Fast schon reaktionär

Furor Der Philosoph Christoph Türcke kritisiert die Lernkultur an unseren Schulen
Christian Füller | Ausgabe 11/2016 5

Ein Buch mit vielen starken Sätzen. „Wenn Lehrer den Unterricht nur noch begleiten, dabei aber selber keinen Sach- und Fachverstand mehr ausstrahlen, wie sollen sie die Achtung der Schüler gewinnen?“, lautet etwa eine Frage. Oder: Schüler wüssten heute so erschreckend wenig, „weil sie zwar alles googeln können, aber unfähig sind, sich in Sachverhalte zu vertiefen“.

Vieles von dem, was Christoph Türcke schreibt, kann man gut beobachtet oder sympathisch finden. Und dennoch bleibt immer ein Unbehagen ob des Vagen, das dem Sirenengesang des emeritierten Philosophen anhaftet. Der 67-Jährige versucht sich – das ist seit Julius Langbehns Rembrandt als Erzieher eine ur-deutsche Disziplin – an einer radikalen Kritik der Schule. Er steht dabei stets in der Gefahr, eine beinahe mystisch aufgeladene Re-Vision des Lernens zu propagieren. Denn Türcke will nicht nach vorne, sondern zurück. Das gute Lernen, die geordnete Schule, der respektheischende Lehrer – das war alles früher. Türcke rechnet nicht mit der zeitgenössischen Schule ab, sondern mit der von morgen: einer neoliberalen, computergesteuerten Schule, bei der die Lernenden darauf konditioniert werden, „sich auf Knopfdruck oder Befehl von jedem Lernstoff sofort zu lösen und sich auf einen anderen einzustellen“.

Betrachtet man eine der am meisten gehypten Erkenntnismethoden unserer Tage, das Design Thinking, so stimmt Christoph Türckes Analyse wahrscheinlich sogar. Design Thinking ist wie Hirnemelken. Aber wie soll eigentlich jenes genau aussehen, das Türcke dagegenstellt? Man weiß es nicht, und es ist zu befürchten, dass auch der Autor selbst es nicht sagen kann. Was er andeutet, ist geradezu reaktionär. Er hält die Zeit reif für eine „menschenwürdige Mehrgliedrigkeit des Schulsystems“. Mit anderen Worten: Türcke will zurück zur gegliederten Schule, einem deutschen Sonderweg, von dem das Land erst in den Nullerjahren abzurücken begann. Die „Feuerzangenbowle“ kann man sich gern auf DVD ansehen, in der Schulrealität ist Dr. Pfeiffer nicht zu reanimieren.

Türcke wird dennoch Anhänger für seine Suada finden. Seine Kritik etwa des „neoliberalen“ Kompetenzbegriffs, den die OECD in einem Husarenstreich eingeführt habe, wird in Reihen der Linken wie auch der AfD geteilt. Der Vielschreiber wird aber auch beim Bildungsbürgertum viele Pluspunkte machen: bei der festangestellten Lehrerschaft, weil auch ihr der „Kompetenzwahn“ auf die Nerven geht, und bei den Anhängern der Klassiker – die, wie Türcke, den „Inklusionswahn“ ablehnen. Inklusion bedeutet, Kindern mit Handicaps die Chance zu geben, Regelschulen zu besuchen. Das ist für viele Eltern eine Hoffnung. Der Autor aber nennt Inklusion nicht etwa eine Chance, sondern eine Methode, „die von ganz oben angeordnet wurde“, diesmal war es nicht die OECD, die uns unterwarf, sondern die Vereinten Nationen.

Die Schule wurde seit der Selbstzerknirschung, die die Schulstudien namens „Pisa“ seit 2001 auslösten, reformiert und verbessert. Aber der deutsche Diskurs über diese Reformen ist derart kakofonisch und katastrophisch, dass man nicht genau weiß, wie die Nation erst reagiert, wenn die nächste Generalreform die Schule erfassen wird – die Digitalisierung und die damit einhergehende Ökonomisierung. Der Autor liefert wichtige Stichworte für das Lernen mit, wie er sie nennt, mikroelektronischen Universalmaschinen. Aber die Unfähigkeit der Bildungskritikaster vom Schlage eines Christoph Türcke, den Bürgern eine radikale Kritik ihrer Schule mitsamt einer verstehbaren Vision zu liefern, ist zutiefst verstörend. Aus dem Off schwingt stets die dunkle Ahnung eines volkspädagogischen Armageddons mit. Das konnte man 1890 Langbehn nachsehen, aber keinem Autor des Jahres 2016.

Info

Lehrerdämmerung: Was die neue Lernkultur in Schulen anrichtet Christoph Türcke C.H. Beck 2016, 159 S., 14,9

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 30.03.2016
Geschrieben von

Christian Füller

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Christian Füller

Ausgabe 32/2020

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