Christian Füller
Ausgabe 0416 | 28.01.2016 | 06:00 10

Jetzt geht es erst los

Bildung Was könnte Adornos Maxime von der „Erziehung nach Auschwitz“ heute bedeuten? In Frankfurt hat man sich Gedanken darüber gemacht

Eines der berühmtesten Leitmotive deutscher Bildungsgeschichte ist Adornos Satz von der „Erziehung nach Auschwitz“. Jede Debatte über die Ideale von Erziehung und Bildung sei „nichtig und gleichgültig“, so Adorno, wenn sie dieses Axiom nicht beinhalte: „dass Auschwitz sich nicht wiederhole.“ Das war 1966, und man kann nicht sagen, dass Schulen und Lehrerseminare das Mantra ganz oben auf ihre Prioritätenliste gesetzt hätten. Als vergangenes Jahr an der Goethe-Universität Frankfurt der Beschluß gefasst wurde, die NS-Pädagogik nicht mehr zu den regulären Bestandteilen der Lehrerbildung zu zählen, war die Bestürzung groß. Ausgerechnet in Frankfurt, da wo Theodor W. Adorno und Max Horkheimer das legendäre Institut für Sozialforschung gegründet und gelehrt hatten, sollte die Erinnerung an die Nazi-Gräuel zum Zwecke einer pädagogischen Programmatik keine „Credits“ mehr bringen. Der Fachbereich wehrte sich 2015 mit der Aussage, NS-Pädagogik sei ein Spezialfach – und machte den Skandal damit erst groß.

Kälte der gesellschaftlichen Monade

Tatsächlich haben sich nun einige Wissenschaftler zusammengetan, um in einem Symposium an der Universität Frankfurt (am Freitag im Casino der Universität, 9.30-16 Uhr) zu zeigen, dass die mit der „Erziehung nach Auschwitz“ assozierten Werte so generell sind, dass sie für jeden Lehrplan Relevanz haben: Heterogenität, der Respekt vor Minderheiten, das Erkennen und Abwehren von Hass und Extremismus, Dialog, das Achten auf Sprache und, ja, die Erinnerung an die Barbarei am Beispiel von Auschwitz, sind vielleicht lange nicht so aktuell gewesen wie heute.

Die Forscher beleuchten aus verschiedenen Perspektiven, wie sehr für sie "Erziehung nach Auschwitz" Ratgeber ist und operative Hinweise gibt. Historisch Benjamin Ortmeyer, der die NS-Pädagogik in Frankfurt vertritt. Der Bielefelder Psychologe Andreas Zick befasst sich mit der Radikalisierung von Jugendlichen. Sabine Andresen interessiert sich für die Ursachen von sexualisierter Gewalt. Egal, an welcher Stelle man in den Adorno-Text hineingreift, scheint er den Nerv heutiger Phänomene zu treffen: "Die Kälte der gesellschaftlichen Monade, des isolierten Konkurrenten, war als Indifferenz gegen das Schicksal der anderen die Voraussetzung dafür, daß nur ganz wenige sich regten", schrieb Adorno in seinem Rundfunk-Manuskript von 1966. Das passt auf die NS-Zeit – aber es klingt, als wäre es auf die Situation Jugendlicher im Netz geschrieben.  

"Die einzig wahrhafte Kraft gegen das Prinzip von Auschwitz wäre Autonomie, wenn ich den Kantischen Ausdruck verwenden darf: die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen.“ Adorno

Die Gleise nach Auschwitz liegen noch“, hieß es jüngst in einem Kommentar in den sozialen Medien. Nun muss man nicht jeden Unsinn, der auf Facebook gepostet wird, zum Anlass für neue Bildungsziele machen. Dennoch ist das Spektrum an verstörenden sozialen und rhetorischen Tatsachen so groß, dass es geboten scheint, sich der Verrohung entgegenzustellen.

Kanzler-Galgen und Hass im Netz

Damit sind die Kanzler-Galgen genauso gemeint wie der Hass im Internet, es bezieht sich auf die Unfähigkeit der Kölner Polizei nicht weniger wie auf die Tatsache, dass Hunderte Frauen berichten, gruppenweise beklaut, begrapscht und sexuell genötigt worden zu sein – und das auf einem der öffentlichsten Plätze der Republik. Die anschließende kollektive Verwirrung hat bewiesen, wie bedeutsam humane Standards sind, an die sich alle Mitglieder eines Gemeinwesens zu halten haben. Und wie essenziell es ist, sie immer neu zu etablieren und durchzusetzen, und das übrigens an allen öffentlichen Plätzen, also auch im Internet und seinen Foren.

Ganz sicher muss „Erziehung nach Auschwitz“ unter diesem Titel kein neues Schulfach oder ein x-tes Modul in der Lehrerbildung werden. Es braucht keine Ringvorlesungen dieses Namens und auch kein Buch, das die alten aktuellen Sätze Adornos wiederholt. Die Wertedebatte ist nicht mit dem Grundgesetz unter dem Arm möglich, das wissen Lehrer, die in den mehrheitlich arabisch-muslimischen Schulen Berlin-Neuköllns oder Hamburg-Wilhelmsburgs unterrichten, am besten. Aber der Dialog der Kulturen muss tägliche Übung sein, das ist bei über 300.000 Schülern, die durch Zuwanderung neu in die Schulen kommen, überall nötig.

Am Wochenende trafen sich 160 Jugendliche in Nürnberg ("Keine Diskussion!), um über Demokratie und politischen Extremismus zu sprechen, linken, rechten und salafistischen. Es war faszinierend, zu sehen, wie engagiert diese Jugendlichen betonten, mit Extremen das Gespräch zu suchen und mit ihnen möglichst lange im Gespräch bleiben zu wollen. Die 16-21jährigen taten es übrigens aus ihrer täglichen Praxis in politischen Initiativen, Vereinen und Clubs heraus. Keiner von ihnen hat Adorno gelesen. Verstanden haben sie ihn dennoch. Man konnte dort in vielen Workshops und Diskussionsrunden hören, was der Frankfurter Professor so ausdrückte: "Die einzig wahrhafte Kraft gegen das Prinzip von Auschwitz wäre Autonomie, wenn ich den Kantischen Ausdruck verwenden darf: die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen.“ 

"Erziehung nach Auschwitz": Goethe-Universität Frankfurt/Main, 29. Januar 2016, 9:30-16 Uhr, Campus Westend, Casino, Raum Cas. 1.811

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 04/16.

Kommentare (10)

Moorleiche 28.01.2016 | 16:12

""Die einzig wahrhafte Kraft gegen das Prinzip von Auschwitz wäre Autonomie, wenn ich den Kantischen Ausdruck verwenden darf: die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen.“ (Adorno)

Ja. Und ich glaube, es ist ebenfalls wichtig ein Bewusstsein dafür zu erlangen, wie wir Autonomie fördern und was sie verhindert. Denn sie wächst nicht einfach auf den Bäumen und Menschen werden auch nicht einfach so autonome Wesen.

denkzone8 28.01.2016 | 23:22

fr. nietzsche diagnostiziert den hang zur faulheit als haupt-widerstand zum individuellen unikum: das verstecken unter sitten und meinungen,vor dem nachbarn, der die konvention fordert und sich selbst mit ihr verhüllt: "der mensch, welcher nicht zur masse gehören will, braucht nur aufzuhören, gegen sie bequem zu sein...sei du selbst! das bist du alles nicht,was du jetzt tust,meinst,begehrst." (f.n.:schopenhauer als erzieher)

autonomie-appelle sind schöne einstiege in die selbst-findung.oder?

Moorleiche 29.01.2016 | 08:50

Hallo Denkzone8.

Das Narrativ ist nach wie vor nicht falsch. Ein Mensch entwickelt sich in einem Umfeld, was einigermaßen störungsfrei ist ziemlich zuverlässig und sogar gesund. Das Drama liegt auf einer anderen Ebene. Man braucht ziemlich viel, ziemlich permanente Störungen, damit Seelen verkümmern. Leider ist dies offenbar in einem weitaus größeren Umfang der Fall, als die allermeisten sich vorstellen konnten.

Und nach meinem Dafürhalten ist konventioneller Gehorsam ein Stück des richtigen Weges. Der Fehler liegt nur darin, dass man meint, hier sie der Weg zu Ende. Hier beginnt er erst. Der Weg zur Autonomie führt über Gehorsam oder man beginnt schleichend die Aufsässigkeit, die Unfähigkeit zur Konzentration usw. als kindliche Großtat zu verklären, was ich einfach nur saudumm finde.

Moorleiche 29.01.2016 | 13:06

Hallo Denkzone8.

mit gehorsam ist dann wohl gemeint: respekt vor den vorgaben der erzieher,denn die wollen ja für mich das beste?“

Das Problem ist immer gleich. Man kann nur denen vertrauen, die einen erziehen, aber es wäre dumm zu behaupten, dass dieses Vertrauen immer gerechtfertigt ist. Es wird missbraucht, ich weiß. Eine Alternative wäre prinzipielles Misstrauen von Anfang an und ich glaube, es gibt Gründe diese Alternative katastrophal zu finden.

Das Vertrauen in andere ist das Sprungbrett zur eigenen Meinung, zum Selbstvertrauen, zur Autonomie. Gesellschaftliche Konsequenzen ließen sich daraus ableiten.