Die fiese Rache des Grüffelo

Erziehung Wie bestraft man freche Kinder? Besser nicht, indem man sie in einem Wald allein lässt
Christian Füller | Ausgabe 23/2016 31
Die fiese Rache des Grüffelo
Noch so eine Aktion und du musst in wieder in den Wald
Foto: Jamie McDonald/Getty Images

Yamato Tanooka, 7, verbrachte einige Tage allein in einem Wald. Weil er frech war, hatten Vater und Mutter den Buben ausgesetzt. Als sie nach wenigen Minuten zurückkamen, war er verschwunden – in einem Wald auf der japanischen Insel Hokkaido, in dem Bären leben. Im Zoo von Cincinnati geriet ein Vierjähriger in das Gorillafreigehege. Die Mutter von drei kleinen Kindern hatte den Überblick verloren. Statt ihrer nahm der mächtige Gorilla den Jungen an die Hand. Wärter erschossen das Tier. Trotzdem breiten sich nun böse Bilder in den Köpfen aller Eltern aus: Machst du einen Erziehungsfehler, holt dein Kind der Grüffelo!

Überforderung und falsche Konsequenz sind die hässlichen Begleiterscheinungen der Erziehung im 21. Jahrhundert. Hiesige Kita-Leiterinnen berichten von Kindern, die kein Nein und keine Spiele mehr kennen. Eine wichtige Rolle bei der neuen deutschen Verwahrlosung spielt anscheinend die flächendeckende Elektroerziehung. Um die Kleinen zur Ruhe zu bringen, geben die Eltern ihnen Tablets. Die Folgen: endlose Sitzungen vor dem Bildschirm, motorische Schwächen und Unkenntnis realer Spiele. Eltern trauen sich nicht, ihren Sprösslingen die Gadgets wegzunehmen, weil sonst Terror droht. Und plötzlich schielt nun King Kong aus den Displays der Smartphones.

Die Non-Erziehungsmethode ist total angesagt. Niemand will unter den Verdacht geraten, sein Kind zu züchtigen. Also geschieht oft nichts. Oder es wird die Superdemokratie für „über einjährige“ ausgerufen. Sobald das Kind seinen Willen anzeigen kann, erhält es gleiches Stimmrecht. Kleine Kinder, die noch nicht lesen können, erleben in Cafés Mütter, die ihnen die Karte hinstrecken und fragen, ob sie für Kürbissuppe mit Zimt oder Croissant nature plädieren.

Was Yamatos Vater machte, ist indes der härtestmögliche Ordnungsruf unterhalb der Schwelle von körperlicher Gewalt. „Time-out“ heißt die Methode, die in den USA massenhaft angewendet wird: Man lässt die Kinder allein. Für einen Augenblick. Zum Abkühlen. Damit sie über ihr Verhalten nachdenken. Der Entzug der Vertrauensperson kann freilich einen Schock auslösen – die Kinder fühlen sich zurückgewiesen, ausgestoßen. Plötzlich steht der kleine Yamato also allein im dunklen Bärenwald. „Ich dachte, ich tue es für sein eigenes Wohl“, sagte sein Vater, „aber, ja, ich merke jetzt, ich bin zu weit gegangen.“

Der dänische Erziehungsguru Jesper Juul hat für gelingende Erziehung eine Formel gefunden: „Nein aus Liebe“ heißt sie, wie sein Buch von 2006, in dem er für den geordneten Rückzug von den 68er-Ideen des Laisser-faire plädiert. Juul sagt, Kinder seien nicht gleichberechtigt, sondern gleichwürdig. Sprich, die Führungsrolle bleibt bei den Eltern. Und: Nein, über deren Entscheidungen wird nicht abgestimmt. Gleichwohl steht die Würde des Kinds auf Platz eins – und gleich dahinter die Integrität der Eltern. Zu Letztgenannter gehört laut Juul, dem Kind zu zeigen, wann die Grenzen überschritten sind. Allerdings wäre das Time-out im japanischen Wald in Juuls Augen ein schwerer Verstoß gegen das Verantwortungsprinzip. Es gälte zwar als eine authentische Reaktion, was Juul sehr wichtig ist: Eltern sollten stets klar zeigen, wenn ihnen etwas nicht gefällt. Freilich verletzt ein siebentägiges Time-out – wie jetzt unbeabsichtigt geschehen – die Kindeswürde maximal. Yamato hat die Aussetzung übrigens überlebt. Er fand im Wald einen sicheren Ort: ein Trainingsgelände der japanischen Armee.

06:00 14.06.2016
Geschrieben von

Christian Füller

http://christianfueller.com
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