„Die Schüler müssen tippen lernen“

Interview Steffen Ganders von Samsung fordert, dass digitale Technologien selbstverständlicher Teil des Unterrichts sein sollen. Im internationalen Vergleich sieht er Aufholbedarf
Christian Füller | Ausgabe 19/2015 13
„Die Schüler müssen tippen lernen“
Steffen Ganders möchte das Tablet als festes Unterrichtswerkzeug etablieren

Illustration: der freitag; Material: radub85/fotolia

der Freitag: Herr Ganders, warum sollten Schülerinnen und Schüler in der Schule Tablets, Blogs und Apps nutzen? Was haben sie davon?

Steffen Ganders: Wenn wir Schule als einen Ort verstehen, der Jugendliche auf die Zukunft vorbereitet, dann sollten digitale Technologien dort unbedingt vorkommen. Sonst fehlen den Kindern die Fertigkeiten, um mit den Geräten souverän umzugehen.

Was könnte der Mehrwert dieser Technologien für das Lernen selbst sein?

Wir müssen uns im Klaren sein, dass es nicht nur einzelne Berufsbilder sind, die sich gerade verändern. Viele Berufe entstehen auch völlig neu. Das Digitale durchzieht inzwischen alle Lebens- und Berufsbereiche. Warum sollte man also das Arbeiten mit netzfähigen Endgeräten ausgerechnet in den schulischen Bereich nicht übertragen? Der Umgang mit digitalen Geräten verändert übrigens die Motivation der Schüler – er steigert sie enorm.

Könnte es nicht auch Risiken und Nebenwirkungen geben, wenn die netzfähigen Geräte von jedem Schulkind in der Schule jederzeit nutzbar sind?

Muss man in den neuen Technologien stets per se eine riskante Nebenwirkung sehen? Ich finde, es geht darum, den richtigen Einsatz der Technologien zu lernen – damit wir letztlich zu einem reflektierten Umgang kommen. Dazu gehört auch, sich mit Erscheinungen wie zum Beispiel dem Cybermobbing zu befassen. Ich denke aber, dass im Zentrum des Lernens der selbstreflektierte und verständige Umgang steht. Ich muss lernen, wozu die digitalen Technologien gut sind – und wofür nicht. Im schulischen Kontext kann auch der Besuch bestimmter Webseiten eingeschränkt werden.

Zur Person

Steffen Ganders, 39, ist Bildungssprecher im Management von Samsung Deutschland. Er ist studierter Betriebswirt und gehört dem Unternehmen seit 2007 an. Die 2013 gestartete Initiative „Digitale Bildung neu denken“ hat er für Samsung entwickelt

Foto: Privat

Wie sieht Ihr idealer digitaler Lernraum aus?

Im Rahmen unserer Initiative „Digitale Bildung neu denken“ bieten wir eine schulische Lösung, die aus unterschiedlichen Elementen besteht. Dazu gehört ein Tablet als mobiles Gerät für jeden. Das heißt: Es gibt kein Computerlabor mehr, in das der Schüler umziehen muss, sondern die Geräte stehen jedem für die freie Gestaltung zur Verfügung – in Gruppen oder einzeln. Das wird Frontalunterricht sicher sehr stark verändern. Zudem gehört dazu ein interaktives Whiteboard als großer Bildschirm, der die klassische Tafel erweitert und auf ein ganz neues Niveau hebt. Dort können die Schüler etwas an die Tafel malen – auch indem sie Texte von ihrem Tablet aus mit anderen teilen. Das Ganze wird mit einem Lehrertablet und einem Server verbunden. Auch Drucken kann man übrigens noch.

Ab welchem Alter sollten Schüler mit diesen Geräten arbeiten?

Unsere Initiative spricht ganz bewusst Schüler ab der siebten Klasse an. Wir gehen davon aus, dass viele Schüler in diesem Alter schon ihre eigenen Geräte mitbringen – und wir dann zu einem reflektierten Umgang kommen können, aber eben auch müssen.

Was würde es eigentlich kosten, alle Schüler in Deutschland mit einem Tablet auszurüsten?

Ich kann Ihnen höchstens sagen, was eine digitale Plattform für ein Klassenzimmer kostet.

Wollen Sie damit sagen, dass Sie Lösungen anbieten, aber nicht wissen, was diese für das ganze Land kosten würden?

Wir stellen fest, dass in den Schulen jeweils sehr unterschiedliche Voraussetzungen vorliegen, sodass man einen Preis für das ganze Land sicher nicht so einfach pauschaliert hochrechnen könnte.

Wo steht Deutschland, was das digitale Lernen anlangt?

Wir erleben, dass sehr viele Schulen digitale Lernmöglichkeiten ausprobieren möchten, es aber nicht so einfach für sie ist, eine gute Umgebung zu gestalten. Manche Schulen sind schon sehr weit. Viele sind aber noch hintendran, weil es ihnen nicht leichtfällt, alle Mitwirkenden zu überzeugen oder einfach technische Rahmenbedingungen fehlen. Man kann also nicht einfach Tablets vor die Schulen stellen und denken: „Jetzt läuft’s.“ Das geht nicht. Für den sinnvollen Einsatz im Unterricht braucht es ein ausgefeiltes methodisch-didaktisches Konzept. Nur dann kann man die Technologien gut einsetzen – und die Lehrer mitnehmen.

Weil die Pädagogen so widerständig sind?

Viele Lehrer scheinen eine Hemmschwelle zu haben. Sie kennen die neuen Technologien oft nicht und wissen gleichzeitig, dass sich die Schüler bereits bestens damit auskennen. Aus der Lehrerschaft ist aber der Wunsch da, das digitale Lernen weiterzuentwickeln und zu begleiten.

Noch mal: Sind wir in den Schulen technologisch noch im Mittelalter, wie der Verband Bildung und Erziehung es ausdrückt?

Ich glaube, wir sollten digitaleren Unterricht entwickeln. In Südkorea ist man da weiter, wir haben bereits einiges aufzuholen. Ich finde das erst mal nicht so schlimm, weil die Technologie an sich noch jung ist. Aber ich finde auch, dieses Land sollte den Anschluss nicht verpassen. Das wäre schade.

Tut die Politik genug dafür?

Ich sehe durchaus Ambitionen, das Thema mit höherer Taktung weiterzuentwickeln. Dafür braucht es auch die entsprechenden Rahmenbedingungen – und das ist nicht so einfach.

Warum?

Eigentlich ist Bildung Sache der Länder, aber die Schulen äußern inzwischen sehr stark den Wunsch, dass sie die Technologien bekommen. Und: Sie wollen Hilfe dabei.

Hat Samsung der Kultusministerkonferenz oder einem Bundesland ein Angebot unterbreitet?

Welches Angebot?

Alle Schüler des Landes mit Tablets auszurüsten.

Ich denke, dass die Politik das Thema digitale Bildung von ganz allein auf den Radar genommen hat. Wir haben in Deutschland ein föderales System, das vielleicht behäbiger ist als in anderen Staaten. Der Vorschlag, den die Abgeordneten Saskia Esken und Sven Volmering kürzlich in den Bundestag eingebracht haben, in einem „digitalen Pakt“ die verschiedenen Ebenen zusammenzuführen, ist aber sicher ein guter Schritt.

Was sollte ein Kind zuerst lernen, das Schreiben mit der Hand oder das Tippen?

Unsere Geräte ermöglichen beides. Die Handschrift sollte nach wie vor wichtiger Bestandteil der Schule und des Lernens sein – auch beim Einsatz von digitalen Technologien.

War das die Idee dahinter, auf Samsung-Tablets auch das Arbeiten mit Stiften zu ermöglichen?

Die Handschrift gehört einfach dazu, und das hat man bei Samsung erkannt. Den Einsatz des Stiftes, egal ob es im analogen oder im digitalen Bereich ist, schätzen und nutzen wir, weil das selbstverständlich für uns ist. Die Handschrift ermöglicht eine hohe Authentizität bei dem, was man macht. Was mit der Tastatur geschrieben ist, sieht im Zweifel immer gleich aus.

Nur was sollte in der Schule zuerst kommen – das Tippen oder das Handschreiben?

Das Erlernen der Handschrift ist sehr wichtig. Daher sollten etwa Schwungübungen mit dem Stift weiter eine sehr wichtige Rolle spielen. Es ist wichtig, nicht in einen verkrampften Umgang mit dem Stift zu verfallen, sondern die Kinder von Anfang in eine flüssige und leichte Schriftführung einzuüben. Die Tastatur gehört aber zum Digitalen unbedingt dazu, das ist nicht mehr in Frage zu stellen.

Sollten Schulkinder das Schreiben mit der Tastatur lernen?

Ja, auf jeden Fall. Das Schreiben auf der Tastatur gehört heute zu den kulturellen Kernkompetenzen, die in jeder Schule gelehrt werden müssen.

Empfinden Sie es nicht als ein Risiko, dass Schüler beim Surfen und Chatten im Netz auf zum Teil harte pornografische Seiten und Bilder stoßen?

Ich glaube, dass es tatsächlich um die Kompetenz der Schüler geht, solche Erfahrungen zu machen und mit ihnen umgehen zu lernen. Medienkompetenz ist daher ein wichtiger Teil des Unterrichts, um solche Themen bewerten zu können.

Wie könnte der souveräne Umgang eines 13-Jährigen damit aussehen, dass er über ein scheinbar unverfängliches Wort wie „chatten“ in hypersexualisierte Chaträume und Bildwelten gerät?

Er muss sich die Frage stellen: „Ist das die Welt, die ich besuchen und nutzen sollte?“ Aber es ist sicher nicht sinnvoll, die Augen davor zu verschließen, dass es diese Welt auch gibt.

06:00 29.05.2015
Geschrieben von

Christian Füller

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