Eine Hommage an guten Journalismus

Oscars Mit der Ehrung von "Spotlight" errichtet Hollywood einem Zwei-Stunden-Film über Missbrauch ohne jeden Showeffekt ein Denkmal. Das ist erstaunlich – und richtig
Christian Füller | Ausgabe 09/2016 2

„Kann ich erstmal mit den Opfern reden?“ Als die Reporterin diese Frage stellt, kommen jene beiden Elementarteilchen zusammen, die für die Aufdeckung von sexualisierter Gewalt unerzichtbar sind: Der Journalist – und das Opfer, genauer: der oder die Überlebende. Unter dieser Bezeichnung führt „Spotlight“, der den Oscar für den besten Film bekam, die Betroffenen von sexuellem Kindesmissbrauch. Dass Hollywood einem politischen Zwei-Stunden-Kino ohne jeden Showeffekt ein Denkmal errichtet, ist erstaunlich – und richtig. Spotlight führt das Verbrechen Kindesmissbrauch ins Herz der Zuschauer. Und zeigt, dass fast immer System dahinter steckt – bis zum Bischof.

Erst als die Kollegen aus dem Investigativteam des Boston Globe den Überlebenden zuhören, bekommt der Skandal ein Gesicht. Viele Gesichter. Der Mittdreißiger, der sich die bösen Träume wegspritzen wollte. Der erfolgreiche Mann mit Frau und drei Kindern, der urplötzlich im Gespräch kollabiert. Der wütende, ungeduldige Opfervertreter, der alles weiß – den man aber für verrückt hält. Die beinahe uncineastische Kunst des Regisseurs Thomas McCarthy liegt darin, dass keines der sexuellen Verbrechen gezeigt wird – und dennoch jeder den Horror spürt, „wenn Gott sich von Dir einen blasen lässt.“

Die Überlebenden behalten ihre Würde. Sie erzählen alle selbst, was ihnen geschah. Wie die Priester sie manipuliert, betrogen und ihnen Gewalt angetan haben. Wann war Kino so fiktional und zugleich so millimetergenau faktentreu? Spotlight ist eine Hommage an den Journalismus, der mit seinen Enthüllungen in der Bostoner Erzdiözese im Jahr 2001 einen Dominoeffekt ausgelöst hat, der in die ganze Welt reichte. Zugleich verzichtet der Film aber darauf, aus den Reportern, Rechercheuren und Redakteuren, den Interviewern, Gräbern und Jägern die Helden der Nation zu machen. In Wahrheit nämlich waren – fast – alle Fakten über den Missbrauch in der Bostoner Kirche der Zeitung längst bekannt. Ja, der Globe hatte sogar darüber geschrieben. Nur nie als große Geschichte, die Missbrauch als das benennt, was es ist: ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit – und das im Namen der Kirche. Erst der neue, empörend ruhige Chefredakteur sagt: „Ich denke, diese Geschichte ist wichtig für unsere Leser“.

Spotlight wirft, wenn man so will, etwas von dem Glanz der Oscar-Statuetten auf jene Journalisten, die ihren Job in Deutschland gemacht haben. Peter Wensierski (Spiegel), der Gewalt und Missbrauch an Heimkindern öffentlich und politisch machte. Johnny Haeusler (Spreeblick) und Joachim Faruhn (Welt), die den Jesuiten-Missbrauch aufdeckten. Jörg Schindler (Frankfurter Rundschau), Volker Zastrow und Philip Eppelsheim (FAS) und Tanjev Schultz (Süddeutsche), welche den Opfer der Odenwaldschule Stimme gaben und zugleich das weltliche Missbrauchssystem der Reformpädagogik anklagten.

Auch hier freilich kann es nicht darum gehen, sich als Journalist zu feiern. Denn das, was die Kollegen in den USA damals viele Jahre falsch gemacht hatten, geschieht heute, jetzt in diesem Moment in Deutschland. Die große Enthüllung mit allen Einzelfällen über den Missbrauch bei den Domspatzen, bei der AL in Berlin in den 1980ern, in den Behinderteneinrichtungen, in der Psychatrie, in der Jugendbewegung, das sind die Geschichten, die auf Investigativteams warten. Denn der Bischof und Pate des Missbrauchs kann eben auch ein Grüner sein, ein angesehener Intellektueller, ein charismatischer Gruppenleiter, Psychotherapeut oder Heimleiter. Also rein ins Kino, staunen und heulen, und dann losrecherchieren. Auch Überlebende leben nämlich nicht ewig.

06:00 01.03.2016
Geschrieben von

Christian Füller

Chefredakteur "der Freitag" http://christianfueller.com
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