieren.

das wird natürlich nicht die bildungsarmut von heute auf morgen beenden. aber es kann gelingen, wenn wir selbstreformschulen fit machen für die reform von unten (ach sorry, "fit machen" darf man hier nicht) sagen wir: empowern UND gleichzeitig eine schulstruktur sachte, aber entschieden von oben verändern.

aber das geht nur, wenn man andere lernarrangements des individuellen lernens bildet. ich kenne die sehr gut aus vielen vielen schulbesuchen, etwa kommenden mittwoch an der wartburgschule münster (falls sie mit wollen, ich lade sie herzlich ein). ist übrigens - siehe lernen2.0 oder schwarmintelligenz oder alle-an-alle - DIE METHODE der zukunft, die heute in vielen ausbildungsbetrieben angewendet wird.

so, das soll es sein.

eins noch: ich bin kein lehrer und bin, ehrlich gesagt, glücklich damit. es ist ja kein problem, wenn man als nicht-betroffener etwas formuliert. jedenfalls darf man das - in aufgeklärten diskurszusammenhängen.

alles gute
christian füller, pisaversteher

Kalla 06.09.2009 | 19:49

Lieber Christian,
ich finde es prima, dass Du nun in Deiner Antwort doch die Frage der Schulstruktur in den Mittelpunkt stellst. In Deinem Beitrag, der diese Debatte ja ausgelöst hat, habe ich genau dieses Thema vermisst. Der Skandal der Haupt- und „Förderschulen“ – darauf heißt die Antwort doch nicht „charter-school“ oder „frei-öffentliche Schule“, wie Du suggerierst, sondern, wie ja auch bei den Freundinnen und Freunden von der „Mittendrin“-Bewegung (die Hauptschüler haben ja keine lautstarke Elternlobby) erst mal ganz schlicht „eine Schule für alle“.
Wir werden uns gemeinsam darüber aufregen, dass unser deutsches Schulsystem ein gutes Fünftel der Kinder in ein so genanntes Übergangssystem entlässt, ihnen den Weg in eine Randexistenz vorzeichnet, und darüber, dass die heilige Kuh des deutschen Gymnasiums nicht geschlachtet werden darf. Verantwortlich dafür ist das Schulsystem. Andere Länder machen es längst anders, Finnland und Schweden zum Beispiel. Und das sind Staatsschulsysteme, und weil sie gut funktionieren, ist der Anteil der Privatschulen gering. Also: Einheitsschule – ich habe keine Angst vor diesem Begriff mit einer guten Geschichte – oder selektives Schulsystem, das ist die erste Frage.
Ich weiß nicht genau, wie du dir die „frei-öffentliche Schule“ vorstellst. Da ist einmal der Hinweis auf die Charter-Schools. Ihr Erfinder ist ein gewisser Milton Friedman, es steht im Zusammenhang mit dem Prinzip der Bildungsgutscheine und der freien Schulwahl - so viel Zeit muss sein, um das mal zu erwähnen. Auch private Bildungsfirmen hatten diese Charter-Schools übernommen, pädagogisch und ökonomisch war es ein Flop. Nun werden sie geführt von autonomen Schulleitern, wie Du sie dir wünschst, mit mäßigem Erfolg – ihr Finanzgebaren ist undurchsichtig, ihr Erfolg bei den Migrantenkindern schlecht ( vgl. articles.latimes.com/2009/may/21/local/me-charter21 - und im übrigen die Bildungsinfos von Georg Lind, die sind voll von solchen Hinweisen).
Es gibt mittlerweile doch einige Belege dafür, dass die freie Schulwahl (in NRW wurden gerade die Grundschulbezirke aufgehoben) den Trend zur Segregation verstärkt – der durch die Siedlungsstruktur ohnehin gegeben ist – also die Reichen und die Armen wohnen zusammen, und die Aufstiegswilligen fahren ihre Kinder, die noch etwas zur Heterogenität einer Schülerpopulation beitragen könnten, lieber in die „besseren“ Stadtviertel und Schulen. Also, meine Befürchtung, freie Schulwahl, und dazu noch eine von Deiner Schul-Exzellenzinitiative beförderte Differenzierung von exzellenten und miesen Schulen, all das ist nicht geeignet, eine Schule für alle zu befördern, es wird nicht für Heterogenität im Klassenzimmer sorgen, sondern es bewirkt das Gegenteil.
Und noch eins: Nein, mir reicht es nicht, auch nicht für Haupt- und Sonderschüler, sie „fit zu machen“ für eine „Arbeitswelt“. Bildung hat für mich den Anspruch, dass Menschen selbst in der Lage sind, ihre Dinge in die Hand zu nehmen, natürlich zuerst, für sich selbst sorgen zu können. Aber nicht dadurch, dass sie befähigt werden, die besten Sonderangebote herauszusuchen, wie es ein ausgesprochen zynischer (autonomer?) Hauptschulleiter für seine SchülerInnen als „Bildungsziel“ formulierte. Sondern, dass sie sich gegen Zumutungen wehren, ihre Möglichkeiten einschätzen und verbessern können etc. Dazu gehört natürlich, dass man Zeitungen liest, einen Begriff von Geschichte hat, von Ästhetik, aber auch seine Telefonrechnung versteht. Das zu fordern halte ich nicht für realitätsblind, wie Du schreibst, sondern ist für mich unverzichtbar. Und zwar für alle, wie es Comenius wollte. Und Marx. und von Hentig. Sonst wüsste ich nicht, wofür wir Schulen veranstalten sollen.
So viel erstmal,
beste Grüße,
Karl-Heinz Heinemann

Achtermann 06.09.2009 | 20:13

@Micha74

Da Du laufend verlangst, man möge Dir erklären, gestatte ich mir eine Frage: Kannst Du mal erläutern, was eine „Freie Schule“ ist? Mich interessiert auch, wie diese sich in die gesamte Schullandschaft einordnet, wie sie finanziert wird, wer den Lehrkörper bezahlt, welche Eltern nach sozialem Stand Interesse an dieser Schulform haben, wie die Abschlüsse überprüft werden etc. Mach’s möglichst konkret und verzichte dabei auf die nicht sehr hilfreichen Begriffe wie „Unsinn“ und „Blödsinn“.

Ich gebe Dir ein Zitat des Bayerischen Rundfunks mit auf den Weg, der zur Kommerzialisierung des Bildungswesens feststellt: „Entsprechend ist für kommerzielle Anbieter auf dem Bildungsmarkt nicht mehr nur der Nachhilfesektor interessant, sie entdecken zunehmend auch die allgemeinbildenden Schulen. So wagt sich der Schulbuchverlag Klett mit dem Augsburger Klett College auf das Geschäftsfeld der Nachhilfe vor und investiert zugleich in eine internationale, zweisprachige Ganztagsschule im schwäbischen Fellbach. Nach Berlin, Köln und Frankfurt hat Phorms, eine Privatschulkette mit einer Aktiengesellschaft im Hintergrund, auch München als Standort entdeckt. Eine zweisprachige Grundschule im feinen Münchner Stadtviertel Bogenhausen hat bereits den Unterricht aufgenommen, zum Schulbeginn 2008 wird auch ein Gymnasium in Betrieb gehen.“

micha74 06.09.2009 | 21:07

Sehr gern:

Ich arbeite an einer Freien Schule.(Montessori)

Frei heißt, es gibt keine finanziellen Interessen.

Verdienen kann man mit unserer Schule definitiv nichts Wo kommt das Geld her? Für Freie Schulen gibt es (in Sachsen) verschiedene Level der Anerkennung. Das höchste Level, welches wir haben, ist die sogenannte „staatlich anerkannte Ersatzschule“. Daraus ergeben sich zwei wichtige Dinge.

1. Wir nehmen selber Prüfungen ab: zur Zeit Real- und Hauptschule, demnächst Abitur und erteilen entsprechend auch Abschlusszeugnisse.

2. Wir werden über das Land Sachsen refinanziert. Im Gegensatz zu anderen Bundesländern liegt die Quote nicht bei 100 %. Die Eltern müssen also einen Rest dazubezahlen, ca. 80 Euro. Nicht eben wenig. Dies erregt immer wieder Unmut, was Unsinn ist. Der Staat müsste Schüler, Schule und Lehrkräfte so oder so bezahlen. Tatsächlich spart er eher noch mit den Freien Schulen. Jedenfalls sind das keine Zusatzkosten, wie immer behauptet wird.

ABER und das ist wichtig! Wir sind trotzdem keine Reichenschule (das übernimmt die Leipzig International School für uns= das IST eine Privatschule) Da wir anerkannte Ersatzschule sind und keinerlei kommerziellen Interessen haben, übernimmt der Staat z.B. für ALG Bezieher das Geld. Ich habe als Klassenleiter in den letzen 6 Jahren genügend Anträge auf Bezuschussung für Klassenfahrten unterschrieben. In der sozialen Schichtung sind wir Durchschnitt (Lediglich der unterster Bereich fehlt, aber nicht aus finanziellen Gründen, sondern weil diese Eltern schlicht von der Möglichkeit ihre Kinder an unserer Schule zu schicken, kein Gebrauch machen), in unseren Abschlusszeugnissen nicht -:) (In Sachsen gibt es Zentralprüfungen …)

Übrigens steht unsere Schule nicht in einem Nobelviertel, sondern mitten in einer der größten Plattenbausiedlungen der ehemaligen Täterä (DDR)

Nun, keine Frage, es ist nicht alles nur schön. Als Ersatzschule müssen wir uns mehr an staatliche Vorgaben halten als andere Schulen. Und obwohl wir ein Schulzentrum sind, wacht Vater Staat scharf darauf, dass wir ja Realschule und GYM nicht vermischen.

Fehlt noch der Träger: Bistum Dresden Meißen „Hah ! Da isses“ werden jetzt einige sagen. Von wegen frei. Kann ich durchaus verstehen. Ich selbst bin aber nicht mal getauft. Und unsere Schule würde im Osten nicht überleben, wenn Religion Zugangsvoraussetzung wäre. Ansonsten sind wir auch an (manchmal leider) an Lehrpläne gebunden.

Dein Zitat hat mit uns also wirklich nicht zu tun.
Freie Schulen und Privatschulen trennen Welten.

Soweit!

Micha
Kürzer ging es nicht ....

Achtermann 06.09.2009 | 22:19

@ Micha

Hier ein Artikel-Ausschnitt aus der RheinPfalz von 8.7.09, der sich mit der Montessori-Schule in Landau befasst, die dort als „Privatschule“ gilt. Demnach geht es da drunter und drüber. Also kein leuchtendes Beispiel, das „Freie Schulen“ erstrebenswert erscheinen lässt:

>>Eltern früherer Schüler der vor neun Jahren gegründeten Einrichtung haben die Erfahrungen anderer Eltern abgefragt. „Die Ergebnisse sind erschreckend", heißt es in der Dokumentation dieser Fragebogenaktion. Rund 500 Kinder haben bislang in dem ehemaligen Militärbau an der Dörrenbergstraße Schulgeschichte geschrieben. 49 Fragebögen hat die Gruppe ausgewertet, 76 Geschichten kennt sie. Berücksichtigt seien Abgänge aus diesem Jahr sowie 2008 bis 2005. Viele betroffene Eltern und Kinder hätten versucht, oft in langwierigen Prozessen mit der Schule Lösungen zu finden, heißt es in der Dokumentation. „Sie fühlten sich meistens nicht gehört, unverstanden und oft sogar angefeindet."

Kritisiert werden unter anderem Unterrichtsmethoden, Kommunikationsverhalten von Lehrkräften und Schulleitung, Lerninhalte, Integration beeinträchtigter oder begabter Kinder. Die Eltern stehen zur Lehre von Maria Montessori, betonte Psychotherapeutin Susanne Schultz, eine Sprecherin der Gruppe, gegenüber der RHEINPFALZ. Aber in Landau werde sie nicht gelebt. Die Kinder verließen die Schule traumatisiert, sagt sie. Bis auf zwei habe keiner der Befragten den Abschluss gemacht, den er angestrebt hätte. Viele Kinder seien bereits in der Grund schule ohne Nachhilfe nicht weiter gekommen.

Gruß
Achtermann

Christian Füller 06.09.2009 | 22:21

@micha74
@achtermann
@kalla

bei aller fairness, aber dass man hier allen ernstes erklären muss, was eine freie und eine private schule ist, das hat schon was groteskes.

private schulen zu errichten ist ein grundrecht der deutschen - mit gutem grund. es gab da nämlich mal ein regime, liebe freitagsblogger, das schulen gleichschaltete. you remember?

so, jetzt kommt gleich der einwand: private schulen dürfen aber nicht zur sonderung der schüler nach den einkommensverhältnissen der eltern führen. (so stehts im gg, recht so.)

das wird hier den leuten wieder eingehämmert: die private schule macht das system ungerecht. ja, das ist eine gefahr.

anber darf ich mal drauf hinweisen: die deutsche staatsschule hat es fertiggebracht, die mit abstand ungerechteste schule der oecd zu erschaffen. und zwar, das ist wichtig, mit einer äußerst dünnen marge von privaten schulen.
ein kind von ärzten hat eine siebenmal so hohe wahrschenlichkeit zu chryselers zu kommen als ein arbeiterkind - bei gleichem iQ! der hammer.

d.h. die kmk müsste ihren eigenen schulen die zulassung verweigern - wegen verstoß gegen das sonderungsverbot. wieso fordert das hier keiner?

ja, meine herren, wie kömmts? wieso ist die staatsschule schon so ungerecht, wie sie es jetzt als teufelchen der privatschule an die wand malen? weil sie strukturell noch an der preußischen zwei-/bzw. dreiklassenschule leidet.

liebe karl-heinz, hier liegt, bei allem wissen, das du hier vorträgst, das tiefe loch in deiner argumentation: die schule IST SCHON UNGERECHT!

du hast ja jüngst im freitag so eine wackelpuddinghafte pisa-kritik formuliert. aber ohne pisa wüssten wir das leider gar nicht. deswegen: wir brauchen diese empirischen daten, um etwas zu unternehmen. und zwar müssen wir alle stellschrauben auf einmal bewegen:

andere schulstruktur (heinemann, füller), anderes lernen (micha74, füller, bildungswirt) und autonome schulen (füller, micha74 etc.) und d.h. automatisch weg mit der kmk-hoheit.

wir können diese freien schulen oder charterschools ja so stricken wie wir wollen. wir müssen nicht die nachteile aus den usa miteinschleppen! aber dazu müssen wir in den offenen diskurs - und die scheuklappen abnehmen, dass die neolibbe schule (mir gruselts bei dem wort) angeblich ungerechter ist als die staatliche. das wissen wir nämlich nicht. aber wir können sicherungen einbauen - wenn wir selbstbewusst sind.

aber nur dann.

pisaversteher

micha74 06.09.2009 | 23:03

@ Achtermann

Traurig, aber was willst du mir damit sagen? Das es auch schlechte Freie Schulen (oder Privatschulen) gibt? Keine Einwände, kenne selber welche. Das spricht nun aber nicht gegen die Idee von Freien Schulen. Der von dir angesprochene Zustand ist auch in (zu) vielen staatlichen Schulen traurige Realität. Aber, niemand wird die Rütli Schule in Berlin als Normalität staatlicher Schule begreifen, oder?

Ok, was hat das jetzt mit meinem Text zu tun? Mal zum Vergleich: Unsere "Quote" im Realschulbereich liegt bei fast 100 % Abschlüsse (Und wie gesagt, das bei Zentralprüfungen )und unsere Grundschule endsendet ca. die Hälfte ihrer Schüle an Gymnasien.
Nebenbei halte ich unsere Grundschule jetzt mal ganz unbescheiden für die Beste in LE. Der Ansturm ist enorm, wenn es schlecht wäre, hätte sich das schon rumgesprochen.

Das Problem ist: "Montessori" ist kein Markenname, jeder kann das machen. Wenn es dann am Geld (Es ist einer sehr materialintensive Schulform) bzw. am Know-How fehlt, kann es schnell Murks werden. Es gibt auch Beispiele für Montessori Hauptschulen (Köln glaube ich), die fast 100% Vermittlung ihrer Schüler in Berufe haben. Name reiche ich nach, wenn ich ihn finde.

Sicher, alternative Schulen können grausig sein, aber deswegen auf diese einmalige Chance verzichten?

@ Füller

Der Unterschied ist mir völlig klar. In der Diskussion ist mir nur wichtig, auf den rechtlichen und finanziellen Unterschied hinzuweisen.

Für Privatschulen kann ich mich in den meisten Fällen nicht erwärmen, weil es da eben wirklich oft eine Einkommensschwelle gibt. Das bleibt ungerecht, auch wenn die staatliche Schule in anderer Form sozialer Ungerechtigkeit Vorschub leistet. Das sympathische an Freien Schulen ist zudem, dass hier oft Eltern und Lehrer gemeinsam etwas Neues anfangen...

micha74

mklingma 07.09.2009 | 12:44

Hallo Herr Füller,
die Diskussion ist ja hier schon gewaltig fortgeschritten und hat tatsächlich - was in so einem schriftlichen Medium enorm schwierig ist - einige Aufklärung der zum Teil unterscchiedlichen Positionen gebracht.
Befreiend finde ich dabei zunächst einmal die Neufassung Ihrer Position, die für mich viel verständlicher ausgefallen ist als der ursprüngliche Artikel.

Lasst die Schulen los! Diese Überschrift hat mir gefallen, den folgenden Text fand ich zum Teil widersprüchlich (freie Schule mit cäsarenhaftem Schulleiter), zum Teil 'patentig' (Unterrichtsformen) und zum Teil auch grundsätzlich einer Denkrichtung angelehnt, die ich nicht teile (fit machen für die Lern- und Arbeitswelt von morgen). Ich will nochmals erläutern, ich erlebe, wie z. B. dieses Fitmachen sich am in der Tat neoliberal geprägten staatlichen Gymnasium heutzutage ausprägt. Sie sind nun etwas auf diese Thematik eingegangen, natürlich ist es eine wesentliche Aufgabe von Schule, Kompetenzen zu vermitteln, aber eben nicht nur zur Befriedigung externer Wünsche.

Nun finde ich es erfreulich, dass sich die Diskussion hier auf das Thema der freien Schulen zugespitzt hat. Micha74 hat hier sehr deutliche Positionen bezogen. Nachdem ich mich selbst nun seit Jahren in freien Kindergärten und Schulen engagiere (Schule wird noch zunehmen) und gleichzeitig am Gymnasium arbeite, bin ich mehr denn je davon überzeugt, dass Staat und Schule in unserer Zeit entflochten werden müssen. Entscheidungen, die die Schule betreffen, gehören in diese Schule verlegt, das ist eine ganz einfache Überlegung, und der Staat sollte sich darauf beschränken einen gesetzlichen und finanziellen Rahmen zu garantieren.

Auch ich bin der Ansicht, dass Gymnasien keine zeitgemäße Schulform darstellen. Ich habe selbst eine integrierte Gesamtschule besucht und vieles von dem was dort in den 70er Jahren praktiziert wurde, erscheint mir heute wie ein reformpädagogisches Wunderland. Dabei war die Gesamtschule natürlich auf ihre Art auch auf Separation angelegt, aber sie ließ doch zumindest den Kindern weitaus mehr Zeit und es wurden auch methodisch neue Wege gegangen, bis hin zum Verzicht auf Ziffernnoten in den unteren Klassen.
Trotzdem wird es Gymnasien noch eine lange Zeit geben, der erste Schritt wäre eben eine finanzielle und rechtliche Gleichstellung der freien Schulen (z. B. Prüfungsberechtigung), und dann würde man sehen, was für Schulen die Eltern sich für ihre Kinder wünschen.

tibu 07.09.2009 | 15:48

Ich danke Ihnen für diesen Beitrag, Herr Heinemann. Er legt den Finger auf eine Lücke, die in der bisherigen Argumentation klafft:
In der Tat werden wir uns wohl alle gemeinsam über das bestehende Schulsystem aufregen. Wieso jedoch muss daraus zwangsläufig die Kompetenz der Einzelschule ("autonome Schule") im geforderten Maß gestärkt werden? Die segregierende Wirkung dieses Ansatzes haben Sie bereits betont.
Stolz ist einer von vielen, der diesem Ansatz die "dezentrierte Ganztagsbildung" entgegensetzt. Eine Beschäftigung mit dieser Alternative kann ich nur empfehlen.

Chryselers 07.09.2009 | 18:41

Herr Füller, in aufgeklärten Zusammenhängen darf man sagen, dass da einer Blinddarm mit Hustensaft heilen will. Obwohl er trotz vieler Nachfragen nicht zeigen kann, dass der Hustensaft dem Blinddarm hilft. Hätt ja immerhin sein können.

In noch aufgeklärteren Zusammenhängen fängt dann jener an zu grübeln, ob Hustensaft nicht doch eher für Husten ist und der Blinddarm, wenn es denn nicht gut geht, mit dem Messer bearztet wird.

Sowas soll es schon gegeben haben und die Resultate sollen erstaunlich gewesen sein.

HL

h.yuren 08.09.2009 | 00:29

"Nochmal: Der Besuch einer Schule in Freier Trägerschfat (wie es so heißt) ist jedem Kind möglich."
ja, micha, das ist wohl wahr. ob er dann auch jedem kind zuträglich ist, steht auf nem andern blatt.
alleinseligmachend ist die angeblich freie anstalt sicher nicht.
mein ideal ist die abschaffung der schulen, weil sie noch immer ein abbild einer widerlichen gesellschaft sind. ich setze also die schaffung einer anderen gesellschaft an die erste stelle, nicht das vergebliche bemühen um eine schule, die etwas besser ist als der durchschnitt.
die neue gesellschaft wird noch in diesem jahrhundert wirklichkeit oder aber es wird weder schulen noch eine gesellschaft geben.
füller und gegner streiten um ein abbruchreifes system. zukunftsfähig wäre etwas anderes.

h.yuren 09.09.2009 | 00:53

@micha
du musst irgendwas missverstanden haben, lieber micha.

@mklingma
mir geht es um die abschaffung des comeniusbackofens, in dem besser 100 als 20 brote gebacken werden. comenius hatte die idee (neben vielen anderen besseren), nach einem anerkannten didaktischen verfahren, das ein paar kinder bildet, gleich zig kinder zu bilden, wie der bäcker in einen ofen 2 oder 20 oder 100 brote schieben kann.
diese fabrik besteht noch immer.
aber comenius war ja pädagoge.
vom frotzelwort "frontbeladung" ausgehend bietet sich ein anderes vorbild oder muster an: die brigade oder militärische einheit beliebiger größe. der hauptmann oder die hauptfrau kommandiert den haufen zu lernzielen. das vorgehen ist akribisch ausgearbeitet und wird fortlaufend überarbeitet. das oberkommando liegt in der hand der zentrale (km). dort haben vor allem juristen und finanzfachleute das sagen.
am andern ende stehen die eltern der schulkinder und üben sich in ahnungslosigkeit oder ehrgeiz. aber es gibt auch schlimmeres.
die kriegsgesellschaft kann nichts besseres leisten.
ich verstehe, dass manche leute nicht das ende dieser gesellschaft abwarten wollen/können. wenn die ungeduld und liebe positives erreichen, dann ist das die ausnahmeschule für wenige.
"Worum geht es dir?"
mir geht es um die menschenwürdige förderung aller kinder dieser erde. (das ist comenius). meine idee ist aber keine herkömmliche schule, sondern ein "Kinderhaus". kinder wachsen darin zu ganzen menschen heran, lernen das meiste selbsttätig, umgeben und gefördert von kinderfreundlichen eltern, pädagogen, psychologen und anderen leuten mit besonderen fähigkeiten.
mehr einzelheiten später.

micha74 09.09.2009 | 18:23

@ h.yuren

Ich habe da nix falsch verstanden. Ich kann nur mit dieser Einstellung "Wenn nicht alles gleich geht, bringst alles nix." einfach nichts anfangen.

Was dir vorschwebt in allen Ehren, aber was geschieht bis dahin? "Kinderhaus" - übrigens eine DER zentralen Ideen von Montessori.

Alleinseligmachend? Ja mein Gott! Wenn DAS der Anspruch ist, tja dann wird es wirklich schwierig. Ich glaube auch nicht, dass Schulen immer Abbild der wichauchimmerbösen Gesellschaft sind. Auch da gibt es genügend Schulen, die sich Strukturen und Aussortierungsmechanismen entziehen. Die staatlichen Schulen werden dies, jedenfalls in absehbarer Zeit, jedenfalls nicht leisten.

Und letztlich. Bitte: Warum nicht mal selber anfangen? Bürgerinitiative gründen, Schule gründen, zumindest darüber diskutieren. Möglichkeiten im hier und jetzt ausloten.
So weit

micha

Christian Füller 09.09.2009 | 18:47

@chryselers #frontalvergottung

wollte mal nen spot leifern von der zukunftsdebatte, die hl und josef kraus hier mit ihrer frontalvergoittung verstopfen - lernen2.0. schon mal gehört?

"Vor wenigen Wochen hat die amtierende Ministerin Annette Schavan es wiederholt, [dass jeder schüler einen laptop bekommen sollte].

FRAGE: Meint sie es ernst?

OLAF KLEINSCHMIDT: Ich habe meine Zweifel, ob das bei der Politik eine wirkliche substanzielle Strategie ist - oder nur ein Werbegag, mit dem man sich in die Presse beamt. Es gibt Indizien, dass Laptops für alle nicht gewollt sind, weil es ein paar starre bildungspolitische Haltungen infrage stellen würde.

Welche Haltungen meinen Sie damit?

Erstens würde es auch in Deutschland geradezu eine Provokation für den herrschenden Frontalstil sein, wenn wir plötzlich jedem Schüler ein Netbook in die Hand drücken. Frontal und Netbook - das beißt sich. Zweitens würde die verkrustete Schulstruktur infrage gestellt.

Durch Netbooks? Wie das?

Frau Schavans Bildungsministerium hat eine Studie gefördert. Darin ist en détail ausgeführt, dass selbst HauptschülerInnen in Netbookklassen selbstständig grundlegende Medienkenntnisse und Fertigkeiten erwerben, die sie im Unterricht motivieren.

Das Netbook als Messias! Sie übertreiben …

… nein ich zitiere aus der Studie "Medienhandeln in Hauptschulmilieus" von 2009. Darin steht: Die Tatsache, dass sich die Schüler untereinander unterstützen, bietet gerade für HauptschülerInnen gute Möglichkeiten, sich selbst Fähigkeiten zu erarbeiten und das eigene Wissen zu erweitern. Es ist für sie ein selbstverständlicher Weg, um weiterzukommen. In der pädagogischen Arbeit sind es daher die Methoden der Gruppenarbeit, die das Lernen von Peer-to-Peer ermöglichen. Der besondere Wert dieser Arbeitsformen liegt darin, dass die Heranwachsenden selbst als ExpertInnen zu Wort kommen, sich also als kompetent erleben. Die Gruppenarbeit bietet auch die Chance, die Fähigkeiten in der weiteren Sozialwelt einzusetzen.

www.taz.de/1/zukunft/wissen/artikel/1/schule-und-computer-sind-sich-fremd/

grüße pisaversteher

wwalkie 09.09.2009 | 19:05

Michas optimistisches "Selber anfangen!Schulen gründen!" erinnert mich in seiner Herrschaftsvergessenheit an die Anfänge der alternativen Betriebe (Schreinereien, Fahrrad"manufakturen", "Grüne Läden" u.ä.m.) Die meisten sind entweder vergangen oder von Größeren geschluckt (denken wir an die knallharten Bioketten). Es waren im Grunde "Soziallabors", die den Großen ökonomische Erfahrungen "ersparten" (im ökonomischen Sinne") und die Menschen an Selbstausbeutung gewöhnten (für eine bessere Sache, versteht sich).

So ist es auch mit den "Freien Schulen" (in gar nicht so freier Trägerschaft zumal). Wie kleine Fische sondieren sie das Gewässer. Ihre "Freiheit" (auch die, sich selbst auszubeuten) währt, bis die Haie kommen - und zwar bald.

Was mich betrübt, ist, dass die Geschichte der sozialen Bewegungen mittlerweile vergessen zu sein scheint. Auch ein Resultat der "Verschlankung von Bildung".

@h.yuren. Interessant, dass du militärisches Denken im gegenwärtigen pädagogischen Diskurs entdeckst. Mir geht seit einiger Zeit des Bild des Feldherrnhügels nicht aus dem Kopf. Die Bildungs"experten" schauen mit ihrem Fernrohr auf das rauchende Schlachtfeld und verschieben die Einheiten. Fördereinheiten ins Gemeinschaftsbataillon, dafür Auflösung anderer Gefechtsgruppen. Das kann ganz schön chaotisch werden - es sei denn, Führungsoffiziere kommandieren ihre Einheiten mit eiserner Hand, wie es Obrist Füller vorschwebt.

Christian Füller 09.09.2009 | 19:18

@walkie
@yuren

leute, ihr diskutiert unfair. es ist EUER modell, die kinder weiter still(stehen)sitzen zu lassen und von vorne vollzuladen. dass walkie und yuren das nun dem "obristen füller" rüberschieben, also das hat stil!

yuren wrote: vom frotzelwort "frontbeladung" ausgehend bietet sich ein anderes vorbild oder muster an: die brigade oder militärische einheit beliebiger größe. der hauptmann oder die hauptfrau kommandiert den haufen zu lernzielen. das vorgehen ist akribisch ausgearbeitet und wird fortlaufend überarbeitet.

walkie wrote: Fördereinheiten ins Gemeinschaftsbataillon, dafür Auflösung anderer Gefechtsgruppen. Das kann ganz schön chaotisch werden - es sei denn, Führungsoffiziere kommandieren ihre Einheiten mit eiserner Hand, wie es Obrist Füller vorschwebt.

Chryselers 09.09.2009 | 19:31

@ Herr Füller,

ich las jüngst in der FR von einer Studie aus Ami-Land: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Computer im Unterricht und Lernertrag.

Und, bevor Sie weiter sticheln, machen Sie sich mal schlau. Einfach mal so. Über Unterrichtsmethoden. Wenn Sie wollen, dann stelle ich Ihnen auch ein kleines Literaturpaket zusammen, damit Sie so ungefähr auf dem Stand eines Lehrerstudenten nach dem Grundstudium sind. Ist nicht viel.

So geht das nämlich wirklich nicht: Sie schreiben sich hier doch um Kopf und Kragen. Und, ernsthaft, das muss nicht sein. Mit sowas wollen Sie ja schließlich Ihre Brötchen verdienen, mir dagegen kann das alles egal sein.

Ein Beispiel: Nach viel beachteten umfangreichen Sekundäranalysen weltweiter Untersuchungen über Unterrichtsformen und Lernertrag meint Wellenreuther www.leuphana.de/martin-wellenreuther.html zeigen zu können, dass die "direkte Instruktion", lehrerzentrierter geht es nicht mehr, den höchsten Lernertrag ergibt. (Kann ja falsch sein...)

Sowas muss man wissen, sowas muss man kennen, sonst ist man halt nur irgendein Journalist, der auch sonst nichts weiß.

Machen Sie das mal.

HL

Bildungswirt 09.09.2009 | 19:37

Habe im Moment einen neuen Beitrag zur pädagogischen Dimension unserer Debatte eingestellt
www.freitag.de/community/blogs/bildungswirt/selbstreflexionen-eines-lehrers

Die organisationspolitische Seite der Debatte scheint mir zurzeit völlig festgefahren.
Hier bedarf es noch einiger "Neuladungen" von anscheinend schon bekannten politischen Feldern wie KMK, zentrale Prüfungen als Sogwirkungen für Unterricht, Föderalismusstreit und Stillhalteabkommen. Hier sehe ich bei vielen Diskutanten enorme Informations- und Hintergrunddefizite. Ich hatte die Debatte bisher so verstanden, dass wir alle diese Felder angehen, aber step by step.
Gruß BW

mklingma 09.09.2009 | 19:39

Hallo h.yuren,
die Idee vom Kinderhaus hört sich gut an, bleibt aber doch noch sehr vage.
Was mir aufstößt ist der Satz: "kinder wachsen darin zu ganzen menschen heran, ..."

Hierzu ein Zitat von Marshall B. Rosenberg: Er beschreibt ein Experiment, in dem zwei Gruppen jeweils einen Konflikt dialogisieren sollten, die eine Gruppe zwischen Erwachsenem und Kind, die andere zwischen Erwachsenen. "Das verdeutlichte den Personen in diesen Gruppen, schmerzhaft, wie einfach es ist, jemanden zu entmenschlichen - durch diesen simplen Vorgang von einem anderen Menschen zu denken, er oder sie sei ein 'Kind'." (M. B. Rosenberg: Kinder einfühlend ins Leben begleiten. Einleitung)

Bildungswirt 09.09.2009 | 19:52

Noch einige Fakten für die Diskussion, ich kann mich hier nur wiederholen.(Vielleicht bekommen wir doch noch die Kurve - oder doch festgefahren?)
93% öffentliche Schulen
7% Privatschulen, davon die Mehrheit als "Ersatzschulen" (zu 75% staatlich finanziert und bildungspolitisch kontrolliert)

Warum werden den Nebenschauplätze so aufgepumpt?

Warum immer gleich mit der Keule, wenn ein paar Leute aufbrechen und etwas Neues probieren wollen? Selbst wenn sie scheitern sollten (die Chancen auf Erfolg sind mindestens ebenso groß) - na und? Gehört das nicht zu einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung?

Im europäischen Ausland schütteln sie nur den Kopf über unsere Geisterdebatten. Wer hat Angst vor schwarzen Mann "Privatschulen".

Noch etwas zum ständigen Vorwurf der Privatisierung des öffentlichen Schulwesens oder gar zum Ausverkauf.
Die Selbstverantwortliche Schulen (oder wie auch immer wir sie nennen wollen) sind:
a) freiwillig, bedürfen der Zustimmung durch die Schulkonferenz bzw. Gesamtkonferenz
b) sind 100% staatlich finanziert.(es geht also nicht um irgendwelche Drittmittel etc.)
c) kommen durchaus auch ohne die Fata Morgana "starke Schulleiter" aus.

Gruß BW

micha74 09.09.2009 | 21:56

@wwalkie

Besten Dank für die gönnerhafte Belehrung, war mir alles gaaaanz neu.

Sie haben zwar keine Ahnung von( Freier) Schule, aber das brauchen sie bei Ihrem Überblick natürlich auch nicht. Dass Freie Schulen seit Jahrzehnten Gegenentwürfe liefern - Schnurz! Im großen Malstrom der Geschichte unbedeutend und sinnlos. Dass optimistische Bürger versuchen (mit Erfolg), sich dem Bildungswahnsinn dieses Staates (der Industrie) zu entziehen Realitätsfremder Idealismus.

Hier ein paar schlaue Sätzchen in die Runde werfen, was soll das? Können Sie mal konkreter werden? Wie viel freie Schulen sind denn schon geschluckt wurden? Woran erkennen Sie, dass bald weitere Schulen folgen werden. Wenn es geht bitte mit Name und Adresse. Woran (bitte wieder an Beispielen) machen Sie fest, dass Freie Schulen gar nicht so frei sind. Oder haben Sie dafür gar keine Belege? Is das alles nur Gedankengebäude aus dem Ideologie- und Schwafelbaukasten.. Für alle und alles anwendbar. Bildung, Wirtschaft, Emanzipation, Umwelt … Kein Problem, passt immer. Das große Ganze immer im Blick.

Auf der einen Seite immer dieser moralische Apell, die ganz große Forderung. Und die Kinder von heute, morgen und übermorgen? Lohnt es sich nicht für die zu streiten und sich zu engagieren? Auch wenn dies das System nicht änder wird? Wo soll den die kritische Masse von Menschen herkommen, die uns dereinst in die lichte Zukunft führt?

Was ist denn ihr Masterplan für unser Bildungssystem im Hier und Heute? Abwarten und Teetrinken und mit paar Texten die Revolucion herbeischreiben?

Mit Hoffnung auf Antwort meiner diversen Fragen, verbleibe ich freundlichst …

Micha74

wwalkie 10.09.2009 | 19:41

Meine "weisen" Bemerkungen müssen Sie ja stark geärgert haben. Es scheint da ein generationelles Problem zu geben. Ihre Reaktion erinnert mich inhaltlich an die meines Vaters (bis in die Diktion) auf die zugegeben sehr naiven Vorstellungen seines Sprösslings. Das spiegelt sich im schulpolitischen Handeln der Kollegen: die Kollegen Ihrer Generation sind eifrige "Er-Füller" des Bertelsmann-Masterplans, die ganz jungen Kollegen (Referendare) wiederum stehen mehr auf meiner Linie - schon bizarr,aber Bourdieu wieder einmal bestätigend.

Die Mißverständnisse beginnen schon da, wo ich unter "freier Schule" an libertäre Schulen (von unten!) denke, die ich heute äußerst kritisch sehe, Sie aber, was mir völlig unverständlich ist, "staatlich anerkannte Ersatzschulen" als "freie Schulen" betrachten, in kirchlicher Trägerschaft (und das im atheistischen Osten, völlig selbstlos!), von der Staatsknete lebend, sich die Lehrer bezahlen lassend, nach den Lehrplänen des Freistaates Sachsen unterrichtend, dies allerdings in Freiarbeit.

Zwar müssen auch die Eltern blechen, aber das ist hinnehmbar. Was sind schon 80 Euro für Niedriglöhner! Aber so viele Schüler aus den "Unterschichten" haben Sie nicht, viele Kinder mit "Zuwanderergeschichte" (wie man jetzt flockig sagt) in Sachsen wohl auch nicht. Ihre Grundschule ist auf dem Markt heiß begehrt. Was geschieht mit den Abgewiesenen? Nach Ihrer Apologie müssten sie in eine andere "freie Schule" - oder in die staatliche "Restschule", die böse halt.

Was bleibt, ist die Methode, Montessori also. Nun, da sind Sie in "guter" oder "schlechter" staatlicher Gesellschaft.

Wie's mit den Arbeitsbedingungen der Lehrer, dem Gehalt, dem moralischen Druck zur Selbstausbeutung aussieht, das können Sie besser beurteilen.Da Sie ja keine richtige "freie Schule" sind, zahlt Ihnen der Staat sicherlich die üblichen Gehälter. Und da die Kirche Ihr "Arbeitgeber" ist, werden Sie auch gute Lernwelten haben. Dafür sind die Kirchen in der Tat bekannt. Warum schafft das der Staat nicht?

In unserer Region gibt es ähnliche "freie Schulen", sehr beliebt bei den Mittelschichten (ob die konservative oder einst alternative Fraktion). Sie haben es dort nicht mit den vielen Migrantenkindern zu tun. Was natürlich nicht die Beschulung einiger Vorzeige"ausländer" verhindert - im Gegenteil. Für diese zahlt man gerne ein bisschen mehr in die Kasse des Fördervereins. Die Lehrer werden allerdings schlechter bezahlt. Motiviert aber (s. Hartz IV).

Zurück zu meinem Vater: Auch der warf mir (uns) Ideologie, Schwafelei vor und sprach vom "Engagement" der "Bürger". "Masterplan" war noch nicht im Duden. "Idealist" aber hatte er immer - Relikt aus seiner Jugend - auf den Lippen. "Es gibt keinen Idealismus mehr"! Wie oft habe ich das gehört. Von Bachelors und Mastern und militärstrategisch aufgestellten Bildungseinheiten unter straffem Kommando, nach denen Schulen genannte Schulleiter in permanent kontrollierter Autonomie die Ziele der Wirtschaft implementieren, will ich seitdem nichts mehr hören.Auch im Interesse unserer Kinder und Jugendlichen nicht!

Und so wie Sie die marxistischen Durchblicke nicht mehr hören und lesen können, mag ich es nicht mehr, zum X-ten Male von den ach so positiven "Gegenentwürfen" der Schulreformusbewegung(en) zu lesen, von der deren Kritiker ja keine "Ahnung" haben. Ach, junger Mann, wenn Sie wüsten ...Aber von Montessori und ihrem Duce haben Sie schon gehört?

micha74 10.09.2009 | 22:29

@ wwalkie

Tja - da haben Sie mich jetzt erwischt. Ignoranz ärgert mich wirklich gewaltig, auch nach 20 Jahren Wende bin ich nicht cool genug, dass mit oberschlauer Rhetorik zu kaschieren. Und ich erinnere Sie an Ihren Vater? Sogar bis in die Diktion?

Nachprüfen kann ich das natürlich nicht. Ist auch egal, weil es nix zur Sache beiträgt, aber es klingt natürlich schön. Und immer weiter wie im ersten Text, immer schön von oben herab. Auch sonst, viel Empörung: Beweise keine. Sie wissen doch gar nicht, wie viel Harz IV Empfänger wir haben. Auch egal. Hauptsache dialektisch.

Dass Montessori und der Duce erst am Ende kam, hat mich gewundert, dass hätte ich Ihnen gleich am Anfang zugetraut. Soll ich jetzt gegen diese Lächerlichkeit argumentieren? Erscheint mir eigentlich sinnlos. Ihre Meinung steht fest. Bei Bedarf aber gern. Ich muss da unsere Konservativen im Osten denken, die immer gegen das gemeinsame Unterrichten sind, weil das ja auch die böse DDR gemacht hat.

Freie Ersatzschulen sind nicht frei(er): Erklärung? Keine.

Staatsknete ist böse? Warum das jetzt? Erklärung? Keine.

Schulen in kirchlicher Trägerschaft= böse. Warum? Nix.
(Sie machen mir selbst einen recht religiösen Eindruck ...)

Zitat:
„Von Bachelors und Mastern und militärstrategisch aufgestellten Bildungseinheiten unter straffem Kommando, nach denen Schulen genannte Schulleiter in permanent kontrollierter Autonomie die Ziele der Wirtschaft implementieren, will ich seitdem nichts mehr hören“

Ach bitte können sie einmal nur EINMAL konkret werden? Bitte! BEWEISE!!! Ich würde gern wissen, wo ich Ziele der Wirtschaft implementiere?

Zitat:
„Und so wie Sie die marxistischen Durchblicke nicht mehr hören und lesen können mag ich es nicht mehr, zum X-ten Male von den ach so positiven "Gegenentwürfen" der Schulreformusbewegung(en) zu lesen, von der deren Kritiker ja keine "Ahnung" haben. Ach, junger Mann, wenn Sie wüsten ...“

Sorry ich weiß nicht! Ach bitte lassen Sie mich trotzdem an Ihrer Erfahrung teilhaben.

micha74

mklingma 11.09.2009 | 00:50

Also Micha74, wwalkie und h.yuren,
man kann sich auf den Standpunkt stellen, für die heute lebenden Kinder etwas zu tun, auch als Lehrer, sowohl an einer sogenannten Freien Schule, sei sie in kirchlicher oder sonstiger Trägerschaft als auch (möchte ich behaupten) an einer 100% staatlichen Schule. Zwar sind die freien Schulen nicht ganz frei und sprechen auch jeweils ein bestimmtes Klientel an, trotzdem halte ich es für verdienstvoll, an einer existierenden Schule für ganz konkrete lebendige Menschen etwas zu tun. Ich halte dieses konkrete Tun, im Sinne des sich Einsetzens für die Lebenschancen lebendiger Menschen, für einen Akt tätiger Nächstenliebe, und Liebe zu seinen Mitmenschen ist vielleicht sogar das Wichtigste, was einen so genannten guten Lehrer auszeichnet.

@bildungswirt
Viel wichtiger als alle Fragenkataloge.

@wwalkie, h.yuren
Natürlich kann man sich auch guten Gewissens auf den Standpunkt stellen, dass alle bisher geäußerten konkreten Handlungsoptionen inkonsequent sind, auf die eine oder andere Art. Das muss jeder für sich entscheiden.

Mich persönlich interessiert allerdings weder der perfekte Lehrer sonderlich, noch die radikal kritische Haltung; mich interessieren am meisten die Erfahrungen der Leute, die konkret etwas unternehmen im Sinne der genannten tätigen, liebevollen Zuwendung zu lebendigen Menschen.

h.yuren 11.09.2009 | 00:52

micha: "die Idee vom Kinderhaus hört sich gut an, bleibt aber doch noch sehr vage."

mklingma:

lieber micha, mehr details auf www.weltwissen.com
das alles-oder-nix ist eher die zielvorstellung der banker und militärs, meine ich. jede/r nimmt sich das vor, was er/sie leisten oder verantworten kann.

lieber mklingma,
danke für dein verständnis dessen, was ich zu missverständlich geschrieben hab. kinder sind natürlich menschen, von denen die erwachsenen lernen können. die ganzen menschen betone ich als gegenbegriff zu den teilmenschen, die schon schiller sah. heute sind sie überall. hat mit dem fortschritt zu tun. teilhabe, das versprechen der bildungsanstalten, findet im allzu wörtlichen sinn statt. man sieht zu wenig oder zu oberflächlich, nicht das ganze. menschheitsvergessen nenn ich das.
hat aber auch viel mit unserer schulbildung und der lebensweise zu tun. man muss sich beizeiten spezialisieren und möglichst angepasst leben.

Bildungswirt 11.09.2009 | 01:13

Da mehrere Diskutanten hier und gleichzeitig bei "Der gute Lehrer - ein Phantom?" hin und her springen, die Diskussion Zerflederungsgefahren ausgesetzt ist, will ich meinen letzten Kommentar (als Reaktion auf Blogger yuren) auch hier einstellen. Dann brauch' ich mich wenigstens nicht mehr wiederholen.

Lieber h.yuren,
ich gebe selten Diskussionen verloren - hat keinen Zweck mehr, völlig durchgeknallt, vermint. Bin öfter mal selbst beim Minenräumdienst beschäftigt.

Dennoch beschleicht mich dieses Gefühl: pädagogisches Absurdistan im Freitag:
Der neoliberale Klassengeisterfeind in vielen Masken entert systematisch die öffentlichen Schulen, bezahlt mit raffinierter Strategie die TUI-Journalisten, allen voran den "Obristen Christian Füller", Deckname PISA-Versteher.(Auch JA gehört wahrscheinlich zu den neoliberalen Geheimbündlern mit verordneter linksliberaler Maske; die Sekte Linksaufklärer mit Stasischulung will sich darum kümmern).
Die von "guten Lehrern" ausgebildeten "nützlichen Idioten" melden sich freiwillig für den kosumptiven Untergang, gar nach Afganistan, heuern in der Angie-Truppe an, alles verraten und verkauft, selbst die eigene Großmutter.

Doch der Messias der linksgeballten Aufklärungen ruft uns zu: "Es ist bald vorbei mit der kriegsgesellschaft und der dazu passenden schule. wir werden es erleben. die zeichen stehen schon auf sturm."

Ich verrate dir etwas. Als ehemaliger Elitestudent christlicher Prägung besitze ich wie wenige besonders Erwählte einen heißen Draht zu Petrus (er lebt unter uns! Stell dir das vor wie das "rote Telefon"). Zusätzlich, da ich den Christen alleine als welterlösende Kraft nicht ganz traue, (aber dennoch angetan bin) unterhalte ich als langjähriger Indienfahrer auch Buddha-Connections, genauer gesagt mit der 9. Inkarnation.
Petrus als auch Buddha sagten mir unisono, dass die "Zeichen nicht auf Sturm" stehen, eher mit einer 20-jährigen bleiernen Zeit zu rechnen sei. Ich solle als Bildungswirt also ruhig so fortfahren, mir das aber mit dem Freitag doch nochmal überlegen. Ich versprach beiden Erleuchteten (kleiner Vorgeschmack in: "Als Black Magic Woman erwachte") dass ich gründlich unter meinen Bodhibaum nachdenken würde.

Neben meinen geliebten OM (einfach etwas tiefer als das christliche Amen) und meinem Sondermantra "Die reine Vernunft gebier die Ungeheuer" fühle ich mich immer wieder ein in das tiefe B meines Tenorsaxophons. Ohne dies wäre der Wahnsinn der Welt schwerer auszuhalten.
Freundliche Grüße
Michael Miller / Bildungswirt

mklingma 11.09.2009 | 11:30

Hallo Bildungswirt,
ich finde, du siehst diese Diskussion zu negativ. Immerhin sind einige Standpunkte deutlich heraus gearbeitet worden, und es gibt Ansätze für gegenseitiges Verstehen und Anerkennung für die Standpunkte anderer, was bei dieser Form der Kommunikation alles andere als einfach zu erreichen ist.

Ich kann h.yurens Argumentation sehr gut folgen und sehe hier eine ernsthafte und lohnende Auseinadersetzung, auf der Basis gegenseitigen Respekts.

wwalkie 11.09.2009 | 14:13

Also dann konkret:

a)Wie hoch ist der Anteil der Kinder von Hartz IV-Empfängern an Ihrer "freien" Schule? Ich meine, bei Ihnen gelesen zu haben , dass Sie in der Tat proportional weniger "Unterschichtskinder" (ah, diese Wörter!) haben. Wer bezahlt ihren Schulbesuch? Der Förderverein? Die Stadt? Die Kirche, Ihr "freier" Arbeitgeber? Oder doch der Staat?

b) Wie hoch ist prozentuale Anteil der Kinder aus Migrantenfamilien?

c) Nach welchen Kriterien werden Kinder von Ihrer Grundschule abgewiesen? (Noten? sozialer Status?)
d) Wie hoch ist der Anteil an Kindern aus der Oberschicht und Mittelschicht?

e) Entspricht Ihr Gehalt dem der Kollegen an "unfreien" staatlichen Schulen? Arbeiten Sie mehr? Gibt es Phänomene wie Präsentismus und Selbstausbeutung? Wie ist die Altersstruktur des Kollegiums? Wie laufen die wichtigen Entscheidungen ab? Top-down oder basisdemokratisch, wie in richtigen "freien Schulen" üblich?

Übrigens habe ich selbst einmal 15 Jahre nach Montessori gearbeitet und denke, ich weiß, wovon kritisch schreibe.

Womit wir doch wieder im Politischen landen. Meinen kleinen Passus zur Instrumentalisierung des reformspeechigen Jargons der Eigentlichkeit durch die knallharten neoliberalen Bildungsideologen und -politiker haben Sie wohl nicht verstanden. Kommt vor (selbst bei "Durchblickern"). Ich bin manchmal etwas zu ironisch.

Gestatten Sie mir. dass ich nicht am konkreten Beispiele "beweise", wo Sie Ziele der Wirtschaft implementieren. Schaff' ich einfach nicht. Aber dass Sie es tun, sollte eigentlich jeder Lehrer wissen (ist sozusagen das kleine politisch-ökonomische Einmaleins). Naivität ist sympathisch, aber... Damit bin ich bei meiner Hauptfrage: Was ist eigentlich das Besondere an Ihrer Schule? Was machen Sie, was "unfreie" staatliche Schulen nicht machen? Wie gesagt, Freiarbeit ist ein "alter Hut". Schon lange an allgemeinen Schulen "synthetisiert".

Finalmente. Wieso bezeichnen Sie die Affinität Montessoris zum stato corporativo als "lächerlich" - ach, Sie meinten wohl meinen Hinweis darauf. So pflegt
MAN zu reagieren, als Montessori-Schüler,als Steiner-Adepten, Petersenschüler, Heideggerschüler ...

So viele Fragen, so viele Antworten?

Bildungswirt 11.09.2009 | 19:43

@chryselers
Du kennst den Witz vom Beamtenmikado? - wer sich zuerst bewegt, hat verloren.
Die eifrigen Klassenbuchführer mit ausgeprägter Häkchenkompetenz, nicht zu vergessen - das rote Lehrernotenbuch - verwechseln hier etwas. Es geht um guten Unterricht, Schülerinteressen, Bildungsgüter, Lernatmosphären ... und nicht um Klassenbücher, das ist was für pädagogische Ärmelschoner.
Gruß BW

Bildungswirt 11.09.2009 | 21:00

@chryselers
"@ BW:Ich kenne diese Niederlagen durchaus. Und deshalb langsam und dicke Bretter. Und allen misstrauen, die sich zu schnell bewegen."

Glaube ich dir, über Niederlagen könnten wir sicher ein neues Buch schreiben..."dicke Bretter bohren..." (Max Weber) ist gut, wenn man weiß, welche.

Zu schnell? Bedenke, du gehst bald in Pension, also ganz so viel Zeit haben wir nicht.(auch nicht bei der Lehrkunst-Didaktik)
Zu Beamtenmikado und CC-Mitzeichnungsseuchen könnte ich den ganzen Abend erzählen, sicher auch zu den Schaumschlägern des Neoliberalismus. Nur darum geht es mir nicht. Begreife die zahlreichen bildungspolitischen Beiträge von mir im Freitag als Gesamtaussage.
Bei "Selbstreflexion eines Lehrers" drückst du dich. Das sollten wir aber , falls nötig, dort diskutieren...
Gruß BW

Chryselers 11.09.2009 | 21:24

@BW: Wer zur Lehrkunsttruppe gehört, hört mit der Pensionierung nicht auf;-)) Ich habe durchaus noch Pläne, im Moment schreibe ich dran: In HH steht sie jetzt im Politik-Lehrplan. Und so viele gibt das nicht, die das drauf haben, obwohl, ich hatte auch einige äußerst vorzügliche Studenten.

Ich versuche gerade, diese Langsamkeit zu organisieren.

Zu Deinen Beiträgen: Da lese ich gerade bei Terhart, dass man den "guten Unterricht" nicht genau beschreiben kann, dass die Empiriker _den_ "guten Lehrer" gar nicht beschreiben können, und Du setzt genau dadrauf.

Das irritiert dann schon.

Und ein Beamtenmikado-Resultat habe ich gerade gestern gehabt, ich hab was anders gemacht als ein anderer. Ich soll das aber nicht so machen. Ich habe nichts gesagt, es einfach hingenommen, es erreicht eh keinen;-((

HL

Achtermann 11.09.2009 | 22:17

Ein Hinweis für die Privatisierer des Bildungswesens, die sich mit ihren Forderungen politisch links wähnen und denjenigen, die das Bildungswesen als öffentliche Aufgabe betrachten, vorwerfen, sie seien diejenigen, die den potenziellen Bildungshorizont der ihnen anvertrauen Zöglinge systematisch verkrüppelten.

Im Wahlprogramm der Freien Demokratischen Partei (FDP) werden bildungspolitische Forderungen erhoben, die sich von denen, die hier der Privatisierung das Wort reden, in nichts unterscheiden.

Zitat:

„Die FDP setzt sich für fairen Wettbewerb zwischen den Schulen in staatlich-kommunaler und freier Trägerschaft ein. Schulen in freier Trägerschaft sind nicht Ersatz oder bloße Beigabe des staatlichen Schulsystems. Sie sind Garanten von Wahlmöglichkeit, Vielfalt und Wettbewerb um die besten pädagogischen Konzepte. Noch immer werden Schulen in freier Trägerschaft durch vielfältige Hindernisse gehemmt. Die FDP tritt für die Abschaffung dieser Ungleichbehandlung ein. Wir wollen faire Chancen bei der Finanzierung von Schulen in freier Trägerschaft. Insbesondere im Grundschulbereich muss eine gleiche Wettbewerbssituation sichergestellt werden. Unser Bildungssystem kann von Schulen in freier Trägerschaft nur profitieren und die ansteigende Nachfrage von Seiten der Eltern an diesen Schulen zeigt ihre Qualität. Dies wollen wir Liberale weiter fördern.“

Immer wenn dieser Typus die dem Neoliberalismus huldigenden politischen Inhalte verkauft, also Konkurrenz schürt, wird so getan, als sei das solidarische Miteinander gefährdet, weil der „faire Wettbewerb“ und die „fairen Chancen“ nicht gegeben seien.

Zurecht hat Karl-Heinz Heinemann im Zusammenhang mit der Privatisierung der Schulen (Charter-Schools) auf den Ökonomen Milton Friedmann verwiesen, einem Wirtschaftswissenschaftler aus dem Kreis der „Chicago Boys“, deren Wirtschaftstheorie des freien Kapitalismus (der Markt wird’s richten) nach dem Sturz Allendes in Chile umgesetzt worden ist.

micha74 12.09.2009 | 00:49

Zur Implementierung:
Da bin ich jetzt enttäuscht. Dass die Schule in erster Linie hörige Sklaven für die Industrie bereitstellt, ist ja hier bei vielen Bloggern ausgemachte Sache. Und wenn ich diesen Sachverhalt nicht sehe, bin ich also naiv? Also Sie können es zwar weder erklären noch sonst wie belegen, aber der Sachverhalt ist so eindeutig, dass sogar ganz verbohrte Idealisten wie ich es verstehen müssten. Richtig? Irgendwie nicht überzeugend.

zum Duce: Lächerlich finde ich die Verstrickung Maria Montessoris im italienischen Faschismus mit Sicherheit nicht. Dies nun aber als Argument gegen Feie (Montessori) Schulen ins Feld zu führen, ist demagogisch. Dass Montessori (zu) lange glaubte, im Duce einen Gefolgsmann zu sehen, dass sie gegenüber den „Verheißungen“ der Faschisten anfällig war, kann und muss man ihr vorwerfen. Klar ist aber auch, dass Montessori 34 das Land verlassen musste, dass ihre Schulen in Italien und später Deutschland geschlossen wurden. Wichtiger noch: Spiegeln sich in der Montessoripädagogik offen oder versteckt faschistoide Weltbilder oder Erziehungsziele? Ich wüsste nicht welche. (Ok ich habe bloß an so einer Ossiklitsche Geschichte studiert, liegt wohl daran) Alle wesentlichen Bestandteile faschistischer Erziehung spielen bei Montessori keine Rolle. Sie sehen dies sicher anders, wie haben Sie es dann 15 Jahre da ausgehalten?

Migranten haben wir sehr wenig. Könnten kommen, trauen uns wohl aber nicht …
Keine Oberschicht
Mittelschicht ja (leicht überproportional schätze ich)
ALG Bezieher entsprechend der Struktur im Osten (In Leipzig offiziell 15 Prozent) Unterstüzung über den Staat. Problem?

Ein Aussieben nach Noten (im Kindergarten?) oder gar sozialer Schicht gibt es aus Prinzip nicht.
sihe Kennenlern Tage, Gespräche, Geschwisterkinder

Die genannten Phänomene gibt es sicherlich, wie überall. Was hat das mit der Diskussion hier zu tun?
Ziemlich junges Kollegium, Relevanz?

Das Gehalt orientiert sich bei kirchlichen Trägern am Staat, der es letztlich auch bezahlt. Wieder: Wo ist das Problem?

Zur Freiarbeit: Mag sein, dass es ein „alter Hut“ ist, aber dass Freiarbeit an der staatlichen Schule vergleichbar einer Montessorischule stattfindet, halte ich für die völlige Ausnahme. Klar wird jetzt auch an staatlichen Schulen auf Freiarbeit gemacht. Nur dafür braucht es Material, Raum und Zeit. Mal irgendwo ne Freiarbeit einzuschieben, ist für mich nicht vergleichbar mit 8 Stunden FA jede Woche bei uns. Von den Materien und dem Know-How mal ganz zu schweigen. Insofern, ja ich halte dies für das Besondere unserer Schule.

Gut, habe jetzt, glaube ich, alles beantwortet. Vielleicht bekomme ich als Gegenleistung auch ein paar Antworten? Siehe Beiträge weiter oben.

Ihnen mag meine Einstellung naiv erscheinen, damit kann ich leben. So lange wie sie hier bei Allgemeineplätzen bleiben und mit Schlagwörtern um sich schmeißen, habe ich keinen Grund, die Dinge zu vertiefen. Sie vermeiden es beharrlich, ihre Thesen irgendwie zu untermauern, von Belegen ganz zu schweigen. Diese Art „über den Dingen zu stehen“ und die Andersartigkeit von Erfahrungen und Meinungen Andersdenkender auf deren Mangel an Verständnis der ganz großen Zusammenhänge +natürlich Naivität zurückzuführen, ist mir allzu bekannt. Heute langweilt mich sowas bloß noch.

Also – Überraschen Sie mich doch bitte mal. Sie sind dran mit Antworten und auch wenn es ganz schwerfällt: Mich interessiert das Detail, den Rest habe ich schon tausendmal gehört.

Micha 74

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rainer-kuehn 12.09.2009 | 01:08

Ich lese bei Füller wie bei Heinemann eigentlich dasselbe: Der eine will für die Wirtschaft bilden lassen, der andere für die Integration die Gesellschaft. Beide befürworten im Sinne tatsächlicher Politik die Zurichtung der Schüler für eine Gemeinschaftsidee.
Ein mal mehr akut neoliberal, ein andermal mehr im Sinne des vergangenen sozialdemokratischen Jahrhunderts. Beides hat partiell Argumente, aber:
Noch nie gehört von Schwarzer Pädagogik, von einer Erziehung zur Mündigkeit, von Schulgeschichte als Disziplinierung in die falsche Gesellschaft hinein?
Natürlich wissen das beide, aber, wir reden ja professionell, also im Sinne des Machbaren bzw. schon Gemachten. - Ich nicht bzw. ohne mich.

mklingma 12.09.2009 | 01:26

Hallo Achtermann,

du führst die Meinung der FDP an und sogar die chilenische Junta und meinst damit, du hättest etwas über freie Schulen gesagt. Ich könnte dir auch die Staatsschule in Nazideutschland oder in der UdSSR (damit ist genauso wenig eine Gleichsetzung vorgenommen, wie bei den von dir gewählten Beispielen) entgegenhalten. Diese Art von Argumenten ist leider nicht sehr hilfreich.

Das der Staat heute keine Kompetenz mehr hat, Schule inhaltlich zu gestalten, hängt unter anderem mit dem Gebot der Freiheit von Lehre und Forschung zusammen. Wenn wir eine linke Regierung hätten, würde die es auch nicht besser können.

Wichtig ist eine nicht interessengebundene Finanzierung des Schulwesens zu gewährleisten. Es ist die Aufgabe des Staates, das sicher zu stellen. Das betrifft also die wirtschaftliche Seite eines solchen Unternehmens.

Wenn die FDP das Geld für die Bildung zusammenstreicht und es dann gleichmäßig verteilt, bedeutet das eine Bevorzugung von Besserverdienenden, dagegen lohnt es sich zu kämpfen.