Digitales Doppelspiel

Bildung Jahrelang durfte der Bund sich um digitales Lernen nicht kümmern. Jetzt gab es im Bundestag gleich zwei Kongresse zu Schule2.0 – gleichzeitig, aber konkurrierend
Digitales Doppelspiel
Die Zukunft: Digitales Lernen
Bild: Sean Gallup/Getty Images

Das war ein schönes Schauspiel. Oben im Fraktionssaal der CDU/CSU diskutierten Experten mit den Unionsgranden über digitales Lernen. Zur gleichen Zeit tagte die SPD im Bundestag mit klugen Menschen – zum selben Thema: „Bildung in einer digitalisierten Welt“. Vielleicht war es eher absurdes Theater. Denn jahrelang herrschte im Bundestag Grabesruhe zu einem der dynamischsten Felder der Republik – dem Lernen mit Tablets, Web2.0 und Apps. Und dann tagen die beiden Regierungs-Fraktionen gleichzeitig, gegeneinander, in Konkurrenz.

Vollends verrückt wurde es, als Lars Klingbeil, Sozialdemokrat und einer der bekanntesten Web2.0-Abgeordneten, in seiner Rede als wichtigste Tugend des Digitalen „das Brückenbauen“ anpries. Man müsse die Gegensätze überwinden und die Akteure zusammenholen. Sagte einer, dem es in den letzten Monaten nicht vergönnt war, die Brücke zum eigenen Koalitionspartner zu schlagen. Bei der Union war man irgendwann, wie der Organisator und CDU-Abgeordnete Sven Volmering sagt, so „selbstbewusst, dass wir keine Nachhilfe brauchen.“ Vorher sei es die SPD gewesen, welche die Tür für eine gemeinsame Abschlussveranstaltung aktiv zugeschlagen hatte.

Das lag vielleicht auch daran, dass bei der Union inzwischen die besseren Leute angemeldet waren – der Bildungschef von Samsung Deutschland, Steffen Ganders etwa, die Autorin der berühmten ICILS-Studie Birgit Eickelmann, der Generalsekretär der Kultusminister, Udo Michallik. Aber auch bei der SPD, wenige Meter entfernt im Paul-Löbe-Haus waren gute Leute, allen voran André Spang, besser als @tastenspieler bekannt und der Tablet-Lehrer in Deutschland. Wie war es? So viel kann man sagen: Die beiden Veranstaltungen kannibalisierten sich. Lehrer, Wirtschaftsleute, Nerds und Journalisten irrten herum und wunderten sich. 

(Stream CDU/CSU-Kongress, bei der SPD gabs keinen, 17.6.15)

Für die Leute aus der Szene war das Tohuwabohu nicht entscheidend. „Am wichtigsten ist, dass digitales Lernen wieder im Bundestag angekommen ist“, sagt Richard Heinen vom Learning Lab der Universität Duisburg-Essen. „Seit der Föderalismus-Reform hat sich der Bund sukzessive aus dem Thema zurückgezogen.“ Tatsächlich gibt es eine Reihe von Baustellen, die ungeklärt sind: Wer besorgt – und vor allem bezahlt – die Geräte und die technische Infrastruktur an den Schulen? Wie kann man Lerninhalte im Netz bereitstellen, so genannte Open Educational Resources (OER), bei denen sich die Lehrer nicht am Urheberrecht die Finger verbrennen? Wie bildet man die Lehrer fort, tut man es zwangsweise? Und, in der Praxis vielleicht am härtesten: Wie geht Schule mit den Risiken und Nebenwirkungen um, die das Digitale mit sich bringt? Nichts davon ließ sich abschließend klären.

Besonders ärgerlich aber war, dass besonders bei der SPD wieder mal das Motto galt: Wir wollen uns nur mit den positiven Seiten des Netzes befassen! Als eine Studentin fragte, was denn mit dem Thema Kinderschutz bei der Tagung und in der Schule eigentlich los sei, antwortete die Organisatorin der SPD, die Abgeordnete Saskia Esken, so knapp wie barsch: Mit Themen, die nicht dran kämen, könne man Regale füllen. Und Kinderschutz sei ja nun kaum nachgefragt gewesen.

Richard Heinen, der Schulen beim Eintritt in die digitale Welt begleitet und berät, sieht das anders. „Wenn ich mit Lehrern Schulen arbeite, komme ich um die kritischen Themen gar nicht drum herum, es passiert einfach.“ Da geht es dann zum Beispiel um Enthauptungsvideos, die auf Smart-Telefonen kursieren und die Schüler traumatisieren. Oder die Livestream-Plattform „YouNow“, auf der sich Kinder und Jugendliche im Netz präsentieren. Heinen gewinnt dem Ganzen für Schule sogar etwas Gutes ab – die Kreativität der Schüler. An einer Schule in Xanten, die er betreut, haben die Medienscouts als erste auf YouNow aufmerksam gemacht. Die Medienscouts sind Schüler, die für Schüler zielgruppenorientierte Erklärvideos herstellen. Das ist viel besser, so Heinen, „als wenn der Lehrer oder die Eltern einem Jugendlichen erklären wollen, dass etwa ein Selfie zu freizügig ist.“ Sven Volmering, der „Digital Lernen“ bei der CDU organisierte, plädierte für eine digitale Grundbildung an den Schulen, die solche kritischen Fragen ganz natürlich mit bearbeitet.

Ob der Bundestag übrigens für das Thema überhaupt zuständig ist, wird sich am Mittwoch zeigen. Dann beugt sich der Ausschuss für Bildung und Wissenschaft über die digitale Bildung. Dann sitzen SPD und CDU/CSU übrigens wieder im selben Raum und bauen Brücken. Versprachen sie jedenfalls.

update 17.6.15, 09:09 h

Saskia Esken (SPD) sagt in einem Video, dass digitale Lernmöglichkeiten helfen könnten, die Inklusion - das Lernen mit behinderten Kindern - besser zu bewältigen. Digitales Lernen sei keine Zusatzaufgabe, die für Lehrer "obendrauf kommt", sondern Grundlage und Querschnitt.

16:00 16.06.2015
Geschrieben von

Christian Füller

Chefredakteur "der Freitag" http://christianfueller.com
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Christian Füller

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