Christian Füller
15.03.2017 | 13:47 39

Die Grünen in der Todeszone

Ökopartei Die Grünen rasen in den Umfragen auf die Fünf-Prozent-Marke zu. Obendrein sabotiert Jürgen Trittin die beiden grünen Spitzenleute

Die Grünen in der Todeszone

Jürgen Trittin redet immer noch gerne

Foto: Sean Gallup/Getty Images

6,5 Prozent. So lautet das Menetekel der Grünen. Die Zahl stammt aus der ersten Wahlumfrage für den Bund nach der Vorstellung des grünen Wahlprogramms Anfang der Woche. Sechs Prozent. So lautet das karge Ergebnis der Grünen in der jüngsten Wahldemoskopie aus Nordrhein-Westfalen. Und es gibt noch eine Zahl, diesmal aus dem Saarland, wo kommende Woche gewählt wird: dort pendeln die Grünen zwischen vier und fünf Prozent in den Umfragen.

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Man kann die kassandrahaften Vorschauen auf drei von vier bevorstehenden Wahlen in diesem Jahr auch so zusammenfassen: Die Grünen rasen auf die Fünfprozentmarke zu. Das heißt, sie sind vom parlamentarischen Exodus bedroht – im Bundestag genau wie in zwei wichtigen Landtagen, dem des Signalwahllandes an der Saar und dem des bevölkerungsreichsten Bundeslandes an Rhein und Ruhr.

Demoskopien sind grausam. Und ungerecht. Denn natürlich haben die Grünen mit vielen von dem, was sie Anfang der Woche als ihr Programm für das Wahljahr vorstellten, vollkommen Recht: es gilt, die Elektromobilität auszubauen und den Verkehrsinfarkt zu vermeiden. Es sollte keine Verbrennungsmotoren ab dem Jahr 2030 mehr geben. Und die Bundesrepublik steht vor der ökologischen Transformation von Energie, Landwirtschaft und Flächenfraß. Das Blöde ist, im zugespitzten Gerechtigkeitswahlkampf punkten die Grünen damit nicht. Der unheimliche Sog Richtung Martin Schulz führt zu einem „The Winner Takes It All“-Effekt. Die SPD eilt von Hoch zu Hoch – und gleichzeitig drückt es dabei die beiden möglichen Koalitionspartner Grüne und Linkspartei Richtung Fünfprozent-Marke.

Dazu kommt ein innerparteilicher Führungskonflikt, der verhängnisvoll ist. Jürgen Trittin, der 2013 so krachend gescheiterte Spitzenkandidat der Grünen, tanzt seinen Nachfolgern immer frecher auf der Nase herum. In einem Interview im Tagesspiegel zelebrierte er geradezu eine doppelte Kampfansage an Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt: er hebelte die Äquidistanz-Strategie der Grünen zu SPD und Union aus – und das Führungsduo gleich mit. Özdemir/Göring-Eckardt rufen das Selbständigkeitsgebot der Partei aus und verzichten bewusst auf eine Koalitionsaussage zugunsten einer anderen Partei. Trittin tut das nicht. „Bei zentralen Themen gibt es“, so Trittin in dem Gespräch, „eine klare Frontstellung zur CDU und CSU“. Damit redet er das schwarz-grüne Farbspiel kaputt – und sorgt für eine self-fulfilling prophecy. Mit jeder knackigen Interview-Aussage von Trittin sinkt der Wert der Grünen, weil sie als zerstritten erscheinen. Der funktionslose Abgeordnete Trittin steht als großer alter Mann der Grünen bei den Journalisten immer noch ganz oben auf dem Zettel. Und Trittin nimmt diese Interviews gerne an. Als im letzten Drittel des Gesprächs im Tagesspiegel die Rede endlich auf die Spitzenleute der Grünen kommt, belehrt Trittin die beiden Pseudo-Spitzenkandidaten, die sich eine schwarz-grüne Option offen halten wollen: „Jetzt geht es um die Frage: Sind wir die Kraft für einen Wechsel und haben die Kraft, die Union nach zwölf Jahren in die Opposition zu schicken?“

Der Stimmen-Magnet Martin Schulz und der illoyale Jürgen Trittin sind es, die den Grünen im Wahljahr den Kopf kosten können. Sacken die Grünen kommende Woche im Saarland unter die Fünf-Prozent-Marke, was wahrscheinlich ist, dann wird die Presse das Halali auf die Grünen anstimmen – egal, wie klein oder unwichtig das Saarland eigentlich ist. Die Grünen würden im Wahlsprint die erste Hürde reißen. Das macht die zweite Hürde nicht niedriger. Es wird spannend – in der grünen Todeszone.

Kommentare (39)

Richard Zietz 15.03.2017 | 15:00

Der Artikel wirft einige Fragen auf. Zum einen ist die ausgemalte Ursache für die Drift Richtung Fünf-Prozent-Marke nichts weiter als reine, unbelegte Behauptung. Mindestens ebenso plausibel ist nämlich der umgekehrte Schluss: dass die Grünen nicht trotz ihrer schwarzgrünen Flirts und ökologischen Luxusthemen auf dem absteigenden Ast sind, sondern gerade deswegen. Anders gesagt: Nicht wegen Trittin geht die Fahrt in Richtung Todeszone, sondern trotz Trittin.

Zum zweiten stellt sich die Frage, warum die Grünen eigentlich auf Teufel komm raus in den Bundestag sollen. Gut – das Gros des aufgestellten Personals kann vermutlich nix anders als Partei, okay. Allerdings – abgesehen vielleicht von dem Motiv, KGE und ihrer Claudi-Kollegin weiterhin ein veritables dolce vita zu vermöglichen mit Wichtigkeitsgefühl und allem drum und dran, gibt es nur einen Grund, der Partei Stimmen zu wünschen: eine mögliche RRG-Reformkoalition, die zumindest ein paar der sozialen Großbaustellen in Angriff nimmt.* Für eben dies jedoch ist zumindest ein Teil der aktuellen grünen Spitze ein hochgradiger Wackelkandidat. Hinzu kommt ein dritter Grund für die mögliche Flaute: Die Rolle des bürgerlichen Juniorpartners von Merkel ist bereits vergeben – von der CDU selbst.** Der Teil der Kulturliberalen, der mit der Merkel-Politik eine weitere Runde drehen möchte, wird kaum grüne Wahlexperimente tätigen – vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass es mit der sozialen Thematik ein Zugpferd gibt, dass diesmal in jedem Fall zu berücksichtigen ist.

All dies mag man als liberal-grünaffiner Freitag-Redakteur zwar bedauern. Aber so ist es nun mal.

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* Zumindest aus unterer Warte ist das so. Weiter oben im Bürgertum mag man die soziale Frage (weiter) für vernachlässigbar halten – was mit etwas Glück ja auch zwei, drei Legislaturperioden weiter gut gehen kann.

** Zusätzlich steht auch die FDP wieder zur Verfügung. Sicher eine Option für alle Bürgerlichen, denen »Öko« kein Herzensanliegen ist.

MrSatchmoo 15.03.2017 | 15:25

Danke für den Kommentar! Beide Punkte gingen mir beim Lesen auch durch den Kopf.

Dann noch eine Anmerkung zum Artikel selbst: Es ist bestenfalls naiv zu glauben, man könnte die ökologische Wende angehen, ohne den sozialen Aspekt zu berücksichtigen: Wer soll sich Elektroautos leisten können? Wer kauft das Bio-Rinderfilet für 80,- Euro/Kilo? Und wo soll sich der Normalverdiener mit zwei Kindern ein bezahlbares Haus mit Garten bauen, wenn nicht am Rande irgendeines Dorfes? Eine Partei die diese Fragen nicht mitdenkt, ist nichts anderes als eine FDP mit Fahrrad.

gelse 15.03.2017 | 15:56

>>…es gilt, die Elektromobilität auszubauen und den Verkehrsinfarkt zu vermeiden.<<
Das ist wieder eine symptomatische „Alternativ-Fakt“ Aussage.
Der Begriff „Verkehrsinfarkt“ meint den täglichen Grosstadtstau von –zigtausend Einzelfahrzeugen auf den Strassen. Daran ändert sich nullkommanichts, wenn die Strassenfahrzeuge mit Elektromotor ausgestattet werden.
„Elektromobilität“ gibt es auf Schienen seit mehr als 100 Jahren, es steht eine ausbaufähige Infrastruktur und ausgereifte Fahrzeugtechnik zur Verfügung. Auf der Schiene wird pro Tonnen- oder Personenkilometer sehr viel weniger Energie verbraucht als auf der Strasse, auch ist die Unfallrate deutlich geringer. Diese Vorteile kann die Grünpartei aber nicht in der nötigen Deutlichkeit herausstellen: Sie meint mit „Elektromobilität“ primär die Elektrifizierung des Strassenverkehrs. Denn die Grünen halten genauso wie CDUCSUSPDFDP bei den Automobilkonzernen die Hand auf, und da gilt: Wes Brot ich ess des Lied ich sing.

Nun wird ja das Argument „Export“ gebracht. Bekanntlich hat die BRD einen hohen Exportüberschuss, auch bekannt ist, dass der eigentlich abgebaut werden sollte.
Wie wirkt sich ein höherer Anteil der Elektroenergie darauf aus? Der Erdölimport sänke, und wenn gleichzeitig der Export von Automobilen hoch bliebe würde die Schieflage steiler. Das, neben den anderen Argumenten, spricht eher für den Ausbau der Schienenelektromobilität.

Achtermann 15.03.2017 | 16:40

Mit jeder knackigen Interview-Aussage von Trittin sinkt der Wert der Grünen, weil sie als zerstritten erscheinen.

Diese Behauptung ist nichts anderes als eine Behauptung. Den derzeitigen Hinterbänkler Trittin für "Zerstrittenheit" verantwortlich zu machen, ist politische Kaffeesatzleserei. Ich behaupte jetzt mal einfach, das Spitzenduo ist der Grund des Umfrageniedergangs. Beide sind vorbelastet. Der eine mit seiner Affaire um Flugmeilenboni und einem Kredit von dem Lobbyisten Hunzinger, der ihn zusätzlich für einen PR-Auftritt entlohnte. Die andere mit ihrem vehementen Eintreten für den Abbau der Sozialstandards (Agenda 2010) und ihrem direkten Draht zur Spitze der evangelischen Kirche (Lobbyismus).

gelse 15.03.2017 | 17:19

>>Nicht wenn deren Stimmen nach Rot-Rot wandern. Und erleichtert auf jeden Fall die Regierungsarbeit.<<
Nehmen wir an, die Grünen verlören noch mal 2-3 % an der "S"PD (was ich bezweifle). Die "S"PD hätte 34 %, die Linke 8 %. Macht zusammen 42 %.

Aber nehmen wir trotzdem an, "S"PD und Linke lägen nach der Wahl knapp über 50 % und würden in Koalitionsverhandlungen treten:
Die "S"PD steht voll auf dem Boden der "Agenda 2010".* Die Linke nicht, sie will mehr als nur kleine Verzierungen.
Die „S“PD ist, wie CDU/CSU, für ein forciertes Wettrüsten gegen Russland. Die Linke nicht.
Die „S“PD hat verkehrs- und umweltpolitisch ähnlich konservative Vorstellungen wie CDU/CSU. Die Linke nicht.
usw. …

*Die mit der Agenda 2010 und der Kriegspolitik der „S“PD/Grün-Regierung nicht einverstanden waren sind 2005 ausgetreten und haben die WASG gegründet. Martin Schulz tut zwar so, als wolle er nochmal die die WASG gründen, aber das ist offenbar eine Marketingstrategie: Unkonkret, eher Emotionen ansprechend konkrete Pläne vorweisend.

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Ehemaliger Nutzer 15.03.2017 | 23:33

Gleichwie scheint Özdemir begriffen zu haben, worum es politisch geht - schonmal was, auch wenns zur Miete zurzeit beim derzeitigen Zustand der Grünen so ganz noch nicht reichen will...

Dosenpfand und Diesel-SUV zum Brötchenholen is eben nun mal nicht grün - sondern Lifestyle.

Und Lifestyle, sehen wir mal genauer hin, war mit eine der Ursachen dafür Donald Trump ins weisse Haus zu hieven.

weinsztein 16.03.2017 | 03:37

"Jürgen Trittin, der 2013 so krachend gescheiterte Spitzenkandidat der Grünen" landete damals mit seiner Partei bei 8,4 Prozent. Neben Trittin war Katrin Göring-Eckardt grüne Spitzenkandidatin, die also ebenfalls krachend scheiterte. Vielleicht war es gerade sie, manchen Wählern noch als glühende Kämpferin für die Agenda 2010 in Erinnerung, die für das schlechte Wahlergebnis verantwortlich war.

Dass die Affäre Cem Özdemir, die private Verwendung dienstlich erworbener Flugmeilen und der Privatkredit vom Lobbyisten Moritz Hunzinger vergessen sind, glaube ich nicht. Zumindest nicht in grünen und linken Wählerkreisen.

Die Grünen haben Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir als Spitzenduo gewählt, weil sie Schwarzgrün wollen. Dieses Spitzenduo allerdings ist per eigener Vergangenheit beschädigt. Nebenbei ein drolliges Duo mit einem Cem Özdemir, der seit Tagen per Mimik, Gestik und Lautstärke Martin Schulz nachäfft, und mit Katrin Göring-Eckardt, die für nichts und sonstwas steht.

Sie, Herr Füller, mahnen zu Partei- und Fraktionsdisziplin, kritisieren, dass der "funktionslose alte Mann" Jürgen Trittin sich zu den grünen Spitzenkandidaten und zur grünen Wahlkampfstrategie kritisch äußert.

"Mit jeder knackigen Interview-Aussage von Trittin sinkt der Wert der Grünen, weil sie als zerstritten erscheinen", schreiben Sie.

Trittin zieht, stellvertretend für einen großen Teil der Grünen die Reißleine gegen Schwarzgrün und kämpft gegen den Untergang seiner Partei bei den nächsten Wahlen.

Trittin darf das.

harnisch 16.03.2017 | 10:59

Genau, weshalb sollten sie auch in den Bundestag einziehen? Ständig greifen sie daneben mit Themen wie Nafra, Sex auf Krankenschein, Autofasten, Smartphonefasten, und sonstwas, was ja auf anderem Wege nicht verkehrt sein mag, es aber so als Hauptthemen raushängen zu lassen… und auch so einen überflüssigen Aufschrei gegen gemeinsame Übungen von Polizei und Bundeswehr, erweckt bei mir nur noch genervte Ablehnung insbesondere wenn professionelle Jammerliesel Göring-Eckardt ihre Statements abliefert.

Außerdem gerieren sich die Grünen fortlaufend als eine Partei für Besserverdienende; statt mal intelligenter standhaft zu bleiben, ziehen sie den Schwanz ein wie bei Trittins Plädoyer einer anderen Besteuerung. Damit könnten sie noch im Gerechtigkeitswahlkampf eingreifen, wenn sie nicht selbst die Besserverdienenden wie alle Parlamentarier wären.

John St.Clair 16.03.2017 | 12:14

Es gibt sie noch, die guten Nachrichten: scheinbar finden in Zeiten kollabierender Sozialstrukturen und aggressiver Kriegstreiberei doch nur wenige Wähler olivgrüne Hetzer, neoliberale Autovertreter und ideologische Toilettenkämpfer interessant. Ganz zu schweigen vom ungelösten Widerspruch, wie man einerseits für Emanzipation ist und gleichzeitig beim Einrücken von 2 Millionen entschlossenen Emanzipationsfeinden aus dem Euphorietaumel nicht herausfindet.

Richard Zietz 16.03.2017 | 13:25

Meines Erachtens werden die Vorwürfe in Richtung Trittin durch die angegebene Quelle nicht einmal in Ansätzen abgedeckt. Das Tagesspiegel-Interview gibt die behaupteten Querschüsse gegen die derzeitige Wahlspitze Özedemir und KGE nicht mal in Nebensätzen her. In diese Richtung interpretieren lassen sich Trittins Aussagen lediglich dann, wenn man jegliche Vorbehalte gegen Schwarz-Grün bereits als innerparteiliche Sabotage bewertet.

Auch sonst scheint mir der (konstruierte) Zusammenhang rein spekulativ zu sein. So ist es generell höchst unwahrscheinlich, dass die Personalie Trittin einen merkbaren Einfluss auf die schlechten Zahlen in den Erhebungen hat. Von Trittin weiß man aktuell nicht viel mehr, als dass er noch lebt und – vermutlich – weiter Politik macht. Dass er allein durch seine Existenz die Umfrageergebnisse nach unten drückt, ist schlechterdings schwarz-grüne Verschwörungstheorie. Wahrscheinlicher ist doch wohl, dass das derzeitige Doppel nicht so recht zu überzeugen vermag. Beziehungsweise die grüne Programmatik – wo erkennbar – derzeit eine ist, die die Befindlichkeiten innerhalb der Gesellschaft nicht so recht trifft.

Bösartig könnte man sagen: Herr Füller baut eine Schuldlegende auf für den (nicht ganz unwahrscheinlichen) Fall, dass die Grünen bei den kommenden Wahlen abrauschen. Derzufolge läge es nicht an der Partei, ihrem Programm und den drögen Spitzenkandidaten – sondern an den bösen Linken innerhalb der Partei und ihrem Mastermind, Jürgen Trittin. Macht man sich die (belegfreie) Argumentationskette zu eigen, wäre das natürlich ein 1a-Grund, die Grünen noch weiter auf neoliberal zu trimmen und die letzten linksalternativen Artefakte aus dem Parteiprofil herauszueliminieren.

Christian Füller 16.03.2017 | 13:53

@weinzstein @zietz @achtermann

Es gibt eine unbedingte Regel in Wahlkämpfen: der Spitzenkandidat gibt die Richtung vor (die zuvor gemeinsam in der Partei beschlossen wurde), die anderen stören dieses Leitfeuer nicht. Es wird also bei den Grünen mit größtem Unbehagen gesehen, dass Jürgen Trittin wie eine lose Kanone über Deck rollt und ein Interview nach dem anderen gibt – in denen er obendrein den beiden Spitzenkandidaten die Welt erklärt. In einem demokratischen Zeitungsleserforum ist das natürlich anders ;-) – und auch gut so. In einer Partei aber, zumal in Wahlkampfzeiten ist das Gesetz Nummer 1: Stützen – oder stürzen.

Es ist übrigens abwegig, aus der Kommentierung des Trittin´schen Ego-Shooter-Kurses eine politische Farbenlehre des Autors ablesen zu wollen.

Für @weinzstein&Co zur Kenntnis ein Tweet, in dem der Bundesgeschäftsführer Michael Kellner den Trittin sofort zurecht rückte, freilich ohne ihn beim Namen zu nennen:

Wir kämpfen fürs Klima, Europa & gerechte Gesellschaft. Zu Seehofer und Wagenknecht ist Entfernung weit. Wie weit genau, ist heute egal.

— Michael Kellner (@MiKellner) March 5, 2017

Zack 16.03.2017 | 14:18

In Wahlkampfzeiten gibt es mehrere "Gesetze". Beispielsweise ist es unklug, ein umstrittenes Führungsduo zu früh zu benennen. Hinzu kommt, dass Katrin Göring-Eckardt nicht gewählt wurde, sondern gesetzt war. Katrin Göring-Eckardt als billigen Merkel-Verschnitt kann man höchstens noch in der Pfeife rauchen. Von Özdemir rede ich nicht, zu unerbaulich.

So gesehen ist die Vorgehensweise von Trittin durchaus verständlich. Er bringt etwas vom längst untergegangenen "grün-chaotischen Charakter" zurück. Mit den beiden Trantüten (milde gesagt) werden die Grünen untergehen.

30sec 16.03.2017 | 19:46

„Bei zentralen Themen gibt es“, so Trittin in dem Gespräch, „eine klare Frontstellung zur CDU und CSU“ ...„Jetzt geht es um die Frage: Sind wir die Kraft für einen Wechsel und haben die Kraft, die Union nach zwölf Jahren in die Opposition zu schicken?“

Özdemir im Deutschlandfunk:
"... ich kämpfe dafür, dass es hoffentlich ab jetzt nicht mehr nur um die Große Koalition geht, sondern um den Wechsel. Und den Wechsel, den kann es nur mit den Grünen geben.
Heinemann: Und mit welchem Partner?
Özdemir: Mit dem Partner, mit dem man am meisten grüne Politik umsetzen kann. Wir haben eine Eigenständigkeit, aber wir haben auch immer gesagt, Eigenständigkeit heißt nicht, dass uns alle Partner gleich lieb sind. Wenn Sie ein Politikwissenschaftsseminar besuchen, dann lernen Sie in der ersten Stunde, wenn die Grünen zwischen der SPD und der CDU/CSU wählen könnten, wenn es mit beiden ginge, dann würden wir immer erst mit der SPD koalieren."

Soviel zur Äquidistanz.
Und zur Illoyalität des funktionslosen alten Mannes.
Und zum "klugen, professionellen, linken Journalismus", wie ihn sich Jacob Augstein vorstellt.

erftstadtboy 17.03.2017 | 12:37

die hegemoniale neoliberale erzählung hat seit 2007 stück für stück an dominanz eingebüsst.

dass die grünen mit ge und ö zwei vertreter der (aktuell etwas weniger) hegemonialen erzählung zu spitzenkandidaten wählen, finde ich eigenartig und interessant. dass diese dann beim wahlvolk nicht so ankommen ist nachvollziehbar. einfach mal 15 jahre zu spät dran mit solchem personal...

warum soll ich eine pro-agenda2010/-kriegs/-deregulierungspartei wählen? dafür gibts die fdp/cdu/afd. und ganz leicht abgeschwächt auch die spd. leute wie k-mann bawü und das derzeitige spitzenduo sind in meinen augen der grund für die schlechte demoskopie, nicht der alte, arrogante trittin. der legt nur den finger i.d. wunde, was hier zur dolchstoßlegende umgedeutet wird.

es ist lange her, dass ich diese partei mal gewählt habe, und ich würde mich freuen, es wieder tun zu können. aber so wirds leider nichts.

Vermalledeit 17.03.2017 | 16:50

Wie meine Vorkommentatoren schon anmerkten:

Der Artikel ist höchst tendenziös, unglaublich spekulativ und hat mit seriösem Journalismus, wie ich ihn vom "Freitag" erwarte überhaupt nichts zu tun.

Subjektive Behauptungen, die ja jede/r aufstellen kann, aber als solche auch ausdrücklich vom Autor/in erkennbar gemacht werden müssen, werden hier als Fakten dargestellt.

Als Leser muss ich doch nicht einer/m Journalisten/in erklären, was deren vorrangige Aufgabe ist, oder?

gelse 17.03.2017 | 22:32

>>…warum soll ich eine pro-agenda2010/-kriegs/-deregulierungspartei wählen? dafür gibts die fdp/cdu/afd.<<
Vielleicht für das vegane Elektro-SUV.
>>…ganz leicht abgeschwächt auch die spd.<<
Die waren 1998-2005 nicht abgeschwächt, sondern treibende Kraft. Daran ändert auch das Schulzmarketing nichts: Es spricht für die Volksverarschungskompetenz der Werbeagentur KNSK, aber nicht für die „S“PD.

weinsztein 18.03.2017 | 04:11

Mich stört, dass Sie mit Ihren Antworten auf Kommentare zum Artikel nicht inhaltlich eingehen. Sie schreiben einfach drüber weg.

Sie kritisieren Trittin, dass er eine grüne Parteidisziplin im Wahljahr nicht einhält. Als ob es die je gegeben hätte.

Sie zitieren einen angeblich gegen Triitins Interviews gerichteten Tweet des Grünen-Geschäftsführers Michael Kellner: "Wir kämpfen fürs Klima, Europa & gerechte Gesellschaft. Zu Seehofer und Wagenknecht ist Entfernung weit. Wie weit genau, ist heute egal."

Was will uns Michael Kellner damit sagen und Sie, wenn Sie dessen Wischiwaschi zitieren? Ist nicht Kellner die übers Deck rollende lose Kanone, von der Sie sprachen? Nimmt man Kellner ernst, will er für die Grünen mit Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir an der Spitze alle Optionen wahren. Grün mit schwarz, gelb, orangerot oder rot. Alles egal, wichtigster Konkurrent der grünen Wahlkampfspitzen wäre demnach die FDP.

Ich wiederhole mich: Trittin zieht, stellvertretend für einen großen Teil der Grünen die Reißleine gegen Schwarzgrün und kämpft gegen den Untergang seiner Partei bei den nächsten Wahlen."

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Ehemaliger Nutzer 18.03.2017 | 10:42

Herr Füller, Ihre Behauptung bezüglich Trittin erstaunt mich. In dem Interview gibt es die Aussage/Frage:

"Sie (gemeint ist Herr Trittin) sind der einzige prominente Grüne, der schon lange für eine rot-rot-grüne Machtperspektive eintritt. Gewinnt diese Konstellation unter den Grünen nun mehr Freunde?"

Kann ich Sie so verstehen, dass Sie gegen eine rot-rot-grüne Machtperspektive sind und eine schwarz-grüne Machtperspektive bevorzugen? Ist das die "Neuausrichtung" des Freitag?

Dass Sie den Rutsch unter vier Prozent an dem Interview festmachen, könnte auch eine Abwehrbehauptung vom Pressesprechen von Göring-Eckhardt und Özdemir sein. Warum machen Sie sich gerade mit dieser Richtung innerhalb der Grünen gemein? Und kommen Sie nun bitte nicht damit, dass sich im Wahlkampf alle kritiklos hinter den "Führern" versammeln müssen. Das würde es nur schlimmer machen.

Querlenker 18.03.2017 | 22:48

Die Grünen haben einfach das Pech, dass ihre Kernthemen gerade nicht en vogue sind. Beim Thema Gerechtigkeit werden SPD und Linke beim Wahlvolk als kompetenter eingeschätzt, bei den Themen Innere Sicherheit, Wirtschaft, Flüchtlinge und Außenpolitik (Trump, Brexit, Ukraine, Griechenland) sind es wohl CDU/CSU und AfD.

Umwelt ist zwar "auch" wichtig, aber davon müsste man erst mal Mr. Trump überzeugen. Wie das gehen soll, darüber haben wir weder von Trittin noch von Özdemir und Göring-Eckart etwas gehört. Außerdem sind Ökowende und AKW Abschaltung Konsenz in allen Parteien außer bei der AfD, nur halt nicht so schnell, wie die Grünen das gerne hätten.

Beim Thema Aufrüstung und Beteiligung an Kriegen hört man von der SPD nichts Genaues, bei CDU und AfD einerseits sowie den Linken anderseits weiß man hingegen, woran man ist. Würden sich hier die Grünen in die eine oder andere Richtung positionieren, hätten sie kein Alleinstellungsmerkmal, weswegen man die Grünen wählen müsste.

Nach dem großen Schluck aus der Pulle, den Deutschland 2015/16 verkraften musste, ist die Gier des Publikums nach grüner Menschenrechtspolitik erst mal gestillt. Dass Claudia Roth und Göring-Eckhardt diese Fahne noch hoch halten, ist ehrenwert aber vertreibt derzeit eher die Wähler.

Außerdem ist die Erwartung des Publikums sehr auf die Spitzenkandidaten Schulz und Merkel fokusiert. Die beiden gewählten und der eine Möchtegern Spitzenkandidat der Grünen werden dabei außerhalb der grünen Kernwählerschaft gar nicht wahrgenommen. Dasselbe gilt auch für das Spitzenpersonal der Linken. Aufmerksamkeit erzeugt nur der grüne Ministerpräsident Kretschmann, aber der steht ja nicht zur Wahl.

Die FDP wird es in den Bundestag schaffen, wenn sie beherzigt, was ihr ein anderer Forist neulich ins Stammbuch geschrieben hat: Einfach das Maul halten.

weinsztein 19.03.2017 | 03:43

Allmählich wird es albern, Herr Füller.

Eine Woche vor der Landtagswahl im Saarland stürzen die Grünen bei Umfragen auf unter fünf Prozent ab. Dafür soll ein Interview von Jürgen Trittin im Tagesspiegel vom 4. März mitverantwortlich sein. "Mit jeder knackigen Interview-Aussage von Trittin sinkt der Wert der Grünen, weil sie als zerstritten erscheinen", sagen Sie. Und: "dass Jürgen Trittin wie eine lose Kanone über Deck rollt und ein Interview nach dem anderen gibt – in denen er obendrein den beiden Spitzenkandidaten die Welt erklärt." Ein Interview nach dem anderen? Welche anderen Interviews meinen Sie?

Hier Trittins Tagesspiegel-Interview:

http://www.tagesspiegel.de/politik/juergen-trittin-im-interview-es-gibt-in-deutschland-eine-merkel-muedigkeit/19473354.html

Wie Sie in Ihrem Artikel andeuten, spielt auch die derzeitige Focussierung auf Schulz und Merkel aus Ihrer Sicht eine Rolle.

Spiegelt das Ergebnis der Umfrage nicht auch auch ein wenig die Arbeit der Grünen an der Saar? Die waren übrigens 2012 mit 5,0 Prozent so gerade noch in den Landtag eingezogen.

Spielt denn die derzeitige Focussierung auf Schulz und Merkel aus Ihrer Sicht gar keine Rolle? Immerhin scheinen auch die Linken an der Saar rund 4 Prozent zu verlieren, von 16,1 Prozent sinken sie nach neuesten Umfragen auf 12 Prozent. Das entspricht prozentual ungefähr den Verlusten der Grünen.

Womöglich hat auch das grüne Spitzen-Duo zur Bundestagswahl die saarländischen Wähler nicht so sehr elektrisiert wie erhofft.

By the way, die neueste Heute-Show witzelte über "Ödemir und Boring Eckardt". Bundesgeschäftsführer Michael Kellner hatte da einen sehenswerten Auftritt als Wahlkämpfer.

https://www.zdf.de/comedy/heute-show/heute-show-vom-17-maerz-2017-100.html

Christian Füller 19.03.2017 | 17:24

Danke @weinzstein, der Link ist köstlich.

Sie müssen übrigens nicht meiner Meinung sein. Sie könnten allerdings die vielen Quellen und die Spuren zur Kenntnis nehmen, die Trittin hinterlässt. Interviews in taz, Spiegel, Stern, Tagesspiegel usw. usf. (Einfach googeln ;-))

Sind Sie so nett und fragen mal Cem Özdemir oder Katrin Göring-Eckardt, falls Sie denen mal privatissime begegnen, was die von der Interview-Offensive des funktionslosen Abgeordneten Trittin halten. Umgekehrt haben sich Spitzen-Grüne im Wahlkampf 2013 an das Gesetz gehalten, den beiden Spitzenleuten nicht in die Parade zu fahren – obwohl ihnen Trittins Steuer-Zahlenfuchs-Wahlkampf und manches andere nicht passte. Und nochmal: befreien sie sich von Spekulationen über den Autor auf der Grundlage von Kommentaren. Das ist abwegig. Ich finde, dass Trittin ein exzellenter und achtsamer Politiker ist. Und er kann nichts dafür, dass die taz ihn vor vier Jahren wenige Tage vor der Wahl zu Unrecht an den Pädo-Pranger stellte – obwohl Jürgen Trittin der letzte in seiner Partei war, der etwas mit den Missbrauchsskandalen etwa auf dem Dachsberg, in der Berliner AL oder der Nürnberger "Indianer"-Kommune zu tun hatte. Anyway, Grüße in den warmen Süden.

nheckelei 19.03.2017 | 19:09

Die Grünen haben sich in den 90'er Jahren unbewusst amputiert, um regierungsfähig zu werden. Sie haben die Kriegsgegner und die Linken weitgehend aus der Partei weggemobbt und überstimmt. Dann haben sie in der Regierung zusammen mit der SPD eine CDU-Politik gemacht. Danach wurden sie hauptsächlich als Anti-AKW und Energiewende-, also eher als Einthemenpartei wahrgenommen, haben ihre Frontleute Trittin und Künast abgesägt und durch Mittelmaß ersetzt. Dann schaffte Merkel die AKW's ab und die Grünen konzentrierten sich nebenbei noch auf Gender-Mainstreaming und andere eher "Lyfestyle-Themen. Wichtig, aber für die große Masse nicht relevant weil zu weit weg von den Grundsatzfragen, Gerechtigkeit, Chancengleichheit, Frieden, Migration, Europa. Wozu also noch die Grünen wählen?